Meer Europa

Schlagwort Archiv: Autobahn

Tag 187 (13.04.2017) / Spanien: Valencia -> Alcossebre

Strecke: 138 km (10:00 -21:00 Uhr)

“Die spanische Mittelmeerküste ist ein einziges Desaster. Eine ästhetische Beleidigung”. Das sagte ich in der Nacht spontan zum Kellner, mit dem ich ins Gespräch über meine Reise gekommen war. Ich war immer noch wütend.

Dabei hatte der Tag entspannt begonnen. Die Ausfahrt aus Valencia war angenehm. Der Jachthafen noch im hellen Dämmerschlaf.

Mondän

Der langgezogene Strand füllte sich erst langsam.

Bürgerlich

Ab dann aber wurde es schlimm.
Das Meer komplett verbaut mit unansehnlichen Hochhäusern und riesigen Hotelkomplexen.Die Strände völlig überlaufen. Nur dort, wo der Strand mehr Kies-Geröll als Sand war, war es leer. Ansehnlich war es aber auch dort nicht.

Proletarisch

Ich hatte vorher bereits in einigen Artikeln gelesen, dass einige Städtchen, die ich heute durchfuhr, von Umweltschützern zu den Orten gezählt werden mit den schlimmste Bausünden und dem höchsten Grad der Bodenversiegelung. Weltweit!

Ich war also gewarnt.
Ich hatte mir auch eine Art Taktik zurechtgelegt, wie ich den Tag schaffen könnte. Einfach stoisch vor mich hinradeln: Zen oder die Kunst ein Fahrrad zu fahren – trotz widriger Umstände.

Und doch schockte mich, was ich sah.
Dazu kam, dass ich allergrößte Schwierigkeiten hatte, einen Weg zu finden. Immer wieder ging die Landstraße in eine autobahnähnliche Schnellstraße über, in der Fahrräder verboten waren.

Selbst mein Navi verlor die Orientierung, lotste mich ins Hinterland und in ein Dead-End. Kein Durchkommen. Zu tief das versuppte Wasser.

Archaisch

So verworren die Wasserpflanzen, so verworren meine Gefühlslage.

Manisch

Nicht mal kleine Oasen der Ruhe konnte mich runterbringen …

Rundlich

… von der Wut, die ich empfand.

Die Sonne war schon längst untergegangen, als ich nach fast 140 Kilometern mein Ziel fand.

Rotrötlich

Alcossebre. Völlig überfüllt. Die Touristen standen vor den Terrassenrestaurants Schlange. Ich hatte allergrößte Mühe, irgendwo einen freien Tisch zu finden.
Und klagte dem Kellner dann mein großes Leid.

Unterkunft in Alcossebre: “Hotel Alegría”. Riesenkomplex. Gesichtslos. Aber freundlicher Service. Fahrrad in Kammer abgestellt. 65 Euro (mit Frühstück).

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Beschirmt

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 4

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 160 (30.09.2016) / Rumänien: Suceava -> Iași

Dunkelkammer

Bevor ich Suceava verließ, warf ich noch schnell einen Blick in die Klosterkirche. Ebenfalls Weltkulturerbe.
Viele Gläubige, die werktags früh den Männerstimmen lauschten. Im völligen Dunkel. Schöne Gesänge wieder.

Gotteskammer

Ich nahm Richtung auf die moldawische Grenze. Wollte unbedingt Iași erreichen. Ca. 140 Kilometer entfernt. Letzte rumänische Stadt vor der EU-Grenze.

Strecke: 141 km (09:00 – 19:45)

Anfangs tief es glatt. Leere Landschaften, leere Straßen.

Road to where?

Bis wieder die Lastwagen kamen. Sie machten mir schon seit Tagen das Fahrradfahren zur Hölle.
Mehrmals haben sie mich in den Graben gehupt. Ohne den geringsten Bremsversuch rasen sie (andere Laster überholend) mir auf meiner schmalen Spur entgegen. Oft blieb nur ein panisches Ausweichmanöver: Ab in den Schotter am Straßenrand – oder gleich ins Gras. Mehrmals war ich in Gefahr. Niemals durfte ich unaufmerksam sein. Manchmal kamen sie von hinten und von vorn. Gleichzeitig hupend. Nie bremsend.
Ich war selbst überrascht, welche Gewaltphantasien ich in mir zur absoluten Filmreife entwickelte. (Altersfreigabe nicht unter 30 Jahren!). Auf jedem Martial-Arts Festival würde ich mit meinen Lastwagenfahrerfolterdrehbüchern die Goldene Peitsche oder zumindest das Silberne Schlachtmesser gewinnen.

