Meer Europa

Schlagwort Archiv: Fischerdorf

Tag 305 (04.07.2019) / Norwegen: Lakselv -> Repvåg

Strecke: 112  km (09:15 – 19:15Uhr)

Norwegian Rain. Ich “arbeitete” die angekündigten Regentage ab. Hielt stur an meinem Plan fest und steuerte das Nordkap an. Auch wenn das Rad unter der Belastung immer häufiger zickte (Gangschaltung und vorderes Radlager machen Probleme).

Ich ahnte, was man fotografisch aus den Motiven hätte herausholen können – mit ein bisschen Sonnenstrahl-Unterstützung.

So war alles grau-milchig. Und für mich – der ich zum ersten Mal das Nordmeer sah – dennoch faszinierend.

Keine Menschen vor den Häusern.

Unbesungen die Kirchen.

Straßen, die sich wie Lindwürmer durch eine karg gewordene Landschaft schlängelten.

Mal flach, küstenbegleitend, mal bergig und herausfordernd.

Mal durch lange eiskalte und dunkle Tunnel führend.

Mehr als einmal fragte ich mich, wie Menschen sich absichtlich so in die Einsamkeit zurückziehen können. Vor traumhafter Kulisse ja – aber was, wenn die Tage nur dunkel sind? Was tut man dann hier?

Wenn nicht einmal mehr die Bergriesen zu bestaunen sind?

Erschöpft in Repvag angekommen. Ein kleines Fischernest, noch ca. 85 Kilometer vom Nordkapp entfernt. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für die Uhrzeit. Mein Handy war – regenbedingt – ausgefallen, hatte sich (wohl wegen Kondenswasser) urplötzlich entladen. Eine Armbanduhr besaß ich nicht. Ich fragte am Dorfeingang eine Frau nach der Zeit. Die Frau entschuldigte sich auf russisch, dass sie keine Uhr dabei habe. Ich wusste nicht, war es schon Nacht? Ich hatte das Gefühl sehr lange für die Fahrt hierher gebraucht zu haben.

Immerhin gab es in Repvag ein Hotel (das ich gestern vorgebucht hatte), dessen Tür aber verschlossen war. Ein handgeschriebenes Plakat erklärte, dass Hotel und Restaurant wegen “low season” noch zu sei. Nach langem Klopfen erschien eine junge Frau, schloss auf und bat mich rein. Ebenfalls eine Russin. Model-Figur, kluge Augen, strahlendes Lächeln, lautes herzliches Lachen. Erklärte, dass das Schild nichts bedeute, sie wollten im Moment nur keine unangemeldeten Gruppen von “Motorradfahrern” verköstigen. Nur Gäste, die angemeldet seien. Und ich hätte mich ja angemeldet.

Es war erst 19 Uhr (ich war also schneller geradelt, als ich gedacht hatte). Die junge Russin erklärte mir in schnörkellosem Englisch, wo ich mein Zimmer finden würde, bot mir ein Abendessen an (im Teigmantel zubereiteter Dorsch) und fragte mich nach meinen Wünschen für das Frühstück aus.

Eine Stunde später war ich geduscht und gut gelaunt zurück im Restaurant. Auf einem kurzen Spaziergang durch das kleine Dorf (ca. 10 bis 15 Häuser) hatte ich ausschließlich Autos (Geländewagen) mit russischen oder ukrainischen Kennzeichen gesehen.

Ich war einziger Gast im Restaurant (in den Unterkünften hatte ich ich einen weiteren deutschen Radler kurz gesprochen). Der Koch brutzelte fleißig an meinem vorbestellten Dorsch und ich hatte Zeit, mich mit der jungen Russin zu unterhalten.

Sie stammte aus Kaliningrad, studierte noch, war während der Ferienzeit hier in Repvag, um im Hotel und Restaurant ein wenig Geld zu verdienen.

Bereitwillig gab sie Auskunft, dass vor ca. 7 Jahren das Hotel von einem russischen Geschäftsmann gekauft worden war – und seither immer mehr Russen sich hier ansiedelten oder ihren Urlaub verbrachten. Vor allem um nach Königskrabben zu fischen – oder überhaupt, um zu fischen. Es gäbe mittlerweile sogar ein eigenes russisches Fischercamp hier. Sie selbst langweilte sich ein wenig in dieser menschenleeren Region und hatte Sehnsucht nach Kaliningrad, in dem es gerade sommerlich heiß sei – und nicht so nasskalt wie in Nordnorwegen.

