Meer Europa

Schlagwort Archiv: Dünen

Tag 295 (24.06.2019) / Finnland: Kokkola -> Raahe

Strecke: 128 km (09:45 – 20:15 Uhr)

Die Tage häuften sich, an denen ich jeweils deutlich über 100 Kilometer zurücklegte. Das lag sicher an den eher leichten Routen: Boden-Wellen kaum höher als 20, 30 Meter. Oft Gegenwind, aber selten stark.

Und es lag daran, dass nicht wirklich viel zu sehen war. Ich folgte (zwangsläufig) der Bundesstraße E8. Sie verlief küstennah, berührte das Wasser aber selten. Die Ostsee bekam ich tatsächlich nur wenig in den Blick. Und wenn ich mal eine Stichstraße zu ihr nahm: Sie glich sich an vielen Stellen. Kein offenes Meer – die See glich eher einem Netz miteinander verbundener Teiche und täuschte so fast ein wenig Harmlosigkeit vor. Überall in den kleinen Buchten lugten (Fertig-)Holzhauser mit ihren kleinen Holzanlegern ins Wasser.

Aber immerhin: ab und zu ein schöner Bauernhof.

Und ab und zu sogar mit einem noch schöneren Café im Innenhof. In einem trocknete ich meine nass geschwitzten T-Shirts und machte kurz Rast.

Und dann doch die Überraschung. Nahe Kalajoki: ein, zwei Kilometer lang offene See! Mit vorgelagerten Dünen. Herrlich.

Das Licht leider superhart. Mittagszeit.

Ich stolperte ein wenig durch den Sand.

Braun-Blaues-Farbenspiel.

Noch brummte die Saison nicht.

Die modern-futuristischen Strandhotels fast völlig leer.

Danach war die einzige optische Auflockerung auf der Fahrt ein Fluss, der, obschon kurz vor der Mündung, noch ein Mal Stromschnellen spielte.

Schließlich (nach einigen weiteren Stunden auf dem Sattel) in Raahe angekommen. Ein kleines Städtchen, das man nicht gesehen haben muss.

Ich hatte nach der Ankunft enorme Schwierigkeiten, etwas Essbares zu finden. Landete schließlich in einem Pub. Es war dort wie so oft: Saufen oder an einarmigen Banditen Geld verlieren.

Die Menükarte war nicht zu übersehen. Das Angebot äußerst überschaubar: alles, was sich aus dem Gefrierfach direkt in die Mikrowelle schieben ließ. Ich aß Muikkukori – gebratene Sardellen. (Hab übrigens nach dem finnischen Wort gegoogelt. Das schafft der Internetriese nicht, eine angemessene Übersetzung zu liefern. Es lebe Finnisch!)

Geschmack? Na ja – sättigend.

Tag 292 (21.06.2019) / Finnland: Pori -> Pjelax

Strecke: 153 km (09:00 – 01:15 Uhr)

Jede Etappe hat ihren “Drama-Tag”. Dieses Mal kam er ziemlich früh. Es war Mittsommer, die Finnen feierten im ganzen Land die Sonnenwende und machten einfach alles zu: Geschäfte, Restaurants und Hotels. Auf meinem Internet-Portal, auf dem ich täglich meine Unterkunft buchte, wurde mir im Umkreis von über 200 Kilometern kein einziges freies Bett angezeigt. Ganz ernst nahm ich das nicht, dachte, irgendetwas würde sich unterwegs schon finden.

Gut gelaunt steuerte ich zunächst den Strand von Yyteri an, mit einer – für die Ostsee – überaus beeindruckenden Dünenkulisse.

Es war aber kaum etwas los. Schon gar keine Sonnenwendfeier. Dafür kam ein strammer Herr mit stolzem Bauch auf mich zu und redete wild gestikulierend und ohne Unterlass auf mich ein. Ihn störte auch nicht, dass ich signalisierte, kein Wort zu verstehen. Er forderte mich mit Hände, Gesten und verständlichen Worten auf, ihn zu fotografieren und erzählte mir eine finnische Geschichte, von der ich nie erfahren werde, ob sie interessant war. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich verabschiedete mich freundlich. Und hörte beim Weggehen wie er seine Erzählung immer weiter ausspann.

