Meer Europa

Schlagwort Archiv: Klippen

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 3

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 167 (24.03.2017) / Portugal: Lagos > Tavira

Strecke: 124 km (08:45 – 18:15 Uhr)

Das Tagesziel war, so nah wie möglich an die portugiesisch/spanische Grenze zu kommen. Regen und Kälte waren vohergesagt, doch die Sonne brach immer wieder die Wolken auseinander

Um die Mittagszeit genehmigte ich mir ein Bier auf dem Zentralen Platz in Albufeira.

Algarve - Herz

Vielleicht war ich zu feige, dieses Foto zu schießen: Ein Paar lief an mir vorbei. ER oben ohne, SIE im Bikini. Bei 13 Grad und reichlich kaltem Wind. Beide hatten nicht das geringste Problem, ihre üppigen Speckfalten zu zeigen. Engländer. Biergesichter, gerötete Augen. Er: Glatze. Sie: Halbglatze auf der einen Seite, auf der anderen rotgesträhntes Haar. Stolze Prolls. Und davon gab es reichlich in Albufeira an der Felsenalgarve. Sie stolzierten rum, als sei Hochsommer, während ich mir fröstelnd meine Kapuze überzog. Ich schoss es nicht, das Foto. Und fragte mich noch nach Stunden, warum nicht? Weil man Hässliches nicht zeigt ? Aber war es überhaupt hässlich? Die, die mit wenig Geld den maximalen Suff in der Sonne haben wollen:  Sind die hässlich? Ist das verkehrt? Ist es ein ästhetisches Problem (also eher eine Mittel-/Unterschicht Differenz)?  Mir fiel auf die Schnelle keine Antwort ein – auch das irritierte mich.

In den verwinkelten Gassen, prießen fast alle Lokale Partys an.

Algarve - Party

Unverkennbar war ich in einer Hochburg für englische Touristen gelandet.

Albufeira lag schön in Felsklippen hinein gebaut.

Algarve - Fassade

Ganz offensichtlich war das Städtchen zweigeteilt. Ein wenig Exklusiv-Tourismus (Oberstadt)…

Algarve - Illusion

… und ziemlich viel Billig-Tourismus (Unterstadt).

Algarve - Beton

Ich machte mich davon. Musste in einiger Distanz zur Küste radeln. Das Hinterland der Algarve völlig zersiedelt. Langweilig.

Algarve - Hinterland

Interessanter wurde es erst wieder entlang der so benamsten Sand-Algarve. Riesige Lagunen, riesige Obstplantagen, kleine Städte, an denen die Touristenströme vorbeizogen. Ich stärkte mich kurz in Olhāo. Ein großer Fischereihafen. Viele Fischkonserven-Fabriken.

Einsames Bike in Olhāo

Die Ortschaften, die ich querte/längste: geprägt von alten Männern. Frauen sah ich seltener – und nie beschürzte Frauen wie auf meinen ersten Portugal-Reisen vor bald 30 Jahren.

Ganz zum Schluss erwischte mich noch ein heftiger Regenguss. (Drei Tage Regen waren prognostiziert). Ziemlich nass erreicht ich Tavira. Endstation für heute. Selbst im Trüben sah ich, dass es ein außerordentlich schöner Ort war. Ich hoffte darauf, dass morgen die Sonne mir ein paar fotografische Minuten schenken würde.

Tag 166 (23.03.2017) / Portugal: Pause in Lagos

Schon leichter Regen hatte sämtliche Touristen aus den engen Gassen Lagos’ geschwemmt.

Leergespült

Beinahe gespenstische Stille.

Gassenruhe

Kam die Sonne durch, glänzten die Kachelfassaden.

Grüngekachelt

Lagos zeigte sich in aller Herrlichkeit.

Keine Touristen, nur Einheimische im zentralen Fischmarkt, der überaus modern wirkte

Abgefischt

Es wurde geschuppt, gehackt, gehäutet und ausgenommen.

Eine Spezialität: Pata – Roxa (Kleingefleckter Katzenhai).

Gehäutet

Fixe Hände hatten sie im Nu küchenfertig.

Ausgeweidet

Als die Sonne für eine Stunde die Stadt aufhellte, lief ich schnell zum nahen Strand.

Gebackener Sand
Naturfantasie

Berühmte Felsenküste.

Arg zerzauste Sandklippen.

Sandburg

Konnte durch einen Durchguck meine morgige Strecke Richtung Faro in Augenschein nehmen.

