Meer Europa

Schlagwort Archiv: Düne

Tag 214 (02.10.2017) / Italien: Anzio -> Sperlonga

Strecke: 83 km (09:30 – 17:00 Uhr)

Langlang der Morgen.
Lang entlang der See.
Außerordentlich schöne Dünenstrände.

aufgereiht

Zum ersten Mal Wasserkontakt. Kann’s selbst kaum glauben. (Fahre das Mittelmeer entlang, ohne reinzuspringen.)

ungeschönt

Blaublau die Radwege

alongside

Dann stoppte ich. Sah eine merkwürdiges Trauerarrangement.

Ich verstand nichts (will sagen kein Italienisch). Es handelte sich offenbar um Trauerschmuck für im Einsatz umgekommene italienische Soldaten. Wo? Afrika? Syrien?
Wer schmückte? Staat? Militär? Bevölkerung?
Waren die Toten (wenn es sich darum handelte) von hier?
Haben also Freunde das arrangiert?
Mannomann – warum bleib ich so (sprach)dumm!

was ?

Mein Fahrrad bockte plötzlich. Quietschte. Ich sah nach. Die Befestigung des vorderen Schutzbleches hatte sich gelöst und schwingte (schwang?) frei.
Mir fehlten Schrauben und Muttern, also schnürte ich das Gestänge mit einem groben Seil (das ich Gott sei Dank mit mir führte) zusammen. Es hielt fürs Erste.

getackert

Abseits der Küste – Landwirtschaft. Der Boden sah fruchtbar aus (sag ich Bauer!).

gefurcht

Irgendwann abgekämpft nach Sperlonga reingeradelt. Reizvoll und herbstleer. Luft war raus dem Ort.

gebräunt

Hoch in die Altstadt gestiefelt und doch immer nach unten geblickt.

geordnet

Extrem enge Gassen. Extrem schöner Ort.

gegoldet

Aber die Schönheit der verstohlenen Plätzchen, Winkel, Ecken – sie ließen sich mit meinen fotografischen Mitteln nicht abbilden.

Nicht mal die kleinen offenen Kapellen.

gerosat

Kurz vor Sonnenuntergang wieder runter zum Strand gestiefelt. Der Horizont blühte rot. Und obwohl ich extremer Sonnenuntergangs-Allergiker bin, konnte ich nicht anders – ich musste den Auslöser lösen.

gesonnt

Tag 162 (19.03.2017) / Portugal: Lissabon -> Alcácer do Sal

Start zur 6. Etappe meiner Europa-Umrundung.
Sie soll mich von Portugals Hauptstadt aus rund um die iberische Halbinsel führen. Vielleicht bis Barcelona.
Vor den Start hatte ich noch 2 Tage Lissabon–Aufenthalt gehängt.
Das Zentrum bezaubernd – gleiche herzliche Empfindung wie das letzte Mal auch.

Und die Stadt ebenso überlaufen. Es wurde mir schnell zu viel, zu voll.

Konserviert

Lisboa wie eine riesige Sardinenbüchse. (Wobei das genau die neueste Mode ist: eingelegter statt frischer Fisch. Ölsardinen. Dosenkunst in tausend Variationen.)

Frau am Konservenfließband

Am Sonntag schließlich die 6. Etappe gestartet.
Der erste Tag zum Einrollen:

Strecke: 77 km (08:00 – 17:00 Uhr)

Frühmorgens mit der Fähre den Tejo überquert.

Fluss wie Meer

Obwohl immer noch Lissabon, wirkten die Vorstadt-Viertel schon sehr ländlich.

Malerisch gelegener Vorort
Trockenwäsche

29 Kilometer bis Setúbal geradelt und dort die zweite Fähre genommen, diesmal um über die Flussmündung des Sado zu gelangen.

Nur fort!

Kilometerlanges Naturschutzgebiet um Troia. Und trotzdem unzählige Bötchen mit Hobbyfischern. Manche sogar in Tretbooten unterwegs. Alle mit Angel und Netz bewaffnet.

Paddelfischer

Grandiose halbwüstenähnliche Dünen-Landschaft.

Hingedünt

Kilometerlange Sandstrände. Kilometerlanger Sonnenschein. Doch noch keine Sommergefühle. Immer wieder attackierten mich die Arbeitseindrücke der letzten Monate:
TrumpIlliberaleDemokratieKaczyńskiKeineninteressiertSyrienUndundund…
Ich will versuchen diesen toxischen politischen Feinstaub abzuschütteln. Mich nur auf die Reise zu konzentrieren.

