Meer Europa

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Tag 317 (16.07.2019) / Norwegen: Nesna -> Vevelstad

Strecke: 73 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 2 Fähren mit ca. 24 Kilometern. (10:15- 19:45 Uhr)

Nach dem gestrigen Tag, der mich fast völlig ausgelaugt hatte, ging ich es heute etwas gemütlicher an. Spät erst brach ich auf. Der Tag lud eh zum Bummeln ein. Die Sicht war grau, diesig. Es war kalt. Meine Unterkunft war eine Katzensprung vom Fährhafen in Nesna entfernt. Die Überfahrt nach Levang ging schnell. Der dortige Anlegestelle – wie so häufig – im Niemandsland. Ein Verladesteg. Eine Schlange von wartenden Autos und Caravans. Ein, zwei Häuser. Sonst nichts.

Unterwegs: immer wieder ein paar Siedlungen an den Fjordufern. Ich weiß nicht, ob man bei der Ansammlung einiger Häuser von einem Dorf sprechen kann. Es gab keine Mitte, kein Marktplatz, keine Kirche mit Kirchplatz. Die Häuser standen eher neben einander. Anwohner waren so gut wie nie auf der Straße. Auf dem Wasser manchmal ein paar Fischer oder Angler. Aber ansonsten: Landschaft und Meer ohne Menschen.

Die Küste: ein Gewirr aus Inselchen und Inseln.

Über Land fahren hieß oft: über Brücken fahren. Manche waren spektakulär konstruiert. Eine – die Helgelandbrücke – führte scheinbar aufs Meer, nutzte eine Landzunge im seichten Ozean, um sanft auszulaufen.

Auf der zweiten Fähre sah ich zufällig einen Prospekt, der die Ferien-Unterkünfte der Gegend aufreihte. Ein Gästehaus in der Nähe der schönen Kirche in Vevelstad hatte noch ein Zimmer frei.

Das Haus entpuppte sich als Wunderkiste. Liebevoll im alten Stil eingerichtet. Eine Herberge mit 5 Zimmern.

Die Wirtin kochte selbst – aber nur auf Vorbestellung. Da ich spontan geklingelt hatte, bekam ich nicht das Menü ab. Die Wirtin kramte aus dem Gefrierschrank dafür einen exzellenten Bacalao-Eintopf hervor, kochte ihn vorsichtig auf, würzte und schärfte ihn noch etwas.

Selten einen so schmackhaften (getrockneten und gesalzenen) Kabeljau gegessen. Mit Kartoffeln und Zwiebeln. Portugiesische Klippfischküche im hohen Norden.

Überhaupt die Wirtin: Sie schaute einen listig an, war schlagfertig, juxte viel und war stolz auf ihre Unterkunft. Erklärte gerne die vielen Details der sorgfältig ausgewählten Einrichtung. Fast alles Erinnerungsstücke. Aber nichts, rein gar nichts war muffig. Alles strahlte heiter. So wie die Wirtin. Es schmeichelte ihr, wenn man ihre Kochkünste lobte. Dann seufzte sie tief und zufrieden.

Im kleinen Speisesaal nur Deutsche: ein Männerpaar aus München und ein Blogger (hab vergessen woher), der neue Wanderwege suchte.

Wir zogen uns nach dem Essen gemeinsam ins “Entrée” genannte Herrenzimmer zurück. Berauschten uns an dem, was wir alles schon in Norwegen gesehen hatten.

Tag 291 (20.06.2019) / Finnland: Uusikaupunki -> Pori

Strecke: 86 km (09:00 – 16:15 Uhr)

 

Mit großer Vorfreude radelte ich zunächst nach Pyhäranta. Laut Reiseführer sollte sich dort eine uralte hölzerne Opferkirche befinden – mit sensationeller Innenbemalung. Ich fand das Kleinod nicht, nur einen Steinkoloss, düster über der Ostsee thronend.

Die Innenausstattung protestantisch nüchtern.

