Meer Europa

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Tag 312 (11.07.2019) / Norwegen: Gratangen -> Tysfjord

Strecke: 126 km  (09:30 – 21:45 Uhr)

Kurzer Aufwachblick aus dem Fenster: Der Fjord war noch da.

Schönes Aufwachen

Nach dem Frühstück ging ich zur Küche. Ich wollte mich vom Koch verabschieden, mit dem ich mich gestern bis spät in die Nacht verquasselt hatte, und mich für seine Gastfreundschaft bedanken. Er kam mir zuvor, drückte mir lange die Hand und sagte, ich hätte ihm gestern viel positive Energie gegeben. Es sei an ihm zu danken.

Ich war perplex und fuhr demütig in den neuen Tag hinein.

Er begann mit Zauberbildern.

Verweile!

Ich jagte die noch fast autofreie Straße runter zum Fjord.

Zieh weiter!

Querte danach Täler, Brücken …

Hüpf rüber!

… übte den Vogelblick,

Bleib doch!

… erreichte gegen Mittag die (unansehnliche) Stadt Narvik. Orientierte mich.

Stärkte mich mit einem Beef-Wrap und einem kühlen Blonden.

Und hoppte bald per Brückenhub auf die nächste Halb-Insel.

Auch hier zeigte mir die Vogelperspektive, welch irrsinnig schöne, zerklüftete Welten die Eiszeitgletscher auf ihrem Rückzug nach Norden hinterlassen hatten. Wahre Erdkünstler.

Wie oft hab' ich schon 'Traumland' geschrieben?

Plötzlich tauchten am Wegrand drei junge Wanderinnen auf.

Darauf muss man erstmal kommen

Ich hatte auf meiner Skandinavien-Umrundung schon ziemlich viel gesehen:

  • Einen Italiener mit roten Rastalocken, der mit dem Rennrad von Rom ans Nordkapp unterwegs war. (Er behauptete, jeden Tag 200 Kilometer zu fahren. Er hatte fast kein Gepäck dabei und schlief meist im Wald. Mir war rätselhaft, von was er sich ernährte, woher er das Trinkwasser besorgte.)
  • Ein Paar, das auf Tretrollern über die Straßen huschte, das schwere Gepäck auf den Rücken geschnallt.
  • Eine Ehepaar, das mit überdachten Fahrrad-Anhängern ihre beiden laut jammernden Bälge durch die Landschaft nach Norden zog.

Aber drei junge Frauen mit Lastenhund?

Wir grüßten uns fröhlich. Hallo, woher kommst Du, wohin geht Ihr? Der aufrichtig freundliche und froh stimmende Wanderer-Small Talk. Und tschüss. Ich wünsch Dir viel Glück. Passt auf Euch auf.

Ich musste wenig später Berge überwinden, um an mein Ziel zu kommen.

Ist das norwegisches Biedermeier?

Kurz vor 9 erreichte ich schließlich den Fährhafen Skarberget. Dort endete die Hauptstraße (E6) Richtung Süden. Autos mussten über das Meer geschafft werden (so spät waren nur noch wenige unterwegs). Fußgänger und Fahrradfahrer (ich war der einzige) durften umsonst die halbstündige Überfahrt genießen.

Am Horizont glitzerte, wie eine mattkühl angestrahlte Wand, die Traumlandschaft der Lofoten. Auf dieser Reise würde ich sie nicht näher sehen.

Kurz vor 22 Uhr kam ich an dem mittags bereits vorgebuchten Hotel an. Das Restaurant war schon lange geschlossen, die Bar aber noch offen.

Tag 303 (02.07.2019) / Finnland: Inari -> Karigasniemi

Strecke: 100 km (09:00 – 17:45 Uhr)

Es ging früh zügig hoch. Und genau so früh war Grau-Grün die bestimmende Tagesfarbe.

Etwas für Grün-Liebhaber

Nur zu Beginn mit ein paar Sonnenstrahlen aufgehellt, die riesige Steinbrocken im Wald ausleuchteten.

Findling, Finnling

Abbiege links: und noch 343 Kilometer bis zum Nordkap.