Es blies ein kalter Wind.

Trotz Dauersonnenenschein war es eher kalt und sehr diesig. Der lang gezogene Strand ziemlich leer.

Auch in den Dünen hielt sich kaum jemand auf.

Ich sattelte mein Fahrrad, fuhr – jetzt schon Mittag – weiter Richtung Norden.

Die Straße brückte sich zu Inseln, die der Küste vorgelagert waren. Manchmal wirkte die Ostsee wie eine Gruppe miteinander verbundener Teiche.

Ich hatte schon fast 100 Kilometer in der Beinen (es war später Nachmittag) und immer noch nirgends eine offene Unterkunft entdeckt.

Unterwegs: ein alter hölzerner Glockenturm …

… mit einer beindruckenden Almosenfigur neben der Tür. Sie zeigte mir den Weg zum Heimatmuseum von Siippy.

Mit Fischerhütte, Bauernhof, Windmühle …

und alter Gaststätte, die (natürlich) zu hatte.

Am kleinen (fast schon mondänen) Dorfhafen traf ich ein frustriertes junges finnisches Paar, das hierher geradelt war, weil es glaubte, dass es an diesem Ort eine große Sonnenwend-Party geben sollte. Jetzt war es ziemlich enttäuscht.

Die beiden suchten auf dem Handy nach Informationen, fanden aber keine Erklärung. Sie hatten aber immerhin Proviant, Schlafsack und Isomatte dabei und brauchten sich um eine Unterkunft (die es nicht gab), keine Sorgen zu machen.

Entlang der Küste in jeder noch so kleinen Bucht ein schönes Ferienhaus mit akkurat gepflegtem finnischen Rasen und Holzstühlen am Ufer, auf denen es sich bald die Hobbyangler bequem machen würden (die finnische Sommer-Ferien-Saison beginnt.

Ich hatte beschlossen, das Städtchen Kristinestad anzusteuern, in der Hoffnung, dort – nach gut 135 Kilometern Strampeln – eine Bleibe zu finden. Immerhin fand ich unterwegs eine offene Tankstelle, in der ich mich mit Wasser und etwas Essbarem eindecken konnte. Ein Herr (Rentner?) mit Cowboy-Hut und Cowboystiefeln näherte sich mir interessiert. Er sprach recht gut deutsch und erklärte mir, dass er lange in Australien gelebt und beruflich die ganze Welt bereist habe. Zeitweise auch in Deutschland gearbeitet habe. Ich fragte ihn ein wenig aus über die Sommersonnenwende und er erzählte mir, dass er am Morgen in Siippy gewesen sei und dort ein “riesiger” Event stattgefunden habe. Mit Feuer, Tanz, traditionellen Liedern. Sogar eine Gruppe Asylsuchender sei von den Organisatoren eingeladen worden. Ich mussten an das frustrierte Pärchen denken, dass sich also ganz offensichtlich in der Tageszeit getäuscht hatte.

Die letzten 10 Kilometer nach Kristinestad taten mir weh. Es war hügelig, ich war müde und als ich über eine langgezogene Brücke in das Städtchen einfuhr, war es bereits 9 Uhr abends. 3 Hotels gab es in der schönen Altstadt. Alle 3 hatten Schilder an den Toren: Rund um Mittsommer geschlossen. Ich klapperte mit Hilfe meines Handy-Navis Restaurants ab – ich hatte Hunger und Durst – alle geschlossen. Die Straßen wie leergefegt.

Der finnische Sommergott hatte aber Erbarmen mit mir und führte mich zu einem Pub, das tatsächlich auf hatte und aus dem laute Musik dröhnte.

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und überlegte, was zu tun. Hier die Nacht verbringen (das Türschild zeigte immerhin an, dass bis 4 Uhr morgens offen sein würde) und dann am Morgen an irgendeinem Strand schlafen?

