Meer Europa

Schlagwort Archiv: Klippen

Tag 276 (27.9.2018)/ Dänemark: Klitmøller -> Lønstrup

Strecke: 139 km (09:15 – 19:00 Uhr)

Hätte ich mich auf meine Wetter-App verlassen, wäre ich im Bett liegen geblieben und hätte mich endlich mal von den Strapazen der letzten Tage erholt. Sturm und Regen waren angesagt.

Aber schon bei Aufbruch in Klitmøller war es zumindest trocken. Wenngleich das kleine Dörfchen – in der Surfercommunity “Cold Hawai” genannt – reichlich verschlafen wirkte. Ich fand kein offenes Café. Fuhr mit knurrendem Magen los.

Leuchttürmchen

Am Morgen blieb es grau. Der Fahrradweg führte durch bezaubernde Dünenlandschaften. Die Farbe Grüngrau dominierte den Morgen.

Wallend

In einer Tanke fand ich schließlich meinen Morgenkaffe.

Je weiter ich mich nach Norden vorarbeitete, um so schöner die Streckenführung. An kleinen Seen vorbei, auf Pfaden, die durch riesige Schilffelder führten. Vorsichtig schimmerte Sonnenlicht aus den Wolken.

Wogend

Ich machte einen Abstecher zum Thorup-Strand und auf einmal lugte die Sonne zaghaft durch Wolkenritze. Nur der Wind peitschte, als wolle er die Fischerboote noch weiter aus dem Meer treiben.

Gestrandet

Endlich mal wieder Farbe vor Linse.

Im Kiesbett
Einheitsfarbe
Beflaggt

Weiter ging’s.
Wieder durch Dünen und Dünenwiesen. Der Weg teilweise mit Golfrasen begrünt. Strange.

Von der Schnur gezogen

Heute fast keinen Asphalt befahren – fast ausschließlich herrliche Wander- und Fahrradwege durch einsame Küstenwälder. Flach war es selten. Eher was für Crossbiker.

Erneut steuerte ich einen Strand an und wurde fast weggeweht – so heftig der Sturm.

Die Sonne zeigte sich jetzt kraftvoll und malte die auf Sand gesetzten Schiffe bunt aus.

Schiffschwarm

Die Szenerie hatte einen Hauch von “mediterran”.

Einzeller

Nur nicht die Dörfer – sie wirkten leer, verlassen, aus der Saison gefallen.

Sanddorf

Ich picknickte kurz (1 Banane, 2 Scheiben Brot mit Käse, 1 Flasche Schweppes).

Farbenfroh
Abgelegt
Bedünt

Und fuhr wieder durchs Hinterland. Jedesmal, wenn der Weg durch einen Wald führte, freute ich mich. Dort windete es nicht so stark.

Durchgehend

Königliches Jagdgebiet. Was bedeutete das Schild? Schieß den König? oder Schießen für den König reserviert?

Angeln verboten

Es war schon Abend, als die Sonne sich endgültig verabschiedete, der Sturm beinahe orkanartig wurde und ich die Klippen von Norre-Lyngby erreichte. Das Dörfchen auf der Klippenkante verliert mit den Jahren immer mehr Häuser. Sie stürzen einfach ab.

Ausgeklippt

Vom Meer geholt. Hier bekam ich eine Ahnung, mit welcher Kraft die Nordsee die Küste bearbeitet.

Gischtende See
Gischtende See 2

Kurz vor der Dunkelheit in Lønstrup reingeradelt. Zufrieden und kaputt.

Unterkunft: Hotel Kirkedal. Zweckmäßig eingerichtet. Empfangen wurde ich – wie so häufig – mit einem Zettel an der Tür: Rezeption geschlossen. Schlüssel befindet sich dort. Bei Fragen bitte folgende Nummer anrufen. (80 Euro mit Frühstück.)

