Meer Europa

Schlagwort Archiv: Dorf

Tag 262 (14.04.2018) / Rumänien: Galati -> Cahul (Moldawien)

Strecke: 67 km (10:30 – 16:30 Uhr)

Am frühen Morgen noch einmal eine Bestandsaufnahme meines Fahrrads vorgenommen: Gepäckträger gebrochen, Lichtkabel zerrissen, Schutzblech hinten teilweise lose und schlackert, Ketten-Schutzblech gebrochen und abgerissen. Kette lahmt, Schaltung tut nicht mehr richtig, Bremsen ziehen kaum noch, Vorderrad quietscht. Reifen ohne Profil. Ich machte mir ernsthaft Sorgen um meinen Gefährten und hatte Zweifel, ob er die letzten paar Tage bis zum meinem Ziel noch durchhalten würde. Sah nach starker Entkräftung aus.

geknickt

Um 9 Uhr in Galati eine offene Fahrradwerkstatt gefunden. Der Mechaniker war skeptisch, ob er mir wenigstens den Gepäckträger würde reparieren können. Einen neuen hatte er nicht. Er kramte in der Abstellkammer herum und fand einen alten gebrauchten.

geschickt

Aus zwei mach eins: Nach einer halben Stunde konnte er das Ding fixieren. Als ich zahlen wollte, meinte er: “Kostet nichts!” Ich schüttelte ungläubig den Kopf. Aber beharrte darauf: Er habe mir doch nur einen gebrauchten Gepäckträger geben können. Der habe ihn ja auch nichts gekostet. Ich drückte ihm 5 Euro in die Hand. Es war ihm peinlich.

Zurück zum Hotel, mein Zeugs gesattelt, um halb elf los und in einer Stunde zur Grenze nach Moldawien.

Die Grenzformalitäten waren (obwohl EU Außengrenze) sehr schnell erledigt.

Im moldawischen Grenz-Dorf wurde ich von einem seltsamen Dreigestirn empfangen:

unvermittelt

Sozialistischer Russenstern, skeptische Jungfrau Maria und extravaganter Jesus.

Jesus in blue

Die Strecke nach Cahul verlief mehr oder weniger parallel zum Grenzfluss Pruth, einem Nebenfluss der Donau.

parallel

Moldawien schien dünn besiedelt. Auf jedenfall kaum zersiedelt. Entweder Landschaft – oder kompaktes Dorf.

Chaos kommt von oben

Von der Ferne schienen die Dörfer grau.

kompakt

ab-schüssig

Aus der Nähe war es eine Farbenpracht.

farb-fühlig

farb-fühlig 2

Ähnlich schon wie auf der rumänischen Seite. Überhaupt schien man sich hier entlang der Grenze ziemlich nah.
Wobei: In Moldawien tendierten manche Häuser-Verzierungen ins ziemlich Kitschige.

kitsch as kitsch can

Autos waren kaum zu sehen, nicht geparkt, nicht unterwegs auf der Straße.

empty way

Relativ früh in Cahul angekommen. Einem sehr sympathischen Kleinstädtchen.
Der zentrale Platz: mit einer Universität bestückt.

bildungsnah

Später las ich, dass Cahul eines der wenigen moldawischen Städtchen war, das wuchs, statt seine junge Bevölkerung ins Ausland zu verlieren.

ohne Kommentar

Unterkunft: Hotel Azalia. Stadtmitte. Plattenbau, aber kürzlich renoviert. Netter Empfang. Zimmer groß, mit alten Möbeln bestückt. Eigener Wohnzimmerbereich. Fahrrad in Hof angekettet. 32 Euro (mit Frühstück).

Tag 258 (10.04.2018) / Rumänien: Jurilovka -> Murighiol

Strecke: 63 km (09:00 – 14:30 Uhr)

Ich bremste mich selbst ab. Statt schneller Strecken, vergnügte ich mich mit langsamen Dorfdurchfahrten. Weit wollte ich nicht kommen, höchstens ankommen. Irgendwann.

Jurilovka präsentierte mir am Morgen seine schönsten Straßenrand-Häuser mit Frühlicht.

Sinn für Farbe

Ich hätte eigentlich jedes Haus fotografieren können.

Sinn für verblasende Farben

Beschränkte mich aber auf 3 nebeneinander liegende Anwesen.

Sinn für alte Farben

Die Landschaft wellig – mit lang langen Alleen.