Ich zweifelte an mir, bis ich merkte, dass ich den Namen falsch gelesen hatte. Die Opferkirche befand sich in Pyhämaa. Etwa 20 Kilometer entfernt von hier. Wieder einmal hatten mich diese (ähnlich klingenden) finnischen Namen ausgetrickst.

Ich strampelte weiter der Ostseeküste entlang, bekam das Meer aber nur sehr selten zu sehen. Meist blockte Wald die freie Sicht. Ich fuhr ein zwei Stichstraßen zum Wasser. Finnische Idylle pur. In jedem Winkel eine Holzhütte.

Vor jeder Hütte ein Anlegesteg für kleine Boote.

Mittlerweile war das Gelände flach – mit nur kleinen Wellen. Ich kam zügig voran. Oft begleitet von herrlich blühenden Wegrändern, meist Lupinen, die Birken- und Nadelwälder einsäumten.

Schließlich einen längeren Spaziergang in Rauma gemacht. Ein UNESCO- Weltkulturerbe-Städtchen.

Mit einem bestens erhaltenen Stadtkern aus Holz.

Schön und überraschend schön leer.

Am Nachmittag dann noch kurz in Schwierigkeiten gekommen. Die Pisten durch den Wald waren extrem grobschotterig. Ich fuhr fast wie auf Treibsand, sank ein. Musste heftig in die Pedale.

Querte eine Hängebrücke.

Und landete bald wieder auf geteerter Landstraße, die durch typische, friedlich schlummernde finnische Dörfer führte.

Pori, eine Industriestadt mit 80.000 Menschen, in der ich am Abend Unterkunft fand, verströmte Beton-Charme. Zum ersten Mal sah ich in dem wohlhabenden skandinavischen Land offene Armut und Gruppen von ziemlich abgerissen gekleideten Menschen.

Tag 263 (15.04.2018) / Moldawien: Cahul -> Comrat

Strecke: 80 km (10:00 – 16:30 Uhr)

Am Morgen noch kurz über den Markt in Cahul gegangen, um mich mit Wasser und Snacks für die Fahrt einzudecken. Hatte leider den Fotoapparat nicht dabei. Sehr belebter und schöner Markt. Wie überhaupt: Cahul hatte mich beeindruckt.

Die Fahrt dann sehr anstrengend. Es ging quer zu den Bergketten.

Einen Weinberg rauf.

Rebland

Den andern wieder runter.

Berg-Tal-Land

Extrem ermüdend. Die Straße schlecht. Aber auch heute kaum Autos unterwegs. Ich freute mich immer, wenn ein Dorf auftauchte.

Straßendorf

Es brachte ein wenig Abwechslung in die staubige und noch gar nicht frühlingsbereite Landschaft.

Seestraßendrof

Urplötzlich wurde die Straße besser. Und es wurde flacher.

einsatzfähig

Unterwegs immer wieder deutliche Zeichen von echter Volksfrömmigkeit.
Zahlreiche gut gepflegte Kapellen.

vergoldet

Oder Kirchen.

versilbert

In einem Minimarkt kaufte ich mir mein Mittags-Bier.
Im Nu hatte ich Gesellschaft. Ein Herr, der mich mit seinen Goldzähnen anlachte, ließ sich nicht lange bitten.

unterhaltsam

Ich lud ihn zu einem Wodka samt Chisinau-Bier ein.
Der Herr konnte zwei, drei Brocken Deutsch: “Auf Wiedersehen”, “Bier”, “Tschüss” und wiederholte seine Kenntnisse gerne.

Goldanlage

Ich befand mich im Herzen Gagausiens (gesprochen: Gaga-Usien). Die Region beansprucht ähnlich wie Transnistrien eine autonomes Gebiet zu sein. Noch (immerhin) kam es aber mit Moldawien nicht zu einem militärischen Konflikt.

Comrat, die Hauptstadt Gagausiens, herausgeputzt.

goldversilbert

Mit Erinnerung an den realen Sozialismus.

überlebt

Und dem Klimbim, den eine autonome Region wohl haben muss: übermässiger Nationalstolz.

