Meer Europa

Schlagwort Archiv: Bauernhof

Tag 298 (27.06.2019) / Finnland: Kemi -> Rovaniemi

Strecke: 120 km (08:45 – 19:15 Uhr)

 

Karg.

Aber nicht einsam.

Immer wieder Bauernhöfe und größere Siedlungen. Alle entlang eines Flusses, der oft gestaut wird.

An manchen Stellen seen-haft schön.

Immer wieder Wasserkraftwerke. Aber bei diesem erschloss sich mir nicht, was diese Rutsche rauf oder runter sollte.

Der Wind blies heftig aus Nordwest. Also mir frontal ins Gesicht. Er erschöpfte mich.

Dabei sah der aufgestaute Fluss so still aus.

Ich brauchte lange, um in die Hauptstadt Lapplands zu gelangen.

Rovaniemi : eine moderne Kleinstadt, 6 Kilometer vor dem Polarkreis. Von hier aus starten die Abenteurer. Abenteuer in dieser Provinz-Stadt gibt es kaum.

Tag 295 (24.06.2019) / Finnland: Kokkola -> Raahe

Strecke: 128 km (09:45 – 20:15 Uhr)

Die Tage häuften sich, an denen ich jeweils deutlich über 100 Kilometer zurücklegte. Das lag sicher an den eher leichten Routen: Boden-Wellen kaum höher als 20, 30 Meter. Oft Gegenwind, aber selten stark.

Und es lag daran, dass nicht wirklich viel zu sehen war. Ich folgte (zwangsläufig) der Bundesstraße E8. Sie verlief küstennah, berührte das Wasser aber selten. Die Ostsee bekam ich tatsächlich nur wenig in den Blick. Und wenn ich mal eine Stichstraße zu ihr nahm: Sie glich sich an vielen Stellen. Kein offenes Meer – die See glich eher einem Netz miteinander verbundener Teiche und täuschte so fast ein wenig Harmlosigkeit vor. Überall in den kleinen Buchten lugten (Fertig-)Holzhauser mit ihren kleinen Holzanlegern ins Wasser.

Aber immerhin: ab und zu ein schöner Bauernhof.

Und ab und zu sogar mit einem noch schöneren Café im Innenhof. In einem trocknete ich meine nass geschwitzten T-Shirts und machte kurz Rast.

Und dann doch die Überraschung. Nahe Kalajoki: ein, zwei Kilometer lang offene See! Mit vorgelagerten Dünen. Herrlich.

Das Licht leider superhart. Mittagszeit.

Ich stolperte ein wenig durch den Sand.

Braun-Blaues-Farbenspiel.

Noch brummte die Saison nicht.

Die modern-futuristischen Strandhotels fast völlig leer.

Danach war die einzige optische Auflockerung auf der Fahrt ein Fluss, der, obschon kurz vor der Mündung, noch ein Mal Stromschnellen spielte.

Schließlich (nach einigen weiteren Stunden auf dem Sattel) in Raahe angekommen. Ein kleines Städtchen, das man nicht gesehen haben muss.

Ich hatte nach der Ankunft enorme Schwierigkeiten, etwas Essbares zu finden. Landete schließlich in einem Pub. Es war dort wie so oft: Saufen oder an einarmigen Banditen Geld verlieren.

Die Menükarte war nicht zu übersehen. Das Angebot äußerst überschaubar: alles, was sich aus dem Gefrierfach direkt in die Mikrowelle schieben ließ. Ich aß Muikkukori – gebratene Sardellen. (Hab übrigens nach dem finnischen Wort gegoogelt. Das schafft der Internetriese nicht, eine angemessene Übersetzung zu liefern. Es lebe Finnisch!)

Geschmack? Na ja – sättigend.

Tag 292 (21.06.2019) / Finnland: Pori -> Pjelax

Strecke: 153 km (09:00 – 01:15 Uhr)

Jede Etappe hat ihren “Drama-Tag”. Dieses Mal kam er ziemlich früh. Es war Mittsommer, die Finnen feierten im ganzen Land die Sonnenwende und machten einfach alles zu: Geschäfte, Restaurants und Hotels. Auf meinem Internet-Portal, auf dem ich täglich meine Unterkunft buchte, wurde mir im Umkreis von über 200 Kilometern kein einziges freies Bett angezeigt. Ganz ernst nahm ich das nicht, dachte, irgendetwas würde sich unterwegs schon finden.