Durchblick 1
Durchblick 2

Am Abend, wie schon gestern zweimal und heute Nachmittag (also jetzt 4 Mal!), in meine ZweitagesStammKneipe gegangen. Besser gesagt meine Stamm-Vinothek.

My favorite valent-wine

Eine richtig gute Weinbar mit exzellenten Fachleuten hinter der Theke und noch besseren Weinen in den Regalen.

Heute diskutierten die Wirte (Kollektiv?) miteinander, wo sie so ein Teleskop-Gerät herbekommen könnten, um Weinflaschen aus den oberen Regalen herunter zu holen. Sie hatten keine Lust mehr, ständig auf wacklige Schemeln aufzusteigen, um die oberen Flaschen greifen zu können. Sie kannten aber den Fachbegriff für die Gerätschaft nicht. Wir diskutierten rum (auf Englisch). Ich schlug vor nach “Flaschengreifern” zu googeln. Auf Deutsch, Englisch oder Spanisch. Ohne Erfolg. Wir spornten uns gegenseitig an, einen Begriff zu finden, der einen Google-Treffer produzieren könnte. Bis mir die Suchbegriffe “langer Arm” und Greifer” einfielen. Hatte sofort Erfolg. Die nächste Viertel Stunde bemühten die Wirte auf ihren Handys den portugiesischen Übersetzer und frohlockten schließlich.

Ich hörte gar nicht mehr zu, ließ mir gut gekühlte Rotweine servieren, mal aus dem Dão, dem Alentejo oder dem Douro.
Ich fand auch noch nach Hause.

Und dort erinnerte ich mich noch an eine weitere Begebenheit in der Bar. Plötzlich war einer der Wirte hinaus ins Freie gestürzt. Atemlos. Zuvor war ein etwas abgerissener, eher junger Mann ins Lokal gestiefelt und hatte um eine Zigarette gebeten. Er wirkte ein wenig hilflos, sogar desorientiert. Der Wirt gab sie ihm, der Beschenkte nach draußen, warf mit großer Geste die Tür hinter sich zu. Und auf einmal öffnete der Wirt die Kasse. Zog einen Zehner heraus, lief dem Mann hinterher und drückte ihn ihm die Hand. Ich konnte dies gut durch das Fenster verfolgen. Ich fragte mich, was sich hinter der Begebenheit verbarg. Handelte es sich um einen abgestürzten Ex-Freund, einen verstoßenen Bruder? Um einen fremden Fremden? Warum griff der Wirt in die Kasse und nicht in seinen privaten Geldbeutel? Warum dachte ich überhaupt in diesem Moment über diesen Unterschied nach? Wichtig und ergreifend war doch nur die Geste des Schenkens. Ich schlief wohl über diese Frage ein.

Tag 164 (21.03.2017) / Portugal: Vila Nova de Milfontes -> Carrapateira

Strecke: 92 km (08:30 – 18:30 Uhr)

Der erste Frühlingstag (kalendarisch)! Der frühe Morgen war aber immer noch winterfrisch.
Selbst Steine froren.

Nur langsam wärmte die Sonne den Boden, aus dem Windmühlen emporwuchsen. Mal in einem Dorf – als attraktives Zentrum.

Kulisse 1

Mal in der Pampa – als touristischer Magnet.
Alle Exemplare hatten als Arbeits-Mühle ausgedient.

Kulisse 2

Hoch waren die Strandberge nicht. Aber dennoch wirkten die weiten Flächen wie Hochebenen.

Kuhsiesta

Manche Bauernhöfe hielten merkwürdig fremdes Vieh.

Einwanderer

An der Küste pfiff der Wind. Ein Leuchtturm hielt ihm stoisch stand.

Noch gebraucht

Je weiter ich mich nach Süden kämpfte, um so spektakulärer die Klippen.

Storchklippen

Sogar Störche hatten sich am Cabo Sardão ihr Feriendomizil eingerichtet. Mit bester Aussicht.

Felsenstorch

Sturm, Gischt, Kälte und ein infernalisches Meeresrauschen beeindrucken die Meister Adebare offensichtlich nicht.

Über mehrere Stunden folgte ich dem Wanderweg “Rota Vicentina”, der direkt am Klippenrand entlang führte. Noch nie auf meiner Europa-Tour bin ich einen solch naturnahen Pfad gefahren.

Klippen-Ich

Manchmal führte er auch durch Macchia.

