Meer Europa

Schlagwort Archiv: Fischer

Tag 318 (17.07.2019) / Norwegen: Vevelstad -> Bogen

Strecke: 102 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 2 Fähren. (09:30- 18:45 Uhr)

Manchmal wurde es richtig flach. Die Berge zogen sich ins Hinterland zurück. Weiße Schneehauben waren seit ein paar Tagen (seit wann eigentlich genau?) verschwunden.

Jetzt dominierten die Bauernhäuser. Fischerkaten wurden seltener.

Nicht mehr jedes Haus war rotbraun oder gelb. Manche im aristokratischen Weiß.

Mit schöner Schreinerkunst.

Aber die Berge kamen zurück. Forderten mich wieder heraus.

Ich machte häufiger Rast.

Der Wald wuchs in das Meer hinein. Von oben wirkten die Fjorde jetzt wie aufgeraute Waldseen.

Nach etwa 100 Kilometern hatte ich Glück. Ich spechtete in einem Dreiseelendorf ein “Feriehus”, das sogar noch ein Zimmer frei hatte. Das teuerste natürlich. Ein riesiges Apartment mit Einbauküche. Ich hatte vorgesorgt. Ich hatte genügend Wein, Brot, Käse und Dosentunfisch (in Öl und peperoni-scharf) dabei. Ich wurde satt. Und durstig blieb ich auch nicht.

Tag 317 (16.07.2019) / Norwegen: Nesna -> Vevelstad

Strecke: 73 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 2 Fähren mit ca. 24 Kilometern. (10:15- 19:45 Uhr)

Nach dem gestrigen Tag, der mich fast völlig ausgelaugt hatte, ging ich es heute etwas gemütlicher an. Spät erst brach ich auf. Der Tag lud eh zum Bummeln ein. Die Sicht war grau, diesig. Es war kalt. Meine Unterkunft war eine Katzensprung vom Fährhafen in Nesna entfernt. Die Überfahrt nach Levang ging schnell. Der dortige Anlegestelle – wie so häufig – im Niemandsland. Ein Verladesteg. Eine Schlange von wartenden Autos und Caravans. Ein, zwei Häuser. Sonst nichts.

Unterwegs: immer wieder ein paar Siedlungen an den Fjordufern. Ich weiß nicht, ob man bei der Ansammlung einiger Häuser von einem Dorf sprechen kann. Es gab keine Mitte, kein Marktplatz, keine Kirche mit Kirchplatz. Die Häuser standen eher neben einander. Anwohner waren so gut wie nie auf der Straße. Auf dem Wasser manchmal ein paar Fischer oder Angler. Aber ansonsten: Landschaft und Meer ohne Menschen.

Die Küste: ein Gewirr aus Inselchen und Inseln.

Über Land fahren hieß oft: über Brücken fahren. Manche waren spektakulär konstruiert. Eine – die Helgelandbrücke – führte scheinbar aufs Meer, nutzte eine Landzunge im seichten Ozean, um sanft auszulaufen.

Auf der zweiten Fähre sah ich zufällig einen Prospekt, der die Ferien-Unterkünfte der Gegend aufreihte. Ein Gästehaus in der Nähe der schönen Kirche in Vevelstad hatte noch ein Zimmer frei.

Das Haus entpuppte sich als Wunderkiste. Liebevoll im alten Stil eingerichtet. Eine Herberge mit 5 Zimmern.

Die Wirtin kochte selbst – aber nur auf Vorbestellung. Da ich spontan geklingelt hatte, bekam ich nicht das Menü ab. Die Wirtin kramte aus dem Gefrierschrank dafür einen exzellenten Bacalao-Eintopf hervor, kochte ihn vorsichtig auf, würzte und schärfte ihn noch etwas.

Selten einen so schmackhaften (getrockneten und gesalzenen) Kabeljau gegessen. Mit Kartoffeln und Zwiebeln. Portugiesische Klippfischküche im hohen Norden.

Überhaupt die Wirtin: Sie schaute einen listig an, war schlagfertig, juxte viel und war stolz auf ihre Unterkunft. Erklärte gerne die vielen Details der sorgfältig ausgewählten Einrichtung. Fast alles Erinnerungsstücke. Aber nichts, rein gar nichts war muffig. Alles strahlte heiter. So wie die Wirtin. Es schmeichelte ihr, wenn man ihre Kochkünste lobte. Dann seufzte sie tief und zufrieden.

