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Tag 309 (08.07.2019) / Norwegen: Pause in Tromsø

Basecamp hieß der Fahrradladen, den ich in Tromsø ansteuerte, und sah aus wie eine ziemliche Hinterhof-Messie-Werkstatt

Aber wenn irgendetwas zwanghaft war, dann der Trieb, bestmögliche Arbeit abzuliefern. Was für ein Laden!

Ich kam gegen 9 Uhr. Eigentlich bediente der Besitzer/Mechaniker gerade einen einheimischen Kunden, hörte sich nebenbei aber höchst aufmerksam meine Probleme an. Gangschaltung funktionierte nicht, vordere Bremse ebenfalls nicht. Vorderrad eiert. Ich fragte ihn, ob er mir das Fahrrad so richten könne, das es noch 2 Wochen durchhielte. Der norwegische Kunde hatte offensichtlich Zeit, hatte überhaupt nichts dagegen, dass der Mechaniker sich sofort mein Rad ansah, packte bei der Reparatur sogar mit an.

Der Mechaniker sah schnell, dass das hintere Gewinde der Schaltanlage kaputt war und die Schaltung nicht mehr stabil lief. Dann machte er sich an die Arbeit. Er nahm grobes Werkzeug, bohrte das hintere Gewinde der Gangschaltung auf, suchte in seiner Messie-Werkstatt nach einer passenden Mutter, bekam sie irgendwie in das aufgebohrte Loch. Fixierte sie mit einer aus einer verwunschenen Schachtel hervorgezauberten alten Schraube. Justierte das Hinterrad neu. Ging alle Gänge durch. Sie liefen. Kümmerte sich dann um die Hydraulik-Bremsen, klemmte sich selbst mehrmals die Finger. Aber legte einen Eifer und eine Professionalität in seine Arbeit, wie ich sie bei einem deutschen Fahrradmechaniker noch nicht gesehen hatte. Bohrte das Gewinde auf. Durchwühlte seinen Messie-Laden nach einer passenden Mutter, setzte sie ein und zog sie mit einer neuen Schraube fest.

Er hatte sichtlich Spaß an dem, was er tat, plauderte dabei mit mir auf Deutsch. Erzählte, dass er oft in meinem Heimatland sei. Urlaub, Freunde.

Neben seiner Arbeit versorgte er mich einer beträchtlichen Zahl von Geschichten. Er berichtete von einer 70jährigen Rentnerin, die vor ca. 20 Jahren zu ihm in die Werkstatt gekommen war mit dem gleichen Typ Bremsen wie ich sie an meinem Fahrrad habe. Hydraulische Bremsen. “Sehr gute Ware”, sagte er, aber sehr schwer zu warten. Viele Mechaniker könnten damit nicht umgehen. Die Rentnerin – so fuhr er fort – weinte bitterlich. Sie hatte zig Touren in Europa gemacht und war jetzt in Norwegen unterwegs. Eine Strecke hatte sie mit einem öffentlichen Bus zurückgelegt und der unhöfliche Busfahrer hatte ihr Fahrrad grob aus dem Laderaum gezerrt und dabei die Bremsen demoliert. Damals habe er (der Mechaniker) viel improvisieren müssen, aber die ältere Dame habe ihn mit einem Lächeln verlassen. Seitdem Vorfall kenne er diese Art Bremse in und auswendig.

Kaum waren die Bremsen fertig, justierte er das Vorderrad und ließ mich anschließend eine Probefahrt machen. Ich jubelte. Mein treuer Gefährte lief wieder und humpelte nicht mehr!

Beim Abschied hätte ich den Mechaniker am liebsten umarmt. Wie unaufgeregt und akkurat er seine Arbeit gemacht hatte. Wie er mich mit Geschichten versorgt hatte. Ich weiß nicht, ob das der Norden – ob das Skandinavien ist? Kein Firlefanz in der Rede, direkt, klar und dabei verbindlich, liebenswert und völlig unverstellt.

Ich hatte die letzten Tage sogar überlegt, ob der Schwindsucht meines Fahrrads, es zu verschenken und mir (in Deutschland) ein neues zu kaufen. Der Mechaniker riet mir, es zu behalten. Obwohl nicht teuer, sei der Rahmen einfach klasse. Alles andere ließe sich darauf aufbauen. Er kassierte 50 Euro.

