Meer Europa

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Tag 164 (21.03.2017) / Portugal: Vila Nova de Milfontes -> Carrapateira

Strecke: 92 km (08:30 – 18:30 Uhr)

Der erste Frühlingstag (kalendarisch)! Der frühe Morgen war aber immer noch winterfrisch.
Selbst Steine froren.

Nur langsam wärmte die Sonne den Boden, aus dem Windmühlen emporwuchsen. Mal in einem Dorf – als attraktives Zentrum.

Kulisse 1

Mal in der Pampa – als touristischer Magnet.
Alle Exemplare hatten als Arbeits-Mühle ausgedient.

Kulisse 2

Hoch waren die Strandberge nicht. Aber dennoch wirkten die weiten Flächen wie Hochebenen.

Kuhsiesta

Manche Bauernhöfe hielten merkwürdig fremdes Vieh.

Einwanderer

An der Küste pfiff der Wind. Ein Leuchtturm hielt ihm stoisch stand.

Noch gebraucht

Je weiter ich mich nach Süden kämpfte, um so spektakulärer die Klippen.

Storchklippen

Sogar Störche hatten sich am Cabo Sardão ihr Feriendomizil eingerichtet. Mit bester Aussicht.

Felsenstorch

Sturm, Gischt, Kälte und ein infernalisches Meeresrauschen beeindrucken die Meister Adebare offensichtlich nicht.

Über mehrere Stunden folgte ich dem Wanderweg “Rota Vicentina”, der direkt am Klippenrand entlang führte. Noch nie auf meiner Europa-Tour bin ich einen solch naturnahen Pfad gefahren.

Klippen-Ich

Manchmal führte er auch durch Macchia.

Klippenweg

Aus der Ferne strahlte mir der Strand von Odeceixe entgegen.

Gotteswerk

Prachtvolles Panorama.

Wer schafft sowas?

So wie gestern mich die körperliche Anstrengung dazu brachte, gar nichts mehr zu denken, so waren es heute die vielen Landschaftsbilder, die mich sprach- und gedankenlos machten.

Grüntal

Ich saugte nur noch Eindrücke auf.

Hangdorf

Kurz vor Sonnenuntergang mein Ziel erreicht: Carrapateira. Winzdorf. Ein paar Häuser, sonst nichts. Und von denen waren noch einige zum Verkauf angeboten.

Leerstand

Nur alte Einheimische bewegten sich (langsam) in den Dorfgassen.

Sonnengeflutete Leere

Und ein paar junge Touristen, die am nahegelegenen Strand campten. Wellenreiter, die ins Dorf surften, sich im einzigen Lebensmittelladen mit Proviant versorgten und wieder davon segelten.

Unterkunft: “Casa da Estela”. Nette kleine Privatzimmer. 30 Euro die Übernachtung (ohne Frühstück). Fahrrad in Garage abgestellt.

Tag 159 (29.09.2016) / Rumänien: Putna -> Suceava

Strecke: 77 km  (11:00 – 17:45)

Schon als ich frühmorgens den Klostergarten betrat, hörte ich ihre Gesänge.

Kleinmonumental

Keine Mauer, kein Dach konnten ihre Stimmen dämpfen. Ihr Gott sollte sie ja hören.

Der Vater war ein Zimmermann

Der Eintritt in die Betkirche noch lichtdurchflutet.

Draußen ist trotzdem schon weit weg

Die Arbeitsklamotten fein säuberlich aufgehängt.

Geordnet

Tief drinnen: Dunkelheit. Bis zum Altar waren es mehrere Durchgänge, die das Kircheninnerere immer mehr einschwärzten.
Ganz vorne sangen Mönche liturgische Lieder. In ihrem pechschwarzen Habit waren sie kaum auszumachen. Nur ihre polyphonen Stimmen zeugten von Leben in der Kirche. Seit Stunden schon priesen sie den Herrn.
Wunderschöne Gesänge, die auch im Hörer ein Trance-Begehren auslösen.

Manche Mönche auf den Boden geworfen.

Beuget die Knie

Das Kloster Putna ist rumänisch-orthodox. Es gehört wie einige weitere Klöster und Kirchen der Region zum UNESCO Weltkulturerbe. Moldauklöster. Südliche Bukowina. Karpatenvorland. Tief religiöse Gegend.

