Meer Europa

Einmal um den Kontinent

Etappe 5 (Statistik)

Die 5. Etappe  forderte mich  2.885 Kilometer lang und führte durch mich in 4 1/2 Wochen durch 7 Länder (Estland, Lettland, Litauen, Polen, Ukraine, Rumänien, Moldawien).

Insgesamt  habe ich jetzt rund 11.600 Kilometer auf meiner Europa-Umrundung zurückgelegt,

Ich schätze grob, dass Halbzeit ist.

Ab nun gilt es, die drei Fäden miteinander zu verbinden. Es wird wohl noch einmal 3 Jahre dauern.

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Kulinarisches Brevier Moldau

In Chișinău bin ich 2 Tage vor meinem geplanten Rückflug angekommen. Hatte also Zeit, mir die Stadt anzuschauen und nach besonderen Restaurants zu suchen.
Das kulinarische Angebot ist überraschend groß. Von westeuropäisch inspirierter Küche bis zu russischen und und rumänischen Klassikern. Überrascht hat mich auch die Anzahl richtig guter Cafés, allesamt sehr modern eingerichtet.
Es gibt in diesem doch eher armen Land offenbar ein zahlungskräftiges Publikum, das den westlichen Lebensstil kopiert und auch gerne seine (finanziellen) Privilegien zur Schau stellt. In großen Teilen der Stadt ist Armut deutlich spürbar. Die Märkte voll, aber mit überschaubarem Angebot. Fast alles wird auf der Straße angeboten.

Was das Spezifische an der Moldawischen Küche ist, erschloss sich mir natürlich in so kurzer Zeit nicht.
Es war mir am Ende meiner Rreise aber auch egal. Ich liess mich treiben.

In vielen Restaurants gab es sehr guten einheimischen Wein. Die Winzer in Moldau scheinen mächtig aufgeholt zu haben.

In den Lokalen bestellte ich einfach drauf los. Die Speisekarten waren meist in russisch geschrieben. Und wenn sie mal ein wenig englisch aufwiesen, verstanden die Kellner das Geschriebene oder von mir Erfragte nicht. Ich kam aber durch.

Die Preise waren wie im ganzen Osten ziemlich moderat.

1) Wine Bar (Altstadt)
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Brokkoli-Creme Suppe
Pasta mit Meeresfrüchten
Mousse au chocolat

Feines Essen mit deutlich französischen Akzenten. Das war auch am Publikum zu erkennen. Im Restaurant fast ausschließlich französische Expats.

2) Orasul Vechi (Altstadt)

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Borschtsch
Geschmorter Hase mit saurer Creme

Ausgesprochen nette, fast studentische Atmosphäre. Essen durchschnittlich, aber okay.

3) La Taifa (Altstadt)

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Zweierlei Dolmades
Fischsuppe
Rostbraten

Dolmades mal mit Wein-, mal mit Kohlblättern. Letztere schmeckten mir fast besser. Insgesamt ausgesprochen gute Küche.

Kellerlokal. Sehr ambitioniert. Folkloristisch. Live Band, die dezent Volkslieder anstimmte.

Tag 161 (01.10.2016) / Rumänien: Iași -> Chișinău (Moldau)

Strecke: 156 km  (08:45 – 19:45)

Unterkunft in Chișinău: „Weekend Boutique Hotel“. Ganz leicht außerhalb des Stadtzentrums. In direkter Nachbarschaft zum größten und „vornehmsten“ Einkaufszentrum der Stadt. Kitschiges Ambiente. Aber außerordentlich hilfsbereite Rezeptionisten. Großzügige und sehr modern eingerichtete Zimmer. (55 Euro mit Frühstück). Fahrrad in Garage untergebracht.

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Die Strecke bis zur Grenze in eineinhalb Stunden bewältigt.
Die Grenzformalitäten ebenfalls schnell hinter mich gebracht. Es war überhaupt kein Problem, die Außengrenze der EU wieder zu verlassen und in die ehemaligen „Sowjetrepublik“ einzureisen. Sehr höfliche Grenzbeamte beiderseits.