Der norwegische Kunde, der sich freiwillig hintangestellt hatte, freute sich über den Erfolg der Reparatur gleich mit, drückte mich und wünschte mir eine gute Weiterfahrt.

Ich blieb aber noch den ganzen Tag in Tromsø.

Tolle Stadt, klasse Kneipen, interessantes einheimisches Publikum, schöne Winkel, geschäftiger Hafen. Ich hatte nur keine Lust mehr zu fotografieren.

Kulinarisches Brevier: Moldawien 2

Deutliches Land-Stadt Gefälle. Auf dem Land ist es sehr schwer, überhaupt ein Restaurant zu finden. Selbst Bars, Gaststuben, einfache Kneipen sind selten. Oft haben kleine Minimärkte (Tante Emma Läden) einen Tisch auf dem Gehsteig. Dort kann man dann sein gekühltes Bier zu sich nehmen und irgendetwas Kaltes dazu essen. Brot. Wurst gibt es auch. Sie wird aber häufig nicht gramm-  oder scheibchenweise verkauft, sondern als ganzes Wurst.

Einmal hab’ ich ich mich eben nur von Bier und trocken Brot ernährt. Geht auch mal für einen Tag. Spottbillig zudem.

Das Frühstück in den Landhotels (wenn es überhaupt welche gibt) – äußerst schlicht: Kaffee, hart gekochte Eier, bisschen Wurst und Käse.

Moldawien ist noch weitgehend ein touristisches Entwicklungsland.

Ganz anders sieht es dagegen in der Hauptstadt aus. Dort gibt es fast schon ein Überangebot guter Restaurants und Cafés.
Die Küche dort mit allerlei mediterranen, kontinentalen und osteuropäischen Einflüssen. Die Preise aber (verglichen mit mitteleuropäischen Verhältnissen) sind immer noch sehr moderat.

Cahul

Es war schwierig, ein offenes Restaurant zu finden. Die zwei vom Reiseführer empfohlenen Lokale beherbergten geschlossene Gesellschaften.
In einer kleinen netten Bar bekam ich wenigstens einen Snack (mit Spinat gefüllte Teigtasche).

Später dann doch nich etwas entdeckt: “Andy’s Pizza”.
Wie ich erst danach feststellte, war dies eine sehr erfolgreiche Restaurant-Kette – mit ettlichen Filialen in der Hauptstadt. Das Menü beinhaltete weit mehr als “nur” Pizza.

1) Bruschetta mit geräuchertem Lachs (2,25 Euro)
2) Rindfleischeintopf mit Auberginen, Zucchini, Paprika (4 Euro)
3) Mango-Käsekuchen (2 Euro)

Alles sehr fein und köstlich.

Comrat

Auch hier wieder nichts anderes gefunden außer die o.g. Pizza-Kette.

Pizza mit Artischocken, Pilzen, Oliven und Schinken. (4 Euro)
Gutes Niveau.

Chisinau

La Taifas (Altstadt)
Restaurant in historischem Gewölbekeller. Mit gutgelaunt aufspielender Folkloregruppe.

1) Borscht mit Entenfleisch
2) Geschmortes Kaninchen

Köstlich beides!

Cerbul de Aur (Altstadt)
Kleines Lokal mit 5 Tischen. Spezialisiert auf Wildgerichte. Sehr kompetenter Betreiber. Viele Wildschwein-, Hirsch- und sonstige präparierte Köpfe an der Wand.

1) Blinii mit geräuchertem Lachs und Butter (5,50 Euro)
2) Hirschgulasch mit exotischen Früchten (7 Euro)

Beides exzellent! Vor allem der Hirschgulasch war sehr fein abgestimmt. Überraschende Aromen durch Orangen, Kiwi, Melone. Dazu selbstgemachtes Zwetschgenmus. Und ebenfalls selbstgemachter Rotwein! Durchaus etwas rustikal. Passte aber sehr gut.

Cactus (Altstadt)
Eher eine Art Bistro. Fast schon kalifornisches Ambiente. Dazu passend auch die Speisekarte und die Preise. Für Chisinau: teuer.

Aal mit Avocado-Creme und Mozzarella (12,50 Euro)

Ungewöhnliche Kombination. Aber klasse.

Wine Bar/ Q-Bar (Altstadt)
Nettes Lokal. Modern eingerichtet. Entsprach auch dem Stil der Küche.