Viele Ikonen nicht mit goldenem, sondern silbernem Hintergrund.
(Hier erschloss sich mir plötzlich auch die profane Welt der silbernen Dächer und Firste vieler Bauernhöfe. Dies war ganz offensichtlich eine religiöse Referenz!)

Geblendet

Nach Ende der Liturgie blieben einige Mönche nahe der Sakristei, um die Bibel zu studieren. Ein Buch, das sie längst auswendig kannten.

Reinigt Eure Seelen, Herzen und ich weiß nicht was noch

Ich unterhielt mich im Klostergarten mit einem 60jährigen Mönch, der ein exzellentes Englisch sprach. Lange hatte er in den USA gelebt. Vor 3 Jahren fühlte er sich zum religiösen Leben hingezogen und kam zurück in sein Heimatland. Wurde im Kloster Putna aufgenommen.
Als Grund nannte er die kaputte Welt, die von undurchsichtigen Mächten kontrolliert würde. Er breitete mir seine Theorien aus (Verschwörungstheorien) vom Zusammenbruch der Bankenwelt, vom Nine-Eleven Attentat bis zur Katastrophe im Nahen Osten. Die USA schienen für ihn der neue Satan zu sein.
Ich versuchte nicht zu diskutieren, hörte stumm zu.

Auch draußen gab es kleine Pforten. Sie führten in die bäuerliche Welt, die nicht weniger geordnet schien.

Bauernpforte 1

Pagodendächer?

Bauernpforte 1

Abgeschlossene Einheiten. Sehr proper, sehr sauber, sehr aufgeräumt.

Bauernpforte 3

Der rußende Außenherd mitten im Hof.

Um das Feuer gebaut

In manchen Höfen war Leben. Überwiegend die Alten arbeiteten dort.

Hellwach

Mir war bisher entgangen, dass ich mich in einem Mais-Land befand. Die Ernte wurde gerade eingebracht.

Vertieft

Der Herr im Hof versuchte mir offensichtlich zu erklären – nachdem ich mich als Deutscher zu erkennen gegeben hatte -, dass nicht weit weg ebenfalls ein Deutscher leben würde. Bessarabiendeutscher? Einer der wenigen, der nicht ausgewandert war? Ich versuchte Näheres zu erfahren. Aber so weit glückten unsere Verständigungsversuche nicht. (Rumänisch hat ein paar Brocken, die nach Spanisch klingen – aber es reichte dann doch nicht!). Außerdem kam gleich Maisnachschub. Die Herrschaften mussten weitermachen!

Immer weiter
Immer näher
So stimmt's
Sie hatten schon ausgeladen

Ich zog weiter ins nächste Dorf. Prächtige Höfe auch hier. Und eine prächtige Holzkirche dazu.

Mann o Mann, jetzt wurd' es langsam überwältigend

Glück führte mich zum Kirchen-Zerberus. In Steinwurfentfernung.

Butzenhof

Ich klopfte an der Pforte. Ein älterer Herr erschien, wusste, was auf ihn zukam. Schloss noch sorgfältig die Haustür.

Sehr geordnet

Kam dann umstandslos und mit wissendem Blick.

Guten Tag!

Führte mich zur Kirche.

Gepflegter Weg


Ein gemütlicher Herr, den aber jeder Schritt schmerzte. Schlurfend bewältigte er die hundert Meter bis zur Kirchenpforte.

Schnaufend zog er einen gewaltigen Schlüssel hervor.
Und schloss mir sein Himmel-Reich auf.

Sein war das Reich. Und er setze sich gleich – müde, beinahe schon verausgabt,

Beeindruckend (bis auf den plastikgrünen Teppichboden)

Ich aber spürte, wie ich fast nichts mehr aufnehmen konnte.

4 Wochen war ich jetzt unterwegs, 6 Länder hatte ich bisher gequert, 6 Sprachen nicht verstanden und mich doch irgendwie verständigt. Umwerfende Gastfreundschaft auch hier in Rumänien. Und immer noch kam jeden Tag ein neues Natur-, Kultur, oder Menschen-Wunder dazu.
Jetzt schnaufte ich – und nicht der Alte Herr.

Zum ersten Mal auf dieser Reise hatte ich den Wunsch, dass sie zu Ende ginge. Bald.
Fehlen noch zwei, maximal 3 Tage.

Die Landschaft hier in Rumänien erinnerte mich ein wenig an das Alpenvorland.

