Meer Europa

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Tag 162 (19.03.2017) / Portugal: Lissabon -> Alcácer do Sal

Start zur 6. Etappe meiner Europa-Umrundung.
Sie soll mich von Portugals Hauptstadt aus rund um die iberische Halbinsel führen. Vielleicht bis Barcelona.
Vor den Start hatte ich noch 2 Tage Lissabon–Aufenthalt gehängt.
Das Zentrum bezaubernd – gleiche herzliche Empfindung wie das letzte Mal auch.

Sonnen & Sundowner-Anbeter
Was betet sie an?
Durchgänger
Von oben herab

Und die Stadt ebenso überlaufen. Es wurde mir schnell zu viel, zu voll.

Konserviert

Lisboa wie eine riesige Sardinenbüchse. (Wobei das genau die neueste Mode ist: eingelegter statt frischer Fisch. Ölsardinen. Dosenkunst in tausend Variationen.)

Frau am Konservenfließband

Am Sonntag schließlich die 6. Etappe gestartet.
Der erste Tag zum Einrollen:

Strecke: 77 km (08:00 – 17:00 Uhr)

Frühmorgens mit der Fähre den Tejo überquert.

Fluss wie Meer

Obwohl immer noch Lissabon, wirkten die Vorstadt-Viertel schon sehr ländlich.

Malerisch gelegener Vorort
Trockenwäsche

29 Kilometer bis Setúbal geradelt und dort die zweite Fähre genommen, diesmal um über die Flussmündung des Sado zu gelangen.

Nur fort!

Kilometerlanges Naturschutzgebiet um Troia. Und trotzdem unzählige Bötchen mit Hobbyfischern. Manche sogar in Tretbooten unterwegs. Alle mit Angel und Netz bewaffnet.

Paddelfischer

Grandiose halbwüstenähnliche Dünen-Landschaft.

Hingedünt

Kilometerlange Sandstrände. Kilometerlanger Sonnenschein. Doch noch keine Sommergefühle. Immer wieder attackierten mich die Arbeitseindrücke der letzten Monate:
TrumpIlliberaleDemokratieKaczyńskiKeineninteressiertSyrienUndundund…
Ich will versuchen diesen toxischen politischen Feinstaub abzuschütteln. Mich nur auf die Reise zu konzentrieren.

Die Welt hinter mir eine Kugel
Gestrandet
Gefußelt

Storchennest Comporta.

Schau immer nach oben
Deswegen

Hier verließ ich die Küste und begleitete den Sado flußaufwärts und landeinwärts. Unterwegs immer wieder traditionelle und vor allem kleine Bauernhöfe. Manche Scheunen strohbedeckt.

Unten wohnen nur die Menschen

In Carrasqueira haben Fischer ihre kleinen Arbeits-Hütten auf Stelzen ins Marschland gepflockt.
Pittoresk.

Fishermen’s Haus 1
Fishermen’s Haus 2
Fishermen’s Haus 3 & 4
Fishermen’s Stelzen 1

Mittlerweile weiß der Ort den optischen Schatz auch in touristische Münzen umzusetzen. Scharen von Hobby-Fotografen und Birdspottern.

Fishermen’s Stelzen 2

Früh am Abend, lange vor Sonnenuntergang, mein Ziel erreicht: Alcácer do Sal.
Attraktives Städtchen mit ein zwei guten Restaurants.

Coming home

Unterkunft in Alcácer: “Hotel A Cegonha”. In der kleinen Altstadt. Familiengeführt. Groß. Sehr netter und bemühter Empfang. Zimmer ein wenig kalt. Fahrrad in Garage untergebracht. 50 Euro (mit Frühstück).

Tag 90 (28.10.2015) / Frankreich: Guissény -> Morlaix

Strecke: 82 km (09:30 – 18:30)

Gestern Abend noch im Regen angekommen, heute Morgen vorsichtiger Sonnenschein. Aber kalt.