Linksdrall

Die Straße Richtung Norwegen schmal und sehr wellig – manchmal richtig bergig. Sie führte bis auf 350 Meter hoch, stürzte dann ein wenig ab, um gleich wieder Höhe zu gewinnen. Nicht das, was sich ein Fahrradfahrer wünscht, will er schnell vorankommen. Anyway.

Ziemlich uneben

Einmal hielt mich eine ältere Dame an. Sie hatte mich mit ihrem Auto überholt, stoppte und winkte mich zu sich. In ruhigen Sätzen erklärte sie mir auf Englisch, dass einer Bekannten hier in der Gegend ihr junger Husky ausgebüchst sei. Wahrscheinlich folge er Rentieren oder Elchen. Sie bat mich, unterwegs aufmerksam zu schauen, ob ich den Hund vielleicht sichten könnte. Dann sollte ich dringend die Bekannte anrufen und ihr den genauen Ort schildern. Ein Fahrradfahrer – sagte die Dame – sehe mehr als ein Autofahrer. Sie bat mich von ihrem Handy einen Post der Bekannten abzufotografieren, samt Telefonnummer.

Ich versprach, sollte ich den Husky sehen, mich umgehend zu melden.

Ich passte wirklich auf, pfiff auf meiner Weiterfahrt manchmal laut, um den Hund zu locken. Aber mein Pfeiffen bewirkte nur, dass die Wolken sich zürnend entluden und mich den ganzen Rest des Weges bis an die norwegische Grenze mit Regen zuschütteten. Vom Hund habe ich nichts gesehen.

In Karigasniemi, dem letzten Ort vor der norwegischen Grenze, nahm ich Abschied von einem Land, das ich lieben gelernt hatte. 1.700 Kilometer lang.

Tag 269 (20.9.2018)/ Niederlande: Alkmaar -> Den Burg

Strecke: 65 km (09:15 – 16:00 Uhr)

Welche Wohltat, in den Niederlanden Fahrrad überland zu fahren. Mir scheint, die Radwege werden noch besser gepflegt als die Straßen.
Heute sogar lange Stücke durch einen friesischen Dünenwald geradelt. Außer mir war dort niemand unterwegs.

Waldeinsamkeit

Von den Dünenspitzen: Aussicht mit Sturm.

Gerichteter Blick

An den Stränden: Einiges los, trotz schlechter Sicht.

Dunstig ist überhaupt keine Beschreibung

Das Wetter in Nordholland wechselte im Minutentakt.

Verschleiert, geschliert

Mal verhalten strahlend.

Spätsommersonnig

Mal überraschend nicht völlig suppig.

Herbstsonnig

Für morgen war ein Temperatursturz angesagt, samt Regen und heftigen Windböen.

Spätsommerherbstsonnig

Ich nutzte die letzten warmen Stunden und setzte mit der Fähre von Den Helder auf die westfriesische Insel Texel über.

Doppelgriffig

Die Insel bestand im Prinzip nur aus Vieh- und Schafsweiden. Mit ein paar eingesprengten Dörfern.
Überraschend groß allerdings die Fischfangflotte, die in Oudeschild im  Hafen liegt.

Ausladend
Eingerastet

Die Dörfer schmuck, die Häuser frisch getüncht, die Vorgärten akkurat. Ich fühlte mich wie in einer Lego-Welt für Erwachsene.
Ich hatte das “S”-Wort eigentlich vermeiden wollen. Aber ich entkam ihm nicht. Trotz überhaupt nicht aufgesetzter Gastfreundschaft, trotz guter Laune, die Kellner und Ladenbesitzer warmherzig verströmten:
Es war spießig hier in Nordholland.
Wo waren die bärbeißigen Walfänger und Seefahrer, die tätowierten Rocker und amsterdamschen Rumhänger, wo die Flippigen und jungen Straßenkiffer oder Tunixe?

“Gepflegt” war hier alles, von der Straße über den Radweg bis zu den Häusern, den Stränden und sogar das Verhalten der Menschen.

Die größte Extravaganz, die sich Einheimische, Urlauber und zugereiste Rentner erlaubten, war der eigene Hund: gestriegelt, gekämmt, “gepflegt” und immer an der Leine.
Jeder hier führte einen Köter mit sich.