Ohne Alpenglühen

Riesige abgeerntete Maisfelder, durch die Hirten nomadengleich ihre Schafherden trieben.

In the heat of the day

Kurz vor Ankunft in Suceava noch eine weitere „UNESCO“-Kirche besucht.

UNESCO beschützt

Die ehemalige Betkirche eines Nonnenklosters.

Ausgemalt

Mit langsam verblassenden Außenfresken.

Unterkunft in Suceava: “Hotel Continental”. Im Stadtzentrum. Großer Block. Geschäftshotel. Sehr modern. Großzügige Zimmer. (27,90 Euro mit Frühstück). Fahrrad in Foyer untergebracht.

Tag 157 (27.09.2016) / Ukraine: Jaremtsche -> Чернівці (Czernowitz)

Strecke: 140 km  (08:30 – 19:15)

Wieder so ein Irrwitz: Ich hatte mir die Route nach Czernowitz vorher genau ausgeguckt. Und wieder passierte mir das gleiche Missgeschick wie schon vor Tagen: falsch abgebogen! Lange in die falsche Richtung gefahren. Ich schob es auf die kyrillischen Schriftzeichen, die ich nur selten entziffern konnte.
Vielleicht war ich aber einfach nur zu blöd, den inneren geografischen Kompass richtig auszurichten.
Wieder wurde es eine verdammt langer/harter Tag.

Nun gut. Nicht jammern.
Der Vorteil: Die Strecke, die ich letztendlich dreimal fuhr (gestern, heute hin und wieder zurück) hatte ich nun in beiden Lichtvarianten. In Nachmittagsgrau (gestern) und Morgenreinheit (heute).

Herbstidyll

Die Vorkarparten deuteten ihre Schönheit an. Gut gewählte Fotoausschnitte könnten fast eine voralpine Leichtigkeit suggerieren: Kleine Dörfer, mit sich selbst im Reinen …

Dorfidyll

… den Heuhaufen vor der Haustür

Heuidyll

… um die Ecke eine wunderschöne Holzkapelle (die ich gestern auch schon geknipst hatte)

Holzidyll

… ein Küster, der in seinem Vorgarten die Kirchenglocken noch händisch läutet

… und am Straßenrand das Selbst-Eingemachte zum billigen Bio-Preis.

Selbstgemachtes Idyll
Pilze neben Kuckucksuhridyll

Nur: KLEINE Dörfer gab es nicht.

Ein Straßenkaff wucherte ins nächste hinein.
Das Dorfzentrum: meist ein Kiosk oder die Bushaltestelle.

Straßenidyll

Ansonsten säumten Häuser kilometerlang Holperstrassen.

Wunderschöne Häuser allerdings. Meist sogar kleine geschlossene Bauernhofkomplexe. So gut wie immer mit festen dicken Zäunen vor allzu neugierigen Blicken abgeschirmt.
Taten zumindest so. In Wahrheit stellten sie ihren Wohlstand zur Schau.
Seht her! Ich hab etwas geschafft!

Gartenzaunidyll

Manche leisteten sich sogar eine Straßenrandkapelle. Eine besonders schöne hatte ihre Tür flügelweit offen.

Offene Tür

Herrlicher religiöser Tand.

Kunstvoller Kitsch

Imponierende Handwerkerkunst.

Nur ein bisschen kitschig

Ich hätte nicht gedacht, hier in der Ukraine – einem ehemaligen Sowjetsatelliten – einem ehemaligen atheistischen Staat – so viel Religiosität zu erleben.

Offenbar war heute (Dienstag) ein Feiertag. Überall die Kirchen und Kapellen voll. Die Menschen (nicht nur Alte!) strömten fein gewandet (die Frauen alle mit Kopftuch – auch die jungen) zum Gebet und Gesang.

Ich hatte heute (leider?) eine fotografische Beisshemmung. Ich wollte nicht von meinem Fahrrad springen und schnell Fotos schiessen. Ich packte es nicht, Blickkontakt aufzunehmen – gegenseitiges Interesse zu wecken.
Ich habe unendlich viele Fotomotive liegen lassen.

Lange dachte ich, dass fast jeder in seinem Hof eine kleine Kapelle hatte, bis mir auffiel, dass es sich um Ziehbrunnen handelte.

Kapellenbrunnen

Wunderschön verzierte Gebilde.