Lieblingsblume

An meiner Unterkunft blühten noch die Hortensien.
Vor bald 30 Jahren war ich schon einmal in der Bretagne gewesen. Drei Dinge gibt es, die mir für immer haften geblieben sind:
1) Die Granithäuser und Granitkirchen
2) Die sagenhafte Küste Côte de Granit Rose und
3) Die Hortensien.

So gesehen hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten nichts verändert. Selbst die Hortensien blühten noch mir zuliebe (wobei sie fast überall eigentlich nur noch als vertrocknetes Herbstkraut herumhingen).

Die Dörfer, noch die kleinsten, mit steil in den Himmel ragenden Granit-Kirchtürmen (siehe 1)!)

Gottes erhobener Finger

Um die Mittagszeit die Dünen von Keremma erreicht. Ein Naturschutzpark.

Weite Sicht

So weit der Blick reichte: Meeresboden.

Jede Weite hat einen Horizont

Nur ein Boot hatte es nicht mehr rechtzeitig hinausgeschafft.

Gestrandet

Ein paar Familien waren unterwegs, um sich das Mittagessen (Muscheln) auszugraben.

Im Krebsgang

Schließlich zog auch ich mich von der Küste zurück, fuhr landeinwärts. Ich wollte mir einige der berühmten Calvaires anschauen. Massive Kalvarienberge aus Granit (siehe 2)!).

Das Dörfchen Bodilis machte den Anfang.

Mächtiger Granit, Allmächtiger Gott

In der Kirche grandiose Schnitzereien. Vierhundert, fünfhundert Jahre alte Gottesfurcht.

Ohnmächtiger Gott

Ein paar Kilometer weiter meine Lieblingskirche: Lampaul-Guimiliau!
Ich, der ich überhaupt kein Kirchgänger bin, stehe andächtig vor solchen Monumenten.

What a church!

Wie vor dem herzzerreißenden hölzernen Triumphbalken. So wird er zumindest genannt.

Warum die Kreuzigung Jesu ein Triumph ist? (Ich hab’ mich das gefragt: Triumph über den Schmerz? Über die Ängstlichkeit ? Über die Vergänglichkeit? Darüber dem menschlichen Klein-Klein-Spiel entkommen zu sein? Wieder Gott sein zu dürfen?)

Im Gebälk

Die Handwerksmeister des ausgehenden Mittelalters waren jedenfalls Könner.

Feinste Handwerkskunst

Wieder eine Viertelstunde weiter: das Dörfchen Guimiliau.

Kaff

Nix Besonderes: Wäre da nicht wieder ein monumentaler Kalvarienberg.

Magisch?
Umfriedet. Befriedet?
Es gibt mehr als einen?

Hier haben sich besonders die Steinmetze ausgetobt.

Bibelszenen als steinerne Telenovela. Mit klaren Rollenverteilungen.

Realistisch ?
Krawallbrüder?

Es begann zu regnen und ich beeilte mich noch einigermaßen trocken Saint Thégonnec zu erreichen. Mit dem bekanntesten aller Kalvarienberge.

In der Dorfeinfahrt wies mir ein Regenbogen den Weg.

Regenbogengirlande überm Dorf

(Kann man eigentlich auch inmitten eines Regenbogens stehen? Kann sich das Licht nicht auch unmittelbar vor einem in den Tropfen brechen? Muss das Ding sich immer in der Unendlichkeit herumschleichen?)

Ich wollte, ich hätte mehr Regenbögen zu sehen bekommen. Denn ab jetzt wurde es duster und der Himmel leerte seinen Dreck über mir aus.
Ich fuhr stoisch durch das Nass, durch das sehr interessant wirkende Städtchen Morlaix, bis zu meinem im voraus gebuchten Hotel (es gab kein anderes!) weit außerhalb der Stadt. Grauenhaftes Ding.
Wobei: In dem ebenfalls fürchterlich aussehenden Restaurant habe ich köstlich gegessen.
Und danach mich mit zwei Russen ein wenig unterhalten, die auf dem nahegelegenen kleinen Regionalflughafen als Miet-Kapitäne arbeiteten.
Nette Kerle.