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Beschirmt

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 4

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 167 (24.03.2017) / Portugal: Lagos > Tavira

Strecke: 124 km (08:45 – 18:15 Uhr)

Das Tagesziel war, so nah wie möglich an die portugiesisch/spanische Grenze zu kommen. Regen und Kälte waren vohergesagt, doch die Sonne brach immer wieder die Wolken auseinander

Um die Mittagszeit genehmigte ich mir ein Bier auf dem Zentralen Platz in Albufeira.

Algarve - Herz

Vielleicht war ich zu feige, dieses Foto zu schießen: Ein Paar lief an mir vorbei. ER oben ohne, SIE im Bikini. Bei 13 Grad und reichlich kaltem Wind. Beide hatten nicht das geringste Problem, ihre üppigen Speckfalten zu zeigen. Engländer. Biergesichter, gerötete Augen. Er: Glatze. Sie: Halbglatze auf der einen Seite, auf der anderen rotgesträhntes Haar. Stolze Prolls. Und davon gab es reichlich in Albufeira an der Felsenalgarve. Sie stolzierten rum, als sei Hochsommer, während ich mir fröstelnd meine Kapuze überzog. Ich schoss es nicht, das Foto. Und fragte mich noch nach Stunden, warum nicht? Weil man Hässliches nicht zeigt ? Aber war es überhaupt hässlich? Die, die mit wenig Geld den maximalen Suff in der Sonne haben wollen:  Sind die hässlich? Ist das verkehrt? Ist es ein ästhetisches Problem (also eher eine Mittel-/Unterschicht Differenz)?  Mir fiel auf die Schnelle keine Antwort ein – auch das irritierte mich.

In den verwinkelten Gassen, prießen fast alle Lokale Partys an.

Algarve - Party

Unverkennbar war ich in einer Hochburg für englische Touristen gelandet.

Albufeira lag schön in Felsklippen hinein gebaut.

Algarve - Fassade

Ganz offensichtlich war das Städtchen zweigeteilt. Ein wenig Exklusiv-Tourismus (Oberstadt)…

Algarve - Illusion

… und ziemlich viel Billig-Tourismus (Unterstadt).

Algarve - Beton

Ich machte mich davon. Musste in einiger Distanz zur Küste radeln. Das Hinterland der Algarve völlig zersiedelt. Langweilig.

Algarve - Hinterland

Interessanter wurde es erst wieder entlang der so benamsten Sand-Algarve. Riesige Lagunen, riesige Obstplantagen, kleine Städte, an denen die Touristenströme vorbeizogen. Ich stärkte mich kurz in Olhāo. Ein großer Fischereihafen. Viele Fischkonserven-Fabriken.

Einsames Bike in Olhāo

Die Ortschaften, die ich querte/längste: geprägt von alten Männern. Frauen sah ich seltener – und nie beschürzte Frauen wie auf meinen ersten Portugal-Reisen vor bald 30 Jahren.

Ganz zum Schluss erwischte mich noch ein heftiger Regenguss. (Drei Tage Regen waren prognostiziert). Ziemlich nass erreicht ich Tavira. Endstation für heute. Selbst im Trüben sah ich, dass es ein außerordentlich schöner Ort war. Ich hoffte darauf, dass morgen die Sonne mir ein paar fotografische Minuten schenken würde.

Tag 166 (23.03.2017) / Portugal: Pause in Lagos

Schon leichter Regen hatte sämtliche Touristen aus den engen Gassen Lagos’ geschwemmt.

Leergespült

Beinahe gespenstische Stille.

Gassenruhe

Kam die Sonne durch, glänzten die Kachelfassaden.

Grüngekachelt

Lagos zeigte sich in aller Herrlichkeit.

Du bist nie allein

Keine Touristen, nur Einheimische im zentralen Fischmarkt, der überaus modern wirkte

Abgefischt

Es wurde geschuppt, gehackt, gehäutet und ausgenommen.

Resolut

Eine Spezialität: Pata – Roxa (Kleingefleckter Katzenhai).

Gehäutet

Fixe Hände hatten sie im Nu küchenfertig.