1) Bruschetta klassisch (3 Euro)
2) Scharfe Bohnensuppe (2,75 Euro)
3) Gegrillte Forelle mit Kräutern (5,50 Euro)

Sehr überzeugende Küche. Bohnensuppe eher fein als derb. Forelle klasse. Auf den Punkt gegart.

Tag 200 (26.04.2017) / Frankreich: Fréjus -> Juan-les-Pins

Strecke: 52 km (10:45 – 15:45 Uhr)

Zwei (!) Hundertster Tag meiner jetzt schon langen Europa-Umrundung. Netto mehr als ein halbes Jahr auf dem Europa-Sattel zugebracht. Ich war ein bißchen in Feierstimmung, der Himmel aber nicht. Wolkenverhangen. Ab und zu regnete es.

An diesem Strand, landeten am 14. August 1944 die Alliierten, um Frankreich und Europa zu befreien.

Stone washed

Ein Landungsboot der US-Marine zeugt davon.

Heroes

Trotz trübem Wetter: grandiose Natur! Porphyrrot.

Red flowers red stones

Das Massif de l’Estérel schiebt sich mit Wucht zwischen Fréjus und Cannes und hat doch lauschige Plätzchen. Wer würde nicht gerne mit dem Besitzer da unten tauschen, wenigsten für ein paar Wochen im Jahr und sein Abendbrot direkt auf der Meerterrasse zubereiten? Windbeschützt von rotem Fels und wild wuchernden Pinien.

Hier könnt ich wohnen / Teil 1

Eine wunderschöne Panoramastraße führt um die zerklüfteten Bergzüge herum. Und immer wieder entdeckte ich Orte, an denen ich es gut mal ein halbes Jahr aushalten könnte. (Und dass sich kein Mensch nähere!)

Hier könnt ich wohnen / Teil 2
Hier könnt ich wohnen / Teil 3

Ich verlangsamte meine Fahrt. Hielt immer wieder an. Staunte.

Red ball
Red stone

Nur der angekündigte Regen trieb mich weiter.

Red sand

“Where do you go to my lovely”?
Natürlich nach Juan-les-Pins.

Konnte aber bei der Ankunft in dem legendären Badeort der Côte d’Azur nicht ganz begreifen, was so legendär an ihm ist.
Lag es am grauen Wetter? An den leeren Stränden? Den verlassenen Kneipen? Den schon ziemlich heruntergekommenen Seitenstraßen? Den trotz Tristesse irreal überhöhten Preisen in den wenigen offenen Lokalen?

Unterkunft: Hotel “Villa Nina”. Strandnah. Eine Oase in der Schar der gesichtslosen Großhotels. Eine kleine privat geführte Villa, innen sehr geschmackvoll und kolonial eingerichtet. Sogar bezahlbar (59 Euro ohne Frühstück). Absolut zu empfehlen. Fahrrad in Hofschuppen abgestellt.

Tag 189 (15.04.2017) / Spanien: Deltebre -> Sitges

Strecke: 135 km (09:15 – 20:15 Uhr)

Eine verfügbare Unterkunft bestimmte meine Streckenlänge. Auch heute war es praktisch unmöglich, über die Internetportale ein nicht belegtes Bett zu finden. Ich checkte während ich frühstückte alles im Umkreis von 100 Kilometern durch. Nichts! Ein einziges noch verfügbares Zimmer in Sitges. Dachgeschoss, eng. 135 Kilometer entfernt. Ich wusste nicht, ob mich Berge erwarteten oder schlecht befahrbare Pisten. Ich buchte und fuhr los.

Ich fuhr los und schloss die Augen. Wollte nichts sehen.
Nur einmal blinzelte ich kurz – in Tarragona.

Mittagsfassaden

(Schöne Altstadt, schöner Plaza Mayor, herrliche Baskenkneipe dort.)

Mittagsglück

Dann öffnete ich meine Augen erst wieder in der Nacht. In Sitges. Kleine Musikgruppen waren dort in den engen Gassen unterwegs. Eine herzbewegende Tenorstimme sang mich ins Osterglück.

Unterkunft: Hotel “El Cid”. Altstadt. Sehr nette Unterkunft. Äußerst hilfreiche Rezeption. Aber auch hier Osterpreise. 82 Euro (mit Frühstück). Fahrrad in Hofdurchgang gestellt.