Ich beruhigte mich im Lauf des Tages wieder. Die Landschaft beruhigte sich mit mir.

Steppenfluss

Entweder alle Felder bestellt …

Durchgepflügt
Fruchtbare Steppe

… oder Kodachrome-Landschaften. Fast amerikanisch.

Grünbraunblau

Steppe. Mit Ranch. Fehlen nur noch die Indianer.

Goldig

Zwei Stunden vor Iași wurde die Straße vierspurig. Autobahnähnlich. Der Verkehr nahm zu. Stockte nur, wenn mal wieder eine Herde Kühe die Spuren querte.

Goldener Kuhdreck

Tief im Dunkeln die Stadt erreicht. Völlig erschöpft.

Fliegenschirme

Die Stadt von Studenten bevölkert.

In der Nacht Irrsinns Krämpfe bekommen. Die Wadenmuskeln machten zu. Gleich drauf auch noch die Muskeln im Spann. Wie wild zuckten sie und verkürzten sich. Ich hätte vor Schmerzen schreien können, hatte viel Mühe die Krämpfe unter Kontrolle zu bekommen.
Irgendwann ließen sie mich in Ruhe.

Unterkunft in Iași: “Traian Grand Hotel”. Im Stadtzentrum. Von Eiffel entworfenes Hotel. Viel klassischer Charme. Sehr große Zimmer. (59 Euro mit gutem Frühstück). Fahrrad in Wäschekammer untergebracht.

Tag 144 (14.09.2016) / Litauen: Kaunas -> Suwałki (Polen)

Strecke: 119 km (11:00 – 19:00)

Es wurde ein Speed-Day. Sehr spät gestartet. Eigentlich wollte ich noch einen Tag in Kaunas dranhängen. Die Stadt gefielt mir außerordentlich gut. Aber das Hotel war ausgebucht. Ich wartete bis 11 Uhr und dann resignierte ich. Niemand cancelte seine Reservierung. Hatte keine Lust, umzuziehen.
Also auf den Sattel und los.

Ich wusste, es lagen fast 120 Kilometer vor mir.

Ich gab Gas.

Hielt einmal kurz an, um eine wunderschöne Holzkirche zu fotografieren.

Geschmackvoll

Lange konnte ich die Autobahn nach Polen meiden, fuhr fast leere Landstraßen.
Dann aber doch. Musste auf die Via Baltica. Schlimmer als der frühere Autoput in Jugoslawien. Ein Lastwagen nach dem anderen donnerte in Zentimeter-Abständen an mir vorbei. Manchmal gab es Seitenstreifen, auf denen ich einigermassen sicher fahren konnte, manchmal verschwand er einfach. Und nicht selten hatte ich Angst.
Es gab aber keinen anderen Weg. Und zumindest auf dieser Strecke ist es Fahrradfahrern erlaubt, die Autobahn zu nutzen.

Nur einmal machte ich noch Halt. In Marijampole, dem letzten größeren litauischen Städtchen vor Polen.

Der Zentrale Platz hatte immer noch den Charme eines sozialistischen Aufmarschgebietes.

Trotzdem die Stadtverwaltung sich sichtlich Mühe gegeben hatte, den Ort einigermassen wohnlich aussehen zu lassen.

Weiter auf dem litauischen Autoput.
Hart!

Die Grenze gegen 17:30 Uhr erreicht. Verlassene, überflüssige Grenzstationen. Ich war in Europa! Schengenraum!
Offene Grenzen. Wie genoss ich das.

Nach rund 1260 Kilometern in zwei Wochen verließ ich das Baltikum. Estland, Lettland, Litauen: Unterschiede können von Spezialisten sicher ausgemacht werden.
Für mich waren es 3 liebenswerte Länder, die erkennbar europäisch ausgerichtet sind. I love it.

Jetzt Polen.

Polen kompakt

Bin gespannt, was mich erwartet, jenseits der erwartbaren Marienverehrung an fast jedem Bäumchen.

