Meer Europa

Schlagwort Archiv: Angler

Tag 317 (16.07.2019) / Norwegen: Nesna -> Vevelstad

Strecke: 73 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 2 Fähren mit ca. 24 Kilometern. (10:15- 19:45 Uhr)

Nach dem gestrigen Tag, der mich fast völlig ausgelaugt hatte, ging ich es heute etwas gemütlicher an. Spät erst brach ich auf. Der Tag lud eh zum Bummeln ein. Die Sicht war grau, diesig. Es war kalt. Meine Unterkunft war eine Katzensprung vom Fährhafen in Nesna entfernt. Die Überfahrt nach Levang ging schnell. Der dortige Anlegestelle – wie so häufig – im Niemandsland. Ein Verladesteg. Eine Schlange von wartenden Autos und Caravans. Ein, zwei Häuser. Sonst nichts.

Frösteliger Empfang

Unterwegs: immer wieder ein paar Siedlungen an den Fjordufern. Ich weiß nicht, ob man bei der Ansammlung einiger Häuser von einem Dorf sprechen kann. Es gab keine Mitte, kein Marktplatz, keine Kirche mit Kirchplatz. Die Häuser standen eher neben einander. Anwohner waren so gut wie nie auf der Straße. Auf dem Wasser manchmal ein paar Fischer oder Angler. Aber ansonsten: Landschaft und Meer ohne Menschen.

Freundlicher Anblick

Die Küste: ein Gewirr aus Inselchen und Inseln.

Sanfte Stein-Inselchen

Über Land fahren hieß oft: über Brücken fahren. Manche waren spektakulär konstruiert. Eine – die Helgelandbrücke – führte scheinbar aufs Meer, nutzte eine Landzunge im seichten Ozean, um sanft auszulaufen.

Auf Grund gelaufen

Auf der zweiten Fähre sah ich zufällig einen Prospekt, der die Ferien-Unterkünfte der Gegend aufreihte. Ein Gästehaus in der Nähe der schönen Kirche in Vevelstad hatte noch ein Zimmer frei.

Ernst und heiter zugleich

Das Haus entpuppte sich als Wunderkiste. Liebevoll im alten Stil eingerichtet. Eine Herberge mit 5 Zimmern.

Gute Alte Zeiten - hier stimmt's mal

Die Wirtin kochte selbst – aber nur auf Vorbestellung. Da ich spontan geklingelt hatte, bekam ich nicht das Menü ab. Die Wirtin kramte aus dem Gefrierschrank dafür einen exzellenten Bacalao-Eintopf hervor, kochte ihn vorsichtig auf, würzte und schärfte ihn noch etwas.

Selten einen so schmackhaften (getrockneten und gesalzenen) Kabeljau gegessen. Mit Kartoffeln und Zwiebeln. Portugiesische Klippfischküche im hohen Norden.

Überhaupt die Wirtin: Sie schaute einen listig an, war schlagfertig, juxte viel und war stolz auf ihre Unterkunft. Erklärte gerne die vielen Details der sorgfältig ausgewählten Einrichtung. Fast alles Erinnerungsstücke. Aber nichts, rein gar nichts war muffig. Alles strahlte heiter. So wie die Wirtin. Es schmeichelte ihr, wenn man ihre Kochkünste lobte. Dann seufzte sie tief und zufrieden.

Im kleinen Speisesaal nur Deutsche: ein Männerpaar aus München und ein Blogger (hab vergessen woher), der neue Wanderwege suchte.

Wir zogen uns nach dem Essen gemeinsam ins “Entrée” genannte Herrenzimmer zurück. Berauschten uns an dem, was wir alles schon in Norwegen gesehen hatten.

Tag 301 (30.06.2019) / Finnland: Sodankylä -> Inari

Strecke: 235 km (09:30 – 09:15 Uhr)

Reisewetterbericht: Eine Regenfront ist im Anmarsch. Letzter schöner=sonniger (schön kann er ja auch sonst sein) Tag soll heute sein. Dann mindestens 5 Tage Grauzeit mit Kälte, Wind und ziemlich was von oben.

Also was tun? Nichts – beschloss ich. Nichts organisieren, kein Bett vorbestellen. Losfahren! Und wenn nötig: durch die Nacht (die es grad nicht gibt). Ich wollte Licht genießen.

