Meer Europa

Schlagwort Archiv: Regen

Tag 307 (06.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Nordkap

Strecke: 53  km (hin und zurück)  (09:30 – 15:30 Uhr)

Yeah! Ich hab’s geschafft! Ich hab’s Nordkap erreicht.

Wobei: Ich hatte erhebliche Zweifel, ob mein Fahrrad das noch schaffen würde. In Stuttgart hatte ich es Tage vor der Tour noch einmal überholen lassen, war aber dort bereits gewarnt worden, dass Kette, Schaltung und diverses andere Zeug möglicherweise nicht mehr den Strapazen standhalten würden.

Und es sieht in der Tat nicht gut aus. Der Wehwehchen-Katalog meines Rennpferdes ist beachtlich: Bremsen ausgeleiert (und Öl verloren), Kette springt wild auf den Blättern herum, 1. Gang geht nicht mehr (obwohl ich an der Schaltung rumgeschraubt habe) und Vorderrad eiert und schleift am rechten Bremsbelag. Weit und breit keine Fahrradwerkstatt in Sicht.

Also hatte ich überhaupt keine andere Optionen als aufgeben (kurz vor dem Ziel) oder irgendwie durch.

Ich wählte die Variante zwei. Ließ sämtliches Gepäck (sogar das Werkzeug und sogar meine schwere Kamera) im Zimmer und begann – so “erleichtert”, aber doch bang – das Unternehmen.

Gleich hinter dem Campingplatz ging es auf 3 Kilometern heftig steil nach oben. 9 Prozent. Ich hatte mir vorgenommen, zur Not zu schieben, aber: Ohne das ganze Gepäck hatte ich überschüssige Kraft, sogar im 2. Gang den Anstieg auf 350 Meter zu meistern.

Schon zu Beginn der Tour – im Tal, über dem Campingplatz – lagen dunkle Wolken auf der Welt.

Sie regneten sich Gottseidank nicht ab. Wasser schoss nur aus den Felsen.

Immer noch lag Schnee am Wegrand.

Die Wolken ruhten sich auf der Straße aus. Es wurde kalt.

Die Sicht zunehmend schlechter. Als ich nach zweieinhalb Stunden Schufterei das Nordkap erreichte, konnte ich kaum die Hand vor meinen Augen sehen.

Ich zog meine nassen Sachen aus, hing sie zum Abtropfen über mein Fahrrad.

Lief vor zum Wahrzeichens des Nordkaps, schaute kurz in die Tiefe, in der nichts außer Wolken zu sehen waren …

… und setzte mich ins Café des riesigen Touristenzentrums, kaufte mir ein Glas Sauvignon Blanc und eine belgische Waffel und dankte meinem Fahrrad, das es all diesen Unsinn mit mir gemeinsam geschafft hat.

Tag 306 (05.07.2019) / Norwegen: Repvåg -> Honningsvåg

Strecke: 66  km (10:15 – 17:45 Uhr)

Höllenlärm, dass einem fast die Ohren explodierten. Kalt, kalt kalt. Dazu völlig durchnässt von der Anstrengung. Ich hätte mir diese Tagestour nicht so schwer vorgestellt, zumal sie ja eigentlich eher kurz angelegt war. 66 Kilometer. Und der Tag hatte ohne Regen begonnen.

Nach einem Frühstück mit russischen Blinis und Rührei war ich ziemlich spät aufgebrochen.

Mein Gastort der letzten Nacht schien noch (obwohl bereits 10 Uhr) im Tiefschlaf.

Je weiter ich mich entfernte, um so schöner wurde Repvag.

Die Straße zunächst angenehm flach, windlos. Ich flog mehr als dass ich strampelte – oder beinahe.

Bei den ersten Steigungen wurde mir endgültig klar, dass etwas mit meiner Gangschaltung nicht stimmte. Der kleinste Gang tat überhaupt nicht mehr. Fatal fürs Berge fahren.

Und die Berge kamen nun.