She loves you, yeah yeah yeah

Unterkunft in Suwalki: “Hotel Loft 1898. 1 km von der kleinen Altstadt entfernt. Modern. Riesig. Gut. Und günstig. Sehr zuvorkommender Empfang. (39 Euro mit Frühstück.) Fahrrad vor Hotel angekettet.

Tag 126 (16.04.2016) / Italien: Lido di Policoro -> Cirò Marina

Strecke: 146 km (09:30 – 20:00)

Lido di Policoro war wirklich keinen Besuch wert. Ein Retortenort, zu dieser Jahreszeit völlig unbehaust. Ich wüsste keinen Grund, das Nest noch einmal zu besuchen.

Keine Westernkulisse

Und trotzdem war an diesem Platz über Nacht ein kleines Wunder geschehen. Die Autobahn (an der ich gestern fast noch gescheitert wäre) blieb zwar Autobahn und für Fahrräder verboten: Aber plötzlich war die Extra-Service-Spur wieder da.
Ich hatte freie Fahrt.
Die erste Stunde des Tages radelte ich fröhlich pfeifend durchs Land. Die Berge rückten immer näher an die Küste heran.

Palmenberge

Und in den Bergen lagen auch die interessanteren Orte.

"Rocca Imperiale" nennt sich wenig unbescheiden dieser Ort

Ich nutzte die freie Fahrtmöglichkeit und machte Kilometer. Fast die gesamte Strecke reihten sich an der Küste kleine Retorten-Städtchen aneinander. Badeinseln im Sommer. Die restliche Zeit eingemotteter Beton.

Ich hielt nur an, wenn es wirklich etwas Interessantes zu sehen gab (und das geschah nicht oft).

Ein Juwel dieses mittelalterliche Kastell auf einer Miniklippe am Capo Spulico.

Dominante Bäume
Wußte nicht, ob ich den Horizont oder die Senkrechte als stürzende Linie legen sollte

Es war bereits dunkel, als ich Cirò Marina erreichte.

Fast alle Siedlungen entlang der Küste sind Ableger eines Dorfes, das in den Bergen liegt.
Cirò ist ein bekannter Weinort in den Bergen. Weit unten hat er ein “Strand-Gebiet”, das nennt sich dann Cirò Marina.
Das hatte wenigstens so etwas wie einen eigenen Kern – und erkennbar auch Leben außerhalb der Saison.
Zudem gab es einen Ableger eines Weingutes.
Ich testete ausführlich dessen süffigen Säfte.

Unterkunft in Cirò Marina : “Hotel Miramare”. Moderner Einheitsbau. Große Zimmer. War praktisch völlig leer. (51 Euro mit Frühstück.)  Fahrrad in Kammer untergebracht.

Tag 125 (15.04.2016) / Italien: Campomarino -> Lido di Policoro

Strecke: 169 km (09:30 – 21:45)

Horror-Tag. Dabei fing er so schön an.
Ich fuhr gemütlich die salentische Küste entlang. Die nicht aufregend war, aber immer wieder nette Ausblicke bot.
Zum ersten Mal über einer längere Strecke Dünen in Italien gesehen.

Grünbucklige Sanddünen

Irgendwo ein Rock-Liebhaber-Strand-Café (das noch nicht aufhatte).

Who is the best?

Nach etwas mehr als zwei Stunden Tarent erreicht. Eine Stadt mit großem Hafen …

Gestutzte Promenadenbäume

… mit noch größerem geschichtlichen Hintergrund,

mit einer einladenden Neustadt …

Wer liebt wen?

… und einer absolut kaputten Altstadt (Insel), die über eine Brücke zu erreichen war.

Flickerei

Hier lebt das ärmste Italien. (Laut Reiseführer ist das historische Zentrum weitgehend entvölkert.)
Aber Armut ist wie immer auch pittoresk.

Er nimmt's gelassen

Ich schlenderte ein wenig (Fahrrad schiebend) durch die schmutzigen Altstadtgassen. Und fluchte, dass meine gute Kamera schon am ersten Tag kaputtgegangen war. Es gab kaum einen besseren Ort für optische Sozialstudien.

An der Uferpromenade die Anlegestelle für Muschelfischer. Die frische Ware wurde gleich verarbeitet.
Nur junge, fixe, flotte Halbstarke im Einsatz.