Licht am Ende des Tunnels

Ich dachte, je näher ich dem Donaudelta komme, umso flacher die Strecke. Weit gefehlt.
Fast mittelgebirgsmäßige Anstiege. (In Wahrheit nicht mehr als jeweils 100 Höhenmeter – aber subjektiv ging’s steil hoch.)

Und Abfahrten natürlich, die mich immer wieder zum Anhalten zwangen. Zu schöne Aussichten.

wohin führt die Straße ?

Im nächsten Dorf ein Bauernmuseum.

Time I remember

Ein typischer Bauernhof aus dem Jahr 1900, liebevoll restauriert und konserviert.

on top

grounded

Ob noch jemand im Dorf diese Webkunst beherrscht?

einladend

Feine Stoffe und Teppiche.

Stilleben mit Puppen

kann das noch jemand im Dorf?

Zu welchem Anlass trug Frau solche Schlappen?

bestimmt keine Arbeitslatschen?

Arm war der Besitzer dieser Kutsche sicher nicht.

für die Sonntagsfahrer

Das Dorf selbst alles andere als museal. Viel Leben auf der Straße. Frauen in Kopftücher, die Einkäufe erledigten. Alte Männer wild gestikulierend im Schatten. Und vor vielen Häusern saßen Paare einträchtig auf der Bank vor ihrem Haus und schauten interessiert dem Treiben zu.

sehr lebendig

Wieder raus aus dem Dorf und weiter. Immer wieder kleine Lagunen.

wassersatt, natursatt

Kleine Binnenseen.

Froschsicht

Ich hatte das Delta erreicht. Murighiol. Ein kleines Fischernest, das noch ziemlich eingemottet wirkte. Ich erlebte aber einen Glückstag. Ich fand eine Unterkunft mit einem Besitzer, der mir versprach, mich morgen mit seinem Boot den ganzen Tag durchs Delta zu kutschieren.
“You are a lucky guy” – sagte er mir. Woher er das wußte?

Unterkunft in Murighiol: Casa Badea. Mitten im Dorf. Sehr sympathische Privatunterkunft. (3, 4 Zimmer). Schöner Garten mit Terrasse. Super Besitzer, der auch Ausflüge im Delta selbst organisiert und durchführt. (Er hat dafür ein Boot, das ein halbes Dutzend Gäste transportieren kann.) 30 Euro (ohne Frühstück).

Tag 192 (18.04.2017) / Spanien: Palomás -> Collioure (Frankreich)

Strecke: 114 km (10:15 – 20:45 Uhr)

Vielleicht wollte sich Spanien zum Abschied noch einmal von seiner sympathischen Seite zeigen. Ich rollte Richtung Frankreich, etwas von der Küste versetzt. Es begann mit einen sehr schönen Feldweg.

Flachweg

Ich kreuzte Bäche …

Bachweg

… und ließ mittelalterliche Dörfchen links liegen.

Burgweg

Bog auch mal ab. Und tauchte ein.

Marktplatzweg

Am frühen Nachmittag trank ich einen Wein in der einzigen Bar eines Dorfes. Als ich zahlen wollte, konnte ich mein Portemonnaie nicht aus der Gesäßtasche ziehen, der Reißverschluss klemmte. Ich bekam ihn auch mit Gewalt nicht auf. Die Wirtin bemerkte es, und machte sich resolut an meinem Hintern zu schaffen. Sie bekam den Geldbeutel irgendwann frei. Und sie gab mir noch einen spanisches Sprichwort mit auf den Weg: “Más vale maña que fuerza!” (Mit Geschicklichkeit kommst Du weiter als mit Kraft.)

Kurz: Im Hinterland war Spanien ganz Provinz. Unverstellt. Angenehm.

Sogar die Küstenbebauung nahm leicht ab.

Kieselweg

Dann aber schien es, als stemmte sich das Land dagegen, dass ich es verließ. Steil ging es bergauf. Dazu jazzte ein frontaler Wind, der schon Sturm war. Zigmal musste ich vom Rad, um nicht umgeblasen zu werden.

Ich nahm mir die Atempause, um  kurz  Bilanz zu ziehen nach etwas mehr als 2.000 Kilometern spanischer Küste, die ich rauf und runter gefahren war. Auch wenn am Schluss mein Aufmerksamkeitsmuskel fast vollständig zugemacht hatte. Auch wenn ich immer mehr Wut angesammelt hatte auf das architektonische Desaster der Mittelmeerküste: Ich liebte dieses Land. In jeder Bar wurde ich gut empfangen, in (fast) jedem Restaurant gab es hervorragendes Essen, an jeder Hotelrezeption wurde ich interessiert befragt. Großzügigkeit war überall zu spüren.  