Brimbamborium, das ich nie verstehe

Eigenes Militär. Und Kram.

Schild-Autonomie

Die Menschen in den Straßen: friedlich, freundlich.

Unterkunft: Hotel Altin Palace. Zentrum. Völlig verwinkelter Bau. Mein Zimmer ohne Fenster. Eng. Empfang sprach nur russisch. Schwierige Verständigung. 30 Euro (ohne Frühstück).

Tag 237 (20.03.2018) / Griechenland: Thessaloniki -> Nea Moudania

Strecke: 84 km (09:00 – 17:00 Uhr)

Der City-Bike-Laden hatte die neu Felge aus Patras kommen lassen und alles wieder sauber montiert.
Das Fahrrad lief wie geschmiert, auch wenn es erstmal – Fotomotiv! – vor der Kulisse “Mittelmeer mit verschneitem Olymp” stillstand.

ab jetzt durchhalten!

Die Strecke nach Chalkidiki anstrengend, aber nicht zu schwer. Und wichtiger: Nach einem Regentag hatte die Sonne sich wieder die Vorherrschaft erkämpft. Sie tauchte die Mini-Lagunen, die dem Meerufer vorgelagert waren, in ein schönes Kodachrome-Braun.

Spiegelwolken

Twins

Die Strände leer und unaufgeräumt.

noch seetüchtig?

So wie die Ortschaften, die gespenstisch leer waren, vergilbt, vergessen, verblasst.

Ruckelpiste

Wie anders müssen sie in in einem Monat wirken, wenn (spätestens) mit dem orthodoxen Ostern die Saison beginnt.

Schließlich Nea Moudania erreicht. Kleinstädtchen. Einer Ministeilküste (à la Rügen) vorgelagert.
Leider kam ich einen Tick zu spät. Die Sonne hatte keine Energie mehr und strahlte die porösen Felsen nicht mehr farbkräftig an.

Caspar Davidar nicht hier

Das Städtchen mit einer imposanten Kirche.

gedrängt

Ansonsten: Gähnende Leere. Ich hatte Schwierigkeiten ein offenes Restaurant zu finden. In einer Taverne sah ich Menschen, viele. Ich trat ein, der junge schon reichlich betrunkene Wirt kam auf mich zu, ich bat um einen Tisch – und der Wirt bedeutete mir, dass der Laden schon seit 1 Stunde geschlossen sei. Er feierte offensichtlich mit seinen Gästen, die geblieben waren, ein kräftiges Besäufnis. Er lud mich kurzerhand auf einen Wein ein. Umarmte mich herzhaft. Er wollte wissen, was mich hierher verschlagen hätte. Ich erzählte ihm (auf Englisch) von meiner Europaumrundung. Der Wirt war völlig begeistert, rief (beinahe) jeden Gast zu sich, damit er mir die Hand schüttelte. Für einige Minuten war ich der Mittelpunkt der Gesellschaft, jeder wollte irgendetwas von mir wissen. (Und ich hatte Hunger!) Bis schließlich ein Deutsch sprechender Gast kam und laut erzählte, dass erst letztes Jahr ein anderer (deutscher) Radfahrer aus Kasachstan angereist und hier eingekehrt sei. Damit war die Luft aus meiner Geschichte raus, ein neuer Held gefunden, und die Gesellschaft wandte sich wieder ihrer eigentlichen Tätigkeit zu, sich weiter zu besaufen.
Ich ergriff die Gelegenheit, mich zu verabschieden (unter vielem Herzdrücken und der Versicherung, bald wieder zu kommen) und suchte mir ein Esslokal.

An diesem Abend wurde ich noch oft “willkommen” geheißen. Der Bartender einer (fast völlig leeren) Kneipe weihte mich in sein Schicksal ein. Er war ausgebildeter Förster, fand aber in Griechenland keinen Job. Also arbeitete er als Barkeeper. Er wiederholte die Geschichte, die ich mittlerweile so oft auf meiner Reise gehört habe: Die griechische Regierung – gleich welche, auch die aktuelle – tue nichts, um die Infrastruktur zu verbessern, um Jobs für ausgebildete junge Menschen zu schaffen. Alle strömten in die Touristik-Branche, die aber nur ein paar Monate im Jahr boome. Ansonsten nichts.