No bad guys!
Good guys! Mit Fußballerfrisuren

Einer bot mir eine frisch ausgelöste Miesmuschel an.

Fingerfertig

Ich schluckte sie roh und frisch und war überrascht über den guten Geschmack.
(Warum müssen es sonst immer Austern sein?)

Trug er eine Seeigelfrisur?

Ich staunte auf meiner Reise schon eine ganze Weile, wie viele begabte, gut aussehende, intelligente und sehr tatendurstige junge Männer den Service in Italien schmissen. In Restaurants und Hotels. In den Häfen und Fischereibuden.
Alles sehr ehrenwert. Aber gering verdienend. Ohne Chance auf sozialen Aufstieg. Wer konnte ihn – wenn überhaupt – bieten? Mafia? Kartelle?

Keine einzige Frau am Muschel-Fließband

Hinter Tarent ging es fröhlich weiter.
Ich fuhr die SS106, die vierspurig die Küste begleitete, aber auch einen breiten abgetrennten Servicestreifen hatte, den ich sehr entspannt fahren konnte.

Freie Fahrt für freie Radbürger

Ich kam schnell voran, fraß Kilometer nach Kilometer, und vergaß auch nicht den berühmten Hera-Tempel am Straßenrand. Ein Denkmal für die Zeuss-Schwester.

Säulenreihen

Angeblich befand sich hier auch die Schule des (von allen Matheverweigerern verhassten) Pythagoras.

Dorisch?

Kurz hinter der griechischen Antike fingen aber meine Probleme an.
Mein Navi zeigte mir noch knapp 25-30 Kilometer bis zu meinem Ziel (Policoro) an.
Doch die Seitenstraße der SS106, die ich bisher befuhr, löste sich plötzlich in Luft auf.
Und die SS106 wurde einfach zur Autobahn erklärt. Große Schilder verboten ausdrücklich sie mit dem Fahrrad zu befahren.

Ich wusste nicht, was tun.
Also beschloss ich einen Umweg zu machen, rein ins Landesinnere. Das Problem war, dass alle paar Kilometer ein Bächlein Richtung Adria floss, es aber (außer der Autobahn) keine Brücken über sie gab. Nur weit im Hinterland, am Bergrand.

Also suchte ich eine Kreuzungsmöglichkeit für das erste Bächlein weit im Landesinnern.
Nur: Ich hatte nicht bedacht, dass es von nun an bergauf ging! Über 30 Kilometer fuhr ich rauf und runter. Durch eine – ohne Zweifel – schöne Hügellandschaft (die zur Berglandschaft wurde).

Hier hätte ich stoppen sollen

Ich mühte mich, trat in die Pedale, hechelte. Ich hatte schon weit über hundertzwanzig Kilometer hinter mir.

Keine Ahnung, wie ich hier hochkam

Aber ich entkam der Nacht nicht. Es war tief dunkel, als ich wieder zurück war an der SS106. Nur ein paar Kilometerchen weiter, wo ich vor Stunden den Umweg angetreten war.
Autobahn! Groß das Schild. Kein Fahrrad!

Also wie weiter?
Es gab hier nichts, keine Pension, kein Hotel. Mir fehlten nur 10 Kilometer Luftlinie (über zwei Flüsschen hinweg) bis in ein touristisches Zentrum am Meer.

Also fuhr ich nachts Autobahn (und es gab noch nicht einmal einen Standstreifen).
Ich wurde halb wahnsinnig. Ich hatte Angst. Autos, die hupend an mir vorbeirauschten.
Halbe Stunde – und ich hatte die Strecke geschafft.
Runter von der Autobahn und über finstere Landstraßen nach Lido di Policoro. In ein Hotel, das ich eine Stunde vorher über booking.com gebucht hatte.
Noch nie war mir so egal wie ich untergebracht war.
Aber ich wurde herzlich empfangen und sehr gut umsorgt.

Selten war ich so kurz davor gewesen zu verzweifeln.
Irgendein griechischer Gott (oder eine Göttin) hatte mich jedoch 169 Kilometer lang beschützt.
Danke.