Draußen blinzelte die Nacht-Sonne. Und beschien Klein-Russland in Norwegen.

Die Fischer nagelten ihre Jagd-Trophäen an die Außenwand.

Ist das skurril oder eine besondere Art von Humor?

Ich blieb lange im Restaurant als einziger (aber nicht stummer) Gast.

Tag 230 (13.03.2018) / Griechenland: Rovies -> Agiokampos Porto

Strecke: 37 km (10:30 – 15:15 Uhr)

Ich bummelte. Frühstückte spät (9:15 Uhr) – und schaute dabei auf das “veschneite” Festland.

eisige Aussicht

Das Apartmenthaus hatte einen netten Strandzugang.

kieseliger Strand

Gegen halb 11 trödelte ich langsam los. Entlang der Küste.

Dead End

Ich hatte nur vergessen, vorher in die Karte zu schauen.

Fußbefeuchter

Nach 2 Kilometern war Schluss. Bächlein. Ich hatte keine Lust mir nasse Füße zu holen. Also wieder zurück und durch Olivenhaine zur Hauptstraße.

Adresse: Olivenweg

Hügel rauf, Hügel runter. Nicht besonders anstrengend. Schöne Blicke auf einsame Fischernester.

Down-Town

Vorsaison. Sogar die Boote noch in den Garageneinfahrten eingemottet und noch nicht ausgepackt.

eingeparkt

Nur 1 fleißiger Junge spielte schon ein wenig Hauptsaison …

Boots-Blockade

und brachte mitten auf der kleinen Hauptstraße des Dorfes sein Schiff auf Vordermann.

verhüllt

frisch beschriftet

Ich bummelte zu sehr. Fuhr nach Agiokampos rein, als die letzte Fähre gerade ablegte.

no ticket

Eigentlich wollte ich da mit, rüber zum Festland. Mein Reiseführer hatte behauptet, dass sie hier bis 18 Uhr ablegten.
Stimmte nicht, 15 Uhr ist Schicht.

away it goes

Also saß ich fest.

Dorf ohne people.

Leerstand

Immerhin fand ich eine Unterkunft. Ich = einziger Gast.

für mich allein

Das Dorf noch in Endzeitstimmung:

Schlammwasserwelt

Hoffte auf Erlösung:

SchildfürBürger

The day will come:

Sit down

Ab Ostern spült das Meer auch hier Massen an.
Solange musste der schlechtrasierte Restaurantbesitzer – (immerhin hatte etwas offen!) – nur für mich kochen. Er frittierte ein paar kleine Eisfach-Fische. Während draußen ein Stürmchen über Wasser und Straße fegte. Gegen 18:30 bedeutete mir der freundliche Patron: Schluss!

inside out

Ich ging früh (und ohne Internet) zu Bett.

Unterkunft: Hotel nahe der Anlegestelle. Ich klingelte und es erschien eine ältere Dame im Nachthemd (15.30 Uhr !!!!). Sie entschuldigte sich, und zog sich zurück und um. Kam wieder und öffnete mir ein kaltes Zimmer. Mit Meerblick. Völlig okay. Ich war der einzige Gast. Fahrrad vor der Tür angekettet. 35 Euro (ohne Frühstück).

Tag 198 (24.04.2017) / Frankreich: Cassis -> Le Lavandou

Strecke: 91 km (10:15 – 18:15 Uhr)

Cassis: Von mächtigen Bergen eingerahmt. Und von Wein. Ausgesprochen schöne Ausreise aus dem Städtchen.

Mighty

Wenig später durch den Weinberge des Bandol geradelt. Einen Weißen dann auch im gleichnamigen Städtchen getrunken. Extraklasse!

Schließlich einen weiteren Halt in Sanary gemacht. Pittoresker Hafen. Die Promenade hatte mondäne Anflüge.

Frontal

Ich hatte gelesen, dass während der Naziherrschaft in Deutschland große deutsche Schriftsteller wie Thomas Mann, Lion Feuchtwanger und Stefan Zweig in diesem ehemaligen Fischerdorf zeitweise Exil gefunden hatten. Als ich dann am Tourist-Office die Gedenktafel sah, war ich erstaunt wie viele Namen dort eingraviert waren. Es schien, als sei das halbe literarische Deutschland vor den Nazis an die Côte d’Azur geflohen. Beeindruckende Liste.