Tag 182 (08.04.2017) / Spanien: Mojácar -> Cartagena

Strecke: 122 km (10:00 – 20:30 Uhr)

3 Stunden gefahren und dann um die Mittagszeit mich mit einem eiskalten Bier gestärkt. Gerade hatte ich Andalusien verlassen und war in die Region Murcia hineingefahren. Ich wusste, gleich hinter Aguila würde ein steiler Aufstieg alles von mir fordern.

Geschafft

Der Berg kostete mich eine Stunde. Dann wieder ab ins Tal. Auch hier erneut Agro-Business. Aber mit nicht ganz so vielen Gewächshäusern. Das Gepflanzte wurde wie Spargelreihen mit Plastik eingehüllt.

Geschlaucht

Überall Saisonarbeiter. Die sich nicht gerne fotografieren lassen wollten.
Diese erlaubten es mir, aber nur mit dem Handy.
(Das sieht nicht so “gefährlich” aus wie meine Spiegelreflex.)
Ob sie den Mindestlohn bekommen? Gut behandelt werden? Eine menschenwürdige Unterkunft haben?

Gestrandet

Ich hatte mir eigentlich für diese Etappe vorgenommen, nicht über Politik nachzudenken. Mich nur auf die Reise und meine Eindrücke zu konzentrieren. Ich schaffte es nicht.
Nicht wegen der Migranten, die ich unterwegs immer wieder sah.
Ich las (fast) jeden Tag Zeitung (“El País”). Terror in Schweden, Giftgas in Syrien, US Bombardement eben dort, Klassenkampf in Venezuela, Tote im Mittelmeer. Der Horror hörte gar nicht mehr auf.
Kann man in solchen Zeiten überhaupt noch unbeschwert (und ohne schlechtes Gewissen) Urlaub machen?

Ich wusste nicht, was ich denken sollte.
Ich fuhr durch eine spanische Gegend, in der die kleinen Bauernhöfe verschwanden…

Windfraß

… die Agrarbarone die Landwirtschaft unter sich ausmachen, Lebensmittel zu industriellen Erzeugnissen umdefinieren. Aber immerhin – hier gibt es Arbeit für die, die welche suchen/brauchen (Migranten).

Ich ließ das Denken sein und konzentrierte mich wieder auf das Naheliegende.

Berge fressen, um ans Ziel zu kommen.

Und wieder ...
geht's …
bergauf

Cartagena müde noch kurz vor Sonnenuntergang erreicht.
Die Stadt vibrierte. Die Feierlichkeiten der Semana Santa waren in vollem Gang. Die Straßen auch nachts noch rappelvoll. Die Kellner der unzähligen Kneipen rannten wie um ihr Leben. Ich hatte Mühe, etwas zu trinken zu ergattern.

Unterkunft in Cartagena: Hotel Los Habaneros. Modern. Am Rande der Altstadt. Komfortabel. Etwas mürrischer Service. Fahrrad in Kammer untergestellt. 42 Euro (ohne Frühstück).

Tag 166 (23.03.2017) / Portugal: Pause in Lagos

Schon leichter Regen hatte sämtliche Touristen aus den engen Gassen Lagos’ geschwemmt.

Leergespült

Beinahe gespenstische Stille.

Gassenruhe

Kam die Sonne durch, glänzten die Kachelfassaden.

Grüngekachelt

Lagos zeigte sich in aller Herrlichkeit.

Keine Touristen, nur Einheimische im zentralen Fischmarkt, der überaus modern wirkte

Abgefischt

Es wurde geschuppt, gehackt, gehäutet und ausgenommen.

Eine Spezialität: Pata – Roxa (Kleingefleckter Katzenhai).

Gehäutet

Fixe Hände hatten sie im Nu küchenfertig.

Ausgeweidet

Als die Sonne für eine Stunde die Stadt aufhellte, lief ich schnell zum nahen Strand.

Gebackener Sand
Naturfantasie

Berühmte Felsenküste.

Arg zerzauste Sandklippen.

Sandburg

Konnte durch einen Durchguck meine morgige Strecke Richtung Faro in Augenschein nehmen.

Durchblick 1
Durchblick 2

Am Abend, wie schon gestern zweimal und heute Nachmittag (also jetzt 4 Mal!), in meine ZweitagesStammKneipe gegangen. Besser gesagt meine Stamm-Vinothek.