Die Welt hinter mir eine Kugel
Gestrandet
Gefußelt

Storchennest Comporta.

Schau immer nach oben!
Deswegen

Hier verließ ich die Küste und begleitete den Sado flußaufwärts und landeinwärts. Unterwegs immer wieder traditionelle und vor allem kleine Bauernhöfe. Manche Scheunen strohbedeckt.

Unten wohnen die Menschen

In Carrasqueira haben Fischer ihre kleinen Arbeits-Hütten auf Stelzen ins Marschland gepflockt.
Pittoresk.

Fishermen’s Haus 1
Fishermen’s Haus 2
Fishermen’s Haus 3 & 4
Fishermen’s Stelzen 1

Mittlerweile weiß der Ort den optischen Schatz auch in touristische Münzen umzusetzen. Scharen von Hobby-Fotografen und Birdspottern.

Früh am Abend, lange vor Sonnenuntergang, mein Ziel erreicht: Alcácer do Sal.
Attraktives Städtchen mit ein zwei guten Restaurants.

Coming home

Unterkunft in Alcácer: “Hotel A Cegonha”. In der kleinen Altstadt. Familiengeführt. Groß. Sehr netter und bemühter Empfang. Zimmer ein wenig kalt. Fahrrad in Garage untergebracht. 50 Euro (mit Frühstück).

Tag 125 (15.04.2016) / Italien: Campomarino -> Lido di Policoro

Strecke: 169 km (09:30 – 21:45)

Unterkunft in Policoro: “Hotel Heraclea”.  Eigentlich eine unpersönliche Bettenburg. Ich war sehr spät gekommen (21:45 Uhr ). Empfangsduo tat alles, dass ich mich wohl fühlte. Es suchte Platz für mein Fahrrad. Es organisierte im Hotelrestaurant einen Tisch für mich (obwohl das eigentlich für Halbpension ausgelegt war und ich nichts dergleichen gebucht hatte). Mit  anderen Worten: Sehr sehr herzliche Servicekräfte. (50 Euro mit Frühstück.) 

T0125-I-Campomarino-Lid di Policoro

Horror-Tag. Dabei fing er so schön an.
Ich fuhr gemütlich der salentischen Küste entlang. Die nicht aufregend war, aber immer wieder nette Ausblicke bot.
Zum ersten Mal über einer längere Strecke Dünen in Italien gesehen.

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grünbucklige Sanddünen

Irgendwo ein Rock-Liebhaber-Strand-Café (das noch nicht aufhatte).

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Who is the best?

Nach etwas mehr als zwei Stunden Tarent erreicht. Eine Stadt mit großem Hafen …

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gestutzte Promenadenbäume

mit noch größerem geschichtlichen Hintergrund,

mit einer einladenden Neustadt …

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wer liebt wen?

… und einer absolut kaputten Altstadt (Insel), die über eine Brücke zu erreichen war.

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Flickerei

Hier lebt das ärmste Italien. (Laut Reiseführer ist das historische Zentrum weitgehend entvölkert.)
Aber Armut ist wie immer auch pittoresk.

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Balkone sind Wäschetrockner

Ich schlenderte ein wenig (Fahrrad schiebend) durch die schmutzigen Altstadtgassen. Und fluchte, dass meine gute Kamera schon am ersten Tag kaputtgegangen war. Es gab kaum einen besseren Ort für optische Sozialstudien.

An der Uferpromenade die Anlegestelle für Muschelfischer. Die frische Ware wurde gleich verarbeitet.
Nur junge, fixe, flotte Halbstarke im Einsatz.

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No bad guys!

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Good guys! Mit Fußballerfrisuren.

Einer bot mir eine frisch ausgelöste Miesmuschel an.

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fingerfertig

Ich schluckte sie roh und frisch und war überrascht über den guten Geschmack.
(Warum müssen es sonst immer Austern sein?)

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Trug er eine Seeigelfrisur?