Zier-Ziehbrunnen

Nicht Gott wurde hier gepriesen, sondern Grundwasser geplündert.

Brunnen mit Haus

Die Brunnendächer oft mit silbernem Blech verziert. Und erst als ich den Blick ein wenig schärfte, fiel mir auf, dass viele Häuser wie ihre Brunnen versilberte Obergeschosse und Dächer hatten.

Firstglanz

Feine Handwerkskunst. Die Gegend scheint seit Generationen sehr gute Handwerker zu gebären.

Firstglanz 2

Immer mehr begeisterte ich mich für diese Giebelkunst.

Giebelglanz

Hielt ständig an. Verlor Zeit (und gewann sie durch die Erinnerungskraft dieser Eindrücke wieder).

Hausglanz

Irgendwann musste ich mich vom silbernen Glanz lösen und Gas geben.
Zückte nur noch einmal die Kamera, um dieses merkwürdige Gedenkensemble abzulichten.
Weiss nicht für was.

Was soll das?

Und kam mit dem letzten Sonnenlicht in Czernowitz an.
(Grauenhafte Schlaglochstrassen bis ins Zentrum! Fahrradfahren kaum möglich)

Wieder so eine Ex-Habsburgische-Prachtstadt.

Herrliche Zentrumseinfahrt

Grandioses Zentrum. Schöne Kneipen.
In einer blieb ich bis die Nacht undruchdringlich schwarz wurde. Eine Brauereikneipe. Riesengross. Voller globalisierter Ukrainer. Ich war in Europa!

Unterkunft in Czernowitz: “Hotel Andinna”. Etwas (zu) weit weg vom Schuss. Halbe Stunde zu laufen bis ins Zentrum. Hatte etwas verstaubt Sozialistisches. Nannte sich Spa-Hotel. Ziemlich verlassen. Aber Riesen-Apartments mit Balkon. Alter Rezeptionist, sprach keine Fremdsprache. Auch hier war die Verständigung extrem schwierig. (23 Euro ohne Frühstück). Fahrrad in abgeschlossenem Raum untergebracht.

Tag 125 (15.04.2016) / Italien: Campomarino -> Lido di Policoro

Strecke: 169 km (09:30 – 21:45)

Horror-Tag. Dabei fing er so schön an.
Ich fuhr gemütlich die salentische Küste entlang. Die nicht aufregend war, aber immer wieder nette Ausblicke bot.
Zum ersten Mal über einer längere Strecke Dünen in Italien gesehen.

Grünbucklige Sanddünen

Irgendwo ein Rock-Liebhaber-Strand-Café (das noch nicht aufhatte).

Who is the best?

Nach etwas mehr als zwei Stunden Tarent erreicht. Eine Stadt mit großem Hafen …

Gestutzte Promenadenbäume

… mit noch größerem geschichtlichen Hintergrund,

mit einer einladenden Neustadt …

Wer liebt wen?

… und einer absolut kaputten Altstadt (Insel), die über eine Brücke zu erreichen war.

Flickerei

Hier lebt das ärmste Italien. (Laut Reiseführer ist das historische Zentrum weitgehend entvölkert.)
Aber Armut ist wie immer auch pittoresk.

Er nimmt's gelassen

Ich schlenderte ein wenig (Fahrrad schiebend) durch die schmutzigen Altstadtgassen. Und fluchte, dass meine gute Kamera schon am ersten Tag kaputtgegangen war. Es gab kaum einen besseren Ort für optische Sozialstudien.

An der Uferpromenade die Anlegestelle für Muschelfischer. Die frische Ware wurde gleich verarbeitet.
Nur junge, fixe, flotte Halbstarke im Einsatz.

No bad guys!
Good guys! Mit Fußballerfrisuren

Einer bot mir eine frisch ausgelöste Miesmuschel an.

Fingerfertig

Ich schluckte sie roh und frisch und war überrascht über den guten Geschmack.
(Warum müssen es sonst immer Austern sein?)

Trug er eine Seeigelfrisur?

Ich staunte auf meiner Reise schon eine ganze Weile, wie viele begabte, gut aussehende, intelligente und sehr tatendurstige junge Männer den Service in Italien schmissen. In Restaurants und Hotels. In den Häfen und Fischereibuden.
Alles sehr ehrenwert. Aber gering verdienend. Ohne Chance auf sozialen Aufstieg. Wer konnte ihn – wenn überhaupt – bieten? Mafia? Kartelle?