My favorite valent-wine

Eine richtig gute Weinbar mit exzellenten Fachleuten hinter der Theke und noch besseren Weinen in den Regalen.

Heute diskutierten die Wirte (Kollektiv?) miteinander, wo sie so ein Teleskop-Gerät herbekommen könnten, um Weinflaschen aus den oberen Regalen herunter zu holen. Sie hatten keine Lust mehr, ständig auf wacklige Schemeln aufzusteigen, um die oberen Flaschen greifen zu können. Sie kannten aber den Fachbegriff für die Gerätschaft nicht. Wir diskutierten rum (auf Englisch). Ich schlug vor nach “Flaschengreifern” zu googeln. Auf Deutsch, Englisch oder Spanisch. Ohne Erfolg. Wir spornten uns gegenseitig an, einen Begriff zu finden, der einen Google-Treffer produzieren könnte. Bis mir die Suchbegriffe “langer Arm” und Greifer” einfielen. Hatte sofort Erfolg. Die nächste Viertel Stunde bemühten die Wirte auf ihren Handys den portugiesischen Übersetzer und frohlockten schließlich.

Ich hörte gar nicht mehr zu, ließ mir gut gekühlte Rotweine servieren, mal aus dem Dão, dem Alentejo oder dem Douro.
Ich fand auch noch nach Hause.

Und dort erinnerte ich mich noch an eine weitere Begebenheit in der Bar. Plötzlich war einer der Wirte hinaus ins Freie gestürzt. Atemlos. Zuvor war ein etwas abgerissener, eher junger Mann ins Lokal gestiefelt und hatte um eine Zigarette gebeten. Er wirkte ein wenig hilflos, sogar desorientiert. Der Wirt gab sie ihm, der Beschenkte nach draußen, warf mit großer Geste die Tür hinter sich zu. Und auf einmal öffnete der Wirt die Kasse. Zog einen Zehner heraus, lief dem Mann hinterher und drückte ihn ihm die Hand. Ich konnte dies gut durch das Fenster verfolgen. Ich fragte mich, was sich hinter der Begebenheit verbarg. Handelte es sich um einen abgestürzten Ex-Freund, einen verstoßenen Bruder? Um einen fremden Fremden? Warum griff der Wirt in die Kasse und nicht in seinen privaten Geldbeutel? Warum dachte ich überhaupt in diesem Moment über diesen Unterschied nach? Wichtig und ergreifend war doch nur die Geste des Schenkens. Ich schlief wohl über diese Frage ein.

Tag 61 (16.04.2015) / Griechenland: Patras > Pyrgos

Strecke: 106 km. (10:00 – 18:15)

Unterkunft in Pyrgos: Hotel Olympos im Zentrum. (Geschäftshotel. Ohne Charakter. Freundlicher Portier.) 40 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Keller untergebracht.

Strecke 0060-Griechenland-Patras-Pyrgos

Schöne Küstenfahrt von Patras nach ähesten. Immer wieder Tavernendörfer. Sehen vielversprechend aus. Sind wohl Wochenendziele für hungrige Athener.

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coast line

Schatten gibt es auch.

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Und jede Menge Badewannen.

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Anschließend ging es mehr ins Landesinnere. Meist ca 5 -10 km von der Küste entfernt. Das Land total platt. Sah auch nicht anders aus als Niedersachsen. Wären am Horizont nicht immer diese hohen kargen Berge. Dem Horizont näherte ich mich aber nicht.

Fruchtbare Erde. Kilometerlang nichts anderes als Erdbeerfelder.

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strawberry fields for ever

Die Saison hat begonnen. Europa wird von hier aus mit Süßstoff versorgt.

Noch ist die Sonne nicht so heiß, dass es unerträglich wäre. Zudem wehte ein manchmal sehr böiger und dann auch frischer Wind.

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Frühkartoffeln werden auch bereits geerntet.

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Der Frühling hat endlich(!) mit voller Macht Einzug gehalten.
Der Wegrand mit Klatschmohn gesäumt.

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Klatsch!

Schönes Bild. Könnte jetzt sagen: Habe das mit Absicht gemacht. Tatsächlich wollte ich aber testen,
ob meine Kamera bei extrem böigen Wind eine Klatschmohnblüte scharf bekommt.
Sie hat es nicht geschafft.
Sie hat den Gouache-Filter genommen und drauflos gemalt.