Ich staunte auf meiner Reise schon eine ganze Weile, wie viele begabte, gut aussehende, intelligente und sehr tatendurstige junge Männer den Service in Italien schmissen. In Restaurants und Hotels. In den Häfen und Fischereibuden.
Alles sehr ehrenwert. Aber gering verdienend. Ohne Chance auf sozialen Aufstieg. Wer konnte ihn – wenn überhaupt – bieten? Mafia? Kartelle?

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Keine einzige Frau am Muschel-Fließband

Hinter Tarent ging es fröhlich weiter.
Ich fuhr die SS106, die vierspurig die Küste begleitete, aber auch einen breiten abgetrennten Servicestreifen hatte, den ich sehr entspannt fahren konnte.

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freie Fahrt für freie Radbürger

Ich kam schnell voran, fraß Kilometer nach Kilometer, und vergaß auch nicht den berühmten Hera-Tempel am Straßenrand. Ein Denkmal für die Zeuss-Schwester.

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Säulenreihen

Angeblich befand sich hier auch die Schule des (von allen Matheverweigerern verhassten) Pythagoras.

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Dorisch?

Kurz hinter der griechischen Antike fingen aber meine Probleme an.
Mein Navi zeigte mir noch knapp 25-30 Kilometer bis zu meinem Ziel (Policoro) an.
Doch die Seitenstraße der SS106, die ich bisher befuhr, löste sich plötzlich in Luft auf.
Und die SS106 wurde einfach zur Autobahn erklärt. Große Schilder verboten ausdrücklich sie mit dem Fahrrad zu befahren.

Ich wusste nicht, was tun.
Also beschloss ich einen Umweg zu machen, rein ins Landesinnere. Das Problem war, dass alle paar Kilometer ein Bächlein Richtung Adria floss, es aber (außer der Autobahn) keine Brücken über sie gab. Nur weit im Hinterland, am Bergrand.

Also suchte ich eine Kreuzungsmöglichkeit für das erste Bächlein weit im Landesinnern.
Nur: Ich hatte nicht bedacht, dass es von nun an bergauf ging! Über 30 Kilometer fuhr ich rauf und runter. Durch eine – ohne Zweifel – schöne Hügellandschaft (die zur Berglandschaft wurde).

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Hier hätte ich stoppen sollen

Ich mühte mich, trat in die Pedale, hechelte. Ich hatte schon weit über Hundertzwanzig Kilometer hinter mir.

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keine Ahnung, wie ich hierhochkam

Aber ich entkam der Nacht nicht. Es war tief dunkel, als ich wieder zurück war an der SS106. Nur ein paar Kilometerchen weiter, wo ich vor Stunden den Umweg angetreten war.
Autobahn! Groß das Schild. Kein Fahrrad!

Also wie weiter?
Es gab hier nichts, keine Pension, kein Hotel. Mir fehlten nur 10 Kilometer Luftlinie (über zwei Flüsschen hinweg) bis in ein touristisches Zentrum am Meer.

Also fuhr ich nachts Autobahn (und es gab noch nicht einmal einen Standstreifen).
Ich wurde halb wahnsinnig. Ich hatte Angst. Autos, die hupend an mir vorbeirauschten.
Halbe Stunde – und ich hatte die Strecke geschafft.
Runter von der Autobahn und über finstere Landstraßen nach Lido di Policoro. In ein Hotel, das ich eine Stunde vorher über booking.com gebucht hatte.
Noch nie war mir so egal wie ich untergebracht war.
Aber ich wurde herzlich empfangen und sehr gut umsorgt.

Selten war ich so kurz davor gewesen zu verzweifeln.
Irgendein griechischer Gott (oder eine Göttin) hatte mich jedoch 169 Kilometer lang beschützt.
Danke.

Tag 124 (14.04.2016) / Italien: Marina di Leuca -> Campomarino

Strecke: 133 km (09:30 – 20:00)

Unterkunft in Campomarino: “Villa Bruno”. Sehr spät (19 Uhr) erst über Internet gebucht. Familie war völlig überrascht, als ich kam. Versuchte eilig, alles zu richten.  Herzlich. Aber Unterkunft eindeutig überteuert . (60 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Hof abgestellt.

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Morgenblick aus dem Fenster.

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Upgradeview

Das Hotel, obwohl riesig und auf Masse ausgelegt, machte Dank des sehr netten Empfangteams einen fast familiären Eindruck.

Etwas getrödelt. Spät aufgebrochen.

Unterwegs immer wieder Graffiti zu einer “Öko-Mafia”.