Und vor allem die Tunnel. Ich hatte sie völlig unterschätzt. Der Nordkapptunnelen war 6870 Meter lang. Die Einfahrt geschätzt auf 100 Meter Meereshöhe. Ich schoss zunächst in die Tiefe, bis 212 Meter unter die Wasseroberfläche. But what comes down musst go up. Ab der Mitte des Tunnels musste ich in einer 10%igen Steigung wieder 300 Höhenmeter rauf. Schwer beladen. Und das ohne 1. Gang. Ich war nahe am Verzweifeln. Autos, die von vorn oder hinten kamen, kündigten sich mit einem Wahnsinnslärm an, den der dunkle Tunnel, der kahl und ohne jede Verkleidung war, wie ein Trichter ins Unermessliche verstärkte. Es tropfte von den Wänden und jeder Tropfen, der mich traf, rutschte widerstandslos durch meine eh schon nassgeschwitzte Kleidung. Ich hatte bald das Gefühl, mehr zu schwimmen als Fahrrad zu fahren.

Kaum raus aus dem Tunnel, kam der nächste. Nicht mehr so tief, aber seltsamerweise mit Steigungen (wieso muss man im Tunnel Hügel hinauf und wieder hinabfahren?).

Die Landschaft immer wilder, nordischer.

Die Dörfer wie hingemalt. Inzwischen regnete es stark.

Ein Frontal-Wind peitschte mir ins Gesicht. Ich war halb blind. Hatte Linsen an – und doch schlierte die Sicht. Ich bekam nichts mehr scharf.

Als ich in Honningsvag einfuhr, einer sicher schönen Hafenstadt (endlich Städtchen!), hatte ich keinen Blick mehr für Bilder und Fotos.

Ich suchte mir eine Bar, tauschte auf der Toilette meine Kleidung, bestellte mir (jetzt wieder trocken) ein Bier. Sortierte mich kurz: Was war wichtig?

Fahrradwerkstatt! Gab es keine.

Wein! Der staatliche Alkoholmonopolist schloss bereits um 5 Uhr – also gleich.

Also Bier geleert, raus aus der Bar, rein in die Weinhandlung und einen ordentlichen Roten gekauft. (Die Weinpreise sind völlig in Ordnung. Happig ist nur der Konsum von Alkohol in Kneipen. Eine Halbe (Bier): ab 9 Euro. Ein Glas Wein 0,16l ab 10 Euro.)

So gut ausgerüstet für die Nacht, fuhr ich die knapp 8 Kilometer weiter bis zum Nordkapp-Camping. Ich hatte für 2 Nächte ein Zimmer gebucht.

Tag 245 (28.03.2018) / Griechenland: Xanthi -> Komotini

Strecke: 57 km (10:15 – 15:15 Uhr)

Regen war angesagt, Starkregen kam. Die ganze Fahrt über. Die Lagune des Nestos-Nationalparks: unansehnlich

gewässert

Ich genervt. Ich hatte vor der Reise vergessen, meine Regenkleidung zu imprägnieren. Ich spürte, wie die Nässe langsam in mich einsickerte. Ich fror. 8 Grad Außentemperatur. Wie viel es bei mir drinnen waren ?

Himmel hilf

Erst als ich schon eine Weile in Komotini war, brach etwas Sonne durchs Grau.

stand up

In der Stadt gibt es unverkennbar eine muslimische Minderheit: Türken, Pomaken.

Zwillingstürme

Auf dem Marktplatz nervten 2 gutgelaunte Roma-Jungs die zahlreichen Stadtköter. Ließen sich durch Gebell und Gekeife nicht einschüchtern, wo mir schon längst das Herz in die Hose gerutscht wäre.

Unterkunft: Hotel Olympos. Stadtzentrum. Netter Empfang durch Deutsch sprechenden Griechen. 50 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad in Büroraum abgestellt.

Tag 244 (27.03.2018) / Griechenland: Drama -> Xanthi

Strecke: 103 km (9:15 – 19:15 Uhr)

Regentag vorbei. Faulenzen auch.