Moldawien – dort wo ich entlang fuhr – nicht viel anders als Rumänien. Nur deutlich ärmer. Vom ersten Kilometer an spürbar.

Selbst die Pferdegespanne mickriger. Die Dörfer leerer. Die Hausfarben verblasster.

Ich hatte am Abend vorher versucht herauszufinden, ob es eine Unterkunft etwa auf halber Strecke zur moldawischen Hauptstadt gab. Ich fand nichts im Internet. Also richtete ich mich auf einen erneuten Langstreckenflug ein.

Ich bangte allerdings, dass ich es bis Einbruch der Dunkelheit nach Chisinau schaffen könnte.

Die Straße anfänglich gut. Lange lange Alleen. Mit Haselnussbäumen(?) bestückt.

Mit der Fahrraddrohne geknipst

Mit der Fahrraddrohne geknipst

Die Moldau – der das Land den Namen verdankt – bekam ich praktisch nie zu Gesicht.
An der Grenze einmal – (dort durfte ich aber nicht fotografieren).
Dann nur noch von ganz Weitem.

Aber das Moldau-Ufer hatte es nicht gut mit mir gemeint. Berglandschaften mit brutalen Anstiegen (einmal eine halbe Stunde lang das Fahrrad geschoben). Holperpisten, auf denen eigentlich nur Mountainbiker klarkommen.
Immer wieder Schilder, dass hier die Europäische Union und Europäische Förderbank Infrastrukturprojekte unterstützen. Die richtige Asphaltmischung haben sie aber noch nicht hinbekommen.

Es war grauenhaft.

Und … ich war überfordert. Aus den Augenwinkeln nahm ich Landschaft und manchmal Menschen wahr. Nur – ich konnte es nicht mehr zu einem Eindruck verarbeiten.
Ich war kaputt.
2.900 Kilometer lagen hinter mir.

Es wurde dunkel. Mein Fahrradlicht leuchtete kein einziges Schlagloch mehr aus.
Ich humpelte ins Ziel.
Ich wurde freundlich empfangen.
Ich schaute in den Zimmerspiegel, sah in ein verlottertes ausgelaugtes Globetrottergesicht – nicht mich.
Ich war aber stolz.
Ich duschte.
Ich ging raus.
Ich fand eine Weinbar.
Moldawischer Wein.
Ich fühlte mich wohl.
Ich war angekommen.
Schluss.

Kulinarisches Brevier Rumänien

Zu kurz durchstreifte ich Ostrumänien, um etwas Substantielles zum gastronomischen Angebot zu sagen. Eine kulinarische Reise war es jedenfalls nicht. Immerhin sehr solide Kost. Und wieder gestaunt, wie billig die Restaurantpreise sind.

Siret

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Salată cu piept de pui şi dressing de usturoi (Salat mit Hähnchenbrust und Knoblauchdressing) 3 Euro

Angenehm frischer Geschmack. Sehr saftige Tomaten.

Restaurant New Spring Siret. Sehr nettes Gartenlokal.

Putna

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Gebratenes Fischfilet
Pfannkuchen mit Himbeercreme

Schade um den Fisch. Er schmeckte nicht schlecht. ABER: Ich hatte vorher gesehen, wie er ausgenommen und in Teile zerlegt worden war. Also herrlich frisch aus einem See oder Bach gefischt. Und dann leider frittiert und sehr trocken serviert. Vielleicht mag man dies hier so. Ich fand es verschenkt.

Pfannkuchen gut.

Restaurant: Cabana Putna Dorina. Pensionsgaststätte. Riesiger Raum – auf Bustouristen zugeschnitten. Ich war aber (fast) allein. Aufmerksame Gastgeber.

Rădăuți

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Schweinelende im Speckmantel in Rotweinsoße mit selbstgemachten Fritten 4,25 Euro

Ausgesprochen gut!

Restaurant „Nationale“ im Zentrum von Rădăuți. Kleiner Biergarten an der Straße. Drinnen geräumig im traditionellen Wirtshausstil. Anscheinend sehr beliebt bei den Einheimischen. Es war voll.