Meine Kamera weigerte sich, dieses Elend zu fotografieren. Also begnügte ich mich mit Fassaden …

Windkreuz

…und Straßenansichten.

Leergefegt

Irgendwann würde sich auch wieder die Lust einstellen,

Gereiht

Menschen zu fotografieren.

Begrünt

Vielleicht morgen.

Unterkunft: Hotel De Smulpot. Feines und sehr schönes Boutique-Hotel im Zentrum von Den Burg. Wie alle Unterkünfte sehr hochpreisig. 100 Euro (mit Frühstück). Fahrrad draußen angekettet.

Tag 252 (04.04.2018) / Bulgarien: Nessebar -> Varna

Strecke: 139 km (09:45 – 21:30 Uhr)

Wieder mal verfahren. App war Schuld! Oder ich? Hatte ich mich nicht genügend vorbereitet?

Wo ist das Ziel?

Nervig. Eigentlich wollte ich der Küstenlinie folgen, aber dort sagten mehrere Straßenschilder: Nur für Autos!
No bike allowed!

Ich hielt mich an die bulgarischen Gesetze, suchte legale Wege und landete in wilder Pampa.

Alle Weg führen zum Ziel!

Wenn es Dörfer gab, dann waren es Roma-Ortschaften. Ich zückte erst gar nicht meinen Fotoapparat. Zum einen, weil ich nicht unnötigerweise dadurch “Reichtum” zeigen wollte. Zum anderen: Die Siedlungen waren trist, vermüllt, teilweise verwahrlost.
Ich wollte mir kein vorschnelles Urteil erlauben. Ob es sich hier um das Ergebnis – wie in vielen Fällen in Südosteuropa – von Diskriminierung einer ethnischen Minderheit handelt oder um ein Unvermögen, sich mit eigener Kraft aus der Armut zu befreien? Es war herzzerreißend.

Nach zwei Stunden auf fast unpassierbaren Wegen wieder Asphalt unterm Reifen. Bulgarien machte es mir nicht leicht.
Auf dem Land konnte ich mit niemandem reden (keiner konnte ein bisschen Deutsch, ein wenig Englisch … nothing).

Und dann ging es wieder bergauf.
Es folgte eine Kopie des vorgestrigen Tages: Auf einer Strecke von über 100 Kilometern keine Unterkunft. Bis zur Küstenstadt Varna. Ich musste also durchhalten und fahren, fahren.

Wie sieht das erst aus, wenn es grün grün ist?

Ich tat es.

Oben, auf dem Pass angekommen, sah es nach einer leichten Abfahrt aus.

Sah verführerisch nach leichtem Weg aus - welch ein Irrtum

Die wenigen Dörfer die ich nach dem Pass durchquerte, waren auf einmal proper, klein, idyllisch schön. Mal ein Pferd im Weg. Aber nie Hunde! (Komisch, das fiel mir jetzt erst auf: Es gab so gut wie keine Hundeattacken mehr.)

Don't block the road!

Es wurde – hätte ich es anders erwarten können – ein mühsames Auf und Ab.

Begleit-Gebirge

Irgendein Gebirge mäanderte hier zum Meer und ich musste ihm folgen. In die Nacht, in die Dunkelheit, in die Finsternis.

Kam erschöpft um 21:30 Uhr in Varna an.

Unterkunft: Hotel Efbet. Fußgängerzone. Hatte bei der Buchung übersehen, dass es auch ein Casino ist/hat. War erst ein bisschen irritiert (merkwürdiges Publikum). Dann aber sehr angetan von der professionellen Atmosphäre in der Rezeption. Zimmer sehr geräumig und modern. Fahrrad in “Kleiderkammer” abgestellt. 39 Euro (ohne Frühstück).

Tag 244 (27.03.2018) / Griechenland: Drama -> Xanthi

Strecke: 103 km (9:15 – 19:15 Uhr)

Regentag vorbei. Faulenzen auch.