Ich ging (spät) reichlich wortbetäubt in mein Hotel.

Unterkunft: Hotel Cavo D’Oro”. Am Hafen. Ein klein wenig heruntergekommen. Aber freundlicher Empfang. 35 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad in Büroraum untergestellt.

Ruhewoche Ginostra/Stromboli (12.-17.10.2017)

Der reiche Poet

Zimmer mit Aussicht …

… und Schreibtisch

Poetenausstattung

Im Laptop der neueste Band Elena Ferrantes (“Die Geschichte der getrennten Wege”). Im Kühlschrank immer ein gut gekühlter Tropfen.

angelehnt

Der Blick frei – frei aufs Meer. Auf die anderen Liparischen Inseln am nahen Horizont.

zickzack

Auf das Tragflügelboot, das auch mich hierhergebeamt hatte.

Füße gut gekühlt

Ginostra: Im Winter leben hier 30 Menschen. Im Sommer kommen manchmal 500 Touristen an einem Tag. Jetzt, in der Nebensaison, war der Ort fast leer.

Vielzack

Vor 40 Jahren war ich das erste Mal hier. Dann noch zweimal im Abstand von jeweils rund 10 Jahren.
Damals gab es noch keine Schnellboote, die hier anlandeten. Nur eine große Fähre, die weit außerhalb hielt. Fischerboote nahmen mich noch vor 20 Jahren draußen auf und brachten mich an die Steilküste, an der es nur einen Kleinsthafen (für 1 Fischerboot!) gab.
Mittlerweile ragt einen befestigter und robuster Landungssteg in die See.

Etagenbau

Aber noch immer ist der Esel das einzige Transportmittel in Ginostra. Es mühen steile Treppen hoch zum Dorf.

Zieh-Esel

Manche Gesichter erinnere ich noch. Wenn ich auch schnell beschloss, keine Einheimische zu fotografieren. Sie werden im Vierteljahresrhythmus von Fotografen regelrecht belagert.
Seit etwa 12 Jahren fließen Strom und  Wasser im Dorf. (Gab es vorher tatsächlich nicht!)
Strom: Dank einer Solaranlage in einer Bergmulde (versteckt).
Wasser: Dank großer Wassertank-Schiffe aus Neapel. (Früher so gut wie nur Zisternen-Wasser.)
Die Toiletten sind jetzt innerhalb der Häuser. (Früher Plumpsklos draußen.)

Und trotz unübersehbarer Modernisierung: Viel hat sich in Ginostra trotz Landungssteg, Strom und fließend Wasser nicht geändert.
Kein Internet. Keine Bank, kein Geldautomat, kein öffentliches Gebäude. Eine leerstehende Kirche, 2 kleine Läden, 1 offenes Restaurant (bis Ende Oktober).

Kein Auto, kein Fahrrad, keine Vespa.
Nur steile Wege …

scharfer Blick

… samt wunderschöner Häuser im traditionellen Stil.

geschliffene Kanten

erträgliches Rosa

 

eingekalkt

Götterthron

 

Lieblingsblau

Einst war der Ort ein Himmelsgeschenk. Zumindest was die Natur anbelangt. Die Vulkanerde fruchtbar. Der Wein, der auf kunstvoll angelegte Terrassen wuchs, berühmt.

stachelig

Obst und Gemüse im Überfluss.

dickhäutig

Bis ein heftiger Vulkanausbruch in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts fast alles zerstörte: Gärten, Häuser. Ginostra erholte sich nie wieder richtig. Verarmte.
Auf dem Friedhof, der über dem Dorf thront,

Am Fuße der Zeder

ist die Armut in den Gesichtern der Verstorbenen zurückgeblieben. Ausdrucksstarke Gesichter. Fast alle Toten waren Fischer, Bauern, Bäuerinnen, Mägde. Einige wenige: Lehrer, Bürgermeister, Postbeamte.