Suceava

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Schaschlik.
Gut und reichlich. Mit sehr gutem selbstgebackenen Fadenbrot.

Großes Gartenrestaurant im Zentrum. Sehr voll.

Iași

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Rinderbrühe
Gulasch mit Polenta

So lala.

In einem Straßenrestaurant der Fußgängerzone gegessen. Die interessanten  Restaurants waren voll.

Tag 160 (30.09.2016) / Rumänien: Suceava -> Iași

Strecke: 141km (09:00 – 19:45)

Unterkunft in Iași: „Traian Grand Hotel“. Im Stadtzentrum. Von Eiffel entworfenes Hotel. Viel klassischer Charme. Sehr große Zimmer. (59 Euro mit gutem Frühstück). Fahrrad in Wäschekammer untergebracht.

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Bevor ich Suceava verließ, warf ich noch schnell einen Blick in die Klosterkirche. Ebenfalls Weltkulturerbe.
Viele Gläubige, die werktags früh den Männerstimmen lauschten. Im völligen Dunkel. Schöne Gesänge wieder.

Dunkelkammer

Dunkelkammer

Es fand gerade eine Messe statt, so dass ich mir keine Zeit nehmen konnte, das Innere weiter zu bestaunen.

Gotteskammer

Gotteskammer

Ich nahm Richtung auf die moldawische Grenze. Wollte unbedingt Iași erreichen. Ca. 140 Kilometer entfernt. Letzte rumänische Stadt vor der Grenze.

Anfangs tief es glatt. Leere Landschaften, leere Straßen.

road to where?

road to where?

Bis wieder die Lastwagen kamen. Sie machten mir schon seit Tagen das Fahrradfahren zur Hölle.
Mehrmals haben sie mich in den Graben gehupt. Ohne den geringsten Bremsversuch rasen sie (andere Laster überholend) mir auf meiner schmalen Spur entgegen. Oft blieb nur ein panisches Ausweichmanöver: ab in den Schotter am Straßenrand – oder gleich ins Gras. Mehrmals war ich in Gefahr. Niemals durfte ich unaufmerksam sein. Manchmal kamen sie von hinten und von vorn. Gleichzeitig hupend. Nie bremsend.
Ich war selbst überrascht, welche Gewaltphantasien ich in mir zur absoluten Filmreife entwickelte. (Altersfreigabe nicht unter 30 Jahren!). Auf jedem Martial-Arts Festival würde ich mit meinen Lastwagenfahrerfolterdrehbüchern die Goldene Peitsche oder zumindest das Silberne Schlachtmesser gewinnen.

Ich beruhigte mich im Lauf des Tages wieder. Die Landschaft beruhigte sich mit mir.

Steppenfluss

Steppenfluss

Entweder alle Felder bestellt …

durchgepflügt

durchgepflügt

fruchtbare Steppe

fruchtbare Steppe

… oder Kodachrome-Landschaften. Fast amerikanisch.

grünbraun

grünbraun

Steppe. Mit Ranch. Fehlen nur noch die Indianer.

braunbraun

braunbraun

Zwei Stunden vor Iași wurde die Straße vierspurig. Autobahnähnlich. Der Verkehr nahm zu. Stockte nur, wenn mal wieder eine Herde Kühe die Spuren querte.

geflecktbraun

geflecktbraun

Tief im Dunkeln die Stadt erreicht. Völlig erschöpft.

Fliegenschirme

Fliegenschirme

Die Stadt von Studenten bevölkert.

In der Nacht Irrsinns Krämpfe bekommen. Die Wadenmuskeln machten zu. Gleich drauf auch noch die Muskeln im Spann. Wie wild zuckten sie und verkürzten sich. Ich hätte vor Schmerzen schreien können, hatte viel Mühe die Krämpfe unter Kontrolle zu bekommen.
Irgendwann ließen sie mich in Ruhe.

Tag 159 (29.09.2016) / Rumänien: Putna -> Suceava

Strecke: 77 km  (11:00 – 17:45)

Unterkunft in Suceava: „Hotel Continental“. Im Stadtzentrum. Großer Block. Geschäftshotel. Sehr modern. Großzügige Zimmer. (27,90 Euro mit Frühstück). Fahrrad in Foyer untergebracht.