Ich hatte einen klaren Auftrag. Eine Freundin aus Stuttgart hatte mich gebeten, wenn ich doch schon im Nordosten Griechenlands rumkurvte, in einem kleinen Dorf namens Agora vorbeizufahren und möglichst viele Fotos zu machen.
Der Grund: Ihr (türkischer) Großvater stammte von dort und war 1920 nach Istanbul umgesiedelt.
Sie wollte eine fotografische Erinnerung an den Herkunftsort ihres Opas.
Bis 1922 war die Gegend osmanisch. Nach dem (türkisch-griechischen) Krieg wurde sie griechisch. Die Türken (500.000) von hier wurden größtenteils in die (heutige) Türkei umgesiedelt. Ca. 1,5 Million Griechen, die in damals in Kleinasien wohnten, wurden vor allem hierher (Ostmakedonien und Thrakien) umgepflanzt.

Ich verließ Drama Richtung Berge.

Die Landschaft schön, wellig, fruchtbar. Mit eingesprengten kleinen Dörfern.

Dorf mit 1 Straße

Früher war die Gegend bekannt für Tabakanbau. Was heute kultiviert wird ? Ich konnte es nicht erkennen.

Frühlingsfarben

Langsam ging es hoch. Die Dörfer immer ruhiger. Nicht mal Hunde bellten.

Wohnzimmer draußen nicht drinnen

Es fehlten noch ca. 5 Kilometer bis Agora. Keine Beschilderung. Viele Kreuzungen.
Am Wegrand ein Hirte mit seiner Kuh-Herde und ein weißhaariger älterer Mann. Ich fragte auf Englisch, dann auf Deutsch … wo bitte geht’s lang?

sonnig (Charakter und Tag)

Der Hirte verstand ein paar Brocken Deutsch. Fragte, was ich denn in Agora wolle? Ich erklärte … Eine türkische Freundin …. türkischer Opa … dort gewohnt …
Die beiden verstanden nicht wirklich, nickten aber interessiert. Zeigten mir den Weg, der mir ziemlich nasse Füße bescherte.

Ich musste barfuß diese wadentiefe Furt mit meinem Lastesel durchqueren. Eiskalt.

Coldstream

Wenig später kurvte der weißhaarige Mann von vorhin mit seinem Auto an mir vorbei. Stoppte und bedeutete mir zu warten. Er stammte selbst aus Agora, konnte weder Deutsch noch Englisch. Aber per Handy hatte er um Hilfe für mich gerufen. Nach 5 Minuten kam schließlich ein weiteres Auto angezockelt.
Ein munterer Rentner entstieg, ebenfalls aus Agora. Er sprach perfektes Deutsch.

Touristenhelfer

Ich erklärte wieder .. türkische Freundin … Opa aus Agora ….
Der Herr verstand sofort. Fand es lustig, dass ein Deutscher nach türkischen Wurzeln in Griechenland… usw. …Er fragte, was ich denn über den türkischen Opa wisse. Ich nannte den Namen “Yasar Yasan”. Und ob ich wisse, wie das Dorf einst auf türkisch hieß? Ich sagte “Pazarlik”. Er war zufrieden. (Hatte ich den Test bestanden?)
Er erklärte mir, dass es im Dorf keine “Erinnerung” mehr an die türkische Zeit gebe. Alle die hier wohnten, seien “Neulinge” von woanders her. Alle Türken von damals seien weg. Und mit ihnen eben die Namen, die Geschichten, die Erinnerung. Aber es gebe noch viele ehemals türkische Gebäude, die meisten allerdings verlassen und ziemlich heruntergekommen. “Agora”, sagte er, sei im Übrigen das griechische Wort für “Pazarlik” (Markt).
Der Herr bedauerte schließlich, dass er selbst mir nicht helfen könne, da er einen wichtigen Termin in Drama habe. Aber mein Freund an seiner Seite würde er instruieren, mir alles zu zeigen, was es noch an “Türkischem” in Agora gebe. Sagte es, redete auf den Weißhaarigen ein und verschwand.

Der trottete dann mir seinem Kleinwagen vor mir her bis Agora.

geschafft

Ein griechisches Winzdorf, mit einer überdimensionierten Kirche und einigen Kapellen.

Kirchenmacht

Und wie aus dem Nichts erschienen weitere Bewohner. Eine Nachbarin und ein Mechaniker, den mein weißhaariger Freund ebenfalls per Handy alarmiert hatte.