Ausgeweidet

Als die Sonne für eine Stunde die Stadt aufhellte, lief ich schnell zum nahen Strand.

Gebackener Sand
Naturfantasie

Berühmte Felsenküste.

Arg zerzauste Sandklippen.

Sandburg

Konnte durch einen Durchguck meine morgige Strecke Richtung Faro in Augenschein nehmen.

Durchblick 1
Durchblick 2

Am Abend, wie schon gestern zweimal und heute Nachmittag (also jetzt 4 Mal!), in meine ZweitagesStammKneipe gegangen. Besser gesagt meine Stamm-Vinothek.

My favorite valent-wine

Eine richtig gute Weinbar mit exzellenten Fachleuten hinter der Theke und noch besseren Weinen in den Regalen.

Heute diskutierten die Wirte (Kollektiv?) miteinander, wo sie so ein Teleskop-Gerät herbekommen könnten, um Weinflaschen aus den oberen Regalen herunter zu holen. Sie hatten keine Lust mehr, ständig auf wacklige Schemeln aufzusteigen, um die oberen Flaschen greifen zu können. Sie kannten aber den Fachbegriff für die Gerätschaft nicht. Wir diskutierten rum (auf Englisch). Ich schlug vor nach “Flaschengreifern” zu googeln. Auf Deutsch, Englisch oder Spanisch. Ohne Erfolg. Wir spornten uns gegenseitig an, einen Begriff zu finden, der einen Google-Treffer produzieren könnte. Bis mir die Suchbegriffe “langer Arm” und Greifer” einfielen. Hatte sofort Erfolg. Die nächste Viertel Stunde bemühten die Wirte auf ihren Handys den portugiesischen Übersetzer und frohlockten schließlich.

Ich hörte gar nicht mehr zu, ließ mir gut gekühlte Rotweine servieren, mal aus dem Dão, dem Alentejo oder dem Douro.
Ich fand auch noch nach Hause.

Und dort erinnerte ich mich noch an eine weitere Begebenheit in der Bar. Plötzlich war einer der Wirte hinaus ins Freie gestürzt. Atemlos. Zuvor war ein etwas abgerissener, eher junger Mann ins Lokal gestiefelt und hatte um eine Zigarette gebeten. Er wirkte ein wenig hilflos, sogar desorientiert. Der Wirt gab sie ihm, der Beschenkte nach draußen, warf mit großer Geste die Tür hinter sich zu. Und auf einmal öffnete der Wirt die Kasse. Zog einen Zehner heraus, lief dem Mann hinterher und drückte ihn ihm die Hand. Ich konnte dies gut durch das Fenster verfolgen. Ich fragte mich, was sich hinter der Begebenheit verbarg. Handelte es sich um einen abgestürzten Ex-Freund, einen verstoßenen Bruder? Um einen fremden Fremden? Warum griff der Wirt in die Kasse und nicht in seinen privaten Geldbeutel? Warum dachte ich überhaupt in diesem Moment über diesen Unterschied nach? Wichtig und ergreifend war doch nur die Geste des Schenkens. Ich schlief wohl über diese Frage ein.

Tag 164 (21.03.2017) / Portugal: Vila Nova de Milfontes -> Carrapateira

Strecke: 92 km (08:30 – 18:30 Uhr)

Der erste Frühlingstag (kalendarisch)! Der frühe Morgen war aber immer noch winterfrisch.
Selbst Steine froren.

Nur langsam wärmte die Sonne den Boden, aus dem Windmühlen emporwuchsen. Mal in einem Dorf – als attraktives Zentrum.

Kulisse 1

Mal in der Pampa – als touristischer Magnet.
Alle Exemplare hatten als Arbeits-Mühle ausgedient.

Kulisse 2

Hoch waren die Strandberge nicht. Aber dennoch wirkten die weiten Flächen wie Hochebenen.

Kuhsiesta

Manche Bauernhöfe hielten merkwürdig fremdes Vieh.