Im kleinen Speisesaal nur Deutsche: ein Männerpaar aus München und ein Blogger (hab vergessen woher), der neue Wanderwege suchte.

Wir zogen uns nach dem Essen gemeinsam ins “Entrée” genannte Herrenzimmer zurück. Berauschten uns an dem, was wir alles schon in Norwegen gesehen hatten.

Tag 310 (09.07.2019) / Norwegen: Tromsø -> Finnsnes

Strecke: 100 km  (09:15 – 20:00 Uhr)

Straßen enden am Meer. Banal. Ohne Brücken und

Fähren kommt man aber auch als Fahrradfahrer nicht voran. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Norwegen ein Inselreich ist.

Eine Küstenstraße, die von Nord nach Süd führt, existierte praktisch nicht. Ständig hoppt man von einem Eiland zum nächsten und wieder aufs Festland zurück.

Am Ende wusste ich überhaupt nicht mehr, wo genau ich mich gerade befand. Grundrichtung jedenfalls “southbound”!

Und im Norden gab jetzt der Sommer sein Gastspiel. Zweiter strahlender Sonnentage in Folge!

Um jede Ecke das norwegische Foto-Grundmotiv: rote Fischerhütte vor blauem Meer.

Sogar kleine Sandstrände. Sie malten mit Hilfe der (schwachen) Sonne das Motiv karibisch aus.

Nur selten verliefen die Straßen gerade, ebenerdig. Meist war es ein wüstes Gekurvt und Auf- und Abgestrampel.

Die Berge im Hintergrund lassen es ahnen.

Die Dörfer, die ich auf Fjordhöhe passierte: natürlich Fischerdörfer. Es schien, als habe jedes Haus seinen eigenen kleinen Hafen.

Gegen 15 Uhr legte ich zur zweitgrößten Insel Norwegens ab – Senja.

Sie hat wohl die schönsten und coolsten Sandstrände der Gegend. Davon sah ich aber wenig. Sie befanden sich auf der Westseite, am offenen Meer. Ich aber fuhr die Ostseite ab. Diese war schön, aber nicht aufregend. Ich hatte gut zu arbeiten, um die Tagesstrecke zu packen.

Ziemlich genau um 8 Uhr erreichte ich wieder (diesmal über eine Brücke) bei Finnsnes das Festland. Ich hatte einige Stunden zuvor über ein Buchungsportal ein Hotelzimmer reserviert. Wie so häufig ein Gasthaus ohne Rezeption, ohne Personal. Über einen Code, der einem per sms zugeschickt wird, bekommt man Zugang.

Ein Sesam-Öffne-Dich-Code schließt dir auch deine Zimmertür auf. Du bist für Dich – aber will ich das?

Tag 259 (11.04.2018) / Rumänien: Pause in Murighiol und Fahrt durchs Donaudelta

Ich wollte früh aufbrechen, so im Morgengrauen. Mein Wirt sagte : “sinnlos” – und hatte Recht.
Noch um 8 Uhr war es saukalt und neblig trüb. Um 9 Uhr ein wenig besser.
Wir starteten. Ließen das Boot ins Wasser.
Nach 5 Minuten die Donau-“Tanke” erreicht. Mein Wirt füllte die Bootskanister auf. Ich kaufte einen Sixpack. Und los.

eingemummelt

Durch einen Seitenkanal steuerte mein Gastgeber Richtung Donau. Will heißen: den unteren der 3 Mündungsarme.

eingetrübt

Der Donauarm: breit, riesig, uninteressant.

eingefahren

Spannend wurde es erst, als es ins Gebüsch ging.

eingeschilft

Fischerhütten. Dort übernachten in der Saison Fischer. Am  Morgen bringen sie dann ihren Fang in die Dörfer. 1 Stunde Fahrt.
Manchmal mehr.

Jetzt waren die Hütten unterflutet. Die Donau hatte Hochwasser. Zudem war Schon- und Laichzeit. Kein Fischen erlaubt.

eingeweicht

Auf manchen Delta-Inseln (sehr klein!) lebten Familien in ihren klammen Hütten.