Gut gelaunt steuerte ich zunächst den Strand von Yyteri an, mit einer – für die Ostsee – überaus beeindruckenden Dünenkulisse.

Es war aber kaum etwas los. Schon gar keine Sonnenwendfeier. Dafür kam ein strammer Herr mit stolzem Bauch auf mich zu und redete wild gestikulierend und ohne Unterlass auf mich ein. Ihn störte auch nicht, dass ich signalisierte, kein Wort zu verstehen. Er forderte mich mit Hände, Gesten und verständlichen Worten auf, ihn zu fotografieren und erzählte mir eine finnische Geschichte, von der ich nie erfahren werde, ob sie interessant war. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich verabschiedete mich freundlich. Und hörte beim Weggehen wie er seine Erzählung immer weiter ausspann.

Es blies ein kalter Wind.

Trotz Dauersonnenenschein war es eher kalt und sehr diesig. Der lang gezogene Strand ziemlich leer.

Auch in den Dünen hielt sich kaum jemand auf.

Ich sattelte mein Fahrrad, fuhr – jetzt schon Mittag – weiter Richtung Norden.

Die Straße brückte sich zu Inseln, die der Küste vorgelagert waren. Manchmal wirkte die Ostsee wie eine Gruppe miteinander verbundener Teiche.

Ich hatte schon fast 100 Kilometer in der Beinen (es war später Nachmittag) und immer noch nirgends eine offene Unterkunft entdeckt.

Unterwegs: ein alter hölzerner Glockenturm …

… mit einer beindruckenden Almosenfigur neben der Tür. Sie zeigte mir den Weg zum Heimatmuseum von Siippy.

Mit Fischerhütte, Bauernhof, Windmühle …

und alter Gaststätte, die (natürlich) zu hatte.

Am kleinen (fast schon mondänen) Dorfhafen traf ich ein frustriertes junges finnisches Paar, das hierher geradelt war, weil es glaubte, dass es an diesem Ort eine große Sonnenwend-Party geben sollte. Jetzt war es ziemlich enttäuscht.

Die beiden suchten auf dem Handy nach Informationen, fanden aber keine Erklärung. Sie hatten aber immerhin Proviant, Schlafsack und Isomatte dabei und brauchten sich um eine Unterkunft (die es nicht gab), keine Sorgen zu machen.

Entlang der Küste in jeder noch so kleinen Bucht ein schönes Ferienhaus mit akkurat gepflegtem finnischen Rasen und Holzstühlen am Ufer, auf denen es sich bald die Hobbyangler bequem machen würden (die finnische Sommer-Ferien-Saison beginnt.

Ich hatte beschlossen, das Städtchen Kristinestad anzusteuern, in der Hoffnung, dort – nach gut 135 Kilometern Strampeln – eine Bleibe zu finden. Immerhin fand ich unterwegs eine offene Tankstelle, in der ich mich mit Wasser und etwas Essbarem eindecken konnte. Ein Herr (Rentner?) mit Cowboy-Hut und Cowboystiefeln näherte sich mir interessiert. Er sprach recht gut deutsch und erklärte mir, dass er lange in Australien gelebt und beruflich die ganze Welt bereist habe. Zeitweise auch in Deutschland gearbeitet habe. Ich fragte ihn ein wenig aus über die Sommersonnenwende und er erzählte mir, dass er am Morgen in Siippy gewesen sei und dort ein “riesiger” Event stattgefunden habe. Mit Feuer, Tanz, traditionellen Liedern. Sogar eine Gruppe Asylsuchender sei von den Organisatoren eingeladen worden. Ich mussten an das frustrierte Pärchen denken, dass sich also ganz offensichtlich in der Tageszeit getäuscht hatte.

Die letzten 10 Kilometer nach Kristinestad taten mir weh. Es war hügelig, ich war müde und als ich über eine langgezogene Brücke in das Städtchen einfuhr, war es bereits 9 Uhr abends. 3 Hotels gab es in der schönen Altstadt. Alle 3 hatten Schilder an den Toren: Rund um Mittsommer geschlossen. Ich klapperte mit Hilfe meines Handy-Navis Restaurants ab – ich hatte Hunger und Durst – alle geschlossen. Die Straßen wie leergefegt.

Der finnische Sommergott hatte aber Erbarmen mit mir und führte mich zu einem Pub, das tatsächlich auf hatte und aus dem laute Musik dröhnte.