Einwanderer

An der Küste pfiff der Wind. Ein Leuchtturm hielt ihm stoisch stand.

Noch gebraucht

Je weiter ich mich nach Süden kämpfte, um so spektakulärer die Klippen.

Storchklippen

Sogar Störche hatten sich am Cabo Sardão ihr Feriendomizil eingerichtet. Mit bester Aussicht.

Felsenstorch

Sturm, Gischt, Kälte und ein infernalisches Meeresrauschen beeindrucken die Meister Adebare offensichtlich nicht.

Über mehrere Stunden folgte ich dem Wanderweg “Rota Vicentina”, der direkt am Klippenrand entlang führte. Noch nie auf meiner Europa-Tour bin ich einen solch naturnahen Pfad gefahren.

Klippen-Ich

Manchmal führte er auch durch Macchia.

Klippenweg

Aus der Ferne strahlte mir der Strand von Odeceixe entgegen.

Gotteswerk

Prachtvolles Panorama.

Wer schafft sowas?

So wie gestern mich die körperliche Anstrengung dazu brachte, gar nichts mehr zu denken, so waren es heute die vielen Landschaftsbilder, die mich sprach- und gedankenlos machten.

Grüntal

Ich saugte nur noch Eindrücke auf.

Hangdorf

Kurz vor Sonnenuntergang mein Ziel erreicht: Carrapateira. Winzdorf. Ein paar Häuser, sonst nichts. Und von denen waren noch einige zum Verkauf angeboten.

Leerstand

Nur alte Einheimische bewegten sich (langsam) in den Dorfgassen.

Sonnengeflutete Leere

Und ein paar junge Touristen, die am nahegelegenen Strand campten. Wellenreiter, die ins Dorf surften, sich im einzigen Lebensmittelladen mit Proviant versorgten und wieder davon segelten.

Unterkunft: “Casa da Estela”. Nette kleine Privatzimmer. 30 Euro die Übernachtung (ohne Frühstück). Fahrrad in Garage abgestellt.

Tag 131 (01.09.2016) / Estland: Tallinn -> Haapsalu

Strecke: 118 km (08:15 – 18:45)

118 Kilometer ohne eine einzige offene Bar. Ich musste gleich am ersten Tag meiner Tour auf meinen geliebten mittäglichen Wein verzichten. Keine Stärkung unterwegs.
Estland extrem dünn besiedelt. Dutzende Kilometer durch Wald gefahren ohne ein Dorf gesehen zu haben.
Und flunderflach – wie ich angenommen hatte – war es auch nicht immer.

Wo es Wasserfälle gibt, braucht es auch Fallhöhe.

Es war also gleich zu Beginn anstrengend.

Wasser fällt
Wasser fällt schön

Zunächst die Nordküste abgeradelt. Unzugängliche Klippenlandschaft.

Cliffhanger

Sie wurde abgelöst durch Waldstrände mit schmalen Sandsäumen.

Beachtree
Sandfressendes Gras

Dann stundenlang gen Süden gefahren – durch endlose Wälder. Eigentlich auch stundenlang kein Auto gesehen. Dörfer wurden durch Schilder angekündigt, versteckten sich aber im Wald. Nur Briefkästen legten nahe, dass in dieser grünen chlorophyllgesättigten Einöde tatsächlich Menschen lebten.

Wo bitte geht's ... ?

Ganz ganz selten gelang mir ein Blick auf ein bewohntes Haus. Schöne bunte Einsiedeleien.

Ich bin eine Landhaus-Paparazzo

Kam ziemlich verschwitzt und kaputt um kurz vor Sieben an mein Ziel. Das Hafenstädtchen Haapsalu lag bereits im Tiefschlaf.

Unterkunft in Haapsalu: “Villa Soffa”. Nettes Restaurant mit Zimmervermietung. Die meisten Zimmer mit Gemeinschaftsbad und -WC. War aber egal, da ich der einzige Gast war. (35 Euro mit Frühstück.)  Fahrrad in Hof-Scheune untergebracht.