Einödhof

Die Kinder sahen nie eine Schule. Noch packt es der rumänische Staat nicht, solch entlegene Orte mit Infrastruktur zu versorgen (Schul-Boot-Taxi?).

splendid isolation

Wir wurden mit viel Hallo und Geschrei begrüßt und verabschiedet.

als sei’s der Amazonas

Immer tiefer steuerten wir ins Delta hinein. Mein Wirt hatte die Lizenz, selbst in das absolut geschützte Bioreservat zu fahren.

bisschen brackig

Wasserdschungel.

ganz brackig

Die ersten Vögel bekam ich vor die Linse. Unscharf noch.

von hinten

Fasan männlich.

halb von hinten

Fasan weiblich.

halb von der Seite

Weiter und weiter in den Urwald. Mein Wirt kannte jeden Winkel.

verzweigt und verästelt

Sie hatte er aber auch noch nicht gesehen: eine Wildkatze. Für Sekunden war sie da. Lugte durch das Gestrüpp einer kleinen Landzunge. Guckte selbst überrascht.

ertappt

Ich recherchierte später (in der Nacht) im Internet: Offenbar ist es fast unmöglich eine Wildkatze in freier Wildbahn zu fotografieren. Zu scheu. Wildkatzen gelten zudem  als nicht zähmbar.

Offensichtlich hatte ich Riesenglück. Fotojägerglück.

vergrößert

Mir gelangen zwei drei Aufnahmen. Dann war sie weg.

und tschüss

Und kaum eine halbe Stunde später wieder ein Glücksschuss: “Look look” – rief mein Wirt aufgeregt – “a wild dog!”

gemütlich

Er wirkte gar nicht scheu. Schaute interessiert, wie wir uns dem Ufer näherten.

Als wir Anstalten machten, den Grund zu betreten, trottete er von dannen.

Dackelblick

Auch hier recherchierte ich in der Nacht im Internet: Offensichtlich war dies ein “Marderhund”. Gilt ebenfalls als sehr scheu (kann ich nicht bestätigen). Sein Lebenskreis ist eigentlich Japan, China und Sibirien. Seit einigen Jahrzehnten wird er u.a. auch in der Ukraine und eben hier im rumänischen Donaudelta gesichtet.

troll dich, Troll

Was für ein Tag!

Wir drehten noch ein paar Runden im Schilf.

Schilfinseln

gespiegelt

Dann lotste mich mein Wirt auf einen der vielen Binnenseen im Delta.
Er sagte, leider seien wir zu früh dran. Im April gäbe es dort noch nichts zu sehen. Wasserblumen und Vögel verschönerten die Seen erst ab Mai. Vor allem die Pelikane seien noch in Afrika.
Wie gut, dass er sich irrte.
Kaum waren wir auf dem See, sichteten wir schon die ersten Pelikane.

rosa, weiß, schwarz

Rosapelikane. Schwarze. WeißderTeufelwasfürwelche-IchRecherchierteNichtimInternet.

nach rechts

nach links

nach rechts

nach links

Mittlerweile hatten wir 5 bis 6 Stunden auf dem Wasser verbracht. Wir wurden hungrig. Steuerten das Boot nach Hause.
Ich guckte nicht mehr nach Tieren. Nur noch auf das Wasser. Irre Spiegelungen.

artwork

Kurz vor Ankunft noch ein LanghalsReiher (gibt’s gar nicht, hab ich recherchiert – also ein Fake-Reiher).

Langhals

Es war später Nachmittag als wir wieder festen Boden betraten.
Zuhause brutzelte mir über offenem Feuer mein Wirt noch den besten Grillfisch, den ich je gegessen habe. (Dieser Superlativ muss sein!) Scrumbie!

Hausgrill

Jetzt im April sei der Fisch am besten! Laichzeit. Dann kämen die Schwärme aus dem Schwarzen Meer die Donau hoch. Und genau dann sei das Fleisch der Fische fantastisch. Ich hatte keinen Vergleich, war aber völlig begeistert.

Ich fragte meinen Wirt, wie er eigentlich erkenne, ab wann die Fische über dem Feuer gar seien.

“Wenn die Augen weiß werden”, erwiderte er.

Dinner for two

Und schließlich zeigte er mir, dass man hierzulande den toten Fisch nicht mit Messer und Gabel traktiert, sondern ihn schön mit den Fingern filetiert.
Es war superköstlich.