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Schon als ich frühmorgens den Klostergarten betrat, hörte ich ihre Gesänge.

kleinmonumental

kleinmonumental

Keine Mauer, kein Dach konnten ihre Stimmen dämpfen. Ihr Gott sollte sie ja hören.

Der Vater war ein Zimmermann

Der Vater war ein Zimmermann

Der Eintritt in die Betkirche noch lichtdurchflutet.

draußen ist weit weg

draußen ist weit weg

Die Arbeitsklamotten fein säuberlich aufgehängt.

geordnet

geordnet

Drinnen: Dunkelheit. Bis zum Altar waren es mehrere Durchgänge, die das Kircheninnerere immer mehr einschwärzten.
Ganz vorne sangen Mönche liturgische Lieder. In ihrem pechschwarzen Habit waren sie kaum auszumachen. Nur ihre polyphonen Stimmen zeugten von Leben in der Kirche. Seit Stunden schon priesen sie den Herrn.
Wunderschöne Gesänge, die auch im Hörer ein Trance-Begehren auslösen.

Manche Mönche auf den Boden geworfen.

gebeugt

gebeugt

Das Kloster Putna ist rumänisch-orthodox. Es gehört wie einige weitere Klöster und Kirchen der Region zum UNESCO Weltkulturerbe. Moldauklöster. Südliche Bukowina. Karpatenvorland. Tief religiöse Gegend.

Viele Ikonen nicht mit goldenem, sondern silbernem Hintergrund.
(Hier erschloss sich mir plötzlich auch die profane Welt der silbernen Dächer und Firste vieler Bauernhöfe. Dies war ganz offensichtlich eine religiöse Referenz!)

geblendet

geblendet

Nach Ende der Liturgie blieben einige Mönche nahe der Sakristei, um die Bibel zu studieren. Ein Buch, das sie längst auswendig kannten.

gereinigt

gereinigt

Ich unterhielt mich im Klostergarten mit einem 60jährigen Mönch, der ein exzellentes Englisch sprach. Lange hatte er in den USA gelebt. Vor 3 Jahren fühlte er sich zum religiösen Leben hingezogen und kam zurück in sein Heimatland. Wurde im Kloster Putna aufgenommen.
Als Grund nannte er die kaputte Welt, die von undurchsichtigen Mächten kontrolliert würde. Er breitete mir seine Theorien aus (Verschwörungstheorien) vom Zusammenbruch der Bankenwelt, vom Nine-Eleven Attentat bis zur Katastrophe im Nahen Osten. Die USA schienen für ihn der neue Satan zu sein.
Ich versuchte nicht zu diskutieren, hörte stumm zu.

Auch draußen gab es kleine Pforten. Sie führten in die bäuerliche Welt, die nicht weniger geordnet schien.

Bauernpforte 1

Bauernpforte 1

Pagodendächer.

Bauernpforte 2

Bauernpforte 2

Abgeschlossene Einheiten. Sehr proper, sehr sauber, sehr aufgeräumt.

Hofquadrat

Hofquadrat

Der rußende Außenherd mitten im Hof.

um das Feuer gebaut

um das Feuer gebaut

In manchen Höfen war Leben. Überwiegend die Alten arbeiteten dort.

aufmerksam

aufmerksam

Mir war bisher nicht klar, dass ich mich in einem Mais-Land befand. Die Ernte wurde gerade eingebracht.

vertieft

vertieft

Der Herr im Hof versuchte mir offensichtlich zu erklären – nachdem ich mich als Deutscher zu erkennen gegeben hatte -, dass nicht weit weg ebenfalls ein Deutscher leben würde. Bessarabiendeutscher? Einer der wenigen, der nicht ausgewandert war? Ich versuchte Näheres zu erfahren. Aber so weit glückten unsere Verständigungsversuche nicht. (Rumänisch hat ein paar Brocken, die nach Spanisch klingen – aber es reichte dann doch nicht!). Außerdem kam gleich Maisnachschub. Die Herrschaften mussten weitermachen!

immer weiter

immer weiter

Ich zog weiter ins nächste Dorf. Prächtige Höfe auch hier.

wo ist eigentlich der Misthaufen?

wo ist eigentlich der Misthaufen?

Und eine prächtige Holzkirche dazu.

wie neu

wie neu

Glück führte mich zum Kirchen-Zerberus.
Ein gemütlicher Herr, den jeder Schritt schmerzte.

Schnaufend suchte er einen gewaltigen Schlüssel in seinem Hof.
Schlurfend bewältigte er die Hundert Meter bis zur Kirchenpforte.
Und schloss mir sein Himmel-Reich auf.

wer schmiedet so einen Schlüssel?

wer schmiedet so einen Schlüssel?

Sein ist das Reich

Sein ist das Reich

Ich aber merkte, wie ich nichts mehr aufnehmen konnte.

und die Herrlichkeit

und die Herrlichkeit

4 Wochen jetzt unterwegs, 6 Länder bisher gequert, 6 Sprachen nicht verstanden und mich doch irgendwie verständigt. Umwerfende Gastfreundschaft auch hier in Rumänien. Und immer noch kam jeden Tag ein neues Natur-, Kultur, oder Menschen-Wunder dazu.
Jetzt schnaufte ich – und nicht der Alte Herr.

Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich den Wunsch, dass sie zu Ende ginge. Bald.
Fehlen noch zwei, maximal 3 Tage.

Die Landschaft hier in Rumänien erinnerte mich ein wenig an das Alpenvorland.

ohne Alpenglühen

ohne Alpenglühen

Riesige abgeerntete Maisfelder, durch die Hirten nomadengleich ihre Schafherden trieben.

in the heat of the day

in the heat of the day

Kurz vor Ankunft in Suceava noch eine weitere „UNESCO“-Kirche besucht.

UNESCO beschützt

UNESCO beschützt

Die ehemalige Betkirche eines Nonnenklosters.

Mit langsam verblassenden Außenfresken.

ausgemalt

ausgemalt

Tag 158 (28.09.2016) / Ukraine: Czernowitz -> Putna (Rumänien)

Strecke: 101 km  (09:00 – 18:15)

Unterkunft in Putna: „Cabana Putna Dorina“. Im Dorfzentrum. 10 Minuten Fußweg vom berühmten Kloster Putna entfernt. Auf viele Busgäste eingestellt. Großes Restaurant. Ich aber war allein an diesem Abend. Schön geräumige Zimmer. Für rumänische Verhältnisse ziemlich überteuert. (50 Euro ohne Frühstück). Fahrrad in leerem Gastraum untergebracht.

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Abschied von der Ukraine.
Gerne dagewesen.
Moderne Stadtmenschen.
Land hintendran. Aber nicht so krass wie ich es erwartet hatte.

gelbgrau

gelbgrau

Die letzten Kilometer nochmal das ukrainische Auf und Ab. Ich musste meine Fahrrad-Muldentechnik anwenden. Rasend (sofern nicht zuviele Schlaglöcher) runter – mit Schwung rauf (und die letzten Meter im 1. Gang ächzend).

silbergrau

silbergrau

Die Grenze sehr schnell passiert. Habe zwar überhaupt nicht den Formularkampf auf der ukrainische Seite verstanden. Stempel hier und da, Papier in den Pass und wieder raus. Lief aber flott. Höfliche Beamte.
Auf der rumänische Seite (EU Außengrenze!) war es mit meinem Pass ein Kinderspiel. (Welch Privileg einen EU-Pass zu besitzen!)
Siret, Grenzfluss.

blaugrau

blaugrau

Das gleichnamige Örtchen empfing mich mit einem Friedhof. (Künstliche) Blumenpracht.

totenblau

totenblau

totengrau

totengrau

Das ganze Dorf rumänisch-europäisch beflaggt.

sternenklar

sternenklar

Obwohl ich gerne in der Ukraine gewesen war, überfiel mich hier in der rumänischen Pampa das eigenartige Gefühl Zuhause zu sein.
Ich war im freien Verein EUROPÄISCHE UNION.
Ich sah all die Bauern, Schüler, unaufgeregten Fußgänger im Dörfchen als meine Nachbarn. Bürger der EU wie ich.
(Hoffentlich macht niemand diese EU politisch kaputt.)

Mein Tagesziel war eines der berühmtesten Moldau-Klöster: Putna. Noch etwa 40 Kilometer vom Grenzübergang entfernt.
Ich wählte zunächst die kürzeste Route, geriet aber sehr schnell auf fast unbefahrbares Gelände. Schotterpiste pur. Rumänisches Landleben pur. Pferdegespanne rappelten an mir vorbei.

wunderbar

wunderbar

Ich fing an, drauflos zu schießen (fotografisch), bis ich mich mit Mühe selbst zügeln konnte.
Ich fragte mich, was mich an solchen Motiven eigentlich interessiert? Was drückten sie aus?
Idylle? Natürlich nicht: Das war harte Arbeit.
Blick in die vorindustrielle Zeit – wie mit einer Zeitmaschine? Vielleicht.
Einheit von Natur und Mensch? Quatsch.
Ich Wohlstandsbürger möchte (und könnte) nie so schuften wie diese Bauernfamilien.
Es gab nur eine Erklärung, die mir für mein Interesse an diesen Motiven einfiel.
Diese Menschen waren unverstellt. Keine Pose, kein Hecheln nach „Likes“. Sie waren die lebendige Tautologie: Sein wie sie sind. Nicht scheinen.
Ob sie glücklicher sind?
Glaube nicht.

Ich verließ die Schotterpiste wieder, wählte die schnelle Landstraße und kämpfte mit rücksichtslosen Lastwagenfahrern. Kam aber heil in Putna an.

Kulinarisches Brevier Ukraine

Wie schon in Ostpolen dominiert in der Westukraine die rustikale Küche. Einflüsse sind aus allen Richtungen bemerkbar. Russisch, Litauisch, Polnisch, Rumänisch, Habsburgisch.

Ich habe überwiegend sehr gute Hausmannskost genossen. Eine Suppe gehört  übrigens selbstverständlich zum Essen. Fleisch dominiert den Hauptgang.

Über die Preise bin ich regelrecht erschrocken. Noch in keinem Land habe ich so billig gegessen.

Львів / Lwiw / Lemberg

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Cauliflower with buttered bread crumb (Blumenkohl in Brotkrümeln gebacken) 0,5 Euro
Veal in sour cream (Kalbfleisch mit Mehlschwitze-Soße) 1,5 Euro

Eigentlich hatte ich beide Gerichte getrennt bestellt, sie kamen aber praktischerweise gleich zusammen auf einem Teller. Geschmack etwas undefinierbar.

Restaurant U Pani Stefy Das Haus ist in Lemberg anscheinend für seine huzulische Küche bekannt. Das große Restaurant in der Altstadt ist mit huzulischen Textilien geschmückt, ähnelt einem Wiener Großcafé. Alle halbe Stunde klimpert ein Musiker. Huzulisches natürlich. Angenehme Atmosphäre.

Львів / Lwiw / Lemberg

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Vegetable soup (broccoli, cauliflower, carrot, bell pepper and potato) (Gemüsesuppe) 1,75 Euro
Hot pan with veal (with fried tomatoes, onion and carrot) ( Geschmortes Kalbfleisch) 5 Euro

Restaurant Bruderschaft In der Altstadt. Kleine Terrasse. Bedienungen laufen in mittelalterlichen Klamotten rum. Lokal braut eigenes Bier, das sehr süffig ist.

Bei Halytsch / Unterwegs

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An einer Art Fernfahrer und Ausflugskneipe am Straßenrand Zwischenhalt gemacht.
Wie in vielen Lokalen wurde in der Gaststube gegrillt.
Kossak Bar nennte sich das Etablissement.

Ich bestellte ein Schaschlick, das vor meinen Augen zubereitet wurde.