Erst in den 70er Jahren brachten erste Touristen ein bisschen Wohlstand für die wenigen dagebliebenen Familien. Auch wenn die Anreise für die Abenteurer beschwerlich war. Sie lebten damals – wie ich auch heute in Ginostra: Den Tag verbummeln. Ein bisschen Spazierengehen. Das Meer bestaunen.

Archaeopterix

Den Lauf der Sonne verfolgen.

Sonnenblume

Kurz vor Sunset zur Sciara wandern – der Lava-Rutsche des Vulkans. Eine Viertel Stunde von Ginostra entfernt.

Spuk

Mit etwas Glück …

Konfrontation

… das Feuerwerk bestaunen, das der Vulkan in schöner Regelmäßigkeit veranstaltet.
Zuhören wie die Lavabrocken und Steine über die Feuerrutsche ins Meer donnern.

Feuersterne

Ich hatte dieses Mal beschlossen, nicht zum Gipfel hoch zu wandern und dort zu übernachten. Ich hatte den Vulkan schon drei Mal bestiegen.

Lieblingsberg

Ich wollte nur faul sein. Nichts tun. Lesen, trinken, lesen, trinken. Den Tag vergehen lassen. Er tat es auch ohne meinen guten Vorsatz.

Tag 120 (10.04.2016) / Italien: Monte Sant’ Angelo -> Bari

Strecke: 139 km (09:30 – 20:00)

Unterkunft in Bari: “Hotel Moderno”. Zentrum. Bahnhofsnah. Geschäftshotel. Modern eingerichtet. Mit Schnickschnack. Preis war saisonbedingt runtergesetzt. (53 Euro mit Frühstück.) Fahrrad für 5 Euro in öffentlicher Garage abgestellt.

T0120-I-Monte Sant' Angelo - Bari

Der Tag begann auf der (überdachten) Frühstücksterrasse des Hotel Michael in Monte Sant’ Angelo. Die Servicekraft hatte sich richtig Mühe gegeben.

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Tischlein deck dich

Nur das Wetter hatte sie nicht im Griff. Es regnete aus Kübeln.
Der Wallfahrtsort (Santuario di San Michele Arcangelo) lag – Gott sei gedankt – direkt gegenüber, am Campanile vorbei.

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Zur Grottenkapelle

Wieder durfte man nicht fotografieren. (Scheint eine generelle Regel in italienischen Kirchen zu sein.)

Zur Kapelle ging es, über mehrere steinerne Treppen, in den Bauch des Berges. Dann öffnete sich eine große Grotte, in die eine Kirche (mit Bänken, Altar und natürlich einer marmornen Michaels-Statue als Kultort) eingebaut war.

Beeindruckend schlicht für eine der beliebtesten Wallfahrtsstätten Italiens.

Als ich frühmorgens kam, beteten viele Pilger bereits fleißig. Als ich ging, begann gerade eine Messe (im Halbstundentakt wird gelesen!).

Ich verließ Monte Sant’ Angelo, ohne das Städtchen richtig gesehen zu haben. Es regnete stark. Und ich beeilte mich vom Berg runter zu kommen.

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Hinauf in die Regenwolken

Eine halbe Stunde brauchte ich nichts zu tun. Das Fahrrad fand seinen Weg die Serpentinen hinunter.
Es war rutschig. Ich gab die Zügel nicht fei. Fuhr vorsichtig.

Gegen Mittag besserte sich das Wetter. Der Regen hatte urplötzlich aufgehört.

Ich fuhr durch Salinenlandschaften.

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Schmutz-Salz

Die Sonne kam durch. Verschönerte die ohnehin wunderschönen kleinen Hafenstädtchen, die wie eine Perlenkette an der Küste gereiht waren und mir den Weg bis Bari verschönerten.

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Einsamer Sonntagsarbeiter

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Einsamer Sonntagsfischer

Manche – wie Trani – hatten wunderschöne romanische Kathedralen aus hellem Kalkstein.

