Meer Europa

Schlagwort Archiv: Autobahn

Tag 187 (13.04.2017) / Spanien: Valencia -> Alcossebre

Strecke: 138 km (10:00 -21:00 Uhr)

“Die spanische Mittelmeerküste ist ein einziges Desaster. Eine ästhetische Beleidigung”. Das sagte ich in der Nacht spontan zum Kellner, mit dem ich ins Gespräch über meine Reise gekommen war. Ich war immer noch wütend.

Dabei hatte der Tag entspannt begonnen. Die Ausfahrt aus Valencia war angenehm. Der Jachthafen noch im hellen Dämmerschlaf.

Mondän

Der langgezogene Strand füllte sich erst langsam.

Bürgerlich

Ab dann aber wurde es schlimm.
Das Meer komplett verbaut mit unansehnlichen Hochhäusern und riesigen Hotelkomplexen.Die Strände völlig überlaufen. Nur dort, wo der Strand mehr Kies-Geröll als Sand war, war es leer. Ansehnlich war es aber auch dort nicht.

Proletarisch

Ich hatte vorher bereits in einigen Artikeln gelesen, dass einige Städtchen, die ich heute durchfuhr, von Umweltschützern zu den Orten gezählt werden mit den schlimmste Bausünden und dem höchsten Grad der Bodenversiegelung. Weltweit!

Ich war also gewarnt.
Ich hatte mir auch eine Art Taktik zurechtgelegt, wie ich den Tag schaffen könnte. Einfach stoisch vor mich hinradeln: Zen oder die Kunst ein Fahrrad zu fahren – trotz widriger Umstände.

Und doch schockte mich, was ich sah.
Dazu kam, dass ich allergrößte Schwierigkeiten hatte, einen Weg zu finden. Immer wieder ging die Landstraße in eine autobahnähnliche Schnellstraße über, in der Fahrräder verboten waren.

Selbst mein Navi verlor die Orientierung, lotste mich ins Hinterland und in ein Dead-End. Kein Durchkommen. Zu tief das versuppte Wasser.

Archaisch

So verworren die Wasserpflanzen, so verworren meine Gefühlslage.

Manisch

Nicht mal kleine Oasen der Ruhe konnte mich runterbringen …

Rundlich

… von der Wut, die ich empfand.

Die Sonne war schon längst untergegangen, als ich nach fast 140 Kilometern mein Ziel fand.

Rotrötlich

Alcossebre. Völlig überfüllt. Die Touristen standen vor den Terrassenrestaurants Schlange. Ich hatte allergrößte Mühe, irgendwo einen freien Tisch zu finden.
Und klagte dem Kellner dann mein großes Leid.

Unterkunft in Alcossebre: “Hotel Alegría”. Riesenkomplex. Gesichtslos. Aber freundlicher Service. Fahrrad in Kammer abgestellt. 65 Euro (mit Frühstück).

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 3

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 144 (14.09.2016) / Litauen: Kaunas -> Suwałki (Polen)

Strecke: 119 km (11:00 – 19:00)

Unterkunft in Suwalki: “Hotel Loft 1898. 1 km von der kleinen Altstadt entfernt. Modern. Riesig. Gut. Und günstig. Sehr zuvorkommender Empfang. (39 Euro mit Frühstück.) Fahrrad vor Hotel angekettet.

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Es wurde ein Speed-Day. Sehr spät gestartet. Eigentlich wollte ich noch einen Tag in Kaunas dranhängen. Die Stadt gefielt mir außerordentlich gut. Aber das Hotel war ausgebucht. Ich wartete bis 11 Uhr und dann resignierte ich. Niemand cancelte seine Reservierung. Hatte keine Lust, umzuziehen.
Also auf den Sattel und los.

Ich wusste, es lagen fast 120 Kilometer vor mir.

Ich gab Gas.