Tag 126 (16.04.2016) / Italien: Lido di Policoro -> Cirò Marina

Strecke: 146 km (09:30 – 20:00)

Lido di Policoro war wirklich keinen Besuch wert. Ein Retortenort, zu dieser Jahreszeit völlig unbehaust. Ich wüsste keinen Grund, das Nest noch einmal zu besuchen.

Keine Westernkulisse

Und trotzdem war an diesem Platz über Nacht ein kleines Wunder geschehen. Die Autobahn (an der ich gestern fast noch gescheitert wäre) blieb zwar Autobahn und für Fahrräder verboten: Aber plötzlich war die Extra-Service-Spur wieder da.
Ich hatte freie Fahrt.
Die erste Stunde des Tages radelte ich fröhlich pfeifend durchs Land. Die Berge rückten immer näher an die Küste heran.

Palmenberge

Und in den Bergen lagen auch die interessanteren Orte.

"Rocca Imperiale" nennt sich wenig unbescheiden dieser Ort

Ich nutzte die freie Fahrtmöglichkeit und machte Kilometer. Fast die gesamte Strecke reihten sich an der Küste kleine Retorten-Städtchen aneinander. Badeinseln im Sommer. Die restliche Zeit eingemotteter Beton.

Ich hielt nur an, wenn es wirklich etwas Interessantes zu sehen gab (und das geschah nicht oft).

Ein Juwel dieses mittelalterliche Kastell auf einer Miniklippe am Capo Spulico.

Dominante Bäume
Wußte nicht, ob ich den Horizont oder die Senkrechte als stürzende Linie legen sollte

Es war bereits dunkel, als ich Cirò Marina erreichte.

Fast alle Siedlungen entlang der Küste sind Ableger eines Dorfes, das in den Bergen liegt.
Cirò ist ein bekannter Weinort in den Bergen. Weit unten hat er ein “Strand-Gebiet”, das nennt sich dann Cirò Marina.
Das hatte wenigstens so etwas wie einen eigenen Kern – und erkennbar auch Leben außerhalb der Saison.
Zudem gab es einen Ableger eines Weingutes.
Ich testete ausführlich dessen süffigen Säfte.

Unterkunft in Cirò Marina : “Hotel Miramare”. Moderner Einheitsbau. Große Zimmer. War praktisch völlig leer. (51 Euro mit Frühstück.)  Fahrrad in Kammer untergebracht.

Tag 119 (09.04.2016) / Italien: Peschici – Monte Sant’ Angelo

Strecke: 80 km. (09:15 – 19:30)

Der anstrengendste Tag bisher. Ich ließ mich von der Sonne treiben. Ja! Sie war da – ab und zu. Ich heftete mich an ihre Fersen und fuhr bergauf bergab, um sie nicht zu verlieren. Und es ging immer rauf und runter!

Der Gargano ist wild und rau! Etwas für geübte Beine.

Rauf auf die Bergspitze, runter ins Tal. Zum nächsten Städtchen: Vieste. In Reiseführern viel gepriesen.

Sich selbst ein Denkmal

Mir hatte aber Peschici deutlich besser gefallen. Auch wenn der Strand von Vieste ein herrlicher Sommerstrand war.

Der Strand zur Stadt

Dann wieder hoch. In dichter Folge versprachen kleine und größere Buchten Urlaubsglück.

Noch ohne Klippenspringer
Eingerahmt

Schöner und schöner!

Ein (fast) unsichtbarer Pool auf den Klippen
Privatbucht, herausvergrößert

Illegalerweise dann eine Abkürzung genommen. Obwohl ausdrücklich von dicken Schildern verboten, fuhr ich durch vier aufeinanderfolgende Kilometer lange Auto-Tunnels. Polizei war nicht zu sehen. Der Verkehr eh samstäglich dünn. Ohne diese Schonung hätten meine Beine den letzten Aufstieg nicht geschafft.
Der hatte es in sich.