Nachbarschaftsrat

Der Mechaniker kam mit seinem Fahrrad den Berg hochgesprintet, hörte sich kurz meine Geschichte und mein Begehr an, sagte in akzentfreiem Deutsch, dass er leider nicht helfen könne, da er eine Terminarbeit habe, ich aber in besten Händen bei meinem Freund sei. Wir sollten doch später bei ihm auf einen Kaffee vorbei kommen. Und verschwand.

To make a long story short. Mein Freund telefonierte noch weitere Bewohner ab, bis ich schließlich in die Obhut eines Rentners weitergereicht wurde, der lange in Solingen in einer Autofabrik gearbeitet hatte und nun selbst in einem Haus wohnte, das vor über 100 Jahren Türken gehört hatte.

Er führte mich den Berg hoch in einen Ortsteil, der fast versteckt vom heutigen Hauptort lag …

alter Dorfweg

fortschreitender Verfall

… und zeigte mir das, was es an “Türkischem” noch zu sehen gab.
Trümmer!

fast verwunschen

ausgedient

zugeklappt

ausgerastet

zwecklos

Es muss ein schönes osmanisches Dorf gewesen sein. Mit herrlichen Herrenhäusern.

gut situiert

Zimmer mit Aussicht

Mit traumhaften Vorgärten.

früher weideten hier Schafe

Mit kleinen Bauernhöfen.

betonfrei

Mit pittoresken Dorfstraßen.

genügend Platz

Mit fantastischer Natur.

hat Kriege erlebt

Mit fantastischen Aussichten.

Berg und Dorf

Ein ehemals glückliches (?) Dorf.

eingebettet

Es lebte und atmete nicht mehr. Nur sehr vereinzelt hatten die Neubewohner die alten Anwesen übernommen. Einige wenige  waren renoviert.

Mein Begleiter erklärte mir, dass sowieso nur noch alte Griechen hier wohnten. Alle jungen seine weg – fast alle in Deutschland – wo sie Alte ja auch gewesen seien.

Schlagartig wurde mir klar, dass ich es mit Vertriebenen zu tun hatte. Die Großelterngeneration hatte als griechische Minderheit im osmanischen Reich gewohnt, wurde vor 100 Jahren ins heutige Griechenland zwangsumgesiedelt, wurde nie heimisch in der neuen Heimat. Sie waren jetzt hier geschichtslos – so wie es dieser Ort war. Die nachfolgenden Generationen suchten ihr Glück dann (ab den 70er/80er Jahren) als Gastarbeiter in Deutschland.

Ich fragte meinen Begleiter, ob sie denn ab und zu in die Türkei führen auf der Suche nach ihren Wurzeln? Er sagte: “Manche”. Und er erzählte, dass jeden Sommer einige Türken nach Agora kämen, die die Häuser ihrer Groß- und Urgroßväter noch einmal sehen wollten. Wurzellose Vertriebene, denen man ihre Geschichte geklaut hatte, auf beiden Seiten.

Ich bedankte mich bei meinen Gastgebern. Verabschiedete mich – fast schon melancholisch.

Erst als ich schon weit aus dem Dorf war, fiel mir auf, dass ich in Agora nirgends Spuren eines muslimischen Friedhofs oder einer Moschee gesehen hatte.

Unterwegs – zurück zur Küste – weitere schöne (ehemals türkische) (jetzt) griechische Dörfer. Weingegend.

schmuck

Schließlich Kavala erreicht. Die Altstadt mächtig auf einem Fels thronend.

Thron

Die Hafenstadt zeigte stolz, wie alt sie war.

tropisch-römisch

Noch von Weitem war das historische Aquäduct zu erkennen.

Hinteransicht

Es fing an zu regnen.
Kam die Sonne dennoch durch, bemalte sie die Berg/Küstenlandschaft mit traumhaften Farben.

geschwungen

Sehr spät, nach über 100 Kilometern, erreichte ich Xanthi.
Hier lebte noch eine türkische Minderheit.
Vom großen Bevölkerungsaustausch vor hundert Jahren war dieses Städtchen ausgenommen worden.

Regenbogen bestrahlt

In der Nacht (unter Regen) in der schönen Altstadt spaziert. Ausgestattet mit schönen osmanischen Herrenhäusern.