Ich hatte einen klaren Auftrag. Eine Freundin aus Stuttgart hatte mich gebeten, wenn ich doch schon im Nordosten Griechenlands rumkurvte, in einem kleinen Dorf namens Agora vorbeizufahren und möglichst viele Fotos zu machen.
Der Grund: Ihr (türkischer) Großvater stammte von dort und war 1920 nach Istanbul umgesiedelt.
Sie wollte eine fotografische Erinnerung an den Herkunftsort ihres Opas.
Bis 1922 war die Gegend osmanisch. Nach dem (türkisch-griechischen) Krieg wurde sie griechisch. Die Türken (500.000) von hier wurden größtenteils in die (heutige) Türkei umgesiedelt. Ca. 1,5 Million Griechen, die in damals dort in Kleinasien wohnten, wurden zurückgespiegelt und vor allem hierher (nach Ostmakedonien und Thrakien) umgepflanzt.

Ich verließ Drama Richtung Berge.

Die Landschaft schön, wellig, fruchtbar. Mit eingesprengten kleinen Dörfern.

Dorf mit 1 Straße

Früher war die Gegend bekannt für Tabakanbau. Was heute kultiviert wird? Ich konnte es nicht erkennen.

Frühlingsfarben

Langsam ging es hoch. Die Dörfer immer ruhiger. Nicht mal Hunde bellten.

Wohnzimmer draußen, nicht drinnen

Es fehlten noch ca. 5 Kilometer bis Agora. Keine Beschilderung. Viele Kreuzungen.
Am Wegrand ein Hirte mit seiner Kuh-Herde und ein weißhaariger älterer Mann. Ich fragte auf Englisch, dann auf Deutsch … wo bitte geht’s lang?

Sonnig (Charakter und Tag)

Der Hirte verstand ein paar Brocken Deutsch. Fragte, was ich denn in Agora wolle? Ich erklärte … Eine türkischstämmige Freundin …. türkischer Opa … dort gewohnt …
Die beiden verstanden nicht wirklich, nickten aber interessiert. Zeigten mir den Weg, der mir ziemlich nasse Füße bescherte.

Ich musste barfuß diese wadentiefe Furt mit meinem Lastesel durchqueren. Eiskalt.

Coldstream

Wenig später kurvte der weißhaarige Mann von vorhin mit seinem Auto an mir vorbei. Stoppte und bedeutete mir zu warten. Er stammte selbst aus Agora, konnte weder Deutsch noch Englisch. Aber per Handy hatte er um Hilfe für mich gerufen. Nach 5 Minuten kam schließlich ein weiteres Auto angezockelt.
Ein munterer Rentner entstieg, ebenfalls aus Agora. Er sprach perfektes Deutsch.

Touristenhelfer

Ich erklärte wieder .. türkischstämmige Freundin … Opa aus Agora ….
Der Herr verstand sofort. Fand es lustig, dass ein Deutscher nach türkischen Wurzeln in Griechenland… usw. … Er fragte, was ich denn über den türkischen Opa wisse. Ich nannte den Namen “Yasar Yasan”. Und ob ich wisse, wie das Dorf einst auf türkisch hieß? Ich sagte “Pazarlik”. Er war zufrieden. (Hatte ich den Test bestanden?)
Er erklärte mir, dass es im Dorf keine “Erinnerung” mehr an die türkische Zeit gebe. Alle die hier wohnten, seien “Neulinge” von woanders her. Alle Türken von damals seien weg. Und mit ihnen eben die Namen, die Geschichten, die Erinnerung. Aber es gebe noch viele ehemals türkische Gebäude, die meisten allerdings verlassen und ziemlich heruntergekommen. “Agora”, sagte er, sei im Übrigen das griechische Wort für “Pazarlik” (Markt).
Der Herr bedauerte schließlich, dass er selbst mir nicht helfen könne, da er einen wichtigen Termin in Drama habe. Aber mein Freund an seiner Seite würde er instruieren, mir alles zu zeigen, was es noch an “Türkischem” in Agora gebe. Sagte es, redete auf den Weißhaarigen ein und verschwand.

Der trottete dann mir seinem Kleinwagen vor mir her bis Agora.

Geschafft

Ein griechisches Winzdorf, mit einer überdimensionierten Kirche und einigen Kapellen.

Kirchenmacht

Und wie aus dem Nichts erschienen weitere Bewohner. Eine Nachbarin und ein Mechaniker, den mein weißhaariger Freund ebenfalls per Handy alarmiert hatte.