Dazu servierte die Frau des Wirtes eine selbstgemachte Kaviarcreme. Aus dem Rogen von Donaukarpfen.
Umwerfend.

fast schon leer

Tag 239 (22.03.2018) / Griechenland: Neos Marmaras -> Sarti

Strecke: 56 km (09:00 – 17:15 Uhr)

Kaum war ich aufgebrochen, bremste mich eine “Raupen-Kette” ab. Diese Prozessionsraupen sollen beim Anfassen heftige Allergieschübe auslösen. Also unternahm ich keinen Rettungsversuch, um die Tierchen vor dem Überfahrenwerden zu retten.
Warum sie sich aufreihen, sich aneinander ketten und damit verletzbarer machen, verstehe ich allerdings nicht.

Raupen-S-Bahn

Die Straße führte mich steil nach oben, dann verließ ich den Asphalt und stürzte mich wieder nach unten …

Wellenreiten (trocken)

… Strandtag!

Schon nach einer halben Stunde kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus.

Robinson Crusoe Strand

Ich bewegte mich in einer Wunderwelt.

Robinson Crusoe hat eine große Auswahl

Eine Bucht reihte sich an die andere. Nirgends auch nur ein Mensch, ein domestiziertes Tier, eine Bewegung zu sehen.
„Paradies“ schoss es in mich: „Paradies“.

Trotz milchiger Sicht packte ich meinen Fotoapparat erst gar nicht mehr ein. Wie muss das erst bei klarem Sonnenschein und feinem Schattenwurf – früh am Morgen oder spät am Abend – wirken! Ist das Paradies immer fern?
No! no! no!

Dschungelstrand

Ich folgte einer Schotterpiste, die mich durch einsamste Landschaften lotste.

Küstenschotterpiste

Ich kam kaum zum Atmen, nicht wenn ich nach unten blickte, nach vorn, um mich herum.

standfest

auch standfest

Völlig unverständlich, dass hier Besucher erst ab Juni kommen – und dann auch noch alle auf einmal.

Grandiose Westküste der Halbinsel Sithonia.

einfach schön

Es hörte einfach nicht auf.

einfach wunderschön

Dem Strand vorgelagerte Lagunen.

Frühlingsbote

Der Ginster lies die ersten Blüten ausbrechen und lockte Kleinvieh an.

Frühlingsbote 2

Die Sicht immer diesiger, trotzdem …

feinsandig

… ich frohlockte laut – und kam kaum voran. Hielt mehr als ich fuhr.

Urplötzlich schlug aber das Wetter um. Schon in diesem staunenswerten Naturhafen kam eisiger Wind auf, heftige Böen peitschten auf mich ein. Ein Sturm baute sich auf.

Ich war inzwischen wieder auf der (kaum befahrenen) Autostraße und kämpfte mich an der Südspitze Sithonias einen Pass hoch. Fror auf einmal. Musste mehrmals absteigen, um nicht vom Rad geweht zu werden.

Unten warfen sich die Wellen mit Macht an die Küste, so als wollten sie die übermächtigen Berge angreifen und langsam schwächen.

Küsten-Tosen

Nach steiler halbstündiger Abfahrt, vorbei an riesigen Schafsweiden und Ziegenställen, stellte ich im Ferienort Kalamitsi mein Fahrrad kurz ab, suchte nach einem offenen Café oder einer Taverne. Fehlanzeige, Nichts, rein gar nichts hatte in diesem so schön gelegenen Kaff offen, nicht einmal ein winziger Supermarkt.

Ich hatte unterwegs schon mit meiner HotelApp versucht, eine Unterkunft vorzuorganisieren. Fehlanzeige. 100 Kilometer Küstenstrecke ohne eine einzige offene Pension. Absolute Nebensaison. Inexistentes Gebiet!

angelehnt

Ich brauchte noch einmal fast zwei Stunden, um den Wind zu besiegen und um zu meinem eigentlichen Ziel zu kommen: das Küstenstädtchen Sarti. Ich vertraute darauf, mir dort ein Privatzimmer organisieren zu können.

Wellenangriff

Ich wurde nicht enttäuscht.
Es wurde ein interessanter Abend.

Auch Sarti war zunächst einmal wie ausgestorben, so gut wie nichts war offen.

Erstes Glück: Ich sah Bewegung in einem Café. Ich ging entschlossen auf die Tür zu und schon kam mir eine ältere Frau entgegen und fragte im besten Deutsch, ob ich ein Zimmer suche.
Sie war vor einer Stunde zusammen mit ihrem Sohn aus Thessaloniki gekommen, um ab jetzt bis November ihre kleine Pension in Sarti zu betreiben. Ich war der erste Saisongast.
Sie fegte schnell noch den Raum aus, organisierte Bettwäsche und voilà: Ich war untergekommen.
Die Pensionsbesitzerin hatte 15 Jahre eine Kneipe in Solingen betrieben und hatte sich dann entschlossen, in der alten Heimat wieder etwas aufzubauen. Nach einer halben Stunde kannte ich ihre komplette Familiengeschichte.