Es wurde eine 24-stündige Reise durch den Norden Finnlands. 235 Kilometer am Stück bis zur völligen Entkräftung.

Der Anfang: easy. Ebenerdig, eigener Radweg, auf dem ich der alleinige Herr war. Niemand überholte mich, niemand ließ sich überholen. Ich war allein. Diese Route – hoch zum Nordkap – war offensichtlich nicht die Biker-Autobahn.

Ich bewegte mich nun im Innern Finnlands. Seenplatte. Unüberschaubar die Zahl der Gewässer. In vielen machten sich Angler die Füße nass. (Sicher nicht! Sie waren bestens ausgerüstet – ALLE!- mit Gummistiefeln, Spezialkleidung, modernstem Sportgerät.)

Ausdauersport

Ob Mann, ob Frau – sie hatten ihre Ruhe – und ihren stillen Spaß (Sind das die Faktoren für Glück? Finnisches Glück?).

Ein See, ein Teich, ein Tümpel: Keiner war unbehaust.

Weites Seeland

Ich fotografierte mich ein wenig durch diese Unübersichtlichkeit, bis ein Einheimischer vorbeikam, mich auf Finnisch aufforderte, ihm zu helfen, sein Boot zu entwässern (einfach umstülpen und aufgefangenes Regenwasser abfließen lassen), sich bedankte (ich versteh kein Finnisch, aber die Gesten waren sehr freundlich eindeutig) und sich wieder davonmachte.

Stabile Freundlichkeit

Der Mittag war schon vorbei, ich verließ immer wieder die Hauptstraße (E75), schaute, ob es etwas Interessantes jenseits gab.

Immer eine Straße da

Aber Finnlands Provinz glich sich – egal, wo ich fuhr. Schöne (Fertig-) Holzhäuser mit akkurat geschnittenem englischen Rasen (wieso lieben Finnen eigentlich Wildnis?).

So sauber, man könnte vom Rasen essen

Briefkästen nicht an der Hauswand, sondern en bloc am Straßenbeginn.

Auf der Stange

Und Winz-Dörfer, in denen ich manchmal zweifelte, ob sie überhaupt dauerhaft bewohnt sind.

Aller Platz für alle Individualisten

Ab und zu merkwürdiges Schamanenzeugs.

Enthäutetes Tipi

Und immer, immer, immer: die eigene Hütte am Teichufer.

Von Angesicht zu Angesicht

Und immer, immer, immer mit Sauna (hier rechts im Bild).

Ausgeklügelt

Ist das finnische Mittel für Glück einfach nur die Entschleunigung?

Jeder See wirkt wie ein abgesteckter Claim

Mein fotografisches Trödeln brachte mich langsam in Zeitschwiergkeiten.

Aber ein Motiv reihte sich an das nächste.

Als lebte hier Chingachgook.

Paradies für freie Fantasie

Als kämpfte er immer noch gegen die weißen Eindringlinge.

Wie gerne hätte ich jetzt James Fenimore Cooper zur Hand

Und als seien die Mohikaner gar nicht brutal gekillt worden, sondern rechtzeitig nach Finnland ausgewandert.

Ich hab alle Bände von ihm Zuhause

Die Tour wurde nun anstrengender, zeitweise führte die Straße auf 350 Meter hoch. Schon lange war ich durchgeschwitzt. Ich sehnte mich nach einem Bier.

Es war ziemlich spät (21 Uhr) – als ich schließlich die “Gold-Village” erreichte.

Jetzt auch noch "Wilder Westen" hier

Früher eine Banditen-Goldgräberstadt, heute eine stille Touristen-Illusion…

Perfekt inszeniert

… aber mit einem fantastischen Restaurant.

Ich stärkte mich nach 125 Kilometern querfeldein durchs Land mit einer Rentiersuppe (stilecht serviert auf einer Goldwash-Pan) für die Nacht (die es ja nicht gab) und für die nächsten Hundert Kilometer die noch vor mir lagen.

Perfekt zelebriert

Tag 280 (01.10.2018)/ Dänemark: Aalborg > Aarhus

Strecke: 133 km (09:00 – 19:00 Uhr)

Aalborg: viertgrößte Stadt Dänemarks (115.000 Einwohner): Bestes Kneipenleben bis jetzt. Klasse Bars.