Nachbarschaftsrat

Der Mechaniker kam mit seinem Fahrrad den Berg hochgesprintet, hörte sich kurz meine Geschichte und mein Begehr an, sagte in akzentfreiem Deutsch, dass er leider nicht helfen könne, da er eine Terminarbeit habe, ich aber in besten Händen bei meinem Freund sei. Wir sollten doch später bei ihm auf einen Kaffee vorbei kommen. Und verschwand.

To make a long story short. Mein Freund telefonierte noch weitere Bewohner ab, bis ich schließlich in die Obhut eines Rentners weitergereicht wurde, der lange in Solingen in einer Autofabrik gearbeitet hatte und nun selbst in einem Haus wohnte, das vor über 100 Jahren Türken gehört hatte.

Er führte mich den Berg hoch in einen Ortsteil, der fast versteckt vom heutigen Hauptort lag …

Alter Dorfweg
Fortschreitender Verfall

… und zeigte mir das, was es an “Türkischem” noch zu sehen gab.
Trümmer!

Fast verwunschen

Ausgedientes, Zugeklapptes.

Ausgerastetes, Zweckloses.

Es muss ein schönes osmanisches Dorf gewesen sein. Mit opulenten Herrenhäusern.

Mit herrlichen Aussichten, traumhaften Vorgärten.

Früher weideten hier Schafe

Mit kleinen Bauernhöfen.

Betonfrei

Mit pittoresken Dorfstraßen.

Genügend Platz

Mit fantastischer Natur.

Der hat Kriege erlebt

Ein ehemals glückliches (?) Dorf.

Eingebettet

Es lebte und atmete nicht mehr. Nur sehr vereinzelt hatten die Neubewohner die alten Anwesen übernommen. Einige wenige waren renoviert.

Mein Begleiter erklärte mir, dass sowieso nur noch alte Griechen hier wohnten. Alle jungen seine weg – fast alle in Deutschland – wo sie Alte ja früher auch gewesen seien.

Schlagartig wurde mir klar, dass ich es mit Vertriebenen zu tun hatte. Die Großelterngeneration hatte als griechische Minderheit im osmanischen Reich gewohnt, wurde vor 100 Jahren ins heutige Griechenland zwangsumgesiedelt, wurde nie heimisch in der neuen Heimat. Sie waren jetzt hier geschichtslos – so wie es dieser Ort war. Die nachfolgenden Generationen suchten ihr Glück dann (ab den 70er/80er Jahren) als Gastarbeiter in Deutschland.

Ich fragte meinen Begleiter, ob sie denn ab und zu in die Türkei führen auf der Suche nach ihren Wurzeln? Er sagte: “Manche”. Und er erzählte, dass jeden Sommer einige Türken nach Agora kämen, die die Häuser ihrer Groß- und Urgroßväter noch einmal sehen wollten. Wurzellose Vertriebene, denen man ihre Geschichte geklaut hatte, auf beiden Seiten.

Ich bedankte mich bei meinen Gastgebern. Verabschiedete mich – fast schon melancholisch.

Erst als ich schon weit aus dem Dorf war, fiel mir auf, dass ich in Agora nirgends Spuren eines muslimischen Friedhofs oder einer Moschee gesehen hatte.

Unterwegs – zurück zur Küste – weitere schöne (ehemals türkische) (jetzt) griechische Dörfer. Weingegend.

Schließlich Kavala erreicht.

Google-Blick

Die Altstadt mächtig auf einem Fels thronend.

Thron

Die Hafenstadt zeigte stolz, wie alt sie war.

Tropisch-römisch

Noch von Weitem war das historische Aquäduct zu erkennen.

Hinteransicht

Es fing an zu regnen.
Kam die Sonne dennoch durch, bemalte sie die Berg/Küstenlandschaft mit traumhaften Farben.

Geschwungen

Sehr spät, nach über 100 Kilometern, erreichte ich Xanthi.
Hier lebte noch eine türkische Minderheit.
Vom großen Bevölkerungsaustausch vor hundert Jahren war dieses Städtchen ausgenommen worden.

Regenbogen bestrahlt

In der Nacht (unter Regen) in der schönen Altstadt spaziert. Ausgestattet mit schönen osmanischen Herrenhäusern.