Unterkunft bei Morlaix: L’Albatros. Geschäftshotel. Extrem unpersönlich. Dazu noch altbacken eingerichtet. Auch das Restaurant wie eine Kantine. Allerdings mit einem sehr guten Koch. (69 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.

Tag 82 (20.10.2015) / Frankreich: Saint-Gilles-Croix-de-Vie -> Saint-Brevin-les-Pins

Strecke: 97 km (09:15 – 19:15)

Es gibt Grund zu klagen: Seit Tagen schmerzen die Knie. Die rechte Wade macht Probleme. Sehne entzündet? Who knows. Ich reibe Knie und Muskeln mit Voltaren ein. Hilft nur kurzzeitig. Eher gar nicht.

Dazu der ekelhafte Wind. Natürlich immer von vorn. Obwohl es kaum nennenswerte Steigungen unterwegs gibt, habe ich ständig das Gefühl, stramm bergauf zu fahren. Brauche volle Kraft, um gegen dieses Naturungeheuer anzukommen.
Dann die Morgenkälte. 4 oder 5 Grad. Zusammen mit dem Wind sind es gefühlte Eisgrade.
Jeden Morgen fahre ich frierend los.

Wünsche mir Sonne, aber kein Mensch oder Gott nimmt davon Notiz.

Wieder ein Tag, der im kalten Grau beginnt.

Saint-Gilles-Croix-de-la-Vie.
“Kreuz des Lebens”. Welche Bürde dieser Stadtname den Einwohnern auferlegt.
Liegt sehr schön.
Ufert fürchterlich aus.

Turm mit Aussicht

Irgendwann war ich in Saint-Hilaire-de-Riez.
Und irgendwann woanders.
Die Stadt-, Dorf- und Gemeindegrenzen waren unbedeutend. Alles verschwamm ineinander.

Wenn sie nur nicht so zugebaut wäre

Die französische Atlantikküste: Hunderte Kilometer feinster Sandstrand, fantastische Dünen, Miniaturklippen

Dito
Kein Dito

…. und Hunderte Kilometer Beton-Siedlungen, die sich nur im Sommer lebensfreundlich zeigen.

Schön trist
Fahrrad mit Platte

Jetzt im kalten Herbst generieren sie höchstens Wut gegen die kalten Architekten.

(Plattenbauten wurden wohl im Westen erfunden.)

Die Strecke flach, windig, grau.
Dabei gab es unterwegs schöne Fotomotive.

Grau ist alle Bildtheorie
Dito

Auch schöne Städtchen, wie Pornic.

Grau ist jede Bildausführung

Erst ganz zu Schluß, eine Stunde vor der Abenddämmerung bohrte sich plötzlich die Sonne einen Tunnel durch die Wolken und wärmte mich.

Nur die Sonne vermag Farben zu malen

Eine halbe Stunde gab sie mir Zeit, den Ozean, das Ufer und die seltsamen Fischer-Stelzen-Häuschen zu bestaunen.

Abendsonne hat heut' zu viel Blau im Malkasten

Als sie Sonne schon untergegangen war, erreichte ich Saint Brevin. Und hatte ausgesprochenen Dusel, sofort ein offenes Hotel zu finden. Und was für ein kleines Juwel!
Der Wirt (Typ Seebär mit weißem Bart) versorgte mich mit allem, was göttlich ist: exzellentes Essen, ausgezeichneter Wein und reichlich Frohsinn.
Vive la France.

Unterkunft in Saint Brevin: Hotel Rose-Marie. Glücksfall. Liegt klasse, direkt am Meer. Ist schön eingerichtet. Hat besagten tollen Patron und auch noch gutes Restaurant. Wirt brachte Fahrrad in Garage. 58 Euro (ohne Frühstück).

Tag 76 (14.10.2015) / Frankreich: Pausentag in Arcachon

Morgenspaziergang am Stadtstrand von Arcachon.

Ruhebank

Die Stadt muss eine unglaublich wohlhabende  Bürgerschaft beheimaten.