Unterkunft in Policoro: “Hotel Heraclea”. Eigentlich eine unpersönliche Bettenburg. Ich war sehr spät gekommen (21:45 Uhr ). Empfangsduo tat alles, dass ich mich wohl fühlte. Es suchte Platz für mein Fahrrad. Es organisierte im Hotelrestaurant einen Tisch für mich (obwohl das eigentlich für Halbpension ausgelegt war und ich nichts dergleichen gebucht hatte). Mit  anderen Worten: Sehr sehr herzliche Servicekräfte. (50 Euro mit Frühstück.) 

Tag 122 (12.04.2016) / Italien: Brindisi -> Lecce

Strecke: 56 km. (09:30 – 15:30)

Hatte mir (gestern) vorgenommen, mir einen fahrradfreien Nachmittag zu ermöglichen.
War aber zu dabbisch (Pfälzisch!), den kürzesten Weg von Brindisi nach Lecce zu finden. Erst auf der Autobahn gelandet. Schnell wieder runter.
Dann kreuz und quer durch die Landschaft gegurkt. Immerhin war ich allein mit mir unterwegs. Kein Gegenverkehr.

Gerade Linie

Ich schaffte es sogar, eine dicke große schwarze Schlange zu überrollen. Ich merkte es erst, als mein Vorderrad hupfte (Pfälzisch!). Die Schlange erschrak sich noch mehr als ich und schlich sich fix in die Büsche. Sie hatte Glück gehabt. Ich bin ja nicht so schwer wie ein Auto.

Plötzlich Weinbau!
Fleißige Rebenschnitter!

In Reihen

Kam von da der gute Brindisi-Weißwein, den ich gestern Nacht getrunken hatte?

Bald in Flaschen

Interessante Landschaft, leicht hügelig, einen Kilometer Abstand zum Meer. Das konnten gute Tropfen sein, die hier heranwuchsen.

Zwischendurch immer wieder Frühlingsorangerot. Felderweise.

Im Frühlingswind
Im orangenen Frühlingswind

Mein Plan war gewesen: An der Küste langzufahren und dann scharf ins Landesinnere abzubiegen, nach Lecce.
War aber kein guter Plan.
Die Küste verwaist, absolute Geistesdörfer, die darauf warteten, vom Sommer wachgeküßt zu werden.

Leer

Der Umweg hatte sich nicht gelohnt – und ich kam verspätet in Lecce an.

Barockhauptstadt!

Hüterin des Balkons

Selbstverständlich schaute ich mir stundenlang die überladenen Fassaden an. Ich hatte mir gestern schließlich eine Fahrradtherapie verordnet und was sollte ich mit meinem freien Nachmittag anderes tun als Barockornamente anzuschauen. Dafür kommen ja jedes Jahr schließlich Millionen Touristen nach Lecce.

Also tat ich, was alle Männer in Lecce tun: Ich starrte und starrte Barockfassaden an.

Nostalgisch
Drama?

Ich fühlte schnell, dass ich von meiner Sucht geheilt war!

Unterkunft in Lecce: “B&B Idomeneo 63”. Altstadt. Ein wenig verbaut. Zimmer zugestellt. Sehr unpersönlich. (49 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Zimmer untergebracht.

Tag 52 (07.04.2015) / Albanien: Vore -> Vlore

Strecke: 144 km (09:15- 19:15)

Ich fuhr weitgehend Autobahn. Ich ignorierte alle Schilder, die signalisierten, dass hier keine Fahrräder fahren dürfen. Ich war Albaner. Was kümmerten mich Vorschriften. Zweispurig, dreispurig. So viel war nicht los. Gefährlich wurde es nie. Und ein kleiner Streifen am rechten Straßenrand war immer als Ausweichmöglichkeit da.

Ich kam voran wie nie.

Zuerst Durres. Wichtigste Hafenstadt Albaniens.

Nicht prominente Promenade


Zum ersten Mal sah ich im Land der Skipetaren das Meer.

Klar ist das trister Ex-Sozialismus. Kein Malecón, eher eine leicht versiffte Promenade. Noch etwas von den Unwettern der letzten Tage versaut.
Aber überaus nette Promenadencafés – mit zuvorkommendem Service. Hier wird auf die Zukunft gebaut, nicht die Gegenwart bejammert.

Helden-Promenade

Traurige Palmen,  Jubelstatuen …. vieles wirkt noch ein wenig wie aus dem letzten Diktatorenjahrhundert.

Seaside

Der Stadtstrand superlang. Ein wenig ärmlich.

Sea aside

Der Sprung in die Jetzt-Zeit – er wird gelingen!