Unterkunft: Hotel Xanthippion im Zentrum. Modern. Deutsch geführt. 58 Euro (mit Frühstück). Fahrrad im Keller abgestellt.

Tag 240 (23.03.2018) / Griechenland: Sarti -> Ierissós

Strecke: 82 km (08:45 – 18:15 Uhr)

Ich brach früh auf. Sarti noch im Tiefschlaf.

gibt es ein Dorf ohne Menschen?

Mein Wetter App hatte mir noch etwa 2 Stunden “Bewölkt/Sonnenschein” angezeigt (danach “Regen”) – und ich wollte unbedingt noch einen besonderen Strand im einigermaßen guten Licht sehen. 1 1/2 Kilometer nördlich von Sarti.

42 Jahre Strand

Hier war ich vor 42 Jahren auf meiner ersten großen Europareise (getrampt, mit Isomatte, Bundeswehr-Schlafsack, ohne Zelt, aber mit Gitarre) für eine Woche gestrandet. Nur der Himmel über mir. Das nahe Sarti damals ein verschlafenes Nest mit ein paar wenigen Häusern und zwei, drei Tavernen, die billig, für mich aber immer noch zu teuer waren. Ich fischte (mit loser Leine um den Finger gewickelt), grillte den Fisch im offenen Feuer, kochte mir auf einem Campingkocher was es so gab (Eintopf, Spaghetti).
Ab und zu kamen ein paar griechische Jungs vorbei. Wir klampften, sangen Arbeiterlieder (Sacco und Vanzetti) und Bob Dylan.
Es war das erste Mal (mit 20 Jahren), dass ich absolute Freiheit empfand.
Hierher gelotst hatte mich ein mit Schreibmaschine getippter Reiseführer,

als Reisen noch gebildet hat

mit selbstgemalter Landkarte von Chalkikdi. Mit so wertvollen Tipps wie: “Den besten Zeltplatz sucht man sich am besten selber … und dann per Autostop zum nächsten Dorf, Wasserholen”.

3 Finger Tipp

Als ich von oben auf den Strand blickte, überlegte ich, ob ich runtergehen sollte. Aber das war mir schließlich zu viel Pathos. Man steigt niemals zweimal in den gleichen Strand.

Ich fuhr einfach weiter … vorbei.

Kaum noch besiedelt die Küste ab jetzt. Viele einsame Strände …

Karibisches Feeling

… die erst im Sommer ihre Anmut verlieren werden.

on top of the rocks

Steinwurzeln

Dann wird sogar die eingemottete schäbige Strandbar wieder schneeweiß/griechischblau leuchten und Menschen, Menschen werden sich davor drängeln.

Winterstarre

Wind kam auf, Regen. Ich musste ein Bergmassiv kreuzen. Suchte ab und zu Schutz unter einem Baum mit breiter Krone.

Es graute früh. Schussabfahrt nach Ierissós mit (geahnt) grandiosen Aussichten auf Inseln, Landzunge, Halbinseln, auf dunkles Meer.

Insel schwimmt immer oben

Unterkunft in Ierissos: Hotel Markos. Strandnah. Familienhotel. Einfach eingerichet. Sehr nette Rezeption. 50 Euro (ohne Frühstück).

Tag 237 (20.03.2018) / Griechenland: Thessaloniki -> Nea Moudania

Strecke: 84 km (09:00 – 17:00 Uhr)

Der City-Bike-Laden hatte die neu Felge aus Patras kommen lassen und alles wieder sauber montiert.
Das Fahrrad lief wie geschmiert, auch wenn es erstmal – Fotomotiv! – vor der Kulisse “Mittelmeer mit verschneitem Olymp” stillstand.

ab jetzt durchhalten!

Die Strecke nach Chalkidiki anstrengend, aber nicht zu schwer. Und wichtiger: Nach einem Regentag hatte die Sonne sich wieder die Vorherrschaft erkämpft. Sie tauchte die Mini-Lagunen, die dem Meerufer vorgelagert waren, in ein schönes Kodachrome-Braun.

Spiegelwolken

Twins

Die Strände leer und unaufgeräumt.

noch seetüchtig?

So wie die Ortschaften, die gespenstisch leer waren, vergilbt, vergessen, verblasst.