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Sehr gutes Fleisch, auf den Punkt gegrillt. Mit einer Art Chimichurri Soße schmeckte es richtig gut. Auffallend, dass in der Ukraine sehr viel Dill verwendet wird. Auch an Fleisch!
1,75 Euro

Івано-Франківськ / Iwano-Frankiwsk / Stanislau

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Varenyky with veal. (Piroggen mit Kalbfleisch) 1,5 Euro

Ausgesprochen gut! Habe noch nirgends im Osten schlechte oder nur mittelmäßige Piroggen gegessen. Das slawische Rezept scheint jede/jeder aus dem FF zu beherrschen.

Restaurant: Pub Beer Club 10. Die In-Kneipe schlechthin. Riesig mit mehreren Räumen. Rappelvoll. Exzellentes eigenes Bier. Und sehr gute Pub-Küche.

Яремче / Jaremtsche

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Tagessuppe 1,25 Euro
Gebratene Hähnchenbrust mit Fritten 2,50 Euro

Beides ordentlich. Im Ort hatte kaum etwas offen. Ich fand lediglich eine kleine Bar mit Winzküche. Sehr eingeschränkte Auswahl. Karte nur auf russisch. Habe blind gewählt und nichts falsch gemacht.

Чернівці / Czernowitz

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Ukrainian Borsch 1,50 Euro
Frischer Fisch mit Polenta und Weißwein-Soße 5,50 Euro

Exzellente Suppe. Rote Beete dominierte nicht wie so viele andere Borschtsch-Suppen. Eher eine klassische Gemüsesuppe.
Gedünsteter Fisch ebenfalls sehr gut. Habe leider die russische Ansage nicht verstanden, um welchen Fisch es sich handelte. Aber festes und feines Fleisch! Polenta und Soße passten ausgezeichnet.

Dazu klasse selbst gebrautes Bier getrunken.

Restaurant: First Bukovinian Distillery. In der Altstadt. Scheint neu zu sein, war jedenfalls in keinem Reiseführer aufgeführt. Riesige Brauereigaststätte mit mehreren Räumen. Auf teuer getrimmt. Gehobenes Publikum soll angesprochen werden. Es gab viel zu gucken.

Tag 157 (27.09.2016) / Ukraine: Jaremtsche -> Чернівці (Czernowitz)

Strecke: 140 km  (08:30 – 19:15)

Unterkunft in Czernowitz: „Hotel Andinna“. Etwas (zu) weit weg vom Schuss. Halbe Stunde zu laufen bis ins Zentrum. Hatte etwas verstaubt Sozialistisches. Nannte sich Spa-Hotel. Ziemlich verlassen. Aber Riesen-Apartments mit Balkon. Alter Rezeptionist, sprach keine Fremdsprache. Auch hier war die Verständigung extrem schwierig. (23 Euro ohne Frühstück). Fahrrad in abgeschlossenem Raum untergebracht.

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Wieder so ein Irrwitz: Ich hatte mir die Route nach Czernowitz vorher genau ausgeguckt. Und wieder passierte mir das gleiche Missgeschick wie schon vor Tagen: falsch abgebogen! Lange in die falsche Richtung gefahren. Ich schob es auf die kyrillischen Schriftzeichen, die ich nur selten entziffern konnte.
Vielleicht war ich aber einfach nur zu blöd, den inneren geografischen Kompass richtig auszurichten.
Wieder wurde es eine verdammt langer/harter Tag.

Nun gut. Nicht jammern.
Der Vorteil: Die Strecke, die ich letztendlich dreimal fuhr (gestern, heute hin und wieder zurück) hatte ich nun in beiden Lichtvarianten. In Nachmittagsgrau (gestern) und Morgenreinheit (heute).

Herbstidyll

Herbstidyll

Die Vorkarpaten deuteten ihre Schönheit an.
Gut gewählte Foto-Ausschnitte könnten fast eine voralpine Leichtigkeit suggerieren: kleine Dörfer – mit sich selbst im Reinen …

Dorfidyll

Dorfidyll

… den Heuhaufen vor der Haustür

Heuidyll

Heuidyll

… um die Ecke eine weitere wunderschöne Holzkapelle

Holzidyll

Holzidyll

… und am Straßenrand das Selbst-Eingemachte zum billigen Bio-Preis.