Zweites Glück: Ich fand am Abend eine offene Taverne. Die einzige, wie mir der Wirt versicherte.
Er rief seine Mutter von irgendwoher, dass sie mir ein Abendessen zubereite (aus Tiefkühlfrost).

Ich war auch lange alleiniger Gast, bis sich auf einmal ein großgewachsener Freund des Wirtes dazu gesellte.

Er kam rein mit Wollmütze und in Fischer-Tracht: Langer grüner Parker und weite grüne Hose aus Ölhaut. Eine imposante, stolze Figur mit einem grauweißen Moustaki-Wuschelbart, wie ihn viele orthodoxe Priester tragen.
Er erzählte von der Fischerei, die er vor einigen Jahren aufgegeben habe. Davon, dass die Ägäis überfischt sei, kaum ein Fischer mehr nachhaltig arbeite und er selbst keinen Spaß mehr an seinem Beruf habe. Jetzt sei er 60 Jahre und es sei genug.

In schlechtem Englisch verständigten wir uns.

Ich reizte ihn ein wenig von „früher“ zu erzählen und er schwärmte davon, wie er “früher” Touristinnen für jeweils eine Saison kennengelernt habe: Däninnen, Deutsche, Französinnen. Ich nannte ihn einen Beachboy und er musste lachen.

Zu später Stunde verriet ich ihm den eigentlichen Grund, warum ich auf meiner Reise unbedingt in Sarti Zwischenstation machen wollte: Nostalgie.

Ich war vor genau 42 Jahren schon einmal an diesem Ort gewesen. Hatte 1 Woche lang an einem Strand nahe des Dorfes (in einem Bundeswehrschlafsack) geschlafen.
Von hier aus wollte ich mit einem Boot dann in die Mönchsrepublik Athos übersetzen. Die Einreise-Papiere hatte ich schon zusammen. Ich bekam aber plötzlich hohes Fieber, konnte den festgesetzten Termin nicht einhalten und hatte es so nicht mehr auf diese nur von Männern bevölkerte und bewirtschaftete Halbinsel geschafft.
Was – so scherzte ich – vielleicht ein Glück war. Jemand hätte mir nämlich damals erzählt, dass einige Mönche gar nicht so “keusch” leben würden, sondern ziemlich heftig hinter jungen Männern (Touristen) her gewesen seien. (Ich drückte es etwas drastischer aus.)
Ab diesem Moment gefror das Gespräch.
Der Seemann wurde mürrisch, war sichtlich angeknockt.

Ich sah meinen Fehler und versuchte das Gespräch wieder auf andere Themen zu lenken.
Der Seemann schimpfte auf Griechisch, dann redete er auf mich ein, dass Athos eine großartige Republik sei – mit großartigen und gebildeten Mönchen. Dass ich gut täte, doch noch einmal dorthin zu gehen, um zu sehen, welche spirituelle Erfahrungen dort aus dem mönchischen Leben erwüchsen.

Ich ahnte, dass er oft dort verweilte, vielleicht regelmässig seine österlichen Exerzitien absolvierte, vielleicht mit Gedanken spielte, ganz dort zu leben.

Nach und nach vertieften wir uns dann aber auch wieder in andere Sujets, unterhielten uns über Mikis Theodorakis (überragend) und Georges Moustaki (schräger Romantiker), Demis Roussos (schrille Stimme), über die alten Zeiten.
Der Wirt beteiligte sich jetzt ebenfalls und servierte seinen Spezialschnaps (doppelt destillierten Ouzo).
Als ich mich verabschiedete, lagen wir uns alle Drei in den Armen und versprachen, uns wieder zu sehen.