Old times
Modern times

Kaffeepause in Durres nach einer Viertel-Stunde beendet. Bei der Rausfahrt aus der Hafenstadt einen Rom gesehen, der einen Tanz-Bären an einer Kette durch eine dicht bevölkerte Straße führte. Nicht mal einen Maulkorb hatte das Ungetüm an. Bevor ich die Kamera zücken konnte, war der Bärenbändiger schon in der Menge verschwunden. Mist!

Many rivers to cross

Dann weiter Kilometer gemacht. Den einen nach dem anderen. Das Tretlager strapaziert. Die Strecke war flach, kein Wind, kein Regen. Grau der Himmel, das Meer nicht zu sehen, eher langweilig die Landschaft: Ich wollte wissen, wie weit ich es an so einem Tag schaffen könnte.

Sehr spät, hinter der Kleinstadt Fier, dann plötzlich doch Berge. Ich wählte wieder eine Seitenstraße. Schön die Landschaft. Gebändigte Flüsse …

Weinkulturen …

Too much wine to drink it all

… und immer wieder Olivenhaine, Olivenplantagen, Olivenfelder und Olivenberge.

Unter dem Olivenbaum

Dazwischen albanische Geschichtsfolklore.

Albanian pride

144 Kilometer sollte ich heute schaffen. So viel, wie ich noch nie gestrampelt habe. Ich war am Ende erschöpft – aber ich wurde belohnt:

Mit einer langen Abfahrt und einem unbeschreiblichen Rosa-Sonnenuntergang-Abend-Blick auf das Küstenstädtchen Vlore, das aus einem Olivenhain ins Meer hinauswuchs.

Stadt in der Olivenplantage

Unterkunft: Hotel Martini im Zentrum von Vlore. Außerordentlich nettes Etablissement. Älterer Besitzer (?) spricht etwas Englisch. Sehr sympathisch. Sehr bemüht. 20 Euro mit Frühstück, das richtig gut war. Fahrrad im Foyer untergestellt.

Tag 51 (06.04.2015) / Albanien: Shkodra -> Vore

Strecke: 101 km (08:45- 19:00)

Es musste ja passieren! Nur so dicke, das hatte ich nicht erwartet: Zwei Platten!

Regentag. Was sonst. Trotzdem lief es die ersten Stunden gut. Flache Strecke, kein Wind. Ich konnte Kilometer machen. Sah wenig von der Landschaft außer Wasser…

Braune Suppe, die fließt

… und Industriebrachen.

Braune Steine, die den Sinn verloren haben

Die gut zu fahrende Nationalstraße ging urplötzlich in eine Autobahn über. Für Fahrradfahrer verboten. Da es anfing heftig zu stürmen, suchte ich erstmal Schutz vor Regen und krassen Böen, die urplötzlich aufpeitschten, in einem kleinen Laden neben einer Tankstelle.

Die Verkäuferin, 22 Jahre alt, sprach gebrochen Englisch. Ich fragte sie ein wenig aus. Ihr Englisch hatte sie sich über US-Serien und Filme angeeignet. Ihr Vater weigerte sich, sie auf eine weiterführende Schule zu schicken. Sie solle arbeiten. Sie war sichtlich wütend auf ihn. Sie nannte ihn einen “angry old man”. Sie hatte keinen Freund, würde aber gerne einen kennen lernen. Das könne aber nur heimlich geschehen.
Als ich sie fragte, ob es möglich sei – trotzt Verbotsschild – mit dem Fahrrad die Autobahn zu fahren, lachte sie und meinte, in Albanien gäbe es keine Regeln oder zumindest respektiere niemand welche. Zum Abschied schenkte sie mir zwei Schokoladenplätzchen.

Ich entschied mich – ziemlich deutsch – gegen die Autobahn und fuhr einen weiten Umweg. Zunächst auf einer gut geteerten Straße, die sich aber bald schon in eine kaum zu bewältigende Schlaglochpiste verwandelte.
Es dauerte nicht lange und ich hatte einen Platten.

Zerlegt

Wie immer hinten, da wo es besonders schmutzig und aufwändig wird.
Als ich absattelte und mich an die Arbeit machte, waren sofort zwei drei Leute da. Sie konnten mir zwar nicht helfen, zeigten sich aber besorgt, bedeuteten mit Gesten, dass sie mich zur nächsten Autowerkstätte fahren könnten. Ich dankte, kam irgendwie zurecht. Schlauch ausgewechselt. Rad wieder eingesetzt.