Selbstgemachtes Idyll

Selbstgemachtes Idyll

Nur: Kleine Dörfer gab es nicht.

Ein Straßenkaff wucherte ins nächste hinein.
Das Dorfzentrum: meist ein Kiosk oder die Bushaltestelle.

Straßenidyll

Straßenidyll

Ansonsten säumten Häuser kilometerlang Holperstrassen.

Wunderschöne Häuser allerdings. Meist sogar kleine geschlossene Bauernhofkomplexe. So gut wie immer mit festen dicken Zäunen vor allzu neugierigen Blicken abgeschirmt.
Taten zumindest so. In Wahrheit stellten sie ihren Wohlstand zur Schau.
Seht her! Ich hab etwas geschafft!

Gartenzaunidyll

Gartenzaunidyll

Manche leisteten sich sogar eine Straßenrandkapelle. Eine besonders schöne hatte ihre Tür flügelweit offen.

Offene Tür

Offene Tür

Herrlicher religiöser Tand.

Kunstvoller Kitsch

Kunstvoller Kitsch

Imponierende Handwerkerkunst.

Handwerkskunst

Handwerkskunst

Ich hätte nicht gedacht, hier in der Ukraine – einem ehemaligen Sowjetsatelliten – einem ehemaligen atheistischen Staat – so viel Religiosität zu erleben.

Offenbar war heute (Dienstag) ein Feiertag. Überall die Kirchen und Kapellen voll. Die Menschen (nicht nur Alte!) strömten fein gewandet (die Frauen alle mit Kopftuch – auch die jungen) zum Gebet und Gesang.

Ich hatte heute (leider?) eine fotografische Beisshemmung. Ich wollte nicht von meinem Fahrrad springen und schnell Fotos schiessen. Ich packte es nicht, Blickkontakt aufzunehmen – gegenseitiges Interesse zu wecken.
Ich habe unendlich viele Fotomotive liegen lassen.

Lange dachte ich, dass fast jeder in seinem Hof eine kleine Kapelle hatte, bis mir auffiel, dass es sich um Ziehbrunnen handelte.

Kapellenbrunnen

Kapellenbrunnen

Wunderschön verzierte Gebilde.

Zier-Ziehbrunnen

Zier-Ziehbrunnen

Nicht Gott wurde hier gepriesen, sondern Grundwasser geplündert.

Hinterglasbrunnen

Hinterglasbrunnen

Brunnen mit Haus

Brunnen mit Haus

Die Brunnendächer oft mit silbernem Blech verziert. Und erst als ich den Blick ein wenig schärfte, fiel mir auf, dass viele Häuser wie ihre Brunnen versilberte Obergeschosse und Dächer hatten.

Firstglanz

Firstglanz

Feine Handwerkskunst. Die Gegend scheint seit Generationen sehr gute Handwerker zu gebären.

Firstglanz 2

Firstglanz 2

Immer mehr begeisterte ich mich für diese Giebelkunst.

Giebelglanz

Giebelglanz

Hielt ständig an. Verlor Zeit (und gewann sie durch die Erinnerungskraft dieser Eindrücke wieder).

Hausglanz

Hausglanz

Irgendwann musste ich mich vom silbernen Glanz lösen und Gas geben.
Zückte nur noch einmal die Kamera, um dieses merkwürdige Gedenkensemble abzulichten.
Weiss nicht für was.

was soll das?

was soll das?

Und kam mit dem letzten Sonnenlicht in Czernowitz an.
(Grauenhafte Schlaglochstrassen bis ins Zentrum! Fahrradfahren kaum möglich)

Wieder so eine Ex-Habsburgische-Prachtstadt.

herrliche Zentrumseinfahrt

herrliche Zentrumseinfahrt

Grandioses Zentrum. Schöne Kneipen.
In einer blieb ich bis die Nacht undruchdringlich schwarz wurde. Eine Brauereikneipe. Riesengross. Voller globalisierter Ukrainer. Ich war in Europa!