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Von Gegnern gelernt

Offenbar haben ein paar Ökos verhindert, dass noch der letzte Zentimeter der Küste zugebaut wird.
Jetzt werden die Großgrundbesitzer subversiv und sprühen Graffiti!
Verkehrte Welt.

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Kein Turmbau zu Babel

Keine aufregende Küste. Aber immer wieder schöne Ecken. Blühende Landschaften.

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What a wonderful world

Manchmal Dünen und ganz Verwegene wagten sich schon ins frühlingskalte Meer.

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Horizont-Frau

Schöne Stellen – wie gesagt

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Hohlweg zum Meer

In der Ferne lag Gallipoli. Eine alte griechische Siedlung.

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Insel-Städtchen

Über eine Brücke war die Altstadt (auf einer Insel!) zugänglich.

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Mehr als mittelprächtig

Wieder diese überbordenden Barockfassaden, die ich nicht verstehe. Warum ist dieser Jüngling gefesselt? Spiele? Folter? Göttliches Vergnügen? Wer erklärt mir das?

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männlich-weiblich?

Wunderschöne (sind Wunder immer schön?) Gassen…

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kurvig

… in denen wundersame Männer auf ihr Handy starrten.

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zu große Hände für das kleine Handy

Ich stellte mein Fahrrad ab …

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Mein Fahrrad immer im Hintergrund

und nahm meine mittägliche Stärkung ein.

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komische Haltung

Ein wenig betäubt fuhr ich weiter.
Die Landschaft uninteressant – mit Ausnahmen.

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Wenn’s nur überall so wär

Einmal ein pittoreskes Hafenörtchen.

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Kontrollblick

Typische tantrische Nachmittags-Stellung eines süditalienischen Rentners: völlig entspannt.

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was denkt er bloß?

Ich war es nicht mehr nach über 130 Kilometern.

Dank smartphone fand ich dennoch eine passable Unterkunft. In Campomarino. Vor gut zwei Wochen war ich schon einmal in einem Ort gleichen Namens gewesen. Genauso tot.

Um etwas zu Essen zu bekommen, radelte ich nach dem Duschen noch einmal 3 Kilometer weiter landeinwärts in ein kleines Provinzstädtchen.
Ich wurde herzlich empfangen und reich versorgt!

Tag 104 (11.11.2015) / Frankreich: Boulogne-sur-Mer > Dunkerque (Dünkirchen)

Strecke: 88 km. (09:15 – 16:45)

Unterkunft in Dunkerque: “Hotel Welcome”. Zentrum. Hotelblock. In die Jahre gekommen. Aber okay. Höflicher Empfang. (52,50 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.

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Heute glich gestern. Der Tag in grau gebadet. Mit Sonne wäre ich aber auch nicht weit gekommen. Ich durchfuhr eine fantastische Dünenlandschaft. Bei schöner Sicht hätte ich viele Stopps gemacht.
Manche der Sandberge forderten mir alles ab. Manchmal winden sich die Straße in engen Serpentinen hinauf.

wild

Unterwegs kleine, saubere und unspektakuläre Dörfer. Warum diese Herren marschierten, hab ich nicht erfragt.
Veteranen und Söhne von Veteranen ?

zahm

zahm

Calais. Eine kriegszerstörte Stadt und danach kein architektonisches Kleinod mehr geworden.

ruhig

ruhig

Hinter Calais, in den Dünen, tauchte plötzlich ein großes Flüchtlingscamp auf. Davor zwei französische TV-Teams und viel Polizei. Ich überlegte kurz, ob ich anhalten und ein paar Fotos machen sollte. Es sah gespenstisch aus: das übervolle Lager, Zelt das sich an Zelt duckte und die herumlungernden Gruppen junger arabischer und afrikanischer Männer. Ich entschied mich dagegen. Was hätte ich zeigen können, was nicht schon gezeigt? was hätte ich erfragen können, was nicht bereits gefragt wurde?

Ich wollte keinen Flüchtlingstourismus betreiben und fuhr weiter.
Manche der Männer schauten meinem beladenen Fahrrad und mir interessiert nach. Mir, der ich auf meiner Wohlstandstour durch Europa keine Probleme habe Grenzen zu passieren. Eine Freiheit, die ihnen verwehrt ist.