Ruckelpiste

Wie anders müssen sie in in einem Monat wirken, wenn (spätestens) mit dem orthodoxen Ostern die Saison beginnt.

Schließlich Nea Moudania erreicht. Kleinstädtchen. Einer Ministeilküste (à la Rügen) vorgelagert.
Leider kam ich einen Tick zu spät. Die Sonne hatte keine Energie mehr und strahlte die porösen Felsen nicht mehr farbkräftig an.

Caspar Davidar nicht hier

Das Städtchen mit einer imposanten Kirche.

gedrängt

Ansonsten: Gähnende Leere. Ich hatte Schwierigkeiten ein offenes Restaurant zu finden. In einer Taverne sah ich Menschen, viele. Ich trat ein, der junge schon reichlich betrunkene Wirt kam auf mich zu, ich bat um einen Tisch – und der Wirt bedeutete mir, dass der Laden schon seit 1 Stunde geschlossen sei. Er feierte offensichtlich mit seinen Gästen, die geblieben waren, ein kräftiges Besäufnis. Er lud mich kurzerhand auf einen Wein ein. Umarmte mich herzhaft. Er wollte wissen, was mich hierher verschlagen hätte. Ich erzählte ihm (auf Englisch) von meiner Europaumrundung. Der Wirt war völlig begeistert, rief (beinahe) jeden Gast zu sich, damit er mir die Hand schüttelte. Für einige Minuten war ich der Mittelpunkt der Gesellschaft, jeder wollte irgendetwas von mir wissen. (Und ich hatte Hunger!) Bis schließlich ein Deutsch sprechender Gast kam und laut erzählte, dass erst letztes Jahr ein anderer (deutscher) Radfahrer aus Kasachstan angereist und hier eingekehrt sei. Damit war die Luft aus meiner Geschichte raus, ein neuer Held gefunden, und die Gesellschaft wandte sich wieder ihrer eigentlichen Tätigkeit zu, sich weiter zu besaufen.
Ich ergriff die Gelegenheit, mich zu verabschieden (unter vielem Herzdrücken und der Versicherung, bald wieder zu kommen) und suchte mir ein Esslokal.

An diesem Abend wurde ich noch oft “willkommen” geheißen. Der Bartender einer (fast völlig leeren) Kneipe weihte mich in sein Schicksal ein. Er war ausgebildeter Förster, fand aber in Griechenland keinen Job. Also arbeitete er als Barkeeper. Er wiederholte die Geschichte, die ich mittlerweile so oft auf meiner Reise gehört habe: Die griechische Regierung – gleich welche, auch die aktuelle – tue nichts, um die Infrastruktur zu verbessern, um Jobs für ausgebildete junge Menschen zu schaffen. Alle strömten in die Touristik-Branche, die aber nur ein paar Monate im Jahr boome. Ansonsten nichts.

Ich ging (spät) reichlich wortbetäubt in mein Hotel.

Unterkunft: Hotel Cavo D’Oro”. Am Hafen. Ein klein wenig heruntergekommen. Aber freundlicher Empfang. 35 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad in Büroraum untergestellt.

Tag 200 (26.04.2017) / Frankreich: Fréjus -> Juan-les-Pins

Strecke: 52 km (10:45 – 15:45 Uhr)

Zwei (!) Hundertster Tag meiner jetzt schon langen Europa-Umrundung. Netto mehr als ein halbes Jahr auf dem Europa-Sattel zugebracht. Ich war ein bißchen in Feierstimmung, der Himmel aber nicht. Wolkenverhangen. Ab und zu regnete es.

An diesem Strand, landeten am 14. August 1944 die Alliierten, um Frankreich und Europa zu befreien.

Stone washed

Ein Landungsboot der US-Marine zeugt davon.

Heroes

Trotz trübem Wetter: grandiose Natur! Porphyrrot.

Red flowers red stones

Das Massif de l’Estérel schiebt sich mit Wucht zwischen Fréjus und Cannes und hat doch lauschige Plätzchen. Wer würde nicht gerne mit dem Besitzer da unten tauschen, wenigsten für ein paar Wochen im Jahr und sein Abendbrot direkt auf der Meerterrasse zubereiten? Windbeschützt von rotem Fels und wild wuchernden Pinien.