Olivental

Durch Olivenhaine und -terrassen schlängelte sich über 3 Stunden der Weg von Serpentine zu Serpentine auf fast 800 Meter Höhe.

I ride a bicycle

Ich hatte weiche Knie. Mehrmals stieg ich ab und japste.
Im letzten Abendlicht dann den Monte Sant’Angelo vor Augen.
Ein Dorf mit einem der wichtigsten Heiligtümer der Italiener: Der Grotte, in die sich Erzengel Michael im 5 Jh. zurückgezogen haben soll.

Heiliger Ort

Wunderliches Land Italien:
Engel, die die Backsteinhütte der Gottesmutter Maria aus Nazareth komplett einpacken und in die Berge nach Loreto tragen. (Wissenschaftler sagen, es waren christliche Plünderer und Kreuzritter.)
Der Erzengel Michael, der sich im 5. Jahrhundert in einer Grotte am Monte Sant’ Angelo niederlässt. (Wissenschaftler haben dort noch keinen Erzengel ausgemacht.)
Padre Pio, dessen Wirkungsstätte in Apulien zum wichtigsten Wallfahrtsort der Süditaliener geworden ist. (Wissenschaftler sagen, es handle sich um einen Betrüger, der sich die Wundmale (Christi) an Händen, Füßen und Brust selbst beigebracht habe. Heiliggesprochen wurde er dennoch.)

Wundersames Italien: Fand in der Nacht eine kleine Trattoria, die exquisit eingerichtet war, in der ich aber allein blieb.
Der Wirt/Koch versprach mir das beste Menü, das ich bisher gegessen hätte. Er hatte müde kleingeschlitzte Augen, war aber hellwach, fast überdreht.
Erst wollte er wissen, wie ich zu ihm gefunden hätte.
Zufall.
Dann schimpfte er über die Reiseführer, die ihn immer noch nicht richtig würdigen würden, ihn den besten Koch des Ortes.
Nach dem ersten Gang war er bereits der beste Koch der Region.
Er goss mir von einem köstlichen Wein (Nero di Troia) ein.
Er verwöhnte mich mit “Orecchiete con cime di rape” und mit ausgesprochen guten Ochsenbäckchen.
Am Schluß der Schlacht waren seine Augen noch kleiner (und leicht blutunterlaufen) und seine Zunge immer noch schneller. Inzwischen war er zum besten Koch überhaupt aufgestiegen und feierte dies mit mir mit einem weiteren guten Glas Rotwein.

Unterkunft in Monte Sant’ Angelo: “Hotel Michael”. Altstadt. Genau gegenüber der Grottenkirche. Klasse Haus. Sehr gemütlich eingerichtet. Sehr liebevoll geführt. Wunderschöne Frühstückstrasse auf dem Dach! (55 Euro mit fantastischem Frühstück.) Fahrrad in Hotelflur abgestellt.

Tag 118 (08.04.2016) / Italien: Campomarino -> Peschici

Strecke: 98 km. (09:30 – 18:30)

Das Ziel der letzten Tage war: dem grauen und nebligen Norditalien entkommen. Es bestand Aussicht auf Erfolg.
300 Kilometer war ich die letzten 3 Tage geradelt, immer gen Süden. Jetzt erreichte ich die Einfahrt zum Gargano. Dem italienischen Sporn.
Empfangen wurde ich dort von einer überlebensgroßen Figur des Padre Pio: der Nationalheilige des Südens.

Zerrupfter Heiliger

Er war noch in Grau gehüllt, aber am Horizont blitzten schon ein paar Lichter.
Die Sonne zerstach die Wolkendecke und ließ ahnen, in welch prächtige Landschaft ich hineinfuhr.

Gehöft am Meer

Der Beginn des Gargano war von zwei Lagunen geprägt, in denen Fischerboote auf ihren Einsatz warteten.