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und überlegte, was zu tun. Hier die Nacht verbringen (das Türschild zeigte immerhin an, dass bis 4 Uhr morgens offen sein würde) und dann am Morgen an irgendeinem Strand schlafen?

Ich saß kaum richtig, schon gesellte sich ein sympathischer Koloss zu mir. Er kippte seine zahlreichen Biere schneller als ich eines schlucken konnte, erkannte sofort, dass ich ein Deutscher war und wollte in meiner Sprache mit mir reden. Er hatte viele Jahre auf der Kölner Messe gearbeitet, war jetzt pensioniert und vermisste ganz offensichtlich seine zweite Heimat. Immer wieder suchte er nach (deutschen) Worten, wurde mit jedem weiteren Bier sentimentaler, öffnete mir sein Herz. Er erklärte mir Finnland, das eingeklemmt zwischen Schweden (“arrogant”) und Russen (“grobschlächtig”) seinen unabhängigen Weg suche.

Er hatte Tränen in den Augen und irgendwann bemerkte ich, dass sie sich zu einem Rinnsal verdichteten, das stetig in sein Bier tropfte und es versalzte. Dann stand er urplötzlich auf (beeindruckende Größe!) umarmte mich warmherzig und machte sich auf den Weg nach Hause.

Kaum war der Platz neben mir leer, war er schon wieder besetzt. Eine ebenfalls beeindruckende Gestalt in Jägerklamotten hatte sich zu mir gesellt.

(Sollte mich irgendein göttliches Wesen ein zweites Mal in dieses Leben lassen, so sollte es mir dann unbedingt die Gabe verleihen, mir Namen merken zu können. In diesem ersten Leben gelingt es mir einfach nicht.)

Auch er sprach einige Brocken Deutsch. Er hatte vor vielen Jahren in Travemünde gearbeitet. Jetzt war er in Rente, war seit 5 Jahren clean – hatte früher “einfach zu viel getrunken”. Schluss damit.

Und er war gerührt, wieder mit jemandem Deutsch sprechen zu können. Er fragte mich aus, gab mir Tipps für die Weiterfahrt und stand gegen 23 Uhr auf. Er war melancholisch, umarmte mich und verabschiedete sich in die (taghelle) Nacht.

Die Stimmung in der Kneipe mittlerweile aufgeheizt. Eine Dorfband befeuerte das Publikum, von dem die eine Hälfte schon im Vollrausch war.

Die andere würde sicher bald folgen.

Der bullige Thekenwirt packte im Minutentakt gehunfähige Gefährten am Kragen und beförderte sie auf die Straße.

Auch das über ihrem (letzten) Bier eingeschlafene Mädchen musste den Pub verlassen.

Ich ging ebenfalls. Draußen zeigte eine Uhr an, dass gleich ein neuer Tag beginnen würde. Die Sonne war gerade untergegangen. Die Dämmerung hatte eingesetzt.

Eine Dämmerung, die aber in keine Nacht leitete, die nur zwei helle Tage miteinander verband. Ich beschloss, noch eine Weilte weiter zu radeln. Aber das ist ja schon die Geschichte vom nächsten Tag.

Tag 288 (17.06.2019) / Finnland: Tammisaari – Karuna

Strecke: 83 km (10:15 – 18:45 Uhr)

Da war sie plötzlich – die wilde Landschaft.

quirlig

Ja, aber was heißt wild? Ein paar Stromschnellen?

strudelig

Ich hatte die Hauptstraße verlassen, fuhr geschotterte Nebenwege. Legte eine Pause an einem verwunschenen Ort ein. (Kaum 500 Meter von einem Bauernhof entfernt.)

in sich ruhend

Nur: Die Wildnis war vorgetäuscht. Ich bewegte mich immer noch in einer Kulturlandschaft, in der Natur intensiv bewirtschaftet wurde. Das wuselige Bächlein entspannt sicher ein paar aufgeregte Großstadtnerven. Aber wild?

ab- und gut gelegen

Eher gezähmt.

Und ich war doch froh, mich hier zu bewegen. Reif fürs Wilde bin ich auf dieser Tour noch nicht. Ich plage mich mit einer hartnäckigen Sinusitis. (Wieviel Liter Schleim kann ein Mensch am Tag produzieren? Verliere ich durch das Ausspucken spürbar an Gewicht? Kiloweise? Wenn es hier schon keine Apotheke gibt, warum können Google/Siri/Alexa mir hier draußen nicht antworten und helfen?)

