Meer Europa

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Tag 316 (15.07.2019) / Norwegen: Ornes -> Nesna

Strecke: 150 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 3 Fähren mit ca. 44 Kilometern. (07:15- 00:30 Uhr)

Fährentag. Kurz nach 7 Uhr in Ornes auf das Schiff, das mich (und zahlreiche Autos) nach Vassdalsvik brachte.

An Bord wollte ich schnell einen Kaffee trinken. Aber der Automat akzeptierte keine Visa-Karte. Nur Münzen. Zum ersten Mal überhaupt, seit ich in Norwegen unterwegs war, wurde Cash verlangt. Hatte natürlich kein Kleingeld. Also kein Aufwachkaffee.

32 Kilometer geradelt, schon wartete die nächste Auto-Fähre. Ein Haifisch-Monstrum. Irrsinnig – wie viel Geld Norwegen in die Brücken- und Fähren-Infrastruktur steckt. Aber anders ist dieses Insel-, Halbinsel-, Berg-Land nicht zu erschließen.

Die Sonne kämpfte über der Wolkenschicht, um mich Norwegenfahrer zu grüßen und auch ein bisschen aufzuwärmen. Bekam aber kein Licht-Strählchen durch die grauweiße Totalblockade. Ich fror.

Erst heute fiel mir auf, dass das Meer in Norwegen nicht rauschte. Die Fjorde seenhaft ruhig.

Alles, was ich hörte, war das summende Rollen meiner inzwischen völlig abgefahrenen Fahrradreifen.

Bizarre Spiegelungen an den Fjordenden. Ich hatte das Gefühl jeden einzelnen Fjord Norwegens auszufahren.

Schon bald wartete die dritte Fähre. Von Jektvik nach Kilboghamn. Sie fuhr lang.

Und kreuzte genau hier, an diesem grau-grünen Berglein den nördlichen Polarkreis.

Eine Weltkugel am fernen Ufer zeigte den genauen Punkt an.

Das halbe Schiff stapfte auf Deck, um sie (den weit weit entfernten “Punkt” auf der gegenüberliegenden Küstenwiese) zu fotografieren.

Dann noch mal 90 Kilometer bis nach Nesna. Ich hatte auf dem dortigen Campingplatz angerufen und gefragt, ob es noch ein Zimmer oder eine Hütte gäbe. Treffer. Das Problem: Die Rezeption schloss bereits um 19 Uhr, ich aber war noch 60 Kilometer entfernt und es war bereits 18:30 Uhr. Der Rezeptionist war supernett. Sagte, er würde die Tür zu dem Zimmer offen lassen und den Schlüssel aufs Bett legen. Ich solle mir keine Sorgen machen. Machte ich mir nicht.

Und (ich wiederhole mich) hatte der Tag die höchste Schwierigkeit bis zum Schluss aufgehoben. Es ging steil auf rund 350 Meter hoch. Die meiste Zeit (1 Stunde) schob ich. Hatte keine Kraft mehr.

Auf dem Pass Stille Stille Stille. Kein Zikadenlärm (gibt’s hier gar nicht), kein Fledermausgefiepe (gibt’s hier gar nicht?), kein Eulenflügelschlag. Nichts. Stille. Die Sonne war untergegangen. Endlich wieder so etwas wie Nacht, auch wenn der Horizont feurig glühte.

Unter mir lag Nesna

Ich musste nur noch rollen lassen.

Und kam nach 150 Kilometer Strampeln eine habe Stunde nach Mitternacht an. Grandios erschöpft.

Tag 297 (26.06.2019) / Finnland: Oulo -> Kemi

Glück?

Am frühen Morgen aufm Markt in Oulu ein gutes Frühstück (Filterkaffee, Croissant, Krapfen und ein mit geräuchertem Lachs belegtes Brot).

Aus dem Hintergrund melancholiert dazu ein Straßenmusiker finnischen Tango auf seiner Quetschkommode.

Dazu viel Sonne und eine völlig unaufgeregte Stimmung. Das ist Glück. Morgenglück!

Die Finnen beeindrucken mich mit jedem Tag mehr. Das manchmal Kolosshafte ihrer Statur ist grobe Tarnung für eine feine Seele. Sentimentale Charaktere. Aber nicht selbstbezogen – sehr empathisch.

Ich schlenderte noch ein wenig über den Markt…

… der von einem aufmerksamen Polizisten freundlich bewacht wurde.

In den Ständen: was die Wälder und Felder der Umgebung eben so hergaben.

Das deftige und rustikale Mittagessen wurde ebenfalls schon vorbereitet.

Der Weg dann nach Kemi – dort wo der Bottnische Busen endet: langweilig.

Strecke: 109 km (09:30 – 18:45 Uhr)

Immer der Bundesstraße E8 folgend. Alle 40, 50 Kilometer gab es (wie meist unterwegs) eine Grillbude, in der ich mir diesmal mein Mittagsbier besorgen konnte.

Rast legte ich häufig auch an Bushaltestellen ein – mit ihren einladenden Holzhäuschen.

Ein Schild zeigte an, dass ich ab jetzt in Lappland war.