Comes a time
Flottenstrategie 1
Flottenstrategie 2

Schließlich verließ ich das Flache. Und es wurde anstrengend. Schnell (oder auch nicht) gewann ich an Höhe.

Die Küste wurde aufregend. Die Sonne kämpfte noch mit ihrem Versprechen, mich mit Licht zu versorgen.

Wald, Wiese, Meer

Rodi Garganico, ein kleines wildes Städtchen, lag noch im Tiefschlaf. Es war mir fast unmöglich meinen Nachmittagswein zu organisieren. Ein Ort für schönere Tage! Irgendwann mal wieder.

Schließlich aus der Ferne meine Ziel fixiert: Peschici. Stadt auf den Klippen.

Wald, Klippe, Stadt
Wald, Klippe, Stadt, Meer

Traumhaft schön. Eine Altstadt zum verlieben. Auch wenn ich nur kurz das Vergnügen hatte, durch die engen Gassen zu schlendern.

Der Himmel öffnete sämtliche Schleusen und ließ Regen niederprasseln, der jeden anständigen Menschen (und auch die Nichtanständigen) nach Innen trieb. Ich freute mich. Die Luft würde morgen klarer sein. Der Frühling würde beginnen!

Unterkunft in Peschici: “B&B Albergo Celestina”. Altstadteingang. Ist eigentlich ein großes Restaurant. Vermietet aber auf B&B Basis auch einige Zimmer. Sehr geräumig. Balkone. Teilweise Blick aufs Meer. Restaurant auf Großbetrieb eingestellt. Trotzdem gemütlich. Große Terrasse mit Meersicht! (50 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Innenhof abgestellt.

Tag 115 (05.04.2016) / Italien: Fano -> Loreto

Strecke: 87 km. (10:00 – 19:00)

Keine Neuigkeit: flach, fast immer geradeaus, langweilig. Das war die auch die heutige Streckenbeschreibung.

Die Städtchen verwuchsen ineinander, weiteten sich zu einem Meer von Straßen, Häusern, Trottoirs, Verkehrskreiseln.
Und auch keine Neuigkeit: erneut trübe Sicht.
Das Novemberwetter im April blieb nur in Ancona kurz kapriolenfrei:
Die Hafenstadt atmete minutenweise Sonne.

Bürgerlich & Gentrifiziert

Und präsentierte sich aufgeweckt und attraktiver, als ich sie in Erinnerung hatte.
(Bin vor Jahrzehnten hier eimal mit der Fähre gen Griechenland gestartet).

Patrizier wohnen hier

Direkt hinter Ancona beginnt ein wilder Küstenabschnitt: Die “Riviera del Conero.” Steil abfallende Klippen, verträumte Badebuchten, romantische Dörfer. Die Straße mäandert rauf und runter. Nur: Die Anstrengung lohnte sich kaum. Nichts zu sehen.
Höchst selten riß der Hochnebel mal auf und deutete an, dass der Reiseführer nicht zu viel versprochen hatte.

Durchgeschlängelt

Kleiner Haken: Mein Reiseführer hatte keine Einfluss aufs Wetter.
Noch ein kurzer flüchtig schöner Ausblick …

Verweile, Sonne!

… und: Ende Schicht!

An den Adriastränden versuchten Arbeiter derweil mit schwerem Gerät, der Sonne einen Weg zu bahnen.

Working class hero

In vain!

Ich beschloss, einen Abstecher ins Landesinnere zu machen, nicht weit weg von der Küste. Hatte zufällig von einer Wallfahrtsstätte gelesen, die mich interessierte.

Loreto hieß der Ort, der sich mit berühmten europäischen Pilger-Orten verschwestert und verbrüdert hatte.

Ich kam zu spät an, um gleich das Heiligtum zu besuchen. Ich wartete gespannt auf den Morgen.

Unterkunft in Loreto: “Hotel San Francesco”. Ehemaliges Kloster. Sehr groß. Sehr leer. Sehr ehrwürdig.  (55 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.