Tuschezeichnung

Ich hatte mich mit dem Pausentag gestern weitgehend von meiner Fahrrad-Erschöpfung erholt. Ließ mir Zeit – und brach gut gelaunt auf. Auch wenn der Morgen grau begann. (Morgengrauen halt – obwohl der Sonnenaufgang schon etwas länger zurück lag.)

Ich wählte den längeren Weg nach Aarhus. Wollte zuerst dem Kattegat einen Besuch abstatten.

Dänemark zeigte sich auf dem Weg dahin wie bisher auch: mit sauber aufgeräumten, mal platten, mal leicht welligen Landschaften.

Blau-Grün müssten eigentlich die Nationalfarben sein

Mit Bauernhöfen, die nicht einen Hauch von Gülle-Geruch ausdünsteten. (Wie machen die das? Ist das schon die virtuelle Landwirtschaft?)

Nicht mal Schweinegeruch dringt raus

Die Sone blinzelte immer wieder durch die schwere Wolkendecke, schob manchmal auch alles störende Weißgewusel kurzerhand ausm Himmel raus.

Die Kattegat-Küste unspektakulär.

Verschilft

Das Ostsee-Wasser zog sich etwas zurück und simulierte Nordseewatt.

Versumpft
Verglibbert

Schöne Schotterwege entlang der Küste.

Noch nicht ausgetrocknet

Dann kam der Regen, dann kam die Sonne. Ein etwas in die Knochen gehender Wechsel von kalt nach warm und zurück nach kalt.

Dafür aber immer wieder schöne LGBTQ-Regenbögen über nassglänzenden Straßen.

Wow-Effekt

Die Sonne lässt nach einem Regenguss die Landschaften strahlen und frisch gemähtem Grasduft verströmen. Ein Hauch von Magie, selbst wenn das Panorama eigentlich noch so langweilig ist.

Klarfarben

Es passierte nicht mehr viel bis Aarhus. Aber immerhin: Ich sah ein paar Dänen (Outdoor!).
Einen (weit weg und) von hinten:

Ordentlicher Auftritt

Er beteiligte sich an einer Treibjagd, trug eine Flinte und eine rote Mütze – wohl um nicht als Wildsau mit kapitalem Schuss erlegt zu werden.
Und zwei Dänen von oben:

Klinisch sauber

Sie angelten in einem überhaupt nicht nach Fisch und Fischer riechendem sauber geputzten Sonntagsbötchen.

Der auch! (Uff, jetzt wurden es ja richtig viele!)

Die Jugend macht's nach

Ich musste noch ein wenig kämpfen: Die Tagesdramaturgie hatte einen langen Schlussanstieg vorgesehen, kombiniert mit Gegenwind.
Als Gegenleistung erhielt ich eine schöne Schussabfahrt – rein in das quirlige Aarhus.
Und wie mich die zweitgrößte Stadt Dänemarks überraschte: pralles Leben. Hunderte FahrradfahrerInnen, die durch die engen Gassen der Altstadt surften.
Szenekneipen. Mexikanische, thailändische, dänische und französisch-belgische Restaurants.
Ich sättigte mich und ging noch spät 2 Absacker-Rotweine in einer Weinkenner-Bar trinken.
Ich war kurz vor Ladenschließung gekommen, mithin jetzt der einzige Gast und der Wirt beantwortete mir geduldig sämtliche meiner Fragen zu seinem Land.

Zum Hygge-Hype (Ja, in der Tat liebten es die Dänen (vor allem auf dem Land) bei sich in ihrer schön dekorierten Wohnung zu sein. Dorthin laden sie ihre Freunde ein. Viel seltener treffe man sich öffentlich sichtbar in Kneipen oder in einem Biergarten).

Ich wollte sogar wissen, warum selbst dänische Bauernhöfe fast aseptisch sauber wirken und kam schließlich noch zu einer Frage, die mir schon lange auf der Zunge lag: Dänemark ist hochpreisig, reich. Alles wirkt proper. Armut jedenfalls ist nicht sichtbar. Genau so wenig wie Fremde in den Straßen. Wenn das Land so zufrieden mit sich selbst ist (Hygge) – wieso driftet es politisch so scharf nach rechts?