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Zusammenhalt

Langsam fanden auch die Bewohner wieder auf die Straße.

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Einsamer Sonntagsleser

Ich war im Frühling angekommen. Endlich!

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Sonntagsfrischler

Als es bereites dunkel wurde, kämpfte ich mich durch die endlosen Vorstädte Baris.
Fast 140 Kilometer hatte ich in den Beinen.
Sie schmerzten.

Tag 116 (06.04.2016) / Italien: Loreto -> Pescara

Strecke: 127 km (10:15 – 19:00)

Unterkunft in Pescara: “Hotel Ambra Palace”. Zentrum. Ideale Lage: Um das Hotel gruppiert sich das In-Viertel mit unzähligen Enotecas. Hotel anständig eingerichtet. Sehr netter Empfang. (45 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Abstellraum untergebracht.

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Wenn auch draußen fast nichts “los” war, drinnen schon! Bereits am frühen Morgen war die Kirche halbvoll.

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Stein auf Stein

3 Priester hielten eine Messe. Viel inniges und heiliges Gemurmel, das im hohen Rund widerhallte. Nach einer Viertel Stunde plötzliche Stille und ich hatte den Innenraum für mich.
Der Altar war nichts Kleineres als das „Haus Marias“.

Engel hatten die komplette Unterkunft der Gottesmutter in Nazareth abgebaut und hierhergetragen (so die katholische Legende).

Ein reicher Kaufmann hatte das einfache Backsteinhaus Marias, das sich einst unmittelbar an der berühmten Grotte in Nazareth befunden hatte, Stein für Stein abtragen lassen und mit Hilfe von Kreuzrittern im 13. Jahrhundert nach Italien schippern lassen (so die katholische Wissenschaft).

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Klein und doch groß

Wie auch immer: Es sprach einiges dafür, dass ich vor der Steinhütte der Gottesmutter Maria (so die katholische Legende) stand.

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Von Reichtum umhüllt

Nur Steinhütte: Von außen sah es aus wie ein Protz-Palast von Herodes. Reich gestaltet und verziert. Wenn auch im Renaissancestil (und von den besten Renaissance-Künstlern gearbeitet).
Betrat man allerdings das Palais, so befand man sich tatsächlich in einem einfachen Backsteinhäuschen.
Im Auftrag verschiedener Päpste war die Hütte nach und nach reich ummantelt worden.
(Ein typischer katholischer Widerspruch: Mit Protz Armut ausstellen!)

Ein Schild bat darum, nicht zu fotografieren, und ich hielt mich daran.
Ich war – tatsächlich – ergriffen von der Wahrscheinlichkeit/Möglichkeit im Wohnhaus der heiligsten und jungfräulichsten Maria der Welt zu stehen. Mich störten auch nicht die vielen Pilger, die auf Knien versunken beteten. Manche mit ganz vielen Bitten in den wässrigen Augen.

Dieser Wallfahrtsort war mir bisher völlig unbekannt gewesen und ich musste lernen, dass es noch viel mehr in Europa gibt als Lourdes, Altötting und Tschenstochau.

Päpste (zuletzt Benedikt) pilgern regelmäßig hierher, um Maria Geheimnisse anzuvertrauen.

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Päpstlicher Zerberus

Der weitere Tag ist schnell erzählt:
Grau, Nebel, Dunst, keine Sicht, kalt, mal böig, mal windstill.
Ich hatte beschlossen, das Wetter zu ignorieren und einfach Kilometer zu machen, bis die Sonne wiederkommen würde. Sollte es Tage dauern.

So fuhr ich durch die manchmal gleißend helle Finsternis (Sichtweite 20 bis 50 Meter) und freute mich, dass ich viele Kilometer schluckte. 127 Kilometer – an diesem Tag.

Spät Pescara erreicht. Ein Städtchen, von dem der Reiseführer behauptet, es habe nichts zu bieten.
Welche Ahnungslosigkeit.