Ich saß kaum richtig, schon gesellte sich ein sympathischer Koloss zu mir. Er kippte seine zahlreichen Biere schneller als ich eines schlucken konnte, erkannte sofort, dass ich ein Deutscher war und wollte in meiner Sprache mit mir reden. Er hatte viele Jahre auf der Kölner Messe gearbeitet, war jetzt pensioniert und vermisste ganz offensichtlich seine zweite Heimat. Immer wieder suchte er nach (deutschen) Worten, wurde mit jedem weiteren Bier sentimentaler, öffnete mir sein Herz. Er erklärte mir Finnland, das eingeklemmt zwischen Schweden (“arrogant”) und Russen (“grobschlächtig”) seinen unabhängigen Weg suche.

Er hatte Tränen in den Augen und irgendwann bemerkte ich, dass sie sich zu einem Rinnsal verdichteten, das stetig in sein Bier tropfte und es versalzte. Dann stand er urplötzlich auf (beeindruckende Größe!) umarmte mich warmherzig und machte sich auf den Weg nach Hause.

Kaum war der Platz neben mir leer, war er schon wieder besetzt. Eine ebenfalls beeindruckende Gestalt in Jägerklamotten hatte sich zu mir gesellt.

(Sollte mich irgendein göttliches Wesen ein zweites Mal in dieses Leben lassen, so sollte es mir dann unbedingt die Gabe verleihen, mir Namen merken zu können. In diesem ersten Leben gelingt es mir einfach nicht.)

Auch er sprach einige Brocken Deutsch. Er hatte vor vielen Jahren in Travemünde gearbeitet. Jetzt war er in Rente, war seit 5 Jahren clean – hatte früher “einfach zu viel getrunken”. Schluss damit.

Und er war gerührt, wieder mit jemandem Deutsch sprechen zu können. Er fragte mich aus, gab mir Tipps für die Weiterfahrt und stand gegen 23 Uhr auf. Er war melancholisch, umarmte mich und verabschiedete sich in die (taghelle) Nacht.

Die Stimmung in der Kneipe mittlerweile aufgeheizt. Eine Dorfband befeuerte das Publikum, von dem die eine Hälfte schon im Vollrausch war.

Die andere würde sicher bald folgen.

Der bullige Thekenwirt packte im Minutentakt gehunfähige Gefährten am Kragen und beförderte sie auf die Straße.

Auch das über ihrem (letzten) Bier eingeschlafene Mädchen musste den Pub verlassen.

Ich ging ebenfalls. Draußen zeigte eine Uhr an, dass gleich ein neuer Tag beginnen würde. Die Sonne war gerade untergegangen. Die Dämmerung hatte eingesetzt.

Eine Dämmerung, die aber in keine Nacht leitete, die nur zwei helle Tage miteinander verband. Ich beschloss, noch eine Weilte weiter zu radeln. Aber das ist ja schon die Geschichte vom nächsten Tag.

Tag 191 (17.04.2017) / Spanien: Barcelona -Palomás

Strecke: 121 km (09:30 – 20:00 Uhr)

Selten glückt es mir, leicht aus einer Großstadt herauszufinden. Diesmal bin ich nur der Strandlinie gefolgt – und schon war ich draußen.
Danach 40, 50 Kilometer das Übliche: Rechts der langgezogene Sandstrand (manchmal mit kleinen Dünen). Links Haus an Haus. Eigentlich hatte ich immer das Gefühl in einer Stadt zu sein, obwohl Barcelona schon lange hinter mir lag. Aber es war Provinz. Einstige Fischer-Siedlungen, die zu einem Riesen-Straßen-Dorf zusammengewachsen waren.

Ab und zu ein paar schöne Ecken. Ab und zu auch ein paar Nacktbadestrände.

Unkleidsam?

Ich wählte auch nach dieser architektonischen Durststrecke absichtlich die Küstenstraße, um zu meinem Ziel, Palomás, zu gelangen. In der Hoffnung, noch ein wenig Natur zu atmen. Meine Karten-App hatte schwieriges Gelände angezeigt, aber Natur. Und in der Tat führte die Straße die letzten 3 Stunden in anstrengenden Serpentinen durch eine zerklüftete Berglandschaft.

Ich lag dennoch falsch. Der Betongeruch überlagerte das Kiefernaroma. Keine Kurve, hinter der der Blick nicht völlig verbaut war.

Unwegsam? Wegsam?