Antwort des Wirtes:
Dänemark hat ein umfassendes Sozialsystem. Niemand landet hier auf der Straße. Es gibt ein gutes Nachbarschaftsverhältnis. Die Menschen passen gegenseitig auf sich auf. Und gibt es doch Probleme, springe der Sozialstaat ein.
Nun hätten aber viele Menschen Angst, dass Flüchtlinge nur zu ihnen kommen, um in das großzügige Sozialsystem zu migrieren und es damit für alle unbezahlbar zu machen. Diese Angst sei weit verbreitet. Es sei letztlich die Furcht, den eigenen Reichtum teilen zu müssen.

Unterkunft: 1 Apartment im Nebenbau des Hotels Ferdinand. Zentrum. Sehr gut gelegen. Sehr nettes Rezeptionspersonal. Gutes Restaurant.

Tag 271 (22.9.2018)/ Niederlande: Groningen -> Leer (D)

Strecke: 74 km (11:15 – 15:45 Uhr)

Gemütliches Flachradeln Richtung deutscher Grenze.

Windgeschützt

En miniature rauschte an mir noch einmal das typisch Niederländische vorbei: Grachten, gut ausgebaute Fahrradwege, Familienhäuser im Backstein-Lego-Stil, freundlich “Moin” rufende Menschen und Angler an den vielen Kanälen. Manche mussten noch nicht mal ihr Grundstück verlassen, um einen frischen Morgenfisch zu fangen.

Skulpturenpark
Auch eine Skulptur?

Recht schnell kam ich zur Grenze: ein Kanälchen. Hüben: NL Drüben: D
Wie schön, dass es in Europa immer noch möglich ist, Grenzen ohne Kontrollen zu passieren. Vielleicht siegt ja doch noch die Vernunft.

Grenzgang

An der kleinen Brücke war eine Gedenktafel angebracht. Ich lernte, dass ab 1933 niederländische Kommunisten deutschen Juden, Gewerkschaftlern, Kommunisten und Sozialdemokraten hier zur Flucht aus Hitlerdeutschland verhalfen. Durch den Grenzkanal.

Rote Hilfe

Bald das friesische Städtchen Leer erreicht. Hübsch.

Unterkunft: Hotel Ostfriesenhof. (75 Euro mit Frühstück.) Fahrrad außen angekettet.

Tag 213 (01.10.2017) / Italien: Civitavecchia -> Anzio

Strecke: 120 km (09:00 – 17:30 Uhr)

Auch am Morgen den gleich Eindruck von Civitavecchia bekommen wie bei der abendlichen Einfahrt gestern.
Schmuddelstadt. Durchgangsstadt.
Riesige Kreuzfahrtschiffe im Hafenbecken. Was machten sie eigentlich hier? Auftanken? Nachladen?

Ungetüme

Bei der Rausfahrt aus der Hafenstadt: an fast jeder Ecke ein Angler. Ist das Sport? Zeitvertreib? Hobby? Oder doch essentiell für den häuslichen Speiseplan?

Urgestein

Manchmal schöne kleine Fischer-Stelzen-Buden

Urholz

Griechisch angemalt.

Urholzweg

Fast 10 Tage war ich hauptsächlich die Via Aurelia entlang geradelt (SS1). Jetzt bog sie in ihr letztes Stück ab – nach Rom. Etwas mehr als 30 Kilometer trennten mich von der Ewigen Stadt. Ich aber verspürte keinen Drang, sie wieder zu sehen.

Stattdessen umrundete ich den Da Vinci-Flughafen und bog in den Lido di Ostia ab.
Langgezogenes Touristennest

Ursand

Es folgten viele Lidos. Es war eher langweilig, sie alle abzufahren.
Schließlich die Hafenstadt Anzio erreicht.

Urspaß

Gleich fasziniert. Herrlich ursprünglicher Fischerhafen. Sehr groß! Drumherum jede Menge gut aussehender Fischrestaurants.

Urig

In einem der Trawler versuchten einige Matrosen, sich das Abendessen zu organisieren.
Sie hatten einen Mords-Fisch am Haken.
Mit Angel und Netz mühten sie sich ihn an Bord zu bekommen, scheiterten aber nach zähen Minuten des Kampfes.
Der Fisch entkam wild zappelnd.