Unterkunft: Hotel Xanthippion im Zentrum. Modern. Deutsch geführt. 58 Euro (mit Frühstück). Fahrrad im Keller abgestellt.

Tag 233 (16.03.2018) / Griechenland: Platamonas -> Makrigialos

Strecke: 57 km (09:15 – 15:15 Uhr)

Dass ich die 130 Kilometer bis Thessaloniki nicht an einem Tag schaffen würde, ahnte ich.
Dass ich aber schon nach 57 Kilometer vom Sattel stieg, hing mit einer unerklärlichen Entkräftung zusammen.

Morgenkühl

Den Olymp im Rücken kurvte ich durch die sehr hügelige Küstenlandschaft, das Meer aber selten in Sichtweite.
Eigentlich keine anstrengende Strecke, aber das ständige Auf und Ab ging dennoch in die Beine. 

Dazu kalter Gegenwind und dann auch diese verdammten griechischen Straßenköter, die gefühlt alle 10 Minuten hinter einem Gebüsch hervorschnellten und mir bellend und keifend hinterher jagten. Sie trieben meinen Adrenalinspiegel beständig in die Höhe. Kaum war er wieder runtergepegelt, kläffte bereits der nächste abgemagerte Zottel neben meinem Hosenbein.

Am Mittag machte ich kurz Pause. Schnaufte heftig durch.

Mittagkühl

Und beschloss bald, mir eine Unterkunft zu suchen. Ich hatte genug. Makrogialos lag ums Eck. Ein Fischerdorf, in dem aber niemand fischte. Die Boote waren am schmalen Strand geparkt. Wohl schon seit geraumer Zeit.

Not a must

Ein einsamer Fischer reparierte seine Netze, sonst war weit und breit niemand zu sehen.

Abendkühl
Später Fischer fängt den Fisch

Der Ort noch winterlich runtergekommen. Ohne touristisches Make-Up.

Kühles Weiß

Schmuddelfarbig sogar das Promenaden-Meer.

Ausgekühlt

Am Abend schließlich eine Überraschung: Einige Restaurants entlang der Promenade hatten auf – und gegen 21 Uhr füllten sie sich plötzlich mit Einheimischen.
Ich aß eine herrliche Auberginenvorspeise (mit Knoblauch, Feta, Zitrone und Petersilie aufgepeppt). Ich verschlang grandiose Venusmuscheln (herausgelöst, zu kleinen Kugeln zusammengeklebt und dann frittiert).

Ich trank einen halben Liter guten Rotwein. Und zahlte für alles 13 Euro. Wie kann das sein? Warum um Himmlelswillen ist das so billig hier?

Unterkunft: Hotel Achillion am Strand. Sehr nett eingerichtet, ganz alter Stil. Zimmer mit Meersicht. Zuvorkommender Patron. 40 Euro (mit reichhaltigem Frühstück). Ich bräuchte eigentlich nicht zu erwähnen, dass ich der einzige Gast war.

Tag 83 (21.10.2015) / Frankreich: Saint-Brevin-les-Pins -> Vannes

Strecke: 92 km (09:30 – 17:45)

In Saint Brevin verabschiedete mich der Wirt mit dem Seebärenbart sehr herzlich. Seine Partnerin samt Schoßhund wünschten mir Glück für die weitere Reise und verhießen mir einen windfreien Tag.
So war es dann auch.

Schnell die Brücke nach Saint Nazaire erreicht.
Ich hatte höllischen Respekt vor ihr. Im Internet hatte ich zuvor recherchiert, wie ich per Fahrrad über die Loire-Mündung kommen könnte. Nicht wenige rieten von der Route über die Saint-Nazaire-Brücke ab: Fahrradstreifen zu eng. Höllischer Verkehr. Rücksichtslose Lastwagenfahrer. Extremer Seitenwind. Bauwerk fast 1 km lang, sehr steil.

Schrägseil-Brücke

Glück half mir. Oder die guten Wünsche des Seebären-Wirtes. Die rechte Spur war wegen Reperaturarbeiten für Autos gesperrt. Nicht aber für mich. Freie Fahrt über die Loire, über Sancerre, Chinon, Pouilly Fumé Gebiet.