Und schon bald landete ich in meinem ersten lappländischen Städtchen: Kemi.

So leer, so langweilig. Aber zum letzten Mal sah ich die Ostsee. Ab morgen würde ich ab ins Landesinnere kurven. Ich nahm Abschied.

Tag 286 (15.06.2019) / Finnland: Helsinki – Start mit Pausentag

Um Mitternacht angekommen (es dämmerte grad). Musste dem Taxifahrer, der mich vom Flughafen zum Hotel in Helsinkis Innenstadt fuhr, zeigen, wie man  den Innenraum seines Wagens zerlegt, damit mein verpacktes Fahrrad in sein Vehikel passte. Er ließ es mit meinem Versprechen geschehen, die Karre nach Ankunft wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. 

Vor 30 Jahren war der freundliche und redefreudige Mann aus Bangladesch nach Finnland ausgewandert. Etwa 2.000 ehemalige Landsleute leben – so erzählte er – mittlerweile im Großraum Helsinki. Er selbst fühle sich als Finne. Überhaupt gäbe es nur wenige Migranten im Land. Um so wichtiger sei es, der EU nicht zu folgen – behauptete er – und nicht noch mehr Ausländer hereinzulassen. Das würde die politische Stimmung in Finnland nur weiter nach rechts treiben – meinte er. Und ich wunderte mich, wie oft ich schon diese Geschichte vom Boot, das voll sei, auch von Migranten erzählt bekommen habe.

Ich richtete dem guten Herrn seinen Taxi-Innenraum wieder picobello her.

Am nächsten Tag Helsinki erkundet (war die Sonne eigentlich in der Nacht untergegangen?). Um aufrichtig zu sein: Ich hab – mal Kaffee, mal Bier trinkend – eigentlich nur auf dem Markt, in der Markthalle, an den Schiffsanlegestellen, am alten Hafen und auf der Esplanade herumgelungert.

Hochzeitstag

Vor den Ausflugsbootanlegestegen (schönes Wort!) drängelten sich die unterschiedlichsten Hochzeitsgesellschaften.

Mal hipp finnisch-asiatisch, mal gestylt unternehmerberaterisch – alle Hochzeitsgäste bestens sonnengelaunt.

Schöne Menschen.

Fotografiert sie oder kontrolliert sie die Schminke?

Glücklichste Finnen (sagt zumindest der Weltglücksreport der bescheidwissenden United Nations (UN)).

Kuss am Pier
Der letzte (Möwen)Schrei

Die Stadt nicht voll – aber mit (Tages?)Besuchern gut gefüllt.

Über (fast) allem thront der Dom

Und die Hälfte der Touristen (immerodernurheute?) Asiaten. Fast nur in Gruppen. Nur einige wenige Solisten.

Fernweh?

Direkt am Hafen der zentrale Markt.

Finnisches Gewusel

Ebenfalls die traditionsreiche Markthalle.

Mit einem professionellen Trinkgeldeintreiber.

Immer freundlich und todernst

Und natürlich mit allem, was die finnische Wildnis hergibt. (Im Ergebnis: gemeuchelte und verwurstete, eingedoste Rentiere.)

Konserve

Tag 231 (14.03.2018) / Griechenland: Agiokampos Porto -> Volos

Strecke: 78 km (08:00 – 16:00 Uhr)

Ein paar Pendler “bevölkerten” die Kantine der Fähre. Oben – obwohl schönstes Morgenwetter – war ich mit dem Himmel allein.

Leergut

Eine halbe Stunde – und ich betrat in Glifa wieder griechisches Festland. Noch schnell einen Kaffee getrunken (hier lieben sie ihn parfümiert mit Vanille) – und ab.

von nun an ging’s bergauf

Der Südosten Thessaliens eher dünn besiedelt. Landwirtschaft, Fischerei, Tourismus – und stimmungsvolle Runterblicke.

Mittagsglut

Herrliche naturbelassene Olivenhaine mit explodierendem Blüten-Rot.

Lieblingsrot

Relativ früh in der rausgeputzten Provinzhauptstadt Volos angekommen. Jung, studentisch, rammelvolle Promenaden.

angekommen

Unterkunft: Hotel Elektra. Stadtzentrum. Etwas in die Jahre gekommen, aber völlig in Ordnung. Fahrrad in Abstellkammer untergebracht. 43 Euro (mit Frühstück).

Tag 165 (22.03.2017) / Portugal: Carrapateira -> Lagos

Strecke: 38 km (08:00 – 14:30 Uhr)

Gleich nach dem Aufstehen das Rad gesattelt und zur “Praia do Amado” gestrampelt. Ein paar Sonnenstrahlen halfen mir, wach zu werden.

out in the wilderness

Im Tiefschlaf allerdings noch die Surfer-Bucht.
Fels, Sand und Meer nur für mich.

out in the wilderness 2

Immer mehr entwickele ich mich auf dieser Tour zum Beach-Spotter.

Der Küstenwanderweg war auch mit dem Rad (meist) gut befahrbar.

Rotorangene Klippen

Noch an keiner europäischen Küstenlinie eine solche Anzahl unbeschreiblicher Strände gesehen.