Hier könnt ich wohnen / Teil 1

Eine wunderschöne Panoramastraße führt um die zerklüfteten Bergzüge herum. Und immer wieder entdeckte ich Orte, an denen ich es gut mal ein halbes Jahr aushalten könnte. (Und dass sich kein Mensch nähere!)

Hier könnt ich wohnen / Teil 2
Hier könnt ich wohnen / Teil 3

Ich verlangsamte meine Fahrt. Hielt immer wieder an. Staunte.

Red ball
Red stone

Nur der angekündigte Regen trieb mich weiter.

Red sand

“Where do you go to my lovely”?
Natürlich nach Juan-les-Pins.

Konnte aber bei der Ankunft in dem legendären Badeort der Côte d’Azur nicht ganz begreifen, was so legendär an ihm ist.
Lag es am grauen Wetter? An den leeren Stränden? Den verlassenen Kneipen? Den schon ziemlich heruntergekommenen Seitenstraßen? Den trotz Tristesse irreal überhöhten Preisen in den wenigen offenen Lokalen?

Unterkunft: Hotel “Villa Nina”. Strandnah. Eine Oase in der Schar der gesichtslosen Großhotels. Eine kleine privat geführte Villa, innen sehr geschmackvoll und kolonial eingerichtet. Sogar bezahlbar (59 Euro ohne Frühstück). Absolut zu empfehlen. Fahrrad in Hofschuppen abgestellt.

Tag 169 (26.03.2017) / Spanien: Huelva -> Sevilla

Strecke: 96 km (09:30 – 18:00 Uhr)

Was gibt es zu berichten?
Nichts. Regen, den ganzen Tag.
Ich fuhr jeden Regentropfen platt. Hundert Kilometer lang. Bis Sevilla. Wassertropfenmörder.

Blick stramm nach vorn

Spät am Abend in Sevilla eingetroffen. Kannte die Stadt bereits.
Es goss – auch in der Nacht – aus allen Kübeln. Auf dem Heimweg vom Tapas-Viertel ein paar schöne Schaufenster-Sevillanerinnen auf digitales Zelluloid gebannt.

Cool

Unterkunft: Hotel Cervantes. Sehr schönes Hotel im Kolonialstil. Außerordentlich professionelle Conciergen. Fahrrad in Hotelgarage untergestellt. 44 Euro (ohne Frühstück). Schnäppchenpreis. Hatte mit Buchung Glück.

Tag 168 (25.3.2017) / Portugal: Tavira -> Huelva (Spanien)

Strecke: 73 km (09:30 – 17:30 Uhr)

Plus eine Fährstrecke Portugal-Spanien über den Grenzfluss.

Grenzenlos schön! Tavira. Wenige Kilometer von der Grenze zu Spanien entfernt.

Charmant

Die Wettergöttin hatte mein Flehen als hinreichend devot akzeptiert und mir eine halbe Stunde Sonnenschein geschenkt.

Viertel nach Sieben durch das Städtchen gehechtet und fotografiert. Die Uhr lief.

Hellwach
Schön

Hinreißend schön.

Bei der Stadtausfahrt eine mobile Roma-Famile überholt.

Gemütlich

Nach der halben Stunde: wieder Regen! Bis zur Grenze.
Konnte mich grad so auf die Fähre retten. Klatschnass.

Länderhopping

Irre, dass es erst ein paar Jahre her ist, dass hier zwischen Portugal und Spanien ein einigermassen einfacher “Transit” stattfindet. Beide mögen sich offenbar nicht wirklich. Offene und leicht passierbare Grenzen sehen anders aus.

Auf der anderen, der spanischen Seite, lockte die Sonne.

Bienvenido!

Aber nur kurz. Noch wusste ich nicht, welchen Wetterteufel ich in Spanien umschmeicheln musste. Ich fuhr viel durch Wald und Sumpf.

SandSumpfWeg

Und der Regen kam immer wieder.

Ich fuhr ziemlich versaut in Huelva rein.

Unterkunft: Hotel “Costa de la luz” in der Altstadt. Eher billige Absteige. Aber sehr freundlicher Service. (Fahrrad in Abstellraum gestellt.) 28 Euro ohne Frühstück.