Faszinierend der Blick auf die Fischerhütten mit ihren Senknetzen.
Würde gerne mal eine belebte Anlage sehen. Mit Fang.

Fangseil-Netze

Grau der Tagesanfang … grenzenlos schien die Loire – meerhaft.

Ohne Netz ...

Blaugrau der weitere Verlauf … am anderen Ufer der Loire: Industrie.

... und ohne Boden

Ich war endlich in der Bretagne und freute mich.
Vannes erstrampelte ich mir mit Vergnügen.

Unterkunft in Vannes: Hotel Anne de Bretagne. In der Nähe des Bahnhofs, nur 5 Gehminuten von der Altstadt entfernt. Einfaches Hotel. Sehr ordentlich. Hilfsbereites Personal. Fahrrad in abgeschlossenem Hinterhof untergebracht. 53 Euro (ohne Frühstück).

Tag 64 (19.04.2015) / Griechenland: Kalamata > Githio

Strecke: 98 km. (8:45 – 18:15)

Brutal anstrengende Strecke. Es ging ins Gebirge. Mit Abstand landschaftlich die bisher schönste Route in Griechenland. Einziges Manko: Eklatant schlechte Sicht. Enorm diesig. Keine Kontraste. Das was mein Auge sah, konnte die Kamera nicht abbilden. Wie schade.

Der Reihe nach.

Gleich hinter Kalamata schlängelte sich die Straße in Serpentinen in den Himmel hinein. Von dort aus wunderbare Aussichten über das noch hügelige Land, das mir immer mehr wie die schönere Toskana erschien.

Licht - es werde Licht!
Und zum Licht auch noch etwas Schatten, bitte!

Schon bald wurden aus Hügeln Berge.

Man könnte hier Western drehen

Fruchtbares Land. Oben …

Oliventerrassen

… wie unten (=Hochebene).

Filmkulisse

Die Küste zackig.

Fingerberge

Halbe Stunde Abfahrt. Im Schuss. Meine Wangen von aufgeprallten Mücken, Schmetterlingen und Geschmeiß so verdreckt wie eine Auto-Windschutzscheibe. (Können diese Viecher eigentlich nicht navigieren?)
By the way: Habe noch kein Land gesehen, wo so viele totgefahrene Hunde und Katzen (manchmal auch Schildkröten) am Wegrand lagen.

Unten angekommen: gestaunt über pittoreske Fischerdörfer. Der Massentourismus hat noch keinen Weg hierher gefunden.

Eine halbe Stunde Pause eingelegt und mich ein wenig aufgepäppelt.

Alt-Herren-Mütze in Kalamata gekauft

Mit Käse gefüllte Paprika gegessen. Dazu klasse lokales Olivenöl.

Beste Produkte

Schließlich wieder den Weg nach oben eingeschlagen. Kam mir noch steiler vor als der erste Aufstieg. Es tat weh.

Dorf kann nicht schöner werden
Dorf kann auch nicht noch schöner werden

Dann nur noch selten Dörfer. Dafür wurden sie immer malerischer.

Hochgebirgsdorf

Auf dem Weg ins Hochgebirge eine Schildkröte gerettet. Ich holte sie von der Straße runter und setzte sie ins Gebüsch.

Panzer schützt nicht vor Autoreifen

Winzorte. Mit Winzkirchen.

Wie alt sie wohl ist?
Duster im Altarraum

Ein paar Bauern boten (wem eigentlich?) ihre Ernte an. Honig, Oliven, getrocknete Kräuter – vor allem Oregano. Ich kaufte ein Glas (4 Euro).

Blickfang

Dann wieder Schussfahrt ans Meer.
Ausgepumpt und entkräftet im Hafenstädtchen Githio angekommen.

Sicherer Hafen

Herrlicher Tag!

Unterkunft in Githio: Hotel Aktaion an der Hafenpromenade. (Geschmackvolle Einrichtung. Balkon mit Meerblick. Hilfsbereiter Service.) 40 Euro mit Frühstück. Fahrrad zum ersten Mal draußen lassen müssen. Drinnen gab es tatsächlich keinen Platz. Nichts passiert.