Noch ruht das Karussell

Mein Hotel lag weiter weg vom Zentrum. In Hafennähe – ein altes Fischerviertel also. Aber in den Strassen und Gassen ringsum reihten sich  große Anwesen mit herrschaftlichen Häusern aneinander. Fast alle sehr gepflegt, frisch geputzt und von hohen Mauern geschützt. Dabei liegt das eigentliche Reichenviertel – so sagt mein Reiseführer – in der etwas höher gelegenen “Winterstadt”. Auch sie habe ich durchschlendert – es langweilte schnell. Kein Geschäft, keine Boulangerie, Patisserie, Boucherie, kein Bistro, Café und keine Bar.

(Als ich gerade “Reichenviertel” in meine Tastatur hackte, spuckte mir die Autokorrektur “Leichenviertel” aus. Kann mein Computer bereits meine Gedanken lesen?)

Die Attraktion von Arcachon liegt allerdings etwas außerhalb: im Vorort Pyla sur Mer.

Ich war mit dem öffentlichen Bus dorthin gefahren. 1 Euro für 12 Kilometer. Als ich das ticket nicht richtig in den Abstempelkasten bekam, tröstete mich der Schaffner: “C’est compliquet! C’est français!”

In Pyla wächst die größte Wanderdüne Europas vom Meer in den Himmel. Schätzungsweise 140 Meter ist die Dune du Pilat hoch und 3 Kilometer lang. Millionen von Besuchern jährlich. Ich reihte mich demütig in die Besucherschlange ein.

Sandburgwunder
Sandburgknipser
Sandburg mit Sandwald
Hatte vergessen, den Himmel zu putzen (oder vielleicht doch meinen Polfilter?)

Von da oben sah ich jetzt mal wie riesig auch das Waldmeer war, das ich seit zwei Tagen durchpflügte.

Uferlos

Gut beschattet ein ziemlich großer Waldcampingplatz

Versteckt

Tag 74 (12.10.2015) / Frankreich: Bayonne -> Mimizan Plage

Strecke: 102 km (09:30 – 18:30)

Beim Hinausfahren aus Bayonne nieselte es ein wenig.
Ich folgte einer kleinen Landstraße.
Ab und zu bemalte Wassertürme.

What goes up ...

Zwei Stunden dauerte es, bis ich bei Capbreton wieder das Meer zu Gesicht bekam. Riesige Hotelanlagen, die aber fast völlig verwaist waren. Mit Ausnahme von einigen Surf-Schulen, die Gruppen von Jugendlichen im Wellenreiten schulten.

Es sah aus als würden junge Soldaten den Strand stürmen.

Gestrandete

Die Invasion verlief allerdings friedlich.

Die Invasion verlief allerdings friedlich

Auf dem zentralen Markt warteten die Verkäuferinnen und Fischausnehmerinnen auf Kunden.

Mehr Fisch als Fleisch
Nur Fisch

Nur Stichstraßen und Kanäle führen zum Strand.

Mit dem Lineal gezogen

Die eigentliche Route verlief im Landesinnern. Riesige Eichen und Kiefernwälder. Manchmal 10, 15 Kilometer ohne eine einzige Behausung. Reiner Fahrradweg. Absolute Stille.
Nicht einmal ein Vogelschrei.

Kein Weg raus

Nach den Baskischen Bergen war ich nun im Flachland, eigentlich. Aber einfach war die Strecke nicht, immer wieder kurze heftige Anstiege, eine Düne rauf.
Schon bald schmerzten mir beide Knie.

Zum Ausruhen immer wieder zu den Stränden.
Ewig lange Sandbänke.
Feiner Sand.

Könnte auch Nordsee sein
Sandmeer

Viele Strandsiedlungen völlig leer. Hier brummt das Geschäft nur im Sommer.

Gleich kommt Django

Niemand, der mir ein Glas Wein zur Stärkung reichte.
Es wurde ein langer Tag.
Über 100 Kilometer am Ende abgestrampelt.

Unterkunft in Mimizan Plage: Chez Jean Paul. Sympathisch, bürgerlich, im Zentrum. Großes Zimmer mit modernem Bad. Fahrrad in Abstellkammer untergestellt. 50 Euro (ohne Frühstück).