Eine letzter Blick zurück – auf Portbou – und auf Spanien.

Steilweg

Nach dem Pass öffnete sich Frankreich vor mir.
Mit verlassenen ehemaligen Zollhäuschen.

Ach wie schön grenzenlos ist Europa

Und mit einem Wahlplakat von Marine Le Pen. Die Europahasserin und -zerstörerin wirbt für sich als neue Präsidentin der Grande Nation direkt an der Grenze zu Spanien. Am Sonntag sind Wahlen.

Blonde poison

Der Gegenwind steigerte sich fast zum Orkan, aber die Pyrenäenausläufer wurden langsam sanfter. Und: Es fehlten die weißen Pünktchen in den Bergen. Nirgends weißgetünchter Beton wie an der spanischen Küste.
Eine Augenweide.

Vive ...!

Mit Anbruch der Dunkelheit in Collioure eingefahren.

Unterkunft: Hotel Le Frégate. Sehr schön gelegen (Hafennähe). Sehr angenehmer Empfang. Fahrrad in Empfangshalle abgestellt. 65 Euro (ohne Frühstück).

Tag 165 (22.03.2017) / Portugal: Carrapateira -> Lagos

Strecke: 38 km (08:00 – 14:30 Uhr)

Gleich nach dem Aufstehen das Rad gesattelt und zur “Praia do Amado” gestrampelt. Ein paar Sonnenstrahlen halfen mir, wach zu werden.

out in the wilderness

Im Tiefschlaf allerdings noch die Surfer-Bucht.
Fels, Sand und Meer nur für mich.

out in the wilderness 2

Immer mehr entwickele ich mich auf dieser Tour zum Beach-Spotter.

Der Küstenwanderweg war auch mit dem Rad (meist) gut befahrbar.

Rotorangene Klippen

Noch an keiner europäischen Küstenlinie eine solche Anzahl unbeschreiblicher Strände gesehen.

Redcliff

Nach einer weiteren halben Stunde den Strand “Praia Da Bordeira” von oben bestaunt. Eine von Wasser umflossene Klein-Wüste. Ich fläzte mich wie eine Echse auf einen Stein und wärmte mich. Bald – so sagte es mein WetterApp – sollte es regnen.

Pur!

Ich beschloss nicht Sagres anzusteuern, das wohl schon im Regen lag, sondern durch die Sierra Richtung Lagos zu radeln.
Eine Schotterpiste führte mich nach Pedralva. Ein eigentlich verlassenes Nest, aus dem vor Jahrzehnten fast sämtliche Dorfbewohner weggezogen waren.

Seit einiger Zeit aber erlebt der Ort eine eigentümliche Renaissance. Ein Portugiese aus Lissabon kaufte den Großteil der vom Zerfall bedrohten Bauernhäuser, restaurierte sie und machte aus dem ganzen Dorf ein Hotel.

Kaufe Dorfstraße

Nachhaltiger Tourismus für Betuchte.

Ziehe auf Dorfplatz

Ziemlich guten Kaffee trank ich.

Setz Dich zur Ruhe

Am frühen Nachmittag dann noch Lagos erreicht. Mit den ersten heftigen Regengüssen.

Unterkunft: Hotel “Mar Azul”. In Fußgängerzone. Trotzdem ruhig. Angenehm und preiswert. (30 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad im 1. Stock in Rumpelkammer untergestellt.

Tag 23 (5.10.2014) / Portugal: Espinho -> Figueira da Foz

Strecke: 116 km (9:45 – 21:15)

Espinho -> Figueira

Was für ein Morgen. Das heruntergekommene Espinho verlassen und in das noch schmuddligere Silvalde geradelt. Und dann diese Strandsichten!

Fischerboote wie aus einer anderen Welt. Mehr Schmuckstücke als Arbeitsgeräte

Der Strand übersät mit zum Trocknen ausgelegten Fischnetzen.

Auf der Promenade einige Stände, in denen Fischersfrauen den frischen Fisch feilboten.