Urwüchsig

Die gescheiterten Profis schickten ihm ziemlich wüste Verwünschungen hinterher.

Tag 155 (25.09.2016) / Ukraine: Lwiw -> Івано-Франківськ (Iwano-Frankiwsk / Stanislau)

Strecke: 132 km  (09:00 – 18:30)

Wie ist das Hauptwort zu diesig?
Der Dieß?

Der Dieß war jedenfalls den ganzen Tag unterwegs und trübte mir die Landschaft ein.

Selbst die wildesten Blumenfarben blieben fahl: Nicht nur, weil sie den Toten bestimmt waren.
(Irre, wie schon seit Polen die Friedhöfe mit Blumen überschwemmt werden. Essen Tote Blumen? Vertrauen sie ihnen ihre Seele an? Hauchen sie Farben?)

Seelennahrung

Die Dörfer schimmerten sich durch das Grau. Meist waren sie lang gestreckt. Hatten keinen Anfang und kein Ende. Noch weit nach den Ortsschildern wucherten sie die Straße entlang.

Rübenvordergrund

Wahrscheinlich war es schön hier. Ich konnte es aber nicht sehen. Keine Kontraste. Kein Licht, das irgendein Detail modelliert hätte. Welling, hügelig war es. Ich hatte gut zu tun auf meinem Sattel.

Um die Kurv

Vorbei an riesigen Sonnenblumenplantagen (abgeerntet und abgefackelt).

Kurvig treffen sich Parallelen auch nicht am Horizont: Grundsatz der Höheren Mathematik!

Wenig war los links, rechts, hinter und vor mir. Sonntag! Felder, Dörfer, Wege geleert. Ich – fast allein unterwegs. Selten ein Auto. Ganz ganz selten ein Fuhrwerk.

Die beiden Herren in ihrem SUV hatten es nicht besonders eilig in die Kirche zu kommen. Dort beteten sie bereits. Die Beiden hatten sich Ausgeh-Klamotten übergeworfen. Den Brettersitz mit feingewebtem und besticktem Tuch gepolstert. Überaus freundliche Gesten warfen sie mir zu.

Zweiachser mit Zwiegespann

DNISTER. Auch so ein Wort, das schon immer in mir klingt. Irgendwo – als ich jung war – gehört; nie mehr die Musik des Wortes verloren.

Jetzt querte ich das Wort. Das Wort wurde zum Fluss. DNISTER.

DNISTER-Brücke

Angler fischten (Ich weiß: Angler angeln! Aber trotzdem!) DNISTER-Fische.

Dnister Patriotismus: Ukrainische Flaggenfarben

Unterkunft in Iwano-Frankiwsk: “Hotel Atrium”. Nahe am Rathaus. Im dritten Stock die Rezeption. Musste wieder alles hochwuchten. Aber dieses Mal mit Aufzug. Rezeption zuvorkommend. (21 Euro mit Frühstück). Fahrrad beim Nachtportier untergebracht.

Tag 146 (16.09.2016) / Polen: Augustów -> Kruszyniany

Strecke: 119 km (08:30 – 17:30)

Früh in den Tag gestartet.
Augustów noch im Tiefschlaf.

Quergestellt

Nur Angler unterwegs. (Ob die auch nachts fischen?)

Angelt ein Angler nur oder fischt er auch?

Ich fuhr so gut wie immer auf kleinen Landstraßen. Podlachien heißt die polnische Provinz. Sie ist eine der am dünnsten besiedelten Regionen des Landes und wohl auch recht abgehängt. Fast nichts außer Landwirtschaft und ein bisschen Tourismus. Wegen der vielen Seen.

Schön beschilft

Aus den seltenen Dörfern wuchsen mächtige Kirchen.

Kein Baum wächst so hoch wie ein Kirchturm

Manche haben landesweiten Rang als Wallfahrtsort:

Hat die der Papst auch besucht?

In dieser Kirche in Sokółka ereignete sich nach Angaben von Gläubigen ein “Hostienwunder”. Eine geweihte Hostie verwandelte sich in “in Muskelgewebe eines menschlichen Herzens, das lebt, aber sehr leidet und bereits in Agonie gefallen ist” – so schreiben es höchst einbildungskräftig die Anhänger dieses Verwandlungskultes in ihren Pamphleten.
Tief tief tief ist manchmal der (Aber)Glaube.