Schöne Stimmung, verhältnismäßig früh am Tag. Das Licht wurde weicher.

gesegnetes Feld

Kurz vor 19 Uhr in einem 4 oder 5 Häuser Kaff angekommen.

seerosengeweihtes Wasser

Eines davon mit einer Bed&Breakfast-Pension mit angeschlossenem Restaurant und Kiosk. Grandioser Schuppen ganz aus Holz. Ehemaliger Bauernhof. Im Alleinbetrieb von einer quirligen Frau gemanagt. Als ich (zu spät) den Gastraum betrat (eigentlich schließt das Haus um 18 Uhr), war sie in der Küche beschäftigt (um ein Essen für ein Bauerntreffen am folgenden Tag vorzubereiten) und fragte mich, ob ich Zeit habe. Sie könne sich jetzt nicht um die Aufnahme kümmern, ohne etwas kaputt zu kochen. Sie drückte mir eine Flasche Bier (nahegelegene kleine Craft-Brauerei) und ein abgepacktes Schinkensandwich in die Hand und verschwand wieder für eine halbe Stunde. Danach kam sie, schüttete mich Fragen zu (woher ich komme, was ich mache, ob ich Familie habe), um gleich von sich selbst zu reden. Überaus sympathisch. Sie liebt den Sommer und würde gerne im Winter nach Italien auswandern. Die finnische Winter-Dunkelheit sei ihr zuwider. Sie bot mir zwischendurch an (obwohl die Küche schon zu hatte), mir “the world best Burger” zuzubereiten. Sie merkte mein Zögern (obwohl ich ordentlich Hunger hatte) und schob nach: Das Beef stamme aus einer Ökofarm ganz in der Nähe, das Chutney, das sie benutze, habe sie selbst zubereitet – und das Brot überhaupt, und ob ich eher ein dickes Bratlet bevorzuge (Medium zubereitet – noch saftig selbstverständlich) oder eher das dünne, trockene bevorzuge.

Das dicke fette schmeckte wirklich gut (obwohl ich selten Burger esse und somit kein Experte bin). Erst als der letzte saftige Krümel vertilgt, erst als das nächste (nochmal Lager) und übernächste Bier (diesmal braunes Craftbier) geschluckt war, drückte sie mir die Schlüssel in die Hand. Geschätzt eineinhalb Stunden nach meiner Ankunft.

Heute war ich ihr einziger Gast. Ich hatte das ganze Haus für mich (sie ging sehr früh schlafen). Ich fiel erschöpft ins Bett – draußen war es immer noch hell. Und der Vorhang dunkelte das Fenster nicht wirklich ab. Ich kann bei Tageslicht nur schlecht schlafen. Was also tun? Zeit abschaffen? Wenigstens die Uhrzeit?

Tag 258 (10.04.2018) / Rumänien: Jurilovka -> Murighiol

Strecke: 63 km (09:00 – 14:30 Uhr)

Ich bremste mich selbst ab. Statt schneller Strecken, vergnügte ich mich mit langsamen Dorfdurchfahrten. Weit wollte ich nicht kommen, höchstens ankommen. Irgendwann.

Jurilovka präsentierte mir am Morgen seine schönsten Straßenrand-Häuser mit Frühlicht.

Sinn für Farbe

Ich hätte eigentlich jedes Haus fotografieren können.

Sinn für verblasende Farben

Beschränkte mich aber auf 3 nebeneinander liegende Anwesen.

Sinn für alte Farben

Die Landschaft wellig – mit lang langen Alleen.

Licht am Ende des Tunnels

Ich dachte, je näher ich dem Donaudelta komme, umso flacher die Strecke. Weit gefehlt.
Fast mittelgebirgsmäßige Anstiege. (In Wahrheit nicht mehr als jeweils 100 Höhenmeter – aber subjektiv ging’s steil hoch.)

Und Abfahrten natürlich, die mich immer wieder zum Anhalten zwangen. Zu schöne Aussichten.

wohin führt die Straße ?

Im nächsten Dorf ein Bauernmuseum.

Time I remember

Ein typischer Bauernhof aus dem Jahr 1900, liebevoll restauriert und konserviert.

on top

grounded

Ob noch jemand im Dorf diese Webkunst beherrscht?

einladend

Feine Stoffe und Teppiche.

Stilleben mit Puppen

kann das noch jemand im Dorf?