Unterkunft: Pension Petris. Schön strandnah. Meerblick. Neu eingerichtet. 30 Euro (ohne Frühstück)

Tag 233 (16.03.2018) / Griechenland: Platamonas -> Makrigialos

Strecke: 57 km (09:15 – 15:15 Uhr)

Dass ich die 130 Kilometer bis Thessaloniki nicht an einem Tag schaffen würde, ahnte ich.
Dass ich aber schon nach 57 Kilometer vom Sattel stieg, hing mit einer unerklärlichen Entkräftung zusammen.

morgenkühl

Den Olymp im Rücken kurvte ich durch die sehr hügelige Küstenlandschaft, das Meer aber selten in Sichtweite.
Eigentlich keine anstrengende Strecke, aber das ständige Auf und Ab ging dennoch in die Beine. 

Dazu kalter Gegenwind und dann auch diese verdammten griechischen Straßenköter, die gefühlt alle 10 Minuten hinter einem Gebüsch hervorschnellten und mir bellend und keifend hinterher jagten. Sie trieben meinen Adrenalinspiegel beständig in die Höhe. Kaum war er wieder runtergepegelt, kläffte bereits der nächste abgemagerte Zottel neben meinem Hosenbein.

Am Mittag machte ich kurz Pause. Schnaufte heftig durch.

mittagskühl

Und beschloss bald, mir eine Unterkunft zu suchen. Ich hatte genug. Makrogialos lag ums Eck. Ein Fischerdorf, in dem aber niemand fischte. Die Boote waren am schmalen Strand geparkt. Wohl schon seit geraumer Zeit.

not a must

Ein einsamer Fischer reparierte seine Netze, sonst war weit und breit niemand zu sehen.

abendkühl

Der Ort noch winterlich runtergekommen. Ohne touristisches Make-Up.

kaltes Weiß

Schmuddelfarbig sogar das Promenaden-Meer.

ausgekühlt

Am Abend schließlich eine Überraschung: Einige Restaurants entlang der Promenade hatten auf – und gegen 21 Uhr füllten sie sich plötzlich mit Einheimischen.
Ich aß eine herrliche Auberginenvorspeise (mit Knoblauch, Feta, Zitrone und Petersilie aufgepeppt). Ich verschlang grandiose Venusmuscheln (herausgelöst, zu kleinen Kugeln zusammengeklebt und dann frittiert).

Ich trank einen halben Liter guten Rotwein. Und zahlte für alles 13 Euro. Wie kann das sein? Warum um Himmlelswillen ist das so billig hier?

Unterkunft: Hotel Achillion am Strand. Sehr nett eingerichtet, ganz alter Stil. Zimmer mit Meersicht. Zuvorkommender Patron. 40 Euro (mit reichhaltigem Frühstück). Ich bräuchte eigentlich nicht zu erwähnen, dass ich der einzige Gast war.

Ruhewoche Ginostra/Stromboli (12.-17.10.2017)

Der reiche Poet

Zimmer mit Aussicht …

… und Schreibtisch

Poetenausstattung

Im Laptop der neueste Band Elena Ferrantes (“Die Geschichte der getrennten Wege”). Im Kühlschrank immer ein gut gekühlter Tropfen.

angelehnt

Der Blick frei – frei aufs Meer. Auf die anderen Liparischen Inseln am nahen Horizont.

zickzack

Auf das Tragflügelboot, das auch mich hierhergebeamt hatte.

Füße gut gekühlt

Ginostra: Im Winter leben hier 30 Menschen. Im Sommer kommen manchmal 500 Touristen an einem Tag. Jetzt, in der Nebensaison, war der Ort fast leer.

Vielzack

Vor 40 Jahren war ich das erste Mal hier. Dann noch zweimal im Abstand von jeweils rund 10 Jahren.
Damals gab es noch keine Schnellboote, die hier anlandeten. Nur eine große Fähre, die weit außerhalb hielt. Fischerboote nahmen mich noch vor 20 Jahren draußen auf und brachten mich an die Steilküste, an der es nur einen Kleinsthafen (für 1 Fischerboot!) gab.
Mittlerweile ragt einen befestigter und robuster Landungssteg in die See.

Etagenbau

Aber noch immer ist der Esel das einzige Transportmittel in Ginostra. Es mühen steile Treppen hoch zum Dorf.

Zieh-Esel

Manche Gesichter erinnere ich noch. Wenn ich auch schnell beschloss, keine Einheimische zu fotografieren. Sie werden im Vierteljahresrhythmus von Fotografen regelrecht belagert.
Seit etwa 12 Jahren fließen Strom und  Wasser im Dorf. (Gab es vorher tatsächlich nicht!)
Strom: Dank einer Solaranlage in einer Bergmulde (versteckt).
Wasser: Dank großer Wassertank-Schiffe aus Neapel. (Früher so gut wie nur Zisternen-Wasser.)
Die Toiletten sind jetzt innerhalb der Häuser. (Früher Plumpsklos draußen.)