Kam dann der Papst auch im Bus?

(Ich war nur kurz in der Kirche. Sie war busladungsvoll mit Pilgern.
Das Beste war eh nebendran: eine herrliche Eisdiele. Sie hatte fast italienische Qualität.)

Ich näherte mich immer mehr der weißrussischen Grenze. Konnte die Wälder Weißrusslands sehen.
Ausgesprochen schöne Landschaft mit sanftgeschwungenen Waldrücken, sanftgrünen Hügeln, braungrünen Feldern und gradnochgrünen Weiden. Der Herbst beginnt.

Die Straßen oft schöne Alleen, die ich meist allein befuhr. Angenehmes Radeln. (Wenn da nicht die vielen Steigungen gewesen wären … rein in die Mulde … raus aus der Mulde).

Nur einmal heftiger Schwerlastverkehr, rings um eine riesige Sandgrube.

Die Welt auf Sand gebaut

In den Weilern viele Häuser traditionell aus Holz.
Manche waren mit baltisch Gelb verschönt.

Und du guckst raus
Manche waren nur vorsichtig farbig

Aus Holz auch zwei kleine polnische Zeitwunder: Moscheen.

Eine in Bohoniki. WinzWeiler. Ein paar Häuser und dieses schöne Zimmermannskunstwerk!
Mit Holz baut man in dieser Gegend Häuser und Kirchen.
Und eben ein muslimisches Gotteshaus.

Ohne Holzwurm

Eine Frau, in tatarischer Tracht, erklärte drinnen drei polnischen Touristen offenbar das Wesen ihres Glaubens. Ich verstand nur die Worte “Koran” und sonst nichts.

Left side

Ich hätte so viele Fragen an sie gehabt. Ob sie eine Imamin sei? Wie sie die polnische Politik sieht, die keine muslimischen Einwanderer ins Land lassen will?

Left side

Sie sprach aber keine andere Sprache als Polnisch.

Sympathisch

Sie lächelte nur verlegen.

Ende des 18.Jahrhunderts haben sich in diesem Landstrich Tataren angesiedelt. Ihre Nachfahren haben bis heute ihren Glauben bewahrt.
Die Gemeinde muss allerdings recht klein sein.
Es war Freitag, muslimischer Feiertag, und ich sah außer der Fremdenführerin keine weiteren Gemeindemitglieder.

Eineinhalb Stunden weiter südlich – an der Grenze zu Weisrussland – das Dörfchen Kruszyniany. Nach langer Fahrt endlich erreicht. 80 Einwohner. Auch hier eine Holzmoschee. Gerade noch vor Sonnenuntergang erwischt.

Polnisch Grün

Ich fuhr zu meiner gestern vorbestellten Unterkunft.
Ein kleines Blockhaus.

My castle

Ich hatte allerdings einen Gedankenfehler gemacht.
Bei der Buchung der Unterkunft hatte ich im Internet von einem tatarischen Restaurant im Dorf gelesen. Und war selbstverständlich davon ausgegangen, dass ich am Abend dort köstlich verpflegt werden würde.
Nix!
Ich ging gegen 19 Uhr hin (100 Meter von meiner Unterkunft entfernt) – und es war zu! Schließt immer um 18 Uhr.
Klar! Weil die Busse die die Touristen bringen, um die Moschee und das tatarische Restaurant zu besuchen, um 18 Uhr schon wieder abfahren.

Im (sehr kleinen) Dorf gab es noch nicht einmal einen Laden. Tot!
Ich suchte verzweifelt nach einer Essmöglichkeit, landete schließlich vor einer Pension, die Gäste beherbergte. Ich fragte dort, ob es nicht irgendetwas Essbares für mich gäbe. Und bekam die volle Ladung polnischer Gastfreundschaft.
Ich durfte in der Küche am Katzentisch Platz nehmen und wurde mit einem Zweigängemenü verwöhnt.

Ich bat frech um ein Bier. Die Gastgeberin kramte im Kühlschrank. Das Dorf war anscheinend alkoholfrei (muslimisch?), aber es fand sich etwas für mich. 2 Dosen. Eine nahm ich mit in mein Holzhüttenheim und dankte meinen freundlichen Rettern aufs Herzlichste.