Zu welchem Anlass trug Frau solche Schlappen?

bestimmt keine Arbeitslatschen?

Arm war der Besitzer dieser Kutsche sicher nicht.

für die Sonntagsfahrer

Das Dorf selbst alles andere als museal. Viel Leben auf der Straße. Frauen in Kopftücher, die Einkäufe erledigten. Alte Männer wild gestikulierend im Schatten. Und vor vielen Häusern saßen Paare einträchtig auf der Bank vor ihrem Haus und schauten interessiert dem Treiben zu.

sehr lebendig

Wieder raus aus dem Dorf und weiter. Immer wieder kleine Lagunen.

wassersatt, natursatt

Kleine Binnenseen.

Froschsicht

Ich hatte das Delta erreicht. Murighiol. Ein kleines Fischernest, das noch ziemlich eingemottet wirkte. Ich erlebte aber einen Glückstag. Ich fand eine Unterkunft mit einem Besitzer, der mir versprach, mich morgen mit seinem Boot den ganzen Tag durchs Delta zu kutschieren.
“You are a lucky guy” – sagte er mir. Woher er das wußte?

Unterkunft in Murighiol: Casa Badea. Mitten im Dorf. Sehr sympathische Privatunterkunft. (3, 4 Zimmer). Schöner Garten mit Terrasse. Super Besitzer, der auch Ausflüge im Delta selbst organisiert und durchführt. (Er hat dafür ein Boot, das ein halbes Dutzend Gäste transportieren kann.) 30 Euro (ohne Frühstück).

Tag 182 (08.04.2017) / Spanien: Mojácar -> Cartagena

Strecke: 122 km (10:00 – 20:30 Uhr)

3 Stunden gefahren und dann um die Mittagszeit mich mit einem eiskalten Bier gestärkt. Gerade hatte ich Andalusien verlassen und war in die Region Murcia hineingefahren. Ich wusste, gleich hinter Aguila würde ein steiler Aufstieg alles von mir fordern.

Geschafft

Der Berg kostete mich eine Stunde. Dann wieder ab ins Tal. Auch hier erneut Agro-Business. Aber mit nicht ganz so vielen Gewächshäusern. Das Gepflanzte wurde wie Spargelreihen mit Plastik eingehüllt.

Geschlaucht

Überall Saisonarbeiter. Die sich nicht gerne fotografieren lassen wollten.
Diese erlaubten es mir, aber nur mit dem Handy.
(Das sieht nicht so “gefährlich” aus wie meine Spiegelreflex.)
Ob sie den Mindestlohn bekommen? Gut behandelt werden? Eine menschenwürdige Unterkunft haben?

Gestrandet

Ich hatte mir eigentlich für diese Etappe vorgenommen, nicht über Politik nachzudenken. Mich nur auf die Reise und meine Eindrücke zu konzentrieren. Ich schaffte es nicht.
Nicht wegen der Migranten, die ich unterwegs immer wieder sah.
Ich las (fast) jeden Tag Zeitung (“El País”). Terror in Schweden, Giftgas in Syrien, US Bombardement eben dort, Klassenkampf in Venezuela, Tote im Mittelmeer. Der Horror hörte gar nicht mehr auf.
Kann man in solchen Zeiten überhaupt noch unbeschwert (und ohne schlechtes Gewissen) Urlaub machen?

Ich wusste nicht, was ich denken sollte.
Ich fuhr durch eine spanische Gegend, in der die kleinen Bauernhöfe verschwanden…

Windfraß

… die Agrarbarone die Landwirtschaft unter sich ausmachen, Lebensmittel zu industriellen Erzeugnissen umdefinieren. Aber immerhin – hier gibt es Arbeit für die, die welche suchen/brauchen (Migranten).

Ich ließ das Denken sein und konzentrierte mich wieder auf das Naheliegende.

Berge fressen, um ans Ziel zu kommen.

Und wieder …
geht’s …
bergauf

Cartagena müde noch kurz vor Sonnenuntergang erreicht.
Die Stadt vibrierte. Die Feierlichkeiten der Semana Santa waren in vollem Gang. Die Straßen auch nachts noch rappelvoll. Die Kellner der unzähligen Kneipen rannten wie um ihr Leben. Ich hatte Mühe, etwas zu trinken zu ergattern.

Unterkunft in Cartagena: Hotel Los Habaneros. Modern. Am Rande der Altstadt. Komfortabel. Etwas mürrischer Service. Fahrrad in Kammer untergestellt. 42 Euro (ohne Frühstück).