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Um mein Hotel (Zentrum) herum befand sich wohl das In-Viertel. Jedenfalls quollen die Straßen in der Nacht über. Eine Enoteca reihte sich an die andere.
Keine einfachen Weinprobierstuben. Fast alle schenkten auch Craft-Biere aus. Nachbarn kamen, um sich leere Flaschen mit Wein, Bier oder auch mit merkwürdigen Mixgetränken (?) abfüllen zu lassen.
Ein herrliches Viertel, in dessen Kneipen-Gestrüpp ich mich lange festsetzte.

Tag 111 (01.04.2016) / Italien: Ravenna -> Rimini

Strecke: 79 km (11:30 – 19:00)

Unterkunft in Rimini: “Hotel Sunset. Am Strand. Hat zwar 4 Sterne, ist aber einfach ausgestattet. Dafür sehr hilfsbereiter Portier. Unschlagbar der Schnäppchenpreis. (35 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.

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Meine B&B-Unterkunft in Ravenna lag in der “Pier Paolo Pasolini Straße”. Ich fragte mich, ob in Deutschland bislang irgendeine Straße etwa nach Rainer Werner Fassbinder benannt wurde? Nach einem schwulen Eigenbrötler und Bürgerschreck, so wie Pasolini einer war. Die Pasolini-Straße befand sich im historischen Zentrum in unmittelbarer Nähe zur Hauptattraktion Ravennas: der Basilica San Vitale.

Ich ließ mich zu früher Stunde  lange verzaubern von den 1500 Jahre alten Mosaiken. Von den Kaisern, Kaiserinnen, Bischöfen und Hofdamen. Von der fast dunklen Kirche.

Byzantinisch

Byzantinisch

Himmlisch

Himmlisch

Kaiserlich

Kaiserlich

Zentralbau

Zentralbau

Verspätet machte ich mich auf den Weg nach Rimini.

Wieder ein Tag, der völlig in Schmutzgrau getunkt war. Keine Fernsicht. Und was in Nähe lag, war nicht ansehenswert. Rimini hatte seine Beton-Vorboten ausgeschickt, schon wenige Kilometer hinter Ravenna. Ich bin noch keine europäische Küste entlang gefahren, die auf rund 50 Kilometer Länge kaum einen einzigen Grashalm wachsen ließ. So gut wie alles zubetoniert. Dabei waren Anlagen und Strand jetzt im April menschenleer. Die Saison beginnt Ende Mai und geht bis Ende September. In dieser kurzen Zeitspanne wird alles erwirtschaftet. Die restlichen langen Monate lebt die Wüste nicht.
Nur ab und zu ein paar Highlights: Kanalmündungen, an denen entlang sich Netzfischer angesiedelt haben.

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Am Kanalausgang

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An Fluß(?)Mündung – hier gab’s mal Gras!

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Fast schon im Meer

Eigentlich darf man dies Adria-Küste nur Mitte August bereisen. Dieser Massentourismus muss viele faszinieren. Immerhin pilgerte auch der große Fellini sommers stets nach Rimini!

Es gab aber auch zwei drei Überraschungen. Manche der gesichtslosen Strandstädte hatten pittoreske alte Stadtkerne.

In einem entdeckte ich auch dieses Riesen-Osterei.

Die Bewohner hatte Wünsche, Gratulationen, Bitten auf tausende kleine Stoffbänder aufgemalt. Und ein geschickter Mensch hat daraus eine Oster-Überraschung gebastelt.

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Überraschungsei

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Zettelwirtschaft

Schöner Brauch, wenn er denn einer ist.

Dann wieder leere Strände entlang.

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Am Horizont geht es nicht weiter

Ganz selten war ein direkter Strandzutritt möglich. Alles von den Hotels parzelliert und gut für die eigene Kundschaft abgeriegelt.

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Wieviel der Sommergrill-Gäste wohl diesem Körperideal entsprechen werden?

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Muskelprotz und italienische Badenixe

Und plötzlich doch ein wenig Grün: Vielleicht ein ein Kilometer langer schmaler Streifen Küstenwald, der zwischen zwei Straßen eingekeilt verlief und eine Ahnung vermittelte, wie es hier vor 100 Jahren einmal ausgesehen hat.