Who is who

Was ist von diesen Geistesolymp an diesem Ort noch geblieben?
Ich konnte dem nicht nachspüren. Auf den ersten Blick unterschied sich Savigny nicht von anderen touristischen Orten entlang der französischien Riviera.

Ins Herz

Der Rest des Tages ist schnell erzählt.
Es passierte nichts mehr.

Bis… bis auf die Tatsache, dass mir erst jetzt auffiel, dass fast alle Ortsschilder in zwei Sprachen geschrieben waren.
Französisch und Okzitanisch. Aber wer sprach das hier noch?

In beiden Sprachen wohlklingend

Unterkunft in Le Lavandou. Hotel “Le Terminus”. So langweilig wie der Ort selbst. Weniges wurde es langsam wieder ein wenig billiger. 50 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.

Tag 197 (23.04.2017) / Frankreich: Marseille -> Cassis

Strecke: 31 km (10:45 – 13:15 Uhr)

Am Morgen konnte ich einem Marseiller Café ein wenig den Gesprächen folgen. Überwiegend von Franzosen maghrebinischer Herkunft besucht. Fast alle Satzfetzen, die ich verstand, handelten von der heutigen ersten Runde der Präsidentschaftswahl. Die meisten Diskutanten wollten überhaupt nicht zur Wahl. Einige wenige sprachen sich laut für Macron aus.


Ich hatte einen Außenplatz. Eine junge Frau gesellte sich zu mir, fragte, ob es mich stören würde, wenn sie rauchte. Ohne die Antwort abzuwarten, zündete sie den Stengel an. Auch sie eine Französin mit maghrebinischem Migrationshintergrund (wie sich das schon anhört – mit fällt aber nicht ein, wie sich das politisch korrekt etwas schöner formulieren lässt.) Ich fragte sie (gebrochenes Französisch), für wen sie stimmen würde. Sie schüttelte den Kopf und bedeutete, dass sie nicht zur Wahl ginge. Dann wollte sie von mir wissen, ob ich Le Pen “lieben” würde?
Sie verstand meine Entgeisterung nicht wirklich.
Und ich verstand, dass ich mich in Le Pen Country bewegte. Hier im Süden hatte die rechtsextreme Dame verdammt viele Anhänger.

Ich war gespannt, wie am Abend das Ergebnis ausfallen würde. Ob Europa gesprengt oder als Friedens- und Demokratieversprechen weiter entwickelt werden konnte.

Ich hatte beschlossen, mehr oder weniger einen Ruhetag einzulegen. Meine Kraft ließ merklich nach und ich verzichtete darauf, die spektakulären Fjorde des Calenques-Nationalparks abzuradeln. Es hätte mich heute überfordert.

Hohlgasse

Stattdessen fuhr ich direkt nach Cassis, rund 30 Kilometer östlich von Marseille gelegen und gemütlich zu erreichen. In Cassis begann die Côte D’Azur.

Klassisch

Obwohl überlaufen,

Immer noch klassisch

hatte sich das einstige Fischerdorf seinen alten Charme bewahrt.

Farbenmut

Sogar einige ruhige Gassen luden zum Innehalten ein.

Straßenruh

Ich quartierte mich ein und ließ es mir gut gehen.

Um 20 Uhr dann die ersten Hochrechnungen der Präsidentschaftswahl auf dem Handy verfolgt. Vor Ärger über das Le Pen Ergebnis richtete ich eine kleine Katastrophe an. Schüttete aus Versehen ein ganzes Glas Rotwein über den Tisch. Das französische Publikum im Restaurant schien wenig interessiert. An mir und an der Politik.

Unterkunft: Hotel “Laurence”. Schon etwas bejahrt. Zuvorkommender Service. 55 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad Foyer abgestellt.

Tag 177 (03.04.2017) / Spanien: Rincón de la Victoria -> Salobreña

Strecke: 78 km (09:30 – 17:30)

Meine Beine streikten. Sie hatten alle Kraft verloren. Schon bei der leichtesten Steigung hatte ich Lust vom Rad zu steigen und das Ganze zu lassen.
Es gab viele Steigungen.

Und dann war ich seltsam spanienmüde. Oft hatte ich das Land bereist. Kaum etwas überraschte mich noch. Die Tour, die mich gerade um die iberische Halbinsel leitete, barg selten noch ein Korn Entdeckungsenthusiamsmus. Ich merkte es komischerweise daran, dass ich immer weniger meinen Fotoapparat auspackte. Und wenn, schoss ich völlig uninspirierte Standard-Fotos.