Und doch ein Höhepunkt der Reise: Bilderbuchlandschaft bei Tossa de Mar.
Ein Foto, das es wohl millionenfach gibt. Von einem Aussichtspunkt der Panoramastraße. Kein Tourist, der hier nicht hält und sein Handy zückt. Ich reihte mich in die Warteschlange ein.

Unwirklich?

Spektakuläre Runtersichten.

Untypisch?
Blaue Lagune

Junge, Junge, wie schön könnte das alles sein. Wen soll man eigentlich schlagen? Franco? Spanische Politiker, die sich von Baufirmen korrumpieren ließen? Tourismusmanager? Die Touristen selbst?

Müde Ankunft in Palomás. Wenigstens dieses Städtchen hatte ein wenig Charme.

Unglaublich?

Unterkunft: Hotel Trias. In Hafennähe. Modernisiertes Traditionshaus. Sehr schöne große Zimmer. Sehr freundlicher Service. Fahrrad in Garage untergebracht. 65 Euro (mit Frühstück).

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 3

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 104 (11.11.2015) / Frankreich: Boulogne-sur-Mer -> Dunkerque (Dünkirchen)

Strecke: 88 km (09:15 – 16:45)

Heute glich gestern. Der Tag in grau gebadet. Mit Sonne wäre ich aber auch nicht weit gekommen. Ich durchfuhr eine fantastische Dünenlandschaft. Bei schöner Sicht hätte ich viele Stopps gemacht. Manche der Sandberge forderten mir alles ab. Manchmal winden sich die Straße in engen Serpentinen hinauf.

Wild

Unterwegs kleine, saubere und unspektakuläre Dörfer.

Zahm

Warum diese Herren marschierten, hab ich nicht erfragt.
Veteranen und Söhne von Veteranen ?

Calais. Eine kriegszerstörte Stadt und danach kein architektonisches Kleinod mehr geworden.

Ruhig

Hinter Calais, in den Dünen, tauchte plötzlich ein großes Flüchtlingscamp auf. Davor zwei französische TV-Teams und viel Polizei. Ich überlegte kurz, ob ich anhalten und ein paar Fotos machen sollte. Es sah gespenstisch aus: das übervolle Lager, Zelt das sich an Zelt duckte und die herumlungernden Gruppen junger arabischer und afrikanischer Männer. Ich entschied mich dagegen. Was hätte ich zeigen können, was nicht schon gezeigt war? Was hätte ich erfragen können, was nicht bereits gefragt wurde?

Ich wollte keinen Flüchtlingstourismus betreiben und fuhr weiter.
Manche der Männer schauten meinem beladenen Fahrrad und mir interessiert nach. Mir, der ich auf meiner Wohlstandstour durch Europa keine Probleme habe Grenzen zu passieren. Eine Freiheit, die ihnen verwehrt ist.

Endlich Dünkirchen erreicht: die nördlichste Hafenstadt Frankreichs. Meine Tour de France kam langsam zu Ende. 1 Tag noch!

Unterkunft in Dunkerque: “Hotel Welcome”. Zentrum. Hotelblock. In die Jahre gekommen. Aber okay. Höflicher Empfang. (52,50 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.

Tag 90 (28.10.2105) / Frankreich: Guissény -> Morlaix

Strecke: 82 km (09:30 – 18:30)

Gestern Abend noch im Regen angekommen, heute Morgen vorsichtiger Sonnenschein. Aber kalt.

Lieblingsblume

An meiner Unterkunft blühten noch die Hortensien.
Vor bald 30 Jahren war ich schon einmal in der Bretagne gewesen. Drei Dinge gibt es, die mir für immer haften geblieben sind:
1) Die Granithäuser und Granitkirchen
2) Die sagenhafte Küste Côte de Granit Rose und
3) Die Hortensien.

So gesehen hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten nichts verändert. Selbst die Hortensien blühten noch mir zuliebe (wobei sie fast überall eigentlich nur noch als vertrocknetes Herbstkraut herumhingen).

Die Dörfer, noch die kleinsten, mit steil in den Himmel ragenden Granit-Kirchtürmen (siehe 1)!)