Endlich Dünkirchen erreicht: die nördlichste Hafenstadt Frankreichs. Meine Tour de France kam langsam zu Ende. 1 Tag noch!

Tag 90 (28.10.2105) / Frankreich: Guissény > Morlaix

Strecke: 82 km. (09:30 – 18:30)

Unterkunft bei Morlaix: L’Albatros. Weit außerhalb der Stadt. Direkt an einem kleinen Regionalflughafen. Geschäftshotel. Extrem unpersönlich. Dazu noch altbacken eingerichtet. Auch das Restaurant wie eine Kantine. Allerdings mit einem sehr guten Koch. (69 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.

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Gestern Abend noch im Regen angekommen, heute Morgen vorsichtiger Sonnenschein. Aber kalt.

Lieblingsblume

Lieblingsblume

An meiner Unterkunft blühten noch die Hortensien.
Vor bald 30 Jahren war ich schon einmal in der Bretagne gewesen. Drei Dinge gibt es, die mir für immer haften geblieben sind:
1) Die Granithäuser und Granitkirchen
2) Die sagenhafte Küste Côte de Granit Rose und
3) Die Hortensien.

So gesehen hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten nichts verändert. Selbst die Hortensien blühten noch mir zuliebe (wobei sie fast überall nur noch als vertrocknetes Herbstkraut herumhingen).

Die Dörfer, noch die kleinsten, mit steil in den Himmel ragenden Granit-Kirchtürmen (siehe 1)!)

Gottes erhobener Finger

Gottes erhobener Finger

Um die Mittagszeit die Dünen von Keremma erreicht. Ein Naturschutzpark.

Weite Sicht

Weite Sicht

So weit der Blick reichte: Meeresboden.

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Jede Weite hat einen Horizont

Nur ein Boot hatte es nicht mehr rechtzeitig hinausgeschafft.

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gestrandet

Ein paar Familien waren unterwegs, um sich das Mittagessen (Muscheln) auszugraben.

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Im Krebsgang

Schließlich zog auch ich mich von der Küste zurück, fuhr landeinwärts. Ich wollte mir einige der berühmten Calvaires anschauen. Massive Kalvarienberge aus Granit (siehe 2)!).

Das Dörfchen Bodilis machte den Anfang.

Mächtiger Granit, Allmächtiger Gott

Mächtiger Granit, Allmächtiger Gott

In der Kirche grandiose Schnitzereien. Vierhundert, Fünfhundert Jahre alte Gottesfurcht.

Ohnmächtiger Gott

Ohnmächtiger Gott

Ein paar Kilometer weiter meine Lieblingskirche: Lampaul-Guimiliau!
Ich, der ich überhaupt kein Kirchgänger bin, stehe andächtig vor solchen Monumenten.

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What a church!

Wie dem herzzerreißenden hölzernen Triumphbalken. So wird er zumindest genannt.

Warum die Kreuzigung Jesu ein Triumph ist? (Ich hab’ mich das gefragt: Triumph über den Schmerz? über die Ängstlichkeit ? über die Vergänglichkeit? darüber dem menschlichen Klein-Klein-Spiel entkommen zu sein? wieder Gott sein zu dürfen?)

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Im Gebälk

Die Handwerksmeister des ausgehenden Mittelalters waren jedenfalls Könner.

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Feinste Handwerkskunst

Wieder eine Viertelstunde weiter: Das Dörfchen Guimiliau.

Kaff

Kaff

Nix besonderes: Wäre da nicht wieder ein monumentaler Kalvarienberg.

magisch ?

magisch ?

Umfriedet

befriedet ?

Hier haben sich besonders die Steinmetze ausgetobt.

Bibelszenen als steinerne Telenovela. Mit klaren Rollenverteilungen.

realistisch ?

realistisch ?

Krawallbrüder ?

Krawallbrüder ?

Es begann zu regnen und ich beeilte mich noch einigermaßen trocken Saint Thégonnec zu erreichen. Mit dem bekanntesten aller Kalvarienberge.

In der Dorfeinfahrt wies mir ein Regenbogen den Weg.

Regenbogenfahne über Dorf

Regenbogenfahne über Dorf

(Kann man eigentlich auch inmitten eines Regenbogens stehen? Kann sich das Licht nicht auch unmittelbar vor einem in den Tropfen brechen? Muss das Ding sich immer in der Unendlichkeit herumschleichen?)