Klippenweg

Aus der Ferne strahlte mir der Strand von Odeceixe entgegen.

Gotteswerk?

Prachtvolles Panorama.

Wer schafft so was?

So wie gestern mich die körperliche Anstrengung dazu brachte, gar nichts mehr zu denken, so waren es heute die vielen Landschaftsbilder, die mich sprach- und gedankenlos machten.

Grüntal

Ich saugte nur noch Eindrücke auf.

Hangdorf

Kurz vor Sonnenuntergang mein Ziel erreicht: Carrapateira. Winzdorf. Ein paar Häuser, sonst nichts. Und von denen waren noch einige zum Verkauf angeboten.

Leerstand

Nur alte Einheimische bewegten sich (langsam) in den Dorfgassen.

Und ein paar junge Touristen, die am nahegelegenen Strand campten. Wellenreiter, die ins Dorf surften, sich im einzigen Lebensmittelladen mit Proviant versorgten und wieder davon segelten.

Unterkunft: “Casa da Estela”. Nette kleine Privatzimmer. 30 Euro die Übernachtung (ohne Frühstück). Fahrrad in Garage abgestellt.

Tag 101 (8.11.2015) / Frankreich: Trouville-sur-Mer -> Fécamp

Strecke: 86 km (09:15 – 17:00)

Vor dem Weiterfahren noch einmal früh über den Fischmarkt von Trouville geschlendert, der auch am Sonntag Morgen aufhatte. Die Vielfalt an bester Ware ist einfach sensationell. Abends ist der Markt ebenfalls geöffnet und bietet an vielen Ständen Degustationen an (mit Wein): Dann ist hier die Hölle los.

Tierische Früchte

Beim Raus- und Hochfahren reihte sich eine Villa an die nächste.

Wow!

Eine schöner als die andere.

Palastblick
Palästewettlauf (alt gegen neu)
Schön gemütlich

Dann erstmal zwei Stunden gestrampelt. Und schon wieder eine Perle von einer Stadt: Honfleur.

Auf jeder Seite des alten Hafens sah es genauso aus

Ich setzte mich in ein Café und schaute dem Sonntag-Morgen-Betrieb zu. Die Stadt würde gegen Mittag hoffnungslos überlaufen sein.

Stadt ohne Dornröschenschlaf
Apfelreich

Unweit von Honfleur mündet die Seine. Eine Autobahnbrücke verbindet die beiden Ufer.
Für Fahrradfahrer ist eine schmale Spur zugelassen.

Bridge over Seine

Die Seine selbst: breit, träge, graublaugrün. Ein Fluß der Liebe ist sie wohl nur in Paris. Hier hat sie wenig Charme.

Ganz weit hinten liegt Paris

Ein schöner Radweg, der durch einsames Sumpfgelände führte, brachte mich bis ins Hafengebiet von Le Havre. Riesige Anlage.
Der Stadtkern von Le Havre selbst ist grau. Im Krieg völlig zerbombt. Schnell und gesichtslos wieder aufgebaut. Das Rathaus verströmt stalinistische Tristesse.

Palast der république

Unweit davon baute Oscar Niemeyer ein Kulturzentrum, das im Volksmund “Joghurtbecher” genannt wird.

Weißes Futur

Nach Le Havre ging es rauf und runter.

Die Normandie überraschte mich immer mehr. Die Klippen wurden steiler, hinter jeder Weg-Biegung ein neues pittoreskes Städtchen, ein phantastischer Blick auf die Küste.

Wie gerne hätte ich mir jetzt etwas Göttermacht geborgt. Ich hätte ab sofort die Tage nur noch aus Abendstunden bestehen lassen. Mit phantastisch weichem Licht.
So musste ich mich mit harten Schatten und Kontrasten herumärgern.

Steinbrücke

Der Sonntagsstrand von Étretat gut besucht.

Wand mit Durchblick

Das Winzdorf auch.
In einer Weinbar fragte mich eine Frau, ob sie sich mit ihrem Sohn zu mir an den Tisch setzen könne. Sehr unüblich in Frankreich. Die Frau (die, wenn sie sprach, ein ausgesprochen nettes sympathisches kleines Zucken am Mundwinkel hatte) beherrschte Deutsch und hatte mir die Landsmannschaft wohl angesehen. Beruflich hatte sie schon die halbe Welt bereist und ließ jetzt in Fécamp, einem Küstenstädtchen nicht weit von hier, die Welt zu sich kommen. Sie bot ihre Wohnung Reisenden zum Nulltarif an (Couchsurfing). (Hätte ich da schon gewusst, dass ich am Abend in Fécamp landen würde, hätte ich um ihre Adresse gebeten.)