Tag 162 (19.03.2017) / Portugal: Lissabon -> Alcácer do Sal

Start zur 6. Etappe meiner Europa-Umrundung.
Sie soll mich von Portugals Hauptstadt aus rund um die iberische Halbinsel führen. Vielleicht bis Barcelona.
Vor den Start hatte ich noch 2 Tage Lissabon–Aufenthalt gehängt.
Das Zentrum bezaubernd – gleiche herzliche Empfindung wie das letzte Mal auch.

Und die Stadt ebenso überlaufen. Es wurde mir schnell zu viel, zu voll.

Konserviert

Lisboa wie eine riesige Sardinenbüchse. (Wobei das genau die neueste Mode ist: eingelegter statt frischer Fisch. Ölsardinen. Dosenkunst in tausend Variationen.)

Frau am Konservenfließband

Am Sonntag schließlich die 6. Etappe gestartet.
Der erste Tag zum Einrollen:

Strecke: 77 km (08:00 – 17:00 Uhr)

Frühmorgens mit der Fähre den Tejo überquert.

Fluss wie Meer

Obwohl immer noch Lissabon, wirkten die Vorstadt-Viertel schon sehr ländlich.

Malerisch gelegener Vorort
Trockenwäsche

29 Kilometer bis Setúbal geradelt und dort die zweite Fähre genommen, diesmal um über die Flussmündung des Sado zu gelangen.

Nur fort!

Kilometerlanges Naturschutzgebiet um Troia. Und trotzdem unzählige Bötchen mit Hobbyfischern. Manche sogar in Tretbooten unterwegs. Alle mit Angel und Netz bewaffnet.

Paddelfischer

Grandiose halbwüstenähnliche Dünen-Landschaft.

Hingedünt

Kilometerlange Sandstrände. Kilometerlanger Sonnenschein. Doch noch keine Sommergefühle. Immer wieder attackierten mich die Arbeitseindrücke der letzten Monate:
TrumpIlliberaleDemokratieKaczyńskiKeineninteressiertSyrienUndundund…
Ich will versuchen diesen toxischen politischen Feinstaub abzuschütteln. Mich nur auf die Reise zu konzentrieren.

Die Welt hinter mir eine Kugel
Gestrandet
Gefußelt

Storchennest Comporta.

Schau immer nach oben!
Deswegen

Hier verließ ich die Küste und begleitete den Sado flußaufwärts und landeinwärts. Unterwegs immer wieder traditionelle und vor allem kleine Bauernhöfe. Manche Scheunen strohbedeckt.

Unten wohnen die Menschen

In Carrasqueira haben Fischer ihre kleinen Arbeits-Hütten auf Stelzen ins Marschland gepflockt.
Pittoresk.

Fishermen’s Haus 1
Fishermen’s Haus 2
Fishermen’s Haus 3 & 4
Fishermen’s Stelzen 1

Mittlerweile weiß der Ort den optischen Schatz auch in touristische Münzen umzusetzen. Scharen von Hobby-Fotografen und Birdspottern.

Früh am Abend, lange vor Sonnenuntergang, mein Ziel erreicht: Alcácer do Sal.
Attraktives Städtchen mit ein zwei guten Restaurants.

Coming home

Unterkunft in Alcácer: “Hotel A Cegonha”. In der kleinen Altstadt. Familiengeführt. Groß. Sehr netter und bemühter Empfang. Zimmer ein wenig kalt. Fahrrad in Garage untergebracht. 50 Euro (mit Frühstück).

Tag 132 (02.09.2016) / Estland: Haapsalu -> Pärnu

Strecke: 125 km (09:15 – 18:30)

Unterkunft in Pärnu: “Villa Wesset”. Stilvolles Hotel mit Restaurant. (40,50 Euro mit sehr reichhaltigem Frühstück.)  Fahrrad in Hinterhof angekettet.

T0132-Estland-Haapsalu-Pärnu

Am frühen Morgen den Strand von Haapsalu besucht. Naturbelassen!

Sadtschilf

Sadtschilf

Brücke zum Stadtschilf

Brücke zum Stadtschilf

Haapsalu ist ein Kurort mit Kursaal, Konzertmuschel und Bädern.

Kursaal

Kursaal

Schön verschlafen.