Danach wurde es hart für mich. Eigentlich wollte ich direkt nach Aveiro wieder zum Meer. Aber ein Marathon verhinderte meine Pläne. Die gesamte Strecke war abgesperrt. Niemand konnte mir sagen für wie lange. Ich versuchte über Umwege mein Glück, musste aber nach einer Stunde passen. Kein Durchkommen.

Also weiter im Landesinnern, relativ weit weg von der Küste. Ziemlich wellig die Gegend.
Irgendwann gelang es mir dann wieder in Meernähe zu radeln. Bei Ganfanha do Carmo ging’s eine Lagune entlang. Kilometerlange Straßendörfer. Alles andere als eine reiche Bauerngegend. Die meisten Häuser eher ärmlich. Und trotzdem mit viel Geschmack. Viele Fassaden waren gekachelt.

Es schien, als gäbe es in den Dörfern einen Wettbewerb um die schönste Front.

Jede Schmuckkachel erzählte etwas aus der portugiesischen Tradition.

Spät, schon sehr spät das Meer nicht nur gerochen, sondern auch wieder gesehen. Praia de Mira.

Nur portugiesischer Wochenendtourismus. Das Meer tobte und warf Welle über Welle an den Strand. Gleißend das Licht. Meine Fotos überwiegend überbelichtet. Nur wenige rettbar, verwendbar.

Ich suchte mir einen ruhigeren Strandabschnitt und genoß noch einmal das milchige diesige dunstige schlierige Nachmittagslicht.

Irgendwann habe ich das letzte Hotel auf der Strecke verpasst. Es graute bereits. Und ich musste immer weiter, obwohl die Beine schon lange wehtaten. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, nicht mehr in die Nacht hinein zu fahren. Diesmal aber war es unvermeidlich. Es gab einfach keine Unterkünfte. Es wurde furchtbar. Ab und zu angehalten, um ein Bier zu trinken. Und weiter. Wenigstens fuhren kaum Lastwagen (Sonntag). Dann noch ein grauenhaft langer Aufstieg – und schließlich runter im Schuß (Wie doof! Nachts! Bei den Schlaglöchern!) nach Figueira da Foz (“Feigenanlage in der Mündung”).
Schnell ein saugutes Hotel gefunden. Und noch schneller eine exzellente Weinbar.

116 Kilometer lagen hinter mir.

Hotel in Figueira: “Lazza”. 3 Sterne. Außerordentlich geschmackvoll eingerichtetes Haus. Modern und ansprechend. Nettes Empfangspersonal. Zimmer groß. 35 Euro. Eigentlich unvorstellbar der Preis. (Fahrrad in einem Nebenraum untergebracht.)

Unzusammenhängende Beobachtungen / Spanien 1 (2014)

1) Zeitungen

haben in Spanien meist eine umgekehrte Hierarchie:

  • Regional/Lokal (extrem ausführlich)
  • National (Spanien) (nicht mehr ganz so breit)
  • International (kursorisch)

Wirkt zuerst provinziell, erreicht aber dadurch ganz offensichtlich die Leser. Der eigene Kirchturm interessanter als der Moncloa-Palast. (Häufig aufgeschnappter Satz: “Die da oben lügen und bereichern sich doch eh alle …”)

(In Deutschland ist es fast immer: Welt->National->Regional->Lokal.)

2) Fernseher

läuft immer. Selbst in guten Restaurants. Und durchaus laut.
Einmal, als ich allein in einem Frühstücksraum eines Hotels saß, schaltete der Wirt den Apparat an. Als ich darum bat, ihn wieder auszumachen, weil ich mich eh nicht für die Morgenshow interessiere, antwortete er mir knapp: Ich sei doch allein, mit dem TV hätte ich wenigstens einen Begleiter.

3) Cafébars

sind die eigentlichen Parlamente in Spanien. Stets früh auf. Jeder(Mann) schaut vorbei. Spanien ist eine Männer Demokratie. Einen Cortado, einen Espresso für weniger als einen Euro. Immer die ersten Zeitungen auf dem Tresen ausgebreitet. Niemand, der sich nicht echauffiert über das Gelesene. Im lauten Fernseher läuft  dazu das Morgenmagazin. Niemand, der nicht einen Kommentar zum aktuellen politischen Geschehen abgibt. Wirt und Gast sind sich meist einig. Es scheint eine ideologische Vorsortierung zu geben. Linke gehen in Sozialistenbars. Rechte suchen sich ebenfalls ihr Milieu.