Viel mehr gibt es hier nicht

Schließlich kurz vor Sonnenuntergang im besagten Fécamp gestrandet.

Meer in der Zange

Müde, happy.

Strand errötet
Blutorange-Sonne

Auch der Empfang des Hotels, das ich mir gesucht hatte, sprach Deutsch. Die Dame hatte lange in Köln gelebt und war nun wieder in ihre Heimat zurückgekehrt.
So viel wie an diesem Tag habe ich die ganzen 5 Wochen zuvor nicht geredet. Ich war dankbar und nahm mir vor, irgendwann doch einmal Französisch zu lernen. Irgendwann.

Unterkunft in Fécamp: “Hotel L’Angleterre. Strandblick vom Zimmer aus. Zimmer gut und geräumig. Mit kleinem Balkon. Hotel hat einen netten irischen Pub und ein Crêpe-Restaurant. (65 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garagenkammer abgestellt.

Tag 94 (1.11.2015) / Frankreich: Saint Brieuc -> Dinard

Strecke: 98 km (09:15 – 18:30)

So wie ich nur schwer nach Saint Brieuc reingekommen bin, so fand ich auch kaum hinaus. Wieder das gleiche Spiel. Ich folgte der Fahrradbeschilderung Richtung Strand und endete an einer für Fahrräder gesperrten vierspurigen Straße. Erneut musste ich Riesenumwege radeln, fand aber zum Glück doch irgendwie (und ohne Ariadne-Faden) raus aus dieser merkwürdigen Stadt. Die Ratsheeren scheinen nicht viel Fahrradfahrerhirn zu besitzen.

Der Tag nahm seinen Verlauf. Keinen Kontakt zu irgendwem. Die Dörfer wie leergefegt, manche Strände wiederum gut besucht. Entweder gibt es gar keine Franzosen oder sie treten gehäuft auf. Ich hatte mich schon seit Tagen darauf eingestellt, dass dies immer mehr ein Exerzizien-Urlaub wurde. Innere Einkehr.

Keine Gesichter fotografiert, keine Naheinstellungen, keinem Menschen auf die Pelle gerückt.

Es wurde ein Totalen-Tag.

Heide-Meer

Die Sonne schaffte es die Luft auf fast 20 Grad aufzuheizen. Ich genoss die Wärme, radelte im T-Shirt.

Meer-Heidi
Dorf-Meer

Und sah grandiose Küstenlandschaften.

Dünen-Meer
Kiefern-Meer
Heide-Kiefern-Meer

Obwohl maximal nur 70, 80  Höhenmeter zu überwinden waren, hatte ich bisweilen das Gefühl, mich im Gebirge zu mühen.

Wald-Meer

Richtig steile Klippen am Cap Frehel.

Felsen-Meer

Ich hatte fast 100 Kilometer hinter mir und noch immer keine Unterkunft.
Die Sonne war bereits untergegangen, als sich in Saint-Lunaire dieses Abendmeer vor mir ausbreitete.

Dämmerungs-Meer

Fünf Minuten später war es schon duster.

Nacht-Meer

Noch eine halbe Stunde bis Dinard. Auf dem Weg ins Zentrum schnell ein Hotel gefunden. Mit dem Portier meine ersten Worte gesprochen.
Und gleich darauf einen ganzen Wortschwall abbekommen – bei der Bestellung meines Menüs in einer nahegelegenen Brasserie.
Zur Belohnung für das taglange Schweigen bekam ich ein ausgezeichnetes Mal serviert.
Ich musste vor aber zuerst meinen trockenen Mund kräftig ausspülen.
Herrlicher Tagesabschluss.

Unterkunft in Dinard: Hotel Brit. Im Zentrum. Durchschnittshotel. Sehr fairer Preis, sehr faire Unterkunft. Überaus netter Concierge, der mein Fahrrad in einer Kammer sicherte. (50 Euro ohne Frühstück.)