Sonne muss noch wachküssen

Sonne muss noch wachküssen

Erst jetzt entdeckte ich an der Front des Lokals, in dem ich gestern Abend gespeist hatte, ein Gemälde:
ziemlich unverblümt.

Devil without disguise

Devil without disguise

Spektakulär ist das estnische Hinterland nicht. Aber ungemein beruhigend. Auf den Straßen so gut wie kein Verkehr. Um mich herum Wald und ab und zu ausgedehnte Viehweiden.

standhaft

standhaft

Ich fuhr stundenlang, ohne Menschen und Ansiedlungen zu sehen.
Manchmal ein verlassener Bauernhof.

ausgestanden

ausgestanden

Und wenn ein Winz-Dorf (halbes Dutzend Häuser), dann gleich auch ein Friedhof (Hunderte von Gräbern).
Und seltsam: um die christliche Grabkapelle häufig heidnische Findlinge. Ob hier immer noch der Gnomen- und Feen-Glaube grassiert?

Abgestellte Kreuze

Abgestellte Kreuze

Und nur ganz selten eine Gelegenheit etwas einzukaufen. Fast hätte ich nicht erkannt, dass es sich um einen Lebensmittelladen handelte.

Man muss es wissen

Man muss es wissen

Die ersten zwei Tage in einem neuen Land heißt es für mich erst einmal – in mir Vertrauen aufbauen. Verstehen, wie der Verkehr funktioniert- ob Autofahrer rüde sind. Checken, ob ich das Fahrrad kurz unbewacht lassen kann, zum schnellen Einkauf in einem Geschäft, zum Fotografieren in Dünen. Ausgucken, wo ich mich unterwegs mit Lebensmitteln und Trinkwasser eindecken muss. Begreifen, wie die Bar-Riten sind, um sich ein anständiges Bier vom Faß zu besorgen.

In Estland war das nach einem Tag getan. Ich fühlte mich von Anfang an absolut sicher und da so gut wie jeder ein paar Brocken Englisch verstand, kam es auch nicht zu Verständigungsproblemen.

Ich deckte mich in dem Dorfladen mit zwei Flaschen Wasser ein.

Überraschend viele Bäche suchten den Weg zur Ostsee

Anfang-September-Farben

Anfang-September-Farben

Die Straße schon lang nicht mehr asphaltiert, aber gut befahrbar. Kaum Schlaglöcher.

Roll on

Roll on

Ich musste aber öfters Pause machen. Ich merkte, dass ich noch keine Energie für lange Strecken hatte.

ausgerollt

ausgerollt

Ihn kannte ich bisher nur vom Hörensagen: den “Hunger-Ast”.
Aber eine Stunde vor meinem Ziel, in einem kleinen Ort und schon mehr als 120 Kilometer in den Beinen, signalisierte mir mein Körper: Schluß! Ich hatte selbst zum Absteigen vom Rad kaum Kraft. Mir war schwindlig.
Ich brauchte dringend etwas, um mir Energie zuzuführen. Hatte aber nichts dabei.
Zum Glück sah ich einen Apfelbaum, der ein paar Äste über Nachbars Zaun geworfen hatte.
Ich stibitzte mir 2 ziemlich saure Exemplare und verwandelte sie kauend/schluckend in Sekunden in pure Energie.

Ich schaffte es danach noch bis zum meinem Tagesziel: Pärnu.

Baltisches Gelb

Baltisches Gelb

Baltisches Grün

Baltisches Grün

In der Fußgängerzone begrüßte mich ein estnisches Gesangduo.

Baltischer Gesang

Baltischer Gesang

Und sang mir zu Ehren drei Worte auf Deutsch:
“Du HASST MICH!”

Tag 89 (27.10.2105) / Frankreich: Le Conquet > Guissény

Strecke: 75 km. (09:15 – 18:15)

Unterkunft bei Guissény: Auberge de Keralloret. Etwas versteckt, 4 km landeinwärts. Umgebauter Bauernhof. Sehr friedliche Stimmung. Superfreundliche Patronin. Starke (und gewichtige) Frau. Sie war stolz auf ihren Laden. Im angeschlossenen kleinen Restaurant: nur Hausgemachtes. Eine Wucht! Ich war begeistert von der Unterkunft. (69 Euro ohne Frühstück).

T00089

Im Reiseführer wurde Le Conquet als eher belanglos beschrieben.
Manchmal schreiben auch Kenner Blödsinn. Le Conquet ist schön gelegen,

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Bei Ebbe wird niemals geputzt

hat neben einem relativ großen Hafen einen kleinen netten Dorfkern mit ein zwei guten Restaurants und einen Markt,

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Lebendwaage

der viel Frischware anbietet und den die Einheimischen zahlreich besuchen.