Ich wollte, ich hätte mehr Regenbögen zu sehen bekommen. Denn ab jetzt wurde es duster und der Himmel leerte seinen Dreck über mir aus.
Ich fuhr stoisch durch das Nass, durch das sehr interessant wirkende Städtchen Morlaix, bis zu meinem im voraus gebuchten Hotel (es gab kein anderes!) weit außerhalb der Stadt. Grauenhaftes Ding.
Wobei: In dem ebenfalls fürchterlich aussehenden Restaurant habe ich köstlich gegessen.
Und danach mich mit zwei Russen ein wenig unterhalten, die auf dem nahegelegenen kleinen Regionalflughafen als Miet-Kapitäne arbeiteten.
Nette Kerle.

Tag 82 (20.10.2105) / Frankreich: Saint-Gilles-Croix-de-Vie > Saint-Brevin-les-Pins

Strecke: 97 km. (09:15 – 19:15)

Unterkunft in Saint Brevin: Hotel Rose-Marie. Glücksfall. Liegt klasse, direkt am Meer. Ist schön eingerichtet. Hat tollen Patron und auch noch gutes Restaurant. Wirt brachte Fahrrad in Garage. 58 Euro (ohne Frühstück).

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Es gibt Grund zu klagen: Seit Tagen schmerzen die Knie. Die rechte Wade macht Probleme. Sehne entzündet? Who knows. Ich reibe Knie und Muskeln mit Voltaren ein. Hilft nur kurzzeitig. Eher gar nicht.

Dazu der ekelhafte Wind. Natürlich immer von vorn. Obwohl es kaum nennenswerte Steigungen unterwegs gibt, habe ich ständig das Gefühl, stramm bergauf zu fahren. Brauche volle Kraft, um gegen dieses Naturungeheuer anzukommen.
Dann die Morgenkälte. 4 oder 5 Grad. Zusammen mit dem Wind sind es gefühlte Eisgrade.
Jeden Morgen fahre ich frierend los.

Wünsche mir Sonne, aber kein Mensch oder Gott nimmt davon Notiz.

Wieder ein Tag, der im kalten Grau beginnt.

Saint-Gilles-Croix-de-la-Vie.
“Kreuz des Lebens”. Welche Bürde dieser Stadtname den Einwohnern auferlegt.
Liegt sehr schön.
Ufert fürchterlich aus.

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Turm mit Aussicht

Irgendwann war ich in Saint-Hilaire-de-Riez.
Und irgendwann woanders.
Die Stadt-, Dorf- und Gemeindegrenzen waren unbedeutend. Alles verschwamm ineinander.

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Wenn sie nur nicht zugebaut wäre

Die französische Atlantikküste: Hunderte Kilometer feinster Sandstrand, fantastische Dünen, Miniaturklippen

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diro

…. und Hunderte Kilometer Beton-Siedlungen, die sich nur im Sommer lebensfreundlich zeigen.

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schön trist

Jetzt im kalten Herbst generieren sie höchstens Wut gegen die kalten Architekten.

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Fahrrad mit Platte

(Plattenbauten wurden wohl im Westen erfunden.)

Die Strecke flach, windig, grau.
Dabei gab es unterwegs schöne Fotomotive.

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grau ist alle Bildtheorie

Auch schöne Städtchen.

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grau ist jede Bildidee

Erst ganz zu Schluß, eine Stunde vor der Abenddämmerung bohrte sich plötzlich die Sonne einen Tunnel durch die Wolken und wärmte mich.

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nur die Sonne kann Farben malen

Eine halbe Stunde gab sie mir Zeit, den Ozean, das Ufer und die seltsamen Fischer-Stelzen-Häuschen zu bestaunen.

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Abendsonne hat zu viel Blau im Malkasten

Als sie Sonne schon untergegangen war, erreichte ich Saint Brevin. Und hatte ausgesprochenen Dusel, sofort ein offenes Hotel zu finden. Und was für ein kleines Juwel!
Der Wirt (Typ Seebär mit weißem Bart) versorgte mich mit allem, was Göttlich ist: Exzellentes Essen, ausgezeichneter Wein und reichlich Frohsinn.
Vive la France.

Tag 76 (14.10.2014) / Frankreich: Pausentag in Arcachon

Morgenspaziergang am Stadtstrand von Arcachon.