Tag 87 (25.10.2105) / Frankreich: Concarneau -> Morgat

Strecke: 86 km (08:45 – 17:45)

Am Morgen eine Überraschung erlebt. Noch gestern nacht hatte ich mich gewundert, warum Concarneau so einen klingenden touristischen Namen hatte. Ich wähnte mich bei der Restaurantsuche in historischen Gemäuern und fand sie ziemlich gewöhnlich. Ziemlich daneben. Ich weiß nicht, ob ich einfach zu müde gewesen bin, aber ich hatte die historische Altstadt schlicht übersehen. Sie lag auf einer kleinen ummauerten Insel, die nur über einen Brücke zu erreichen war.
Wie eben so üblich – im Mittelalter. Ich hatte das Mittelalter übersehen!

Dicke Nummer

Morgens um halb neun hatte ich dafür das ganze Altertum für mich.
Absolut niemand unterwegs. Absolut alles geschlossen.

Dünne Luft

Aufweck-Kaffee gab es nur in der Neustadt. Einen trank ich in Concarneau, den nächsten in der Stadt Quimper.

Zwillingstürme

In der Bretagne ist überall Mittelalter.

Knie nieder und tue Buße
Leuchtender Pfad
Abgekanzelt

Welch ein Städtchen: Locranon!

Die Sünden hinter dicken Mauern versteckt

Granit ist ein religiöser Stein! So profan auch bäuerliche und bürgerliche Granithäuser sind, mich befallen merkwürdig religiöse Gefühle. Auch hier. In diesen jahrhundertealten Bürgertumsgassen. Granit!

Ich sag's doch: Granit!

Auch auf der Weiterreise.
Granit-Kleinode an jeder Ecke.

Kreuze ….

On the right side of the world

Kirchen …

Normale Dorfkirche, nichts Besonderes

Ich wurde langsam kirre.
Gottseidank (!) hat mich die Küste wieder geerdet.

Ich war auf der Halbinsel Crozon angekommen.

Highlander! (Dabei war er nur ein frierender Surfer.)

Es kann nicht nur einen geben!
Eben !
Rot hat gewonnen

Wären doch alle Sonntagnachmittage so schön.

Sunday afternoon

Ich will ja nicht verheimlichen, dass es ein verdammt anstrengender Tag war. An der bretonischen Klippen-Küste entlang zu fahren heißt: 80 Meter im Schuss runter, 80 Meter im Ersten Gang hochhecheln. Manchmal musste ich absteigen.

Aber oft genug stieg ich ab, um diese irre Landschaft auf mein digitales Zelluloid zu bannen.

Cliffhanger

Dabei konnte ich mich selten für EINE Perspektive entscheiden.

Version 1
Version 2
Version 3

Am Abend (todmüde) ein fantastisches Restaurant gefunden.

Was für ein klasse Tag!

Unterkunft in Morgat: Hotel de la Baie. Sehr engagierte Empfangsdame. Redete nur französisch – sprach aber langsam und erklärte alles, bis ich es verstanden hatte. Brachte mit mir zusammen das Fahrrad ums Eck in die Hotelgarage. 63,50 Euro (ohne Frühstück).

Tag 86 (24.10.2105) / Frankreich: Quiberon -> Concarneau

Strecke: 102 km (09:30 – 19:30)

War heute mit Abstand die anstrengendste Etappe im Land der Grande Nation. Waren keine Berge, die ich raufklettern musste, nicht mal anständige Hügel. Nur Klippen. Rauf und runter. Am Abend hatte ich Krämpfe von der Anstrengung. Und war überhaupt froh, noch mit etwas Tageslicht angekommen zu sein.

Der Reihe nach: Am Morgen war mir immer noch der Geschmack des gestrigen fantastischen Abendessens in Erinnerung: eine Riesenplatte bretonischer Meeresfrüchte.

Mein Restaurant-Tisch war mit einem OP-Besteck bestückt worden, damit ich all die Muscheln, Meeresschnecken, Krabben, Garnelen und Austern fachgerecht sezieren konnte.

Ich gab mir reichlich Mühe (sah aber später aus wie ein Arzt nach ziemlich blutiger Operation).

Das Skalpell bitte !

Muss die nächsten Tage dringend meine Klamotten mal durchwaschen.

Der Tag leicht diesig, mal sonnig, meist schattig. Und kalt.
Das störte aber die Strandjungs in ihren fliegenden/rollen Sand-Surf-Kisten überhaupt nicht.

Segel kratzt Himmel

Erster Kurzaufenthalt in Saint Louis / Bretagne.
Ein sympathischer Hafenort, der sich besonders im Morgenlicht schick macht.