Weiter.

Kaum 10 Minuten später: Die Straße hatte sich jetzt rasend schnell in eine Sumpflandschaft verwandelt. Kein Weiterkommen. Ich zog meine Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und versuchte das Rad durch das albanische Straßen-Watt zu schieben. Sank prompt bis zu den Knien ein. Das Fahrrad beinahe abgetaucht.

Hätte ich nur auf den alten Mann gehört (oder geachtet). Wie aus dem Nichts waren er und ein junger Bub (sein Enkel?) urplötzlich mir gegenüber gewesen. Im Abstand von etwa 20 Metern. Sie hatten (beide!) wild gefuchtelt, wohl um mir zu bedeuten, nicht durch diesen Sumpf zu waten. Ich hatte die Zeichen falsch gedeutet, war zu beschäftigt mit mir selbst. Und nun saß ich fest. Aber die beiden sprangen mir sofort zur Seite, halfen mir, das völlig eingesaute Fahrrad wieder aus dem Morast zu ziehen. Alle drei sahen wir danach aus wie Schweine, die sich im Dreck gesuhlt hatten. Der alte Mann bedeutete mir, dass man an dieser Stelle bis zum Oberkörper einsinken konnte, die Gefahr sei noch nicht gebannt und er ermahnte mich, mein Fahrrad am linken Straßenrand weiter zu schieben, da sei es weniger tief.

Eine Stunde quälte ich mich mit der völlig überfluteten Piste ab, bis ich wieder die Hauptstraße erreichte. Kaum auf sicherem Terrain, hatte ich den nächsten Platten. Wieder hinten.
Erneut war sofort eine Traube von Menschen um mich herum, die mir den Weg zur nächsten Autowerkstätte wiesen. Dort wisse man auch platte Fahrradreifen zu richten.

Stimmt. Sehr freundliche Helfer machten sich gleich an die Arbeit und entdeckten den Übeltäter, der mir die Platten verursacht hatte. Eine winzige, fast mikroskopisch dünne Nadel, die ich beim ersten Wechsel übersehen hatte, hatte den Reifen malträtiert.

Ein wahrer Meister

100 Lek verlangte die Werkstatt für ihren Dienst. Ich gab das Doppelte. Und schämte mich bald dafür. Durch die vielen Nullen beim albanischen Lek war mir nicht sofort bewusst, dass das ein so beschämend niedriger Betrag war. Erst auf dem Rad rechnete ich noch einmal nach und fluchte laut. Umgerechnet 0,75 Cent hatte der Monteur berechnet.

Ein Land lernt man am besten in einer eigenen Notsituation kennen. Dreimal war ich heute auf Hilfe angewiesen und habe dabei großartige Leute erlebt. Unendlich hilfsbereite, freundliche und aufrichtige Menschen.

Der Wind hatte nachgelassen, der Regen nicht. Ich fuhr trotzdem weiter, bis die Nacht kam. Fand am Straßenrand ein Geschäftshotel. Und quartierte mich ein.
So lange geduscht, wie an diesem Abend, habe ich schon lange nicht mehr.

Unterkunft: Hotel Continental in Vore. Geschäftshotel. Gesichtslos. Riesenblock. (50 Euro mit Frühstück, das mit Abstand das schlechteste auf meiner bisherigen Reise war). Fahrrad in der Wäschekammer gelassen.

Tag 8 (20. 9. 2014) / Spanien: Cudillero -> Luarca

Strecke: 52 km  (9:15-14:45)

Das Streckenprofil zu Beginn nicht mehr mit extremen Steigungen. Manchmal sogar lange flache Abschnitte. Dann aber doch wieder das Übliche: Runter bis zum Bach und am anderen Ufer wieder das Gleiche hoch. Tal-Brücken gibt es nur für die Autobahn.
Meine Waden inzwischen doppelt so muskulös.

Luarca

Recht früh in Luarca angekommen. Spektakuläre Lage.

Luarca
Luarca

Hotel in Luarca: La Colmena. Nettes Stadthotel. Eher moderne Einrichtung. Dennoch heimelig. 35 Euro. Fahrrad im Hotelgang untergebracht.