Gottes erhobener Finger

Um die Mittagszeit die Dünen von Keremma erreicht. Ein Naturschutzpark.

Weite Sicht

So weit der Blick reichte: Meeresboden.

Jede Weite hat einen Horizont

Nur ein Boot hatte es nicht mehr rechtzeitig hinausgeschafft.

Gestrandet

Ein paar Familien waren unterwegs, um sich das Mittagessen (Muscheln) auszugraben.

Im Krebsgang

Schließlich zog auch ich mich von der Küste zurück, fuhr landeinwärts. Ich wollte mir einige der berühmten Calvaires anschauen. Massive Kalvarienberge aus Granit (siehe 2)!).

Das Dörfchen Bodilis machte den Anfang.

Mächtiger Granit, Allmächtiger Gott

In der Kirche grandiose Schnitzereien. Vierhundert, fünfhundert Jahre alte Gottesfurcht.

Ohnmächtiger Gott

Ein paar Kilometer weiter meine Lieblingskirche: Lampaul-Guimiliau!
Ich, der ich überhaupt kein Kirchgänger bin, stehe andächtig vor solchen Monumenten.

What a church!

Wie vor dem herzzerreißenden hölzernen Triumphbalken. So wird er zumindest genannt.

Warum die Kreuzigung Jesu ein Triumph ist? (Ich hab’ mich das gefragt: Triumph über den Schmerz? Über die Ängstlichkeit ? Über die Vergänglichkeit? Darüber dem menschlichen Klein-Klein-Spiel entkommen zu sein? Wieder Gott sein zu dürfen?)

Im Gebälk

Die Handwerksmeister des ausgehenden Mittelalters waren jedenfalls Könner.

Feinste Handwerkskunst

Wieder eine Viertelstunde weiter: das Dörfchen Guimiliau.

Kaff

Nix Besonderes: Wäre da nicht wieder ein monumentaler Kalvarienberg.

Magisch ?
Umfriedet. Befriedet ?
Es gibt mehr als einen ?

Hier haben sich besonders die Steinmetze ausgetobt.

Bibelszenen als steinerne Telenovela. Mit klaren Rollenverteilungen.

Realistisch ?
Krawallbrüder ?

Es begann zu regnen und ich beeilte mich noch einigermaßen trocken Saint Thégonnec zu erreichen. Mit dem bekanntesten aller Kalvarienberge.

In der Dorfeinfahrt wies mir ein Regenbogen den Weg.

Regenbogengirlande überm Dorf

(Kann man eigentlich auch inmitten eines Regenbogens stehen? Kann sich das Licht nicht auch unmittelbar vor einem in den Tropfen brechen? Muss das Ding sich immer in der Unendlichkeit herumschleichen?)

Ich wollte, ich hätte mehr Regenbögen zu sehen bekommen. Denn ab jetzt wurde es duster und der Himmel leerte seinen Dreck über mir aus.
Ich fuhr stoisch durch das Nass, durch das sehr interessant wirkende Städtchen Morlaix, bis zu meinem im voraus gebuchten Hotel (es gab kein anderes!) weit außerhalb der Stadt. Grauenhaftes Ding.
Wobei: In dem ebenfalls fürchterlich aussehenden Restaurant habe ich köstlich gegessen.
Und danach mich mit zwei Russen ein wenig unterhalten, die auf dem nahegelegenen kleinen Regionalflughafen als Miet-Kapitäne arbeiteten.
Nette Kerle.

Unterkunft bei Morlaix: L’Albatros. Geschäftshotel. Extrem unpersönlich. Dazu noch altbacken eingerichtet. Auch das Restaurant wie eine Kantine. Allerdings mit einem sehr guten Koch. (69 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.

Tag 25 (7.10.2014) / Portugal: S. Pedro de Moel -> Caldas da Rainha

Strecke: 48 km (9:30 – 16:15)

Immer noch führte der Fahrradweg durch Kiefernwald und Dünenlandschaft. Der Wind extrem widrig. Das Wetter drohte zu kippen. Sturm und heftige Regengüsse wurden vorhergesagt.

Die Steilküste aufregend.