Unterkunft in Kruszyniany “EkoWczasy u Lejli”. Art noble Holzhüttensiedlung. 2er, 3er oder 4er Blockhütten. Ich hatte die kleinste (mit immerhin 40 qm). Ein ältere Dame empfing mich. Sprach ein wenig Englisch und war sehr redselig. Hütte mit Obergeschoss (Schlafen) samt Balkon und Untergeschoss (Wohnbereich). Alles neu und schön. Viel zu groß für 1 Person. Hatte aber nichts anderes gefunden. (40 Euro ohne Frühstück). Fahrrad im Haus untergebracht.

Tag 142 (12.09.2016) / Litauen: Silute -> Jurbarkas

Strecke: 107 km (09:30 – 17:30)

Silute leichten Herzens verlassen. Kein Ort, an dem man länger verweilen muss.
Die Landstraße nach Süden fast menschenleer.

Morgenmilchig

Ab und zu ein paar Siedlungen.

Mittensichtig

Zwischen zwei Strommasten glaubte ich entfernt eine Kirche auszumachen – mit merkwürdiger Turmspitze und einem Kreuz.
Bei näherer Sicht und ohne diesiges Gegenlicht entpuppte sie sich als ein profaner Wasserturm.

Ansichtig

Je weiter weg von den Ostseestränden, je ländlicher und (noch) beschaulicher wurde Litauen.

Landeinwärts

Ich bewegte mich im Grenzgebiet zu Russland. Kaliningrad war eine Tagesreise entfernt. Das Gebiet der russischen Exklave (Oblast Kaliningrad) aber kaum einen Steinwurf.

Urplötzlich konnte ich ihn auch sehn: den Grenzfluss Nemunas. Drüben Russland – hüben Litauen.

Fliessende Grenze

Memel heißt der Fluss auf Deutsch. Wie überhaupt: Mein (alternativer) Reiseführer zeigte mir nicht selten die litauischen Orte, die ich durchfuhr, unter alten deutschen Namen an: Goldingen, Heidekrug, Katharinental, Memel.

Ich reiste auf einer geschichtlichen Grenzlinie. Diese Region wurde von Deutschen kolonisiert, später zerstört, dann durch den realen Sozialismus verödet und hat nun endlich zu sich selbst gefunden. Für Litauer, Letten und Estländer ist Europa immer noch ein Freiheits- und Wohlstands-Versprechen. Ich reise – so ist mein Gefühl – nicht durch ein europäisches Randgebiet, sondern durch das Herz Europas.

(Und nun gibt es ausgerechnet in einigen osteuropäischen Ländern politische Führer, die das Europa der offenen Grenzen zerstören wollen. Oder in Deutschland eine neue Partei, die den Begriff „völkisch“ wieder hoffähig machen möchte und damit eine Ideologie, die Europa einst verwüstet hat. Bleibt eigentlich nur, sich noch lauter öffentlich zu wehren.)

Ich verließ den Fluss für einige Stunden und folgte der Landstraße 141.

Immer wieder verwandelte sie sich in eine Allee.

Hohle Baumgasse

Zum ersten Mal tauchten auch Wegkreuze und Marienstatuen auf. (Ob das daran lag, das das katholische Polen nicht mehr sehr weit entfernt war?)

Betende
Andächtig

Kurz vor Jurbakas wieder das Nordufer des Nemunas gestreift. Ein herrlicher Spätsommertag lockte.

Flussstrand

Die Kleinstadt Jurbarkas schnörkellos häßlich. Immerhin hatte sie ein Hotel.

Wie soll man diese Architektur-Richtung nennen? Spätsozialistisch?

Nichts war hier liebevoll…schon deutlich heruntergekommen die Zimmer.

Wo realsozialistische Architekten ihr Handwerk gelernt haben?

Allerdings mit einem atemberaubenden Blick auf den Fluss.

Genossen-Blick

Im letzten Sonnenlicht am Nemunas entlang spaziert. Kein Eck, keine Biegung, in denen nicht Hobbyfischer saßen und sich ihr Spätabendbrot noch mit einem guten Filet belegen wollten.