Ruhebank

Ruhebank

Die Stadt muss eine unglaublich wohlhabende  Bürgerschaft beheimaten.

Noch ruht das Karussell

Noch ruht das Karussell

Mein Hotel lag weiter weg vom Zentrum. In Hafennähe, ein altes Fischerviertel also. Aber in den Strassen und Gassen ringsum reihten sich  große Anwesen mit herrschaftlichen Häusern aneinander. Fast alle sehr gepflegt, frisch geputzt und von hohen Mauern geschützt. Dabei liegt das eigentliche Reichenviertel – so sagt mein Reiseführer – in der etwas höher gelegenen “Winterstadt”. Auch sie habe ich durchschlendert – es langweilte schnell. Kein Geschäft, keine Boulangerie, Patisserie, Boucherie, kein Bistro, Café und keine Bar.

(Als ich gerade “Reichenviertel” in meine Tastatur hackte, spuckte mir die Autokorrektur “Leichenviertel” aus. Kann mein Computer bereits meine Gedanken lesen?)

Die Attraktion von Arcachon liegt allerdings etwas außerhalb: im Vorort Pyla sur Mer.

Ich war mit dem öffentlichen Bus dorthin gefahren. 1 Euro für 12 Kilometer. Als ich das ticket nicht richtig in den Abstempelkasten bekam, tröstete mich der Schaffner: “C’est compliquet! C’est français!”

In Pyla wächst die größte Wanderdüne Europas vom Meer in den Himmel. Schätzungsweise 140 Meter ist die Dune du Pilat hoch und 3 Kilometer lang. Millionen von Besuchern jährlich. Ich reihte mich demütig in die Besucherschlange ein.

Sandburgwunder

Sandburgwunder

Sandburgknipser

Sandburgknipser

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Hatte vergessen, den Himmel zu putzen (oder vielleicht doch meinen Polfilter?)

Von da oben sah ich jetzt mal wie riesig auch das Waldmeer war, durch das ich seit zwei Tagen durchpflügte.

Uferlos

Uferlos

Tag 74 (12.10.2015) / Frankreich: Bayonne > Mimizan Plage

Strecke: 102 km (09:30 – 18:30)

Unterkunft in Mimizan Plage: Chez Jean Paul. Sympathisch, bürgerlich, im Zentrum. Großes Zimmer mit modernem Bad. Fahrrad in Abstellkammer untergestellt. 50 Euro (ohne Frühstück).

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Beim Hinausfahren aus Bayonne nieselte es ein wenig.
Ich folgte einer kleinen Landstraße.
Ab und zu bemalte Wassertürme.

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What goes up …

Zwei Stunden dauerte es, bis ich bei Capbreton wieder das Meer zu Gesicht bekam. Riesige Hotelanlagen, die aber fast völlig verwaist waren. Mit Ausnahme von einigen Surf-Schulen, die Gruppen von Jugendlichen im Wellenreiten schulten.

Es sah aus als würden junge Soldaten den Strand stürmen.

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Gestrandete

Die Invasion verlief allerdings friedlich.

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Invasion ?

Auf dem zentralen Markt warteten die Verkäuferinnen und Fischausnehmerinnen auf Kunden.

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Mehr Fisch als Fleisch

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Nur Fisch

Nur Stichstraßen und Kanäle führen zum Strand.

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Mit dem Lineal gezogen

Die eigentliche Route verlief im Landesinnern. Riesige Eichen und Kiefernwälder. Manchmal 10, 15 Kilometer ohne eine einzige Behausung. Reiner Fahrradweg. Absolute Stille.
Nicht einmal ein Vogelschrei.

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Kein Weg raus

Nach den Baskischen Bergen war ich nun im Flachland, eigentlich. Aber einfach war die Strecke nicht, immer wieder kurze heftige Anstiege, eine Düne rauf.
Schon bald schmerzten mir beide Knie.

Zum Ausruhen immer wieder zu den Stränden.
Ewig lange Sandbänke.
Feiner Sand.

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Könnte auch Nordsee sein

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Sandmeer

Viele Strandsiedlungen völlig leer. Hier brummt das Geschäft nur im Sommer.

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Gleich kommt Django

Niemand, der mir ein Glas Wein zur Stärkung reichte.
Es wurde ein langer Tag.
Über 100 Kilometer am Ende abgestrampelt.