Ich war in einem guten Trott. Das Flachlandstrampeln fiel mir leicht.
Manchmal versuchte ich, die Flugschatten, die vor mir über den Asphalt wischten, den entsprechenden Vögeln zuzuordnen: Möwe, Taube, Greif, Krähe, Elster oder Singvogel.
Ich lag beinahe zu 100 Prozent daneben.

Auch so vergeht ein Tag.

Ab und zu Winzdörfer.

Aber kein Ort ohne Kirche, ob alt,

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ob neu.

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auch church line

Auch in Griechenland ist das gesellschaftliche Zentrum dort, wo das Gotteshaus steht. Drumherum gibt es die Kneipen.

Ich stärkte mich in einem Café. Mir gegenüber 3 junge schon ziemlich angeschickerte Frauen.

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Sie hießen die Bedienung, mir ein Glas Wein zu bringen. Danach wollten sie ein wenig mit mir reden.
Ihr Englisch kaum zu verstehen.
Was sie gerade feierten, habe ich nicht herausbekommen.
Die eine kam aus Albanien und war Babysitterin in einer griechischen Familie. Die beiden Freundinnen arbeiteten als Kellnerinnen in anderen Tavernen.
Sie wollten von mir wissen, ob
a) es in Deutschland teuer sei?
b) es Partys gebe?
c) ob ich Merkel gut fände?
d) und ob mir Varoufakis gefiele?
Der hatte es ihnen angetan. “Cool” war das am häufigsten gebrauchte Adjektiv.

Ich verabschiedete mich und machte mich auf den Weg zu meinem Ziel: Pyrgos. Ein Geschäftsstädtchen, das mit seinen Hochhauswüsten so furchtbar daherkam wie viele griechische Städtchen.

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Das aber einen sehr belebten Kern hatte.
In dem es nicht nur Fleischer gab,

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sondern eine Menge “cooler” Bars.

Tag 21 (3.10.2014) / Spanien: Tui -> Viana do Castelo (Portugal)

Strecke: 48 km (10:45 – 16:15)

Tui -> Viana do Castelo

Um 11 Uhr Spanien verlassen. Nach rund 970 km in knapp 3 Wochen. Vorfreude auf Portugal.
Zunächst änderte sich nicht viel. Landschaft und Orte erinnerten mich noch an Galizien.

Ich versuchte, den Grenzfluss Miño entlang zu radeln, gab es aber schnell auf. Entweder Pflastersteine, die extrem scharfkantig waren, oder unbefahrbare Sandpisten.
Auch die Straßen vieler Ortschaften oft noch gepflastert. Sieht schön gemütlich aus, ist aber die Hölle für schwer beladene Fahrräder. Musste öfters fluchen.

Beim ersten Bier bereits bedauert, dass ich nicht portugiesisch sprach, wiewohl spanisch auch reicht. Man versteht mich.

Beeindruckende Mündung des Miño in den Atlantik. Aber die Luft feucht, diesig. Konnte nicht fotografieren.

Dann Richtung Süden an der Atlantikküste weitergefahren.
Die Landschaft meist brettlflach. Ab und zu kleine Ortschaften mit ausgedehnten Stränden.
Heftiger Wellengang. Manchmal auch heftige Winde.

Relativ früh Viana do Castelo erreicht. In den Außenbezirken eine gesichtslose Betonwüste, im historischen Zentrum ein Kleinod. Wunderschön.

Erst jetzt bemerkte ich, dass die Portugiesen in einer anderen Zeitzone als die Spanier leben. Die Spanier wollen (zumindest was die Zeit angeht) mitteleuropäisch sein. Portugal bekennt sich zum Süden. Eine Stunde zurück.

Und noch ein Unterschied. Die Restaurants füllen sich bereits gegen 19 Uhr. Und schließen oft schon um 22 Uhr, dann wenn die Spanier überhaupt erst zum Abendessen aufbrechen.

Viana um 10 Uhr wie leergefegt. Nur noch ein paar Hafenkneipen mit Publikum.

Hotel in Viana: “Jardim”. 2 Sterne. Grandios. Palastartige Zimmer. Zwar einfach ausgestattet, aber mit einem Hauch Kolonialstil versehen. Höfliches Personal. Das alles für 25 Euro inklusive Frühstück (Ich versteh die Preise nicht).