Hielt einmal kurz an, um eine wunderschöne Holzkirche zu fotografieren.

geschmackvoll

geschmackvoll

Lange konnte ich die Autobahn nach Polen meiden, fuhr fast leere Landstraßen.
Dann aber doch. Musste auf die Via Baltica. Schlimmer als der frühere Autoput in Jugoslawien. Ein Lastwagen nach dem anderen donnerte in Zentimeter-Abständen an mir vorbei. Manchmal gab es Seitenstreifen, auf denen ich einigermassen sicher fahren konnte, manchmal verschwand er einfach. Und nicht selten hatte ich Angst.
Es gab aber keinen anderen Weg. Und zumindest auf dieser Strecke ist es Fahrradfahrern erlaubt, die Autobahn zu nutzen.

Nur einmal machte ich noch Halt. In Marijampole, dem letzten größeren litauischen Städtchen vor Polen.

Der Zentrale Platz hatte immer noch den Charme eines sozialistischen Aufmarschgebietes.

großflächig 1

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Trotzdem die Stadtverwaltung sich sichtlich Mühe gegeben hatte, den Ort einigermassen wohnlich aussehen zu lassen.

großflächig 2

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Weiter auf dem litauischen Autoput.
Hart!

Die Grenze gegen 17:30 Uhr erreicht. Verlassene, überflüssige Grenzstationen. Ich war in Europa! Schengenraum!
Offene Grenzen. Wie genoss ich das.

leerflächig

leerflächig

Nach rund 1260 Kilometern in zwei Wochen verließ ich das Baltikum. Estland, Lettland, Litauen: Unterschiede können von Spezialisten sicher ausgemacht werden.
Für mich waren es 3 liebenswerte Länder, die erkennbar europäisch ausgerichtet sind. I love it.

Jetzt Polen.

Polen kompakt

Polen kompakt

Bin gespannt, was mich erwartet, jenseits der erwartbaren Marienverehrung an fast jedem Bäumchen.

she loves you, yeah yeah yeah

she loves you, yeah yeah yeah

Tag 52 (07.04.2015) / Albanien: Vore -> Vlore

Strecke: 144 km (09:15- 19:15)

Unterkunft: Hotel Martini im Zentrum von Vlore. Außerordentlich nettes Etablissement. Älterer Besitzer (?) spricht etwas englisch. Sehr sympathisch. Sehr bemüht. 20 Euro mit Frühstück, das richtig gut war. Fahrrad im Foyer untergestellt.

Strecke 0052-Albanien-Vore-Vlore

Ich fuhr weitgehend Autobahn. Ich ignorierte alle Schilder, die signalisierten, dass hier keine Fahrräder fahren dürfen. Ich war Albaner. Was kümmerten mich Vorschriften. Zweispurig, dreispurig. So viel war nicht los. Gefährlich wurde es nie. Und ein kleiner Streifen am rechten Straßenrand war immer als Ausweichmöglichkeit da.

Ich kam voran wie nie.

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Meerpromenade

Zuerst Durres. Wichtigste Hafenstadt Albaniens.
Zum ersten Mal sah ich im Land der Skipetaren das Meer.

Klar ist das trister Ex-Sozialismus. Kein Malecón, eher eine leicht versiffte Promenade. Noch etwas von den Unwettern der letzten Tage versaut.
Aber überaus nette Promenadencafés – mit zuvorkommendem Service. Hier wird auf die Zukunft gebaut, nicht die Gegenwart bejammert.

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Mehr Promenade

Traurige Palmen,  Jubelstatuen …. vieles wirkt noch ein wenig wie aus dem letzten Diktatorenjahrhundert.

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Seaside

Der Stadtstrand superlang. Ein wenig ärmlich.

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See aside

Der Sprung in die Jetzt-Zeit – er wird gelingen!

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Old times

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Modern times

Kaffeepause in Durres nach einer Viertel-Stunde beendet. Bei der Rausfahrt aus der Hafenstadt einen Roma gesehen, der einen Tanz-Bären an einer Kette durch eine dicht bevölkerte Straße führte. Nicht mal einen Maulkorb hatte das Ungetüm an. Bevor ich die Kamera zücken konnte, war der Bärenbändiger schon in der Menge verschwunden. Mist!

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many rivers to cross

Dann weiter Kilometer gemacht. Den einen nach dem anderen. Das Tretlager strapaziert. Die Strecke war flach, kein Wind, kein Regen. Grau der Himmel, das Meer nicht zu sehen, eher langweilig die Landschaft: Ich wollte wissen, wie weit ich es an so einem Tag schaffen könnte.