Fisherman's Bauch
In sich ruhend
Da darf keine Welle kommen

Als es bereits heftig dunkelte, sammelten sich auf einem Parkplatz in der Nähe des Flusses einige getunte Karren. Junge Burschen protzten ausnahmslos mit VWs, schwarz lackiert, die hinteren Fensterscheiben abgedunkelt. Plötzlich begannen sie gegeneinander Rennen zu fahren. Mit quietschenden Reifen über das asphaltierte Nemuda-Ufer. Es wurde mir mit der Zeit zu blöde und ich ging – den Blick genießen von meinem Hotelzimmer, den Blick auf einen ungemein schönen Fluss im Dämmerlicht.

Unterkunft in Jurbarkas: “Hotel Jurbarkas”. An der Hauptstraße. Sozialistischer Betonbau. Hotel erst nicht gefunden. Hat keinen eigenen Eingang. Liegt im 5. und 6. Stock. Uralt-Fahrstuhl. Ratterte, aber funktionierte. Rezeptzionistin sprach drei Brocken Deutsch. Halft mir das Gepäck hochzubringen. Herzliche Person. Hotel hat Chancen, den Preis des nie vergehenden Sozialismus zu gewinnen. (30 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in einer Abstellkammer im Erdgeschoss untergebracht.

Tag 140 (10.09.2016) / Litauen: Pause in Nida

Früh rausgegangen.
Sonne hatte sich maximal eine halbe Stunde an sich selbst gewärmt.

Nida noch völlig im Tiefschlaf.

Orange wonder
Turquoise wonder
Nochmal orangenes Wunder
Und jetzt auch ein blaues Wunder
Thomas Mann Haus

“Thomo Manno” wird der Großschriftsteller hier geschrieben.

Nur aufm Haff war was los.

Schilf machte sich wichtig …

Haff Schillf

… und Frühangler verweigerten das Frühstück Zuhaus. Wollten rasch an die stille See. Frühes Glück fängt den Fisch.

Haff Fahrradweg

Später (= Nachmittag) den Ostseestrand besucht.

Beach life
Auch beach life ... ganz hinten am Horizont, da, wo es dunkel ist, liegt Russland
Strandspaß

Und noch später (gegen 17 Uhr) die berühmte Dünenlandschaft Nidas durchwandert.

Dünenwüste

Fast russisches Gebiet betreten. (Streng verboten!) Dort liegt das “Death Valley” des Nordens. Dünen, die die Sahara kopieren.
No way in.

Kein Eintritt

Ein bißchen im Hintergrund ahnt man die Todeswüste.

Tod es wüsste? Totewüste? Todeswüssde? DeDodEsWüsste?

Küstenwüste

Wüst auf jedenfall.

Strandwüste himmlisch

Grandios: Noch keine Düne in Europa bewandert, die so himmlisch ist.

Tag 34 (20.03.2015) / Kroatien: Plomin -> Selce

Strecke: 81 km (10:45 – 18:15)

Ab dem schön hoch gelegenen Hotel ging es erst mal immer runter. 21. Gang! Eine ganze Stunde. Welche Wonne.

In die Klippen gebaut

Im Tal: Bäderarchitektur: Will sagen: mondän wie in Baden-Baden oder Bad C oder Bad D oder Bad E.

Gekurvt
Einladend

Dann wieder rauf und runter. Anstrengend.

Ausladend

Es dämmerte, graute, dunkelte bereits bedenklich und ich war immer noch ohne Unterkunft. In Crikvenica jedes Hotel, jede Ferienwohnung abgeklingelt. Keine Tür öffnete sich. Eine Frau auf der Straße gab mir den Tipp bis nach Selce weiter zu fahren. Dort habe das Hotel Marina wahrscheinlich offen.

Yep!

Mit dem letzten Tageslicht das wahrscheinliche Hotel erreicht! Der Empfangsboy saß schon draußen und fischte mir den Frischfisch fürs Abendbrot!

Caspar David beim Abendrot-Angeln

Unterkunft: Hotel Marina in Selce. Tito-Flair. Aber wenigstens außerhalb der Saison offen. Extrem nettes Personal. Restaurant: so lala. (Aber wenigstens außerhalb der Saison offen. (Ufff!)). (54 Euro mit Frühstück.) Fahrrad im noch nicht benutzten Fitness-Raum untergebracht.