Meer Europa

Beobachtungen

Unzusammenhängende Beobachtungen / Spanien 1 (2014)

1) Zeitungen

haben in Spanien meist eine umgekehrte Hierarchie:

  • Regional/Lokal (extrem ausführlich)
  • National (Spanien) (nicht mehr ganz so breit)
  • International (kursorisch)

Wirkt zuerst provinziell, erreicht aber dadurch ganz offensichtlich die Leser. Der eigene Kirchturm interessanter als der Moncloa-Palast. (Häufig aufgeschnappter Satz: “Die da oben lügen und bereichern sich doch eh alle …”)

(In Deutschland ist es fast immer: Welt->National->Regional->Lokal.)

2) Fernseher

läuft immer. Selbst in guten Restaurants. Und durchaus laut.
Einmal, als ich allein in einem Frühstücksraum eines Hotels saß, schaltete der Wirt den Apparat an. Als ich darum bat, ihn wieder auszumachen, weil ich mich eh nicht für die Morgenshow interessiere, antwortete er mir knapp: Ich sei doch allein, mit dem TV hätte ich wenigstens einen Begleiter.

3) Cafébars

sind die eigentlichen Parlamente in Spanien. Stets früh auf. Jeder(Mann) schaut vorbei. Spanien ist eine Männer Demokratie. Einen Cortado, einen Espresso für weniger als einen Euro. Immer die ersten Zeitungen auf dem Tresen ausgebreitet. Niemand, der sich nicht echauffiert über das Gelesene. Im lauten Fernseher läuft  dazu das Morgenmagazin. Niemand, der nicht einen Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen abgibt. Wirt und Gast sind sich meist einig. Es scheint eine ideologische Vorsortierung zu geben. Linke gehen in Sozialistenbars. Rechte suchen sich ebenfalls ihr Milieu.

4) Frauen / Männer / Kinder / Geschrei

Frauen werden schwarzhaarig geboren, erblonden aber sehr schnell. Viele überschminkte püppchenhafte Gesichter.

Männer kommen gegen 19 Uhr aus den Büros. Empfangen dann Ehefrau und kleine Kinder vorzugsweise an Plätzen mit Freiluftbars und Cafés. Für eine Stunde (bevor die Männer mit Männern an die nächste Theke weiterziehen und die Frauen die Kinder einpacken). Kinder werden mit dem neusten Plastikspielzeug beschenkt und dürfen in ihrer Happy-Hour alles: Extrem laut schreien, durch die Stuhlreihen rasen und alles aus dem Weg rempeln, Gläser von den Tischen fegen, sich als Bonsai-Hooligans aufführen und Imponiergesten lernen.
(Ich habe mir zur Regel gemacht, zwischen 19 und 20 Uhr keine öffentlichen Plätze zu besuchen).

5) Preise

Nordspanien ist fast schon niedrigpreisig.  Beim Friseur für 40 Minuten Haare waschen, Kopf massieren, Haare mit Schere schneiden, föhnen: 8,50 Euro bezahlt.

Kein Espresso über 1 Euro. Die meisten Weine (0,1l) unter 1 Euro. Zu jedem Kalt-Getränk gibt es fast immer einen kleinen Snack.

Ein Wirt in Rodendela erklärte mir das System: In Deutschland würden Lokale die Verkaufspreise mindestens das 3 fache des Einkaufspreises betragen. In Spanien kalkulierten die Wirte dagegen mit dem 2 bis maximal 2 1/2 fachen. Dafür kämen in die Cafés und Bars mehr Gäste. Da die Lokale auch Kommunikationszentren seien. Die kostenlosen Tapas würden geldmäßig nicht so ins Gewicht fallen, da sie meist aus billigen Grundnahrungsmitteln hergestellt seien (Bohnen, Kartoffeln, Pasta, Brot): Allerdings sei die Herstellung zeitaufwändig. Und für diese Arbeitszeit würden sie nicht bezahlt.
(Mir schien das eine Form der Selbstausbeutung.)

6) Damals / Heute

Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, mit alten Reiseführern durch Nordspanien zu radeln. (Aus den Jahren 1987 bis 1992.)

ANDERS REISEN (1987),Richtig Reisen (1989), Spaniens Nordküste (1992)

Die Esel und Maultiere sind mittlerweile aus den Dörfern und Feldwegen verschwunden. Bei Ebbe stapfen nicht mehr Scharen “schwarzer Frauen” durch den Meeresschlick, um nach Muscheln zu graben, Hexen gibt es auch im tiefsten Galizien nicht mehr und Fischerdörfer haben sich zu großen Feriensiedlungen gemausert, in denen nur noch ein kleiner Fischereihafen und eine Innungskneipe an die verwegenen Zeiten der “wilden Kerle” erinnert. Nordspanien ist selbstverständlich modern geworden und durch und durch europäisch.

Aber auch das Europäisch-Enthusiastische wirkt wie schon längst vergangen. Aus den alten Reiseführern entnehme ich, dass in den späten 80er Jahren drei Themen das öffentliche Bewusstsein beherrschten: Die Überwindung der bleiernen und  schrecklichen Franko-Dikatatur, die Demokratisierung des Landes und die ungeheuere Hoffnung, die die meisten Spanier in den Beitritt zur Europäischen Union setzten (Wirtschaftlicher Fortschritt, Liberalisierung, Freiheit, offene Kultur).

Heute kämpft Spanien mit den Folgen der Globalisierung, mit der Finanzkrise und mit einem wieder korrupten Parteien-System  (Ein typischer Spruch beim Fernsehsehen: “Mal sehen, was uns die Politiker heute wieder geklaut haben …”). Und natürlich mit dem Separatismus (Katalonien und das Baskenland wollen raus aus Spanien.)

Massive Europa-Enttäuschung habe ich allerdings so gut wie nie vernommen.

In La Coruña bin ich durch in “Anders Reisen” beschriebene Straßen geschlendert. Das Straßenbild hat sich gegenüber 1987 kaum verändert. Nur: Kein einziges Lokal, das damals empfohlen wurde, ob intimes Fischrestaurant, In-Kneipe oder urige Weinbar, existierte 3 Jahrzehnte später noch. Meist residierten unter den angegeben Adressen jetzt schicke und große Etablissements.