Morgenlicht

Wie fast alle Orte, Städtchen, die ich durchradelte, schien mir auch St. Louis zuerst menschenleer.
So viele Straßen in denen kein Lebewesen zu sehen war.
(Wo sind denn die Franzosen? Hinterm Ofen? Den ganzen Tag?)
Dann aber den Dorfmarkt entdeckt. Dort (und in ein, zwei kurzen Seitenstraßen) wenigsten ein paar Einheimische zu Gesicht bekommen.

In St. Louis die Fähre genommen zur Stadt Lorient am anderen Ufer des Flusses. 1, 50 Euro das Ticket.

I love my bike

Mein Fahrrad und ich die einzige Transportlast.

Flag of french fathers

Durch Lorient durchgekämpft, die richtige Ausfahrt mehrmals verpasst, dann den Landweg gefunden und mich gegen den Wind müde gefahren.

Lange Sandstränge ignoriert…

Too much sand

… und immer nur gerade ausgefahren. Bis es nicht mehr weiterging.
Mein Handy-Navi hatte mir hier eine Brücke angegeben.
Nicht mal ein Schlauchboot fuhr an dieser Stelle von einem zum anderen Ufer.

No connection

Also wieder einen Umweg gefahren, bis (weit im Hinterland) eine Brücke mich erneut in die Spur brachte.

Fast mit dem letzten Licht mein Tagesziel Concarneau erreicht.

Begrünter Hafen

Fürchterliche Stadt. Hatte Schwierigkeiten ein Restaurant zu finden. Es gab genügend, aber fast überall wurde ich abgewiesen, da niemand einen Tisch mit einer Einzelperson besetzen wollte.
Hier brummte der Binnentourismus. Und hier waren Franzosen ausschließlich in Gruppen unterwegs. Und möglichst billig und laut.
(Warum dann aber die Hotel- und Restaurant-Preise jeden Rahmen sprengten, erschloss sich mir nicht.)

Unterkunft in Concarneau: Hotel Les Oceanides. Winziges Zimmer. Heruntergekommenes Mobiliar. Aber alles sauber. Nicht weit weg von Zentrum. Nette und auch hilfsbereite Patronin. Hotel – wie alle nach denen ich geschaut hatte – völlig überteuert. 72 Euro (ohne Frühstück).

Tag 25 (7.10.2014) / Portugal: S. Pedro de Moel -> Caldas da Rainha

Strecke: 48 km (9:30 – 16:15)

Immer noch führte der Fahrradweg durch Kiefernwald und Dünenlandschaft. Der Wind extrem widrig. Das Wetter drohte zu kippen. Sturm und heftige Regengüsse wurden vorhergesagt.

Die Steilküste aufregend.

Vale Furado
Vale Furado
Vale Furado

In der Mittagshitze Nazaré (Nazareth) erreicht. Pilgerstätte für viele Portugiesen. Der Strand leer und eindrucksvoll.

Nazaré
Nazaré

110 Meter höher, auf den Klippen und rund um die Kirche “Nossa Senhora da Nazaré” (Heiligtum Unserer Lieben Frau von Nazareth), lockten Süßigkeitenverkäuferinnen in traditioneller Tracht Touristen an.

Ein Blick nach oben ließ erahnen, wie es im Himmel aussehen könnte.

Nach kurzem Zwischenstopp weiter die Küste entlang. Der Wald lag hinter mir.
In S. Martinho do Porto Abschied vom Atlantik genommen.

S. Martinho do Porto

Ab jetzt führte der Weg durchs Landesinnere Richtung Lissabon.
Obwohl mein Tagesziel eigentlich näher an Portugals Hauptstadt lag, kapitulierte ich in Caldas da Raina vor dem Gegenwind. Ich hatte genug davon zu strampeln und doch kaum voranzukommen.

In der gleiche Sackgasse, in dem ich mein Hotel fand, befand sich auch eine kleines Wunder an portugiesischer Gastlichkeit. “Pacha” nannte sich eine “Snack-Bar”. Aber welch eine Untertreibung. Es war ein vorzügliches Tapas-Restaurant, zudem mit einer klasse Weinauswahl. Die halbe Kleinstadt schien sich dort zu treffen. “Tradição Gourmet” war auf einen Schild eingraviert. Das traf zu. Ich blieb von der Ankunft bis zum Türschluss.

Hotel in Caldas: “Europeia”. 3 Sterne. Immerhin gab es in dem Ort Hotels. 35 Euro. (Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.)