Keine einzige Frau am Muschel-Fließband

Hinter Tarent ging es fröhlich weiter.
Ich fuhr die SS106, die vierspurig die Küste begleitete, aber auch einen breiten abgetrennten Servicestreifen hatte, den ich sehr entspannt fahren konnte.

Freie Fahrt für freie Radbürger

Ich kam schnell voran, fraß Kilometer nach Kilometer, und vergaß auch nicht den berühmten Hera-Tempel am Straßenrand. Ein Denkmal für die Zeuss-Schwester.

Säulenreihen

Angeblich befand sich hier auch die Schule des (von allen Matheverweigerern verhassten) Pythagoras.

Dorisch?

Kurz hinter der griechischen Antike fingen aber meine Probleme an.
Mein Navi zeigte mir noch knapp 25-30 Kilometer bis zu meinem Ziel (Policoro) an.
Doch die Seitenstraße der SS106, die ich bisher befuhr, löste sich plötzlich in Luft auf.
Und die SS106 wurde einfach zur Autobahn erklärt. Große Schilder verboten ausdrücklich sie mit dem Fahrrad zu befahren.

Ich wusste nicht, was tun.
Also beschloss ich einen Umweg zu machen, rein ins Landesinnere. Das Problem war, dass alle paar Kilometer ein Bächlein Richtung Adria floss, es aber (außer der Autobahn) keine Brücken über sie gab. Nur weit im Hinterland, am Bergrand.

Also suchte ich eine Kreuzungsmöglichkeit für das erste Bächlein weit im Landesinnern.
Nur: Ich hatte nicht bedacht, dass es von nun an bergauf ging! Über 30 Kilometer fuhr ich rauf und runter. Durch eine – ohne Zweifel – schöne Hügellandschaft (die zur Berglandschaft wurde).

Hier hätte ich stoppen sollen

Ich mühte mich, trat in die Pedale, hechelte. Ich hatte schon weit über hundertzwanzig Kilometer hinter mir.

Keine Ahnung, wie ich hier hochkam

Aber ich entkam der Nacht nicht. Es war tief dunkel, als ich wieder zurück war an der SS106. Nur ein paar Kilometerchen weiter, wo ich vor Stunden den Umweg angetreten war.
Autobahn! Groß das Schild. Kein Fahrrad!

Also wie weiter?
Es gab hier nichts, keine Pension, kein Hotel. Mir fehlten nur 10 Kilometer Luftlinie (über zwei Flüsschen hinweg) bis in ein touristisches Zentrum am Meer.

Also fuhr ich nachts Autobahn (und es gab noch nicht einmal einen Standstreifen).
Ich wurde halb wahnsinnig. Ich hatte Angst. Autos, die hupend an mir vorbeirauschten.
Halbe Stunde – und ich hatte die Strecke geschafft.
Runter von der Autobahn und über finstere Landstraßen nach Lido di Policoro. In ein Hotel, das ich eine Stunde vorher über booking.com gebucht hatte.
Noch nie war mir so egal wie ich untergebracht war.
Aber ich wurde herzlich empfangen und sehr gut umsorgt.

Selten war ich so kurz davor gewesen zu verzweifeln.
Irgendein griechischer Gott (oder eine Göttin) hatte mich jedoch 169 Kilometer lang beschützt.
Danke.

Unterkunft in Policoro: “Hotel Heraclea”. Eigentlich eine unpersönliche Bettenburg. Ich war sehr spät gekommen (21:45 Uhr ). Empfangsduo tat alles, dass ich mich wohl fühlte. Es suchte Platz für mein Fahrrad. Es organisierte im Hotelrestaurant einen Tisch für mich (obwohl das eigentlich für Halbpension ausgelegt war und ich nichts dergleichen gebucht hatte). Mit  anderen Worten: Sehr sehr herzliche Servicekräfte. (50 Euro mit Frühstück.) 

Tag 119 (09.04.2016) / Italien: Peschici – Monte Sant’ Angelo

Strecke: 80 km. (09:15 – 19:30)

Der anstrengendste Tag bisher. Ich ließ mich von der Sonne treiben. Ja! Sie war da – ab und zu. Ich heftete mich an ihre Fersen und fuhr bergauf bergab, um sie nicht zu verlieren. Und es ging immer rauf und runter!