Schon am Morgen musste ich mich zwingen, den Auslöser am  Strand von Rincón de la Victoria zu drücken.

Frühsport

Unterwegs auch. Sogar, als mir klar wurde, dass die Costa del Sol nicht nur aus Beton besteht, sondern durchaus einige schöne Buchten und sogar fast naturbelassene Strände hatte.

GrauSand

Klar der Beton überwog. Der “Balkon Europas” in Nerja selbst in der Vorsaison hoffnungslos von Briten und Deutschen überrannt. Da wirkte schon eine kleine Bucht, in die die fußfaulen Touristen nicht hinunterlaufen wollten, wie eine Natur-Oase.

Zerklüftet

Klar, dass auch die Spanier mit ihrer Immobilienblasensucht jedes noch so kleine Fischerdorf in eine sommerliche Bettenburg verwandeln.

Zersiedelt

Aber: Es gab auch die stillen Strände …

Eingezwängt
Eingefasst

… die “einsamen” Fischer im Meer.

Ausgeladen

Und die spektakulär gelegenen Ortschaften in den Felsenküsten.

Hochbau

Genau hier machte ich Stopp. Ziemlich am Ende meiner Tageskraft.

In der Ferne trugen die Höhen der Sierra Nevada noch Schneekappen.


Während hier am Strand von Salobreña Palmen im lauen Abendwind grünten/braunten.

Ich setzte mich am Strand fest.

Warten auf den Sonnenuntergang

Ließ den Tag verglühen.

Da iss er

Unterkunft: “Hostal Jaíma”. In der Altstadt. Sehr freundlicher Familienbetrieb. Empfehlenswert. Fahrrad in Garage untergestellt. 38 Euro ohne Frühstück.

Tag 29 (15.03.2015) / Slowenien: Sistiana -> Izola

Strecke: 56 km (10:30 – 15:30)

Hotel Miramar (60 Euro mit Frühstück). Anonymer Klotz mit schlechtem Frühstück. Soll aber dennoch exzellentes Restaurant haben (war leider Sonntag zu). Fahrrad in Schwimmbad untergebracht (das gerade nicht benutzt wurde).

Strecke 0029- Slowenien-Sistiana.-Izola

Am Morgen eine Stunde in den Duineser Elegien (Klippen) spazieren gegangen. Rilke Weg nachgewandert. Blick auf das Schloß Duino, in dem Rilke die Gräfin Marie von Thurn und Taxis-Hohenlohe mit Versen beglückte.

“Ein jeder Engel ist schrecklich.”

Duino

Duino

Dann weiter gen Süden; immer gegen die Sonne angeradelt.

Duineser Elegien

Duineser Elegien

Triest schnell durchquert. Sonntagsmassen auf den Plätzen. Jede Familie führte die Mama und Großmutter spazieren.

Triest 01

Triest 01

Triest 02

Triest 02

Kleine Fischerdörfer gab es auch. Muggia besonders schön.

Muggia

Muggia

Muggia

Muggia

Nicht lang gebraucht, um Italien zu verlassen. Mit Wehmut. Der eine Tag im Friaul hatte mir Lust gemacht. Außerordentlich zuvorkommende und hilfsbereite Menschen. Mit Herz. Und mit Verstand. Klasse Service erlebt. Köstliches Essen. Italien hat sich in nur 24 Stunden für mich rehabilitiert. No Berlusconi Country! No country for old man!

Slowenische Grenze ohne Grenzkontrolle: Schengen eben.
Welch ein Glück in Europa zu leben. Slowenien jetzt schon über 10 Jahre dabei. Ja: dabei!

So frei ist Europa

So frei ist Europa

Immer mehr wird mir klar, dass Russland/Putin nicht die NATO fürchtet, sondern die Demokratie. Eine demokratische Ukraine als Nachbar ist für die Oligarchen-und-KGB-Herrschaft in Moskau tausend Mal gefährlicher als eine flügellahme NATO.

Slowenien: ziemlich italienisch.

Koper

Koper

Izola:

Izola

Izola

Bunt, sonnenabgewandt die Straßen. Selten beugen sie sich dem Winter.

Izola

Izola

Izola

Izola

Häuser wie auf alte Leinwände gemalt.

Izola

Izola