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Idyll

Der Tag hielt noch eine versöhnliche Geste bereit: Er präsentierte mir  den Kanal von Cesenatico. Einst von Leonardo da Vinci für die Hafenflotte entworfen, strahlt er immer noch  Ruhe und Schönheit aus.

So könnten alle Küstenorte aussehen!

So könnten alle Küstenorte aussehen!

Ich setzte mich in ein Straßencafé.  Parlierte eine wenig mit der Wirtin auf Deutsch (scheint hier eine übliche Verkehrsprache zu sein). Und ließ mir zwei kalte Weißweine aus dem Friaul schmecken.

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Von Da Vinci bemalt?

Auf dem Weg nach Rimini habe ich dann auch noch den Rubikon überschritten!
Schwer verständlich, wieso aus so einem kleinen schmutzigen Bächlein eine weltgeschichtliche Metapher wurde.

Cäsar hat ihn berühmt gemacht

Cäsar hat ihn berühmt gemacht

Tag 99 (6.11.2015) / Frankreich: Carentan > Bayeux

Strecke: 48 km. (09:15 – 13:00)

Unterkunft in Bayeux: “Hotel Reine Mathilde”. Gegenüber Kathedrale. Sehr hilfsbereiter Empfang. Sprach etwas Englisch. Hotel hatte Bar/Brasserie. Angenehm. (60 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Kabine Garage untergestellt. Kostete 5 Euro extra.

T0099

Regentag. Superwindtag. Böen, die mich fast vom Fahrrad warfen.
Nur selten klarte es etwas auf. Nur einmal, als es ein bisschen trockener wurde, zückte ich mein Foto.

Ich fuhr durch Bauernland. Ohne das ich jeh einen Bauern zu sehen bekam. Die gehen bei Wind und Wetter wohl auch nicht raus.

Ob's hier europäische Subventionen gibt?

ob’s hier europäische Subventionen gibt?

Völlig durchweicht gab ich nach 3 Stunden Druckwasserbespaßung auf und sucht mir in Bayeux ein Hotel.

Ich hatte Glück. Ich hatte dieses Städtchen im Reiseführer überlesen. Sehr sehr sehr schön. Mit einer der schönsten Kathedralen, die ich jeh besucht habee.

Alle Kraft nach oben

Alle Kraft nach oben

Langsam werd’ ich zum Kirchgänger. Immerhin wird man dort nicht nass.

Klasse Ort. Mit vielen kleinen Bars, Weinprobierstuben und Restaurants. Ich bekam den Tag auch so rum – ohne Fahrradfahren.

Besuchte ein beeindruckendes Museum. 70 Meter gestickter Stoff – über tausend Jahre alt – erzählt in Leinen-Bildern die Geschichte der Eroberung Englands durch die Normannen. Weltkulturerbe.

Alle Kraft voraus

Alle Kraft voraus

Feine Arbeit.

Alle Kraft zum Töten

Alle Kraft zum Töten

Zum ersten Mal viele Touristen gesehen, Keine Binnenfranzosen, extrem viele US-Bürger. Verbinden wohl D-Day-Tourismus mit französischer Küche. Am Abend fiel mir auf, dass morgen mein hundertster Tag der Europa-Umrundung beginnen würde. HUNDERT TAGE!

Ich genehmigte mir ein feines Mal auf das Jubiläum.

(Und hatte keine Ahnung wie viel weitere Hundert Tage noch folgen würden, bis ich diesen Kontinent umrundet haben würde.)

Jubel

Jubel

Vorspeise: “L’assiette de coquillages et crevettes” (huitres, bulots, birgoneaux, crevettes) / (Meeresfrüchte)
Hauptgericht: “Pavé de noix de veau campagnard et sauveurs d’automne aux bais rouges” (Rindersteak)
Und als Nachspeise einen exzellenten normannischen Apfelkuchen mit Vanilleeis und Karamellcreme.