Sehr spät, hinter der Kleinstadt Fier, dann plötzlich doch Berge. Ich wählte wieder eine Seitenstraße. Schön die Landschaft. Gebändigte Flüsse …

Weinkulturen …

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much wine to drink

… und immer wieder Olivenhaine, Olivenplantagen, Olivenfelder und Olivenberge.

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Unter dem Olivenbaum

Dazwischen albanische Geschichtsfolklore.

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Albanian pride

144 Kilometer sollte ich heute schaffen. So viel, wie ich noch nie gestrampelt habe. Ich war am Ende erschöpft – aber ich wurde belohnt:

Mit einer langen Abfahrt und einem unbeschreiblichen Rosa-Sonnenuntergang-Abend-Blick auf das Küstenstädtchen Vlore, das aus einem Olivenhain ins Meer hinauswuchs.

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Stadt in der Olivenplantage

 

Tag 8 (20. 9. 2014) / Spanien: Cudillero -> Luarca

Strecke: 52 km  (9:15-14:45)

Cudillero -> Luarca

Das Streckenprofil zu Beginn nicht mehr mit extremen Steigungen. Manchmal sogar lange flache Abschnitte. Dann aber doch wieder das Übliche: Runter bis zum Bach und am anderen Ufer wieder das Gleiche hoch. Tal-Brücken gibt es nur für die Autobahn.
Meine Waden inzwischen doppelt so muskulös.

Luarca

Recht früh in Luarca angekommen. Spektakuläre Lage.

Luarca
Luarca

Hotel in Luarca: La Colmena. Nettes Stadthotel. Eher moderne Einrichtung. Dennoch heimelig. 35 Euro. Fahrrad im Hotelgang untergebracht.

Tag 1 (13. 9. 2014) Spanien: Bilbao -> Laredo

DER ANFANG MEINER EUROPA-UMRUNDUNG AUF DEM RADSATTEL IST GEMACHT!

Samstag, 11 Uhr, 13. September. Bilbaos Guggenheim-Spinne spuckte mich an (können Spinnen spucken?) und ich setzte mich leicht angewidert in Gang.

Wobei: Der Anfang war eigentlich gestern. Gestern war ich gegen Mittag in Bilbao angekommen, hatte auf dem Flughafen mein Fahrrad zusammengebaut, alles angeschirrt und war blauäugig Richtung Innenstadt aufgebrochen. Es folgte das Unvermeidliche: Zum ersten Mal auf einer längeren Radtour, keine Ahnung wie hoch baskische Berge sein konnten, nicht genügend Wasser dabei, enorme Mittagshitze, nirgends Schatten und überhaupt keine Vorstellung davon, dass ein Fahrrad mit ziemlich viel Gepäck fast einen Zentner wiegt – und der ist bergauf ziemlich schwer zu bewegen.

Also: Erst den Weg nicht gefunden (es schien als führten nur Autobahnen ins Zentrum von Bilbao), dann extrem steile Waldwege gegangen, Handy-Navi verflucht und Kreislaufzusammenbruch schon ein paar Stunden nach der Ankunft. Komplett! Stundenlang am Straßenrand gelegen und nach Luft geschnappt. In der Nähe war eine Straßenbaustelle und alle halbe Stunde kam ein Arbeiter bei mir vorbei, um zu sehen, ob ich noch zappelte.  Die Fassung nur langsam wiedergefunden. Erst nach Stunden in meinem Hotel angekommen.

Am nächsten Morgen dann los.

Dass ich oft mehr neben dem Fahrrad als auf dem Sattel war, will ich (auch wenn es Steigungen von über 10% waren) nicht verhehlen. Ich kam aber voran.

Castro Urdiales
Oriñon
Oriñon
Laredo

Strecke: Bilbao – Laredo  58 km  (11:00 – 18:00)

Spanien: Bilbao -> Laredo

Hotel in Laredo:  “El Cortijo” / 44 Euro / Schöne, freundliche und sehr komfortable Unterkunft. Fahrrad in abgeschlossenem Innenhof untergestellt.