Redcliff

Nach einer weiteren halben Stunde den Strand “Praia Da Bordeira” von oben bestaunt. Eine von Wasser umflossene Klein-Wüste. Ich fläzte mich wie eine Echse auf einen Stein und wärmte mich. Bald – so sagte es mein WetterApp – sollte es regnen.

Pur!

Ich beschloss nicht Sagres anzusteuern, das wohl schon im Regen lag, sondern durch die Sierra Richtung Lagos zu radeln.
Eine Schotterpiste führte mich nach Pedralva. Ein eigentlich verlassenes Nest, aus dem vor Jahrzehnten fast sämtliche Dorfbewohner weggezogen waren.

Seit einiger Zeit aber erlebt der Ort eine eigentümliche Renaissance. Ein Portugiese aus Lissabon kaufte den Großteil der vom Zerfall bedrohten Bauernhäuser, restaurierte sie und machte aus dem ganzen Dorf ein Hotel.

Kaufe Dorfstraße

Nachhaltiger Tourismus für Betuchte.

Ziehe auf Dorfplatz

Ziemlich guten Kaffee trank ich.

Setz Dich zur Ruhe

Am frühen Nachmittag dann noch Lagos erreicht. Mit den ersten heftigen Regengüssen.

Unterkunft: Hotel “Mar Azul”. In Fußgängerzone. Trotzdem ruhig. Angenehm und preiswert. (30 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad im 1. Stock in Rumpelkammer untergestellt.

Tag 31 (17.03.2015) / Kroatien: Poreč -> Rovinj

Strecke: 36 km (8:30 – 14:15)

Hotel Eden – am Stadtrand. Tito-Bettenburg. Völlig gesichtslos. Aber in der Altstadt hatten alle Unterkünfte zu. 62 Euro mit Frühstück. Fahrrad durfte ich nicht mit reinnehmen. Kettete es draußen vor dem Hotel an ein Geländer an. Desinteressiertes Personal.

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Poreč auch am morgen danach leer. Niemand, der Brötchen orderte, einen Kaffee an der Theke trank, die Zeitung holte.

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Suchbild ohne Mensch

Das Städtchen im Dornröschenschlaf bis Ostern. Dann wird auch kein Röschen mehr schlafen können. Dann werden Zehntausende Touristen kommen.

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Porec

Die heutige Tour kurz, dafür anstrengend. Stets hoch bergauf und tief bergab.
Spektakulär der Limski-Kanal. Ein kroatischer Fjord. Laut Reiseführer sollten auf dem Weg dorthin Dutzende Austernlokale die Besucher locken. Mich lockte keines. Nicht mal Wasser konnte ich mir unterwegs besorgen. Kein Geschäft, Lokal, Imbiss auf. Ich fuhr durch trockenes Land.
Schöne Gegend dennoch.

Apatschen-Land

Fehlte nur, dass ich Huckleberry Finn, Old Shatterhand und Nscho-tschi begegnete. Aber die kommen wahrscheinlich auch erst über Ostern.

Winnetou-Farben

Winnetou-Farben

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Keine Goldgräber – nur Austern-Fischer

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Klar, dass man hier Huck&Finn Filme drehen könnte

Recht früh in Rovinj angekommen. Die Stadt noch leerer als zuvor Poreč. Am Abend fast verzweifelt. Hatte meinen Reiseführer aufmerksam studiert und mich auf gute Restaurants gefreut. Aber jede einzelne Empfehlung mit einem Schild vor der Tür: Offen erst wieder ab Ostern.
Selbst das angeblich beste Restaurant Istriens.

Möglicherweise bin ich ein Luxusgeschöpf geworden. Aber mir verdirbt es die Laune, wenn ich nichts Gutes zu Essen – und auch nichts Gutes zu Trinken bekomme. Nicht einmal ein offenes Geschäft, in dem ich mir eine anständige Flasche Wein hätte besorgen könne, um sie am Strand zu leeren. Ich stand vor einem unlösbaren Problem. Und ich fragte mich, wie kann ein Städtchen überleben, wenn es nur von Ostern bis zu den Herbstferien Saison hat, die restliche 6 Monate aber im Tiefschlaf versinkt?

Was machen die Kellner, die Köche, die Fischer und Lieferanten in der Stillstandszeit?
Gibt es keine Einheimische, die es mal nach draußen lockt, zum Schäkern in ein Café, zum Grölen in eine Kneipe oder nur zum Championsleague-Gucken an der Theke?

Ich traf niemand in diesem so außerordentlich schönen Mittelmeer-Geisterstädtchen, der mir diese Frage hätte beantworten können.

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Nicht die Schokoladen Seite

Die Schokoladenseite sieht so aus

Die Schokoladenseite sieht so aus

Notgedrungen ging ich indes in das einzig geöffnete Lokal. Ein Balkangrill, wie es ihn in Deutschland in den 70er Jahren tausendfach gab. So schmeckte es auch. Fettig, ein wenig scharf, ein wenig lieblos und ziemlich geschmacklos.

Ich hatte schon bessere Tage.