Vale Furado
Vale Furado
Vale Furado

In der Mittagshitze Nazaré (Nazareth) erreicht. Pilgerstätte für viele Portugiesen. Der Strand leer und eindrucksvoll.

Nazaré
Nazaré

110 Meter höher, auf den Klippen und rund um die Kirche “Nossa Senhora da Nazaré” (Heiligtum Unserer Lieben Frau von Nazareth), lockten Süßigkeitenverkäuferinnen in traditioneller Tracht Touristen an.

Ein Blick nach oben ließ erahnen, wie es im Himmel aussehen könnte.

Nach kurzem Zwischenstopp weiter die Küste entlang. Der Wald lag hinter mir.
In S. Martinho do Porto Abschied vom Atlantik genommen.

S. Martinho do Porto

Ab jetzt führte der Weg durchs Landesinnere Richtung Lissabon.
Obwohl mein Tagesziel eigentlich näher an Portugals Hauptstadt lag, kapitulierte ich in Caldas da Raina vor dem Gegenwind. Ich hatte genug davon zu strampeln und doch kaum voranzukommen.

In der gleiche Sackgasse, in dem ich mein Hotel fand, befand sich auch eine kleines Wunder an portugiesischer Gastlichkeit. “Pacha” nannte sich eine “Snack-Bar”. Aber welch eine Untertreibung. Es war ein vorzügliches Tapas-Restaurant, zudem mit einer klasse Weinauswahl. Die halbe Kleinstadt schien sich dort zu treffen. “Tradição Gourmet” war auf einen Schild eingraviert. Das traf zu. Ich blieb von der Ankunft bis zum Türschluss.

Hotel in Caldas: “Europeia”. 3 Sterne. Immerhin gab es in dem Ort Hotels. 35 Euro. (Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.)

Tag 24 (6.10.2014) / Portugal: Figueira da Foz -> S. Pedro de Moel

Strecke: 63 km. (10:15 – 17:30)

Figueira: ein schönes Hafenstädtchen. Sympathischer Stadtkern. Strand und Hafengebiet wirkten – saisongemäß – verlassen.

Von Figueria führte der Weg erst vom Meer weg. Dann hatte ich Mühe, den Atlantik wieder zu finden. Ich durchfuhr ein (gefühlt unendliche Kilometer) langes Waldgebiet. Ein geschützter Naturpark. Mit nur wenigen Zugängen zu (dann aber) spektakulären Sandbuchten.
Eigentlich radelte ich auf Dünen. Rauf und runter.
Anstrengend. Und gleichwohl sehr entspannend. Es gab (zum ersten Mal!) Fahrradwege. Und kaum Autos.
Ich konnte den Wald atmen hören!

Pinhal de Leiria

Und er atmete schwer. Jeder Tanne wurde das Harz entnommen. Ein ganzer Wald gemolken. Kilometer für Kilometer.

Am Praia de Pedrogao endlich wieder Meer gesichtet. Von der Waldstraße aus führen nur sporadisch Stichstraßen zum Ozean.
Völlig leeres Fischer- und Touridorf! Aber spektakulärer Strand!

Praia de Pedrogao

Das Dünenaufundab ging auf die Knochen. Dann aber auch wieder lange entspannende Strecken: kerzengrad.

Und schließlich der Gegenwind! Zum ersten Mal richtig Sturm gegen mich gehabt. Immer von vorne, nie von hinten. Es tat weh.

Praia da Vieira

Die meisten Badeorte – wie Praia da Vieira – völlig verlassen.
Wie viel müssen die Menschen hier in den Saisonmonaten verdienen, damit sie den Rest des Jahres überleben können?

Gegen halb sechs gab ich mich geschlagen. Eigentlich wollte ich weiter. Aber der Gegenwind bremste mich aus. In S. Pedro de Moel nahm ich die einzig verfügbare Unterkunft. Und ließ danach das Meer mich in die Nacht tosen.

Hotel in S. Pedro de Moel: “Mar & Sol”. Nannte sich Spa Hotel. War aber im Stil eines Geschäftshotels für Handlungsreisende. Extrem unpersönlich. Aber okay. Nebensaisonpreis: 45 Euro (mit Frühstück). (Fahrrad im Nebenraum untergebracht.)