Und trotz unübersehbarer Modernisierung: Viel hat sich in Ginostra trotz Landungssteg, Strom und fließend Wasser nicht geändert.
Kein Internet. Keine Bank, kein Geldautomat, kein öffentliches Gebäude. Eine leerstehende Kirche, 2 kleine Läden, 1 offenes Restaurant (bis Ende Oktober).

Kein Auto, kein Fahrrad, keine Vespa.
Nur steile Wege …

scharfer Blick

… samt wunderschöner Häuser im traditionellen Stil.

geschliffene Kanten

erträgliches Rosa

 

eingekalkt

Götterthron

 

Lieblingsblau

Einst war der Ort ein Himmelsgeschenk. Zumindest was die Natur anbelangt. Die Vulkanerde fruchtbar. Der Wein, der auf kunstvoll angelegte Terrassen wuchs, berühmt.

stachelig

Obst und Gemüse im Überfluss.

dickhäutig

Bis ein heftiger Vulkanausbruch in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fast alles zerstörte: Gärten, Häuser. Ginostra erholte sich nie wieder richtig. Verarmte.
Auf dem Friedhof, der über dem Dorf thront,

Am Fuße der Zeder

ist die Armut in den Gesichtern der Verstorbenen zurückgeblieben. Ausdrucksstarke Gesichter. Fast alle Toten waren Fischer, Bauern, Bäuerinnen, Mägde. Einige wenige: Lehrer, Bürgermeister, Postbeamte.

Erst in den 70er Jahren brachten erste Touristen ein bisschen Wohlstand für die wenigen dagebliebenen Familien. Auch wenn die Anreise für die Abenteurer beschwerlich war. Sie lebten damals – wie ich auch heute in Ginostra: Den Tag verbummeln. Ein bisschen Spazierengehen. Das Meer bestaunen.

Archaeopterix

Den Lauf der Sonne verfolgen.

Sonnenblume

Kurz vor Sunset zur Sciara wandern – der Lava-Rutsche des Vulkans. Eine Viertel Stunde von Ginostra entfernt.

Spuk

Mit etwas Glück …

Konfrontation

… das Feuerwerk bestaunen, das der Vulkan in schöner Regelmäßigkeit veranstaltet.
Zuhören wie die Lavabrocken und Steine über die Feuerrutsche ins Meer donnern.

Feuersterne

Ich hatte dieses Mal beschlossen, nicht zum Gipfel hoch zu wandern und dort zu übernachten. Ich hatte den Vulkan schon drei Mal bestiegen.

Lieblingsberg

Ich wollte nur faul sein. Nichts tun. Lesen, trinken, lesen, trinken. Den Tag vergehen lassen. Er tat es auch ohne meinen guten Vorsatz.

Tag 216 (04.10.2017) / Italien: Pozzuoli -> Sorrento

Strecke: 66 km (10:00 – 17:00 Uhr)

Vorm Verlassen Pozzuolis noch den Fischmarkt der Stadt besucht. Groß, rustikal, laut.
Das Mittelmeer beschenkte die Fischer großzügig mit einer enormen Artenvielfalt.

darkblue fish

Ich wunderte mich, was alles als eßbar galt.

sharp tongue

Gestern noch räuberte der Schwertfisch vor der Küste Kampaniens. Nun ist auch sein Stolz dahin. Gefährdeter Bestand – sagt Greenpeace. Also eher nicht verspeisen.

sharp sword

Der Weg aus Pozzuoli heraus: äußerst mühsam. Die Stadt ging in Vororte über, diese in Dörfer, jene wiederum hatten nur eine Durchgangsstraße und die waren völlig verstopft. Gehupe, Lärm, hektisches Gewusel. Viel Herumstehen und Warten.
Wenn ich mal zum Fahren kam, war auch das zermürbend. Die Straßen waren nicht asphaltiert, sondern mit sehr groben Pflastersteinen ausgelegt. Der absolute Reifenkiller. Es gab so gut wie kein Vorankommen.
Ab und zu Aussicht auf Mittelmeerinseln.