Der Gargano ist wild und rau! Etwas für geübte Beine.

Rauf auf die Bergspitze, runter ins Tal. Zum nächsten Städtchen: Vieste. In Reiseführern viel gepriesen.

Sich selbst ein Denkmal

Mir hatte aber Peschici deutlich besser gefallen. Auch wenn der Strand von Vieste ein herrlicher Sommerstrand war.

Der Strand zur Stadt

Dann wieder hoch. In dichter Folge versprachen kleine und größere Buchten Urlaubsglück.

Noch ohne Klippenspringer
Eingerahmt

Schöner und schöner!

Ein (fast) unsichtbarer Pool auf den Klippen
Privatbucht, herausvergrößert

Illegalerweise dann eine Abkürzung genommen. Obwohl ausdrücklich von dicken Schildern verboten, fuhr ich durch vier aufeinanderfolgende Kilometer lange Auto-Tunnels. Polizei war nicht zu sehen. Der Verkehr eh samstäglich dünn. Ohne diese Schonung hätten meine Beine den letzten Aufstieg nicht geschafft.
Der hatte es in sich.

Olivental

Durch Olivenhaine und -terrassen schlängelte sich über 3 Stunden der Weg von Serpentine zu Serpentine auf fast 800 Meter Höhe.

I ride a bicycle

Ich hatte weiche Knie. Mehrmals stieg ich ab und japste.
Im letzten Abendlicht dann den Monte Sant’Angelo vor Augen.
Ein Dorf mit einem der wichtigsten Heiligtümer der Italiener: Der Grotte, in die sich Erzengel Michael im 5 Jh. zurückgezogen haben soll.

Heiliger Ort

Wunderliches Land Italien:
Engel, die die Backsteinhütte der Gottesmutter Maria aus Nazareth komplett einpacken und in die Berge nach Loreto tragen. (Wissenschaftler sagen, es waren christliche Plünderer und Kreuzritter.)
Der Erzengel Michael, der sich im 5. Jahrhundert in einer Grotte am Monte Sant’ Angelo niederlässt. (Wissenschaftler haben dort noch keinen Erzengel ausgemacht.)
Padre Pio, dessen Wirkungsstätte in Apulien zum wichtigsten Wallfahrtsort der Süditaliener geworden ist. (Wissenschaftler sagen, es handle sich um einen Betrüger, der sich die Wundmale (Christi) an Händen, Füßen und Brust selbst beigebracht habe. Heiliggesprochen wurde er dennoch.)

Wundersames Italien: Fand in der Nacht eine kleine Trattoria, die exquisit eingerichtet war, in der ich aber allein blieb.
Der Wirt/Koch versprach mir das beste Menü, das ich bisher gegessen hätte. Er hatte müde kleingeschlitzte Augen, war aber hellwach, fast überdreht.
Erst wollte er wissen, wie ich zu ihm gefunden hätte.
Zufall.
Dann schimpfte er über die Reiseführer, die ihn immer noch nicht richtig würdigen würden, ihn den besten Koch des Ortes.
Nach dem ersten Gang war er bereits der beste Koch der Region.
Er goss mir von einem köstlichen Wein (Nero di Troia) ein.
Er verwöhnte mich mit “Orecchiete con cime di rape” und mit ausgesprochen guten Ochsenbäckchen.
Am Schluß der Schlacht waren seine Augen noch kleiner (und leicht blutunterlaufen) und seine Zunge immer noch schneller. Inzwischen war er zum besten Koch überhaupt aufgestiegen und feierte dies mit mir mit einem weiteren guten Glas Rotwein.

Unterkunft in Monte Sant’ Angelo: “Hotel Michael”. Altstadt. Genau gegenüber der Grottenkirche. Klasse Haus. Sehr gemütlich eingerichtet. Sehr liebevoll geführt. Wunderschöne Frühstückstrasse auf dem Dach! (55 Euro mit fantastischem Frühstück.) Fahrrad in Hotelflur abgestellt.

Tag 90 (28.10.2015) / Frankreich: Guissény -> Morlaix

Strecke: 82 km (09:30 – 18:30)

Gestern Abend noch im Regen angekommen, heute Morgen vorsichtiger Sonnenschein. Aber kalt.