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Gemüse und Obst fürs Auge

Fremde hab ich hier keine gesehen.

Von Le Conquet bin erst einmal gegen meine Fahrtrichtung geradelt. Knapp fünf Kilometer südlich liegt “Saint Mathieu”. Für die Bretonen ist hier das “Ende der Welt”. Finistère.

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End of the world

Ich war schon an so vielen Orten dieser Welt, die sich “Ende der Welt” nennen, doch merkwürdigerweise nistete sich hier tatsächlich das Gefühl ein, das Weltende erreicht zu haben.
Ich habe lange darüber nachgedacht, warum, und hab’ nur eine Erklärung gefunden.
In diesem Landstrich (der sich offiziell Finistère nennt) wirkt vieles Sehr Sehr Schwer. Die Granit-Steinhäuser, die Granit-Wegkreuze an jeder Ecke, die Granit-Kalvarienberge, die Granit-Kirchen….

Granit, Granit … Ein Stein für die Ewigkeit und genauso für die Endlichkeit. (Und sei es nur die Angst vor ihr.)

Auf dieser Gegend lastet eine Schwere – wie ein Schutz gegen das Ungeheuer Meer. Da draußen kann es jeden sofort verschlingen: End of the world.

Dafür war es heute ziemlich friedlich.

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Klippenpracht

Am Morgen hatte es noch stark geregnet. Dann aber kämpfte sich die Sonne zurück und zwang das Wetter wieder freundlich-herbstlich zu sein. Ein bisschen jedenfalls.

Riesige Strände.

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Weißer Strand

Kein Mensch.

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Weißer Strand mit roter Einfassung

Auf der Weiterfahrt zahlreiche Buchten. Und Stichstraßen, die im Nichts (= Meer) endeten.

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Weg ins Ende

Ich trödelte ein wenig, ließ mich von dieser radikal schönen Küste zur Langsamkeit agitieren –

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Weg am Rande des Endes

wobei – das Meer hatte sich vor Stunden zurückgezogen und kehrte nun mit Macht zurück.

Das Meer kommt zurück

Das Meer kommt zurück

Ich fuhr Umwege, immer küstennah, hielt mal da mal dort. Fotografierte diese beiden alten Häuser und erlebte eine Überraschung.

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Häuser am Rande des Weges zum Ende

Ich knipste mit meinem Weitwinkel und erntete einen entsetzten Schrei. Genau in dem Moment, als ich abdrückte, öffnete sich ein Fenster und eine Mädchenstimme zetere. Wie ertappt. Wie wütend. Wie überrascht. Wie … ich weiß nicht wie…

Ich konnte nichts erkennen, habe mir erst am Abend das Bild genauer angesehen und das Schwarze Fenster am Computer heraus vergrößert. Erst da sah ich, dass sich in dieser Finsternis eine halbnackte (nackte?) Frau aufhielt, stark tätowiert und … ja was … erschreckt zu mir schaute ?

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Mysterious Girl

Ich hätte zu gerne gewusst, was diese Gestalt dazu bewegt hatte, nachmittags gegen drei Uhr zum ersten Mal am Tag das Fenster zu öffnen und mit dem Sonnenstrahl, der in das Zimmer fiel, in dem sie sich aufhielt (allein?), und mit meinem Knipsgeräusch sich ertappt fühlte, bei was ? ….. Sekunden später schloss eine blondmähnige Frau das Fenster, das immerhin hatte ich noch am (Tat?)Ort erkannt.

Was hätte Hitchcock aus so einer Szene entwickelt (“Fenster zum Hof”) ?

Ich hatte genügend Zeit darüber nachzugrübeln. Meine Fahrt wurde nämlich lang und länger. Selbstverständlich war ich davon ausgegangen, dass es in dieser eigentlich touristischen Gegend zumindest in den Kleinstädten offene Hotels geben müsste. Weit gefehlt. Ich radelte wie bekloppt und mit aller Kraft um weiterzukommen. Die Sonne war schon untergegangen, als ich dann doch noch eine Herberge fand.

Ein Juwel! Ein umgebauter Bauernhof – ein richtig guter Landgasthof. Hier war definitiv die Welt nicht zu Ende.

Angekommen

Angekommen