little big fisherman

Auf einmal spülte mich die Straße nach Neapel rein. Und plötzlich – ein Wunder – wurde alles besser. Der Verkehr floß. Entlang der malerischen Meerpromenade ein großzügig angelegter Fahrradweg. Easy going. Und immer wieder kleine Buchten, in denen lokale Kleinfischer ihre Ware schuppten, ausnahmen und gleich verkauften. Die Millionenstadt wirkte auf einmal ganz provinziell.

you need sharp knifes

Mit einem Messer in der Hand lässt sich wirkungsvoll argumentieren!

you need arguments

Da ich Neapel erst vor 2 Jahren schon einmal einige Tage bereist hatte, hielt ich mich nicht lange auf, fand sogar überraschend schnell hinaus.
Der Vesuv warf auch nicht mit Feuer nach mir.

puff

Aber ab jetzt ging’s zur Sache: will sagen – hoch!

nah am Abgrund

Postkartenschöne sorrentinische Küste. Grandiose Halbinsel.

deep down

Grandioses Städtchen Sorrento.

Tag 213 (01.10.2017) / Italien: Civitavecchia -> Anzio

Strecke: 120 km (09:00 – 17:30 Uhr)

Auch am Morgen den gleich Eindruck von Civitavecchia bekommen wie bei der abendlichen Einfahrt gestern.
Schmuddelstadt. Durchgangsstadt.
Riesige Kreuzfahrtschiffe im Hafenbecken. Was machten sie eigentlich hier? Auftanken? Nachladen?

Ungetüme

Bei der Rausfahrt aus der Hafenstadt: an fast jeder Ecke ein Privat-Fischer. Ist das Sport? Zeitvertreib? Hobby? Oder doch essentiell für den häuslichen Speiseplan?

Urgestein

Manchmal schöne kleine Fischer-Stelzen-Buden

Urhlolz

Griechisch angemalt.

Urholzweg

Fast 10 Tage war ich hauptsächlich die Via Aurelia entlang geradelt (SS1). Jetzt bog sie in ihr letztes Stück ab – nach Rom. Etwas mehr als 30 Kilometer trennten mich von der Ewigen Stadt. Ich aber verspürte keinen Drang, sie wieder zu sehen.

Stattdessen umrundete ich den Da Vinci-Flughafen und bog in den Lido di Ostia ab.
Langgezogenes Touristennest.

Ursand

Es folgten viele Lidos. Es war eher langweilig, sie alle abzufahren.
Schließlich die Hafenstadt Anzio erreicht.

Urspaß

Gleich fasziniert. Herrlich ursprünglicher Fischerhafen. Sehr groß! Drumherum jede Menge gut aussehender Fischrestaurants.

urig

In einem der Trawler versuchten einige Matrosen, sich das Abendessen zu organisieren.
Sie hatten einen Mords-Fisch am Haken.
Mit Angel und Netz mühten sie sich ihn an Bord zu bekommen, scheiterten aber nach zähen Minuten des Kampfes.
Der Fisch entkam wild zappelnd.

ursprünglich

Die gescheiterten Profis schickten ihm ziemlich wüste Verwünschungen hinterher.

Tag 206 (24.09.2017) / Italien: Genua -> Santa Margherita Ligure

Strecke: 34 km (09:45 – 14:15 Uhr)

Die 34 Kilometer hatten es in sich. Steil und lang hoch, rasch runter und das in Endlos-Wiederholung.

Ruheposition

Das Meer immer nah.

versteckt

Aber heute rauschte nichts.

zerklüftet

Nur Blumen trompeteten.

plaue Pracht

Traumschönes Fischernest: Camogli. Nicht wirklich überfüllt.

eingezwängt

Italiener am Strand.

Trapattoni? Wie Flasche leer?

Mein Glas voll. Bestes Augustiner! Edelstoff. Eiskalt. Hatte sich Camogli auf meine Ankunft vorbereitet?

Münchner Überraschung

Dann die Hügelkette quer genommen und vom Pass auf der anderen Seite wieder in die Tiefe gestürzt.

hingehängt

In Santa Margherita Ligure aufgeschlagen und nach Luft geschnappt. Früher Nachmittag. Viel Zeit, um später auch noch die Bundestagswahl live aufm Laptop zu verfolgen.

Unterkunft: Sabina Rentals. Zentrumsnah. Großes Zimmer. Sehr einfach eingerichtet. Netter Empfang. Fahrrad in Garten abgestellt. (80 Euro ohne Frühstück.) Ziemlich überteuert.