Lieblingsblume

An meiner Unterkunft blühten noch die Hortensien.
Vor bald 30 Jahren war ich schon einmal in der Bretagne gewesen. Drei Dinge gibt es, die mir für immer haften geblieben sind:
1) Die Granithäuser und Granitkirchen
2) Die sagenhafte Küste Côte de Granit Rose und
3) Die Hortensien.

So gesehen hat sich in den letzten 3 Jahrzehnten nichts verändert. Selbst die Hortensien blühten noch mir zuliebe (wobei sie fast überall eigentlich nur noch als vertrocknetes Herbstkraut herumhingen).

Die Dörfer, noch die kleinsten, mit steil in den Himmel ragenden Granit-Kirchtürmen (siehe 1)!)

Gottes erhobener Finger

Um die Mittagszeit die Dünen von Keremma erreicht. Ein Naturschutzpark.

Weite Sicht

So weit der Blick reichte: Meeresboden.

Jede Weite hat einen Horizont

Nur ein Boot hatte es nicht mehr rechtzeitig hinausgeschafft.

Gestrandet

Ein paar Familien waren unterwegs, um sich das Mittagessen (Muscheln) auszugraben.

Im Krebsgang

Schließlich zog auch ich mich von der Küste zurück, fuhr landeinwärts. Ich wollte mir einige der berühmten Calvaires anschauen. Massive Kalvarienberge aus Granit (siehe 2)!).

Das Dörfchen Bodilis machte den Anfang.

Mächtiger Granit, Allmächtiger Gott

In der Kirche grandiose Schnitzereien. Vierhundert, fünfhundert Jahre alte Gottesfurcht.

Ohnmächtiger Gott

Ein paar Kilometer weiter meine Lieblingskirche: Lampaul-Guimiliau!
Ich, der ich überhaupt kein Kirchgänger bin, stehe andächtig vor solchen Monumenten.

What a church!

Wie vor dem herzzerreißenden hölzernen Triumphbalken. So wird er zumindest genannt.

Warum die Kreuzigung Jesu ein Triumph ist? (Ich hab’ mich das gefragt: Triumph über den Schmerz? Über die Ängstlichkeit ? Über die Vergänglichkeit? Darüber dem menschlichen Klein-Klein-Spiel entkommen zu sein? Wieder Gott sein zu dürfen?)

Im Gebälk

Die Handwerksmeister des ausgehenden Mittelalters waren jedenfalls Könner.

Feinste Handwerkskunst

Wieder eine Viertelstunde weiter: das Dörfchen Guimiliau.

Kaff

Nix Besonderes: Wäre da nicht wieder ein monumentaler Kalvarienberg.

Magisch?
Umfriedet. Befriedet?
Es gibt mehr als einen?

Hier haben sich besonders die Steinmetze ausgetobt.

Bibelszenen als steinerne Telenovela. Mit klaren Rollenverteilungen.

Realistisch ?
Krawallbrüder?

Es begann zu regnen und ich beeilte mich noch einigermaßen trocken Saint Thégonnec zu erreichen. Mit dem bekanntesten aller Kalvarienberge.

In der Dorfeinfahrt wies mir ein Regenbogen den Weg.

Regenbogengirlande überm Dorf

(Kann man eigentlich auch inmitten eines Regenbogens stehen? Kann sich das Licht nicht auch unmittelbar vor einem in den Tropfen brechen? Muss das Ding sich immer in der Unendlichkeit herumschleichen?)

Ich wollte, ich hätte mehr Regenbögen zu sehen bekommen. Denn ab jetzt wurde es duster und der Himmel leerte seinen Dreck über mir aus.
Ich fuhr stoisch durch das Nass, durch das sehr interessant wirkende Städtchen Morlaix, bis zu meinem im voraus gebuchten Hotel (es gab kein anderes!) weit außerhalb der Stadt. Grauenhaftes Ding.
Wobei: In dem ebenfalls fürchterlich aussehenden Restaurant habe ich köstlich gegessen.
Und danach mich mit zwei Russen ein wenig unterhalten, die auf dem nahegelegenen kleinen Regionalflughafen als Miet-Kapitäne arbeiteten.
Nette Kerle.

Unterkunft bei Morlaix: L’Albatros. Geschäftshotel. Extrem unpersönlich. Dazu noch altbacken eingerichtet. Auch das Restaurant wie eine Kantine. Allerdings mit einem sehr guten Koch. (69 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.