4) Frauen / Männer / Kinder / Geschrei

Frauen werden schwarzhaarig geboren, erblonden aber sehr schnell. Viele überschminkte püppchenhafte Gesichter.

Männer kommen gegen 19 Uhr aus den Büros. Empfangen dann Ehefrau und kleine Kinder vorzugsweise an Plätzen mit Freiluftbars und Cafés. Für eine Stunde (bevor die Männer mit Männern an die nächste Theke weiterziehen und die Frauen die Kinder einpacken). Kinder werden mit dem neusten Plastikspielzeug beschenkt und dürfen in ihrer Happy-Hour alles: Extrem laut schreien, durch die Stuhlreihen rasen und alles aus dem Weg rempeln, Gläser von den Tischen fegen, sich als Bonsai-Hooligans aufführen und Imponiergesten lernen.
(Ich habe mir zur Regel gemacht, zwischen 19 und 20 Uhr keine öffentlichen Plätze zu besuchen).

5) Preise

Nordspanien ist fast schon niedrigpreisig.  Beim Friseur für 40 Minuten Haare waschen, Kopf massieren, Haare mit Schere schneiden, föhnen: 8,50 Euro bezahlt.

Kein Espresso über 1 Euro. Die meisten Weine (0,1l) unter 1 Euro. Zu jedem Kalt-Getränk gibt es fast immer einen kleinen Snack.

Ein Wirt in Rodendela erklärte mir das System: In Deutschland würden Lokale die Verkaufspreise mindestens das 3 fache des Einkaufspreises betragen. In Spanien kalkulierten die Wirte dagegen mit dem 2 bis maximal 2 1/2 fachen. Dafür kämen in die Cafés und Bars mehr Gäste. Da die Lokale auch Kommunikationszentren seien. Die kostenlosen Tapas würden geldmäßig nicht so ins Gewicht fallen, da sie meist aus billigen Grundnahrungsmitteln hergestellt seien (Bohnen, Kartoffeln, Pasta, Brot): Allerdings sei die Herstellung zeitaufwändig. Und für diese Arbeitszeit würden sie nicht bezahlt.
(Mir schien das eine Form der Selbstausbeutung.)

6) Damals / Heute

Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht, mit alten Reiseführern durch Nordspanien zu radeln. (Aus den Jahren 1987 bis 1992.)

ANDERS REISEN (1987),Richtig Reisen (1989), Spaniens Nordküste (1992)

Die Esel und Maultiere sind mittlerweile aus den Dörfern und Feldwegen verschwunden. Bei Ebbe stapfen nicht mehr Scharen “schwarzer Frauen” durch den Meeresschlick, um nach Muscheln zu graben, Hexen gibt es auch im tiefsten Galizien nicht mehr und Fischerdörfer haben sich zu großen Feriensiedlungen gemausert, in denen nur noch ein kleiner Fischereihafen und eine Innungskneipe an die verwegenen Zeiten der “wilden Kerle” erinnert. Nordspanien ist selbstverständlich modern geworden und durch und durch europäisch.

Aber auch das Europäisch-Enthusiastische wirkt wie schon längst vergangen. Aus den alten Reiseführern entnehme ich, dass in den späten 80er Jahren drei Themen das öffentliche Bewusstsein beherrschten: Die Überwindung der bleiernen und  schrecklichen Franko-Dikatatur, die Demokratisierung des Landes und die ungeheuere Hoffnung, die die meisten Spanier in den Beitritt zur Europäischen Union setzten (Wirtschaftlicher Fortschritt, Liberalisierung, Freiheit, offene Kultur).

Heute kämpft Spanien mit den Folgen der Globalisierung, mit der Finanzkrise und mit einem wieder korrupten Parteien-System  (Ein typischer Spruch beim Fernsehsehen: “Mal sehen, was uns die Politiker heute wieder geklaut haben …”). Und natürlich mit dem Separatismus (Katalonien und das Baskenland wollen raus aus Spanien.)

Massive Europa-Enttäuschung habe ich allerdings so gut wie nie vernommen.

In La Coruña bin ich durch in “Anders Reisen” beschriebene Straßen geschlendert. Das Straßenbild hat sich gegenüber 1987 kaum verändert. Nur: Kein einziges Lokal, das damals empfohlen wurde, ob intimes Fischrestaurant, In-Kneipe oder urige Weinbar, existierte 3 Jahrzehnte später noch. Meist residierten unter den angegeben Adressen jetzt schicke und große Etablissements.