Meer Europa

Schlagwort Archiv: Regen

Tag 307 (06.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Nordkap

Strecke: 53  km (hin und zurück)  (09:30 – 15:30 Uhr)

Yeah! Ich hab’s geschafft! Ich hab’s Nordkap erreicht.

Wobei: Ich hatte erhebliche Zweifel gehabt, ob mein Fahrrad das noch schaffen würde. In Stuttgart hatte ich es Tage vor der Tour noch einmal überholen lassen, war aber dort bereits gewarnt worden, dass Kette, Schaltung und diverses andere Zeug möglicherweise nicht mehr den Strapazen standhalten würden.

Und es sieht in der Tat nicht gut aus. Der Wehwehchen-Katalog meines Rennpferdes ist beachtlich: Bremsen ausgeleiert (und Öl verloren), Kette springt wild auf den Blättern herum, 1. Gang geht nicht mehr (obwohl ich an der Schaltung rumgeschraubt habe) und Vorderrad eiert und schleift am rechten Bremsbelag. Weit und breit keine Fahrradwerkstatt in Sicht.

Also hatte ich überhaupt keine andere Optionen als aufgeben (kurz vor dem Ziel) oder irgendwie durch.

Ich wählte die Variante zwei. Ließ sämtliches Gepäck (sogar das Werkzeug und sogar meine schwere Kamera) im Zimmer und begann – so “erleichtert”, aber doch bang – das Unternehmen.

Champion

Gleich hinter dem Campingplatz ging es auf 3 Kilometern heftig steil nach oben. 9 Prozent. Ich hatte mir vorgenommen, zur Not zu schieben, aber: Ohne das ganze Gepäck hatte ich überschüssige Kraft, sogar im 2. Gang den Anstieg auf 350 Meter zu meistern.

Keine Kleinigkeit

Schon zu Beginn der Tour – im Tal, über dem Campingplatz – lagen dunkle Wolken auf der Welt.

In der Tiefe liegt die Kraft

Sie regneten sich Gottseidank nicht ab. Wasser schoss nur aus den Felsen.

Immer noch lag Schnee am Wegrand.

Die Wolken ruhten sich auf der Straße aus. Es wurde kalt.

Die Sicht zunehmend schlechter. Als ich nach zweieinhalb Stunden Schufterei das Nordkap erreichte, konnte ich kaum die Hand vor meinen Augen sehen.

Auf Sicht fahren

Ich zog meine nassen Sachen aus, hing sie zum Abtropfen über mein Fahrrad.

Real champion

Lief vor zum Wahrzeichens des Nordkaps, schaute kurz in die Tiefe, in der nichts außer Wolken zu sehen waren …

Ausgeguckt

… und setzte mich ins Café des riesigen Touristenzentrums, kaufte mir ein Glas Sauvignon Blanc und eine belgische Waffel und dankte meinem Fahrrad, das es all diesen Unsinn mit mir gemeinsam geschafft hat.

Auch Champion

Tag 306 (05.07.2019) / Norwegen: Repvåg -> Honningsvåg

Strecke: 66  km (10:15 – 17:45 Uhr)

Höllenlärm, dass einem fast die Ohren explodierten. Kalt, kalt kalt. Dazu völlig durchnässt von der Anstrengung. Ich hätte mir diese Tagestour nicht so schwer vorgestellt, zumal sie ja eigentlich eher kurz angelegt war. 66 Kilometer. Und der Tag hatte ohne Regen begonnen.

Nach einem Frühstück mit russischen Blinis und Rührei war ich ziemlich spät aufgebrochen.

Mein Gastort der letzten Nacht schien noch (obwohl bereits 10 Uhr) im Tiefschlaf.

Kalt und schön 1

Je weiter ich mich entfernte, um so schöner wurde Repvag.

Kalt und schön 2

Die Straße zunächst angenehm flach, windlos. Ich flog mehr als dass ich strampelte – oder beinahe.

Northword bound

Bei den ersten Steigungen wurde mir endgültig klar, dass etwas mit meiner Gangschaltung nicht stimmte. Der kleinste Gang tat überhaupt nicht mehr. Fatal fürs Berge fahren.

Nordmarkierungen

Und die Berge kamen nun.

Und vor allem die Tunnel. Ich hatte sie völlig unterschätzt. Der Nordkapptunnelen war 6870 Meter lang. Die Einfahrt geschätzt auf 100 Meter Meereshöhe. Ich schoss zunächst in die Tiefe, bis 212 Meter unter die Wasseroberfläche. But what comes down musst go up. Ab der Mitte des Tunnels musste ich in einer 10%igen Steigung wieder 300 Höhenmeter rauf. Schwer beladen. Und das ohne 1. Gang. Ich war nahe am Verzweifeln. Autos, die von vorn oder hinten kamen, kündigten sich mit einem Wahnsinnslärm an, den der dunkle Tunnel, der kahl und ohne jede Verkleidung war, wie ein Trichter ins Unermessliche verstärkte. Es tropfte von den Wänden und jeder Tropfen, der mich traf, rutschte widerstandslos durch meine eh schon nassgeschwitzte Kleidung. Ich hatte bald das Gefühl, mehr zu schwimmen als Fahrrad zu fahren.

Kaum raus aus dem Tunnel, kam der nächste. Nicht mehr so tief, aber seltsamerweise mit Steigungen (wieso muss man im Tunnel Hügel hinauf und wieder hinabfahren?).

Nass und schön

Die Landschaft immer wilder, nordischer.

Farblose Farben 1

Die Dörfer wie hingemalt. Inzwischen regnete es stark.

Farblose Farben 2

Ein Frontal-Wind peitschte mir ins Gesicht. Ich war halb blind. Hatte Linsen an – und doch schlierte die Sicht. Ich bekam nichts mehr scharf.

Als ich in Honningsvag einfuhr, einer sicher schönen Hafenstadt (endlich Städtchen!), hatte ich keinen Blick mehr für Bilder und Fotos.

Ich suchte mir eine Bar, tauschte auf der Toilette meine Kleidung, bestellte mir (jetzt wieder trocken) ein Bier. Sortierte mich kurz: Was war wichtig?

Fahrradwerkstatt! Gab es keine.

Wein! Der staatliche Alkoholmonopolist schloss bereits um 17 Uhr – also gleich.

Also Bier geleert, raus aus der Bar, rein in die Weinhandlung und einen ordentlichen Roten gekauft. (Die Weinpreise sind völlig in Ordnung. Happig ist nur der Konsum von Alkohol in Kneipen. Eine Halbe (Bier): ab 9 Euro. Ein Glas Wein 0,16l ab 10 Euro.)

So gut ausgerüstet für die Nacht, fuhr ich die knapp 8 Kilometer weiter bis zum Nordkapp-Camping. Ich hatte für 2 Nächte ein Zimmer gebucht.

Tag 305 (04.07.2019) / Norwegen: Lakselv -> Repvåg

Strecke: 112  km (09:15 – 19:15Uhr)

Norwegian Rain. Ich “arbeitete” die angekündigten Regentage ab. Hielt stur an meinem Plan fest und steuerte das Nordkap an. Auch wenn das Rad unter der Belastung immer häufiger zickte (Gangschaltung und vorderes Radlager machen Probleme).

Steigt hier nie der Pegel?

Ich ahnte, was man fotografisch aus den Motiven hätte herausholen können – mit ein bisschen Sonnenstrahl-Unterstützung.

Bleibt das immer so ruhig?

So war alles grau-milchig. Und für mich – der ich zum ersten Mal das Nordmeer sah – dennoch faszinierend.

Keine Menschen vor den Häusern.

Wer kommt hier vorbei?

Unbesungen die Kirchen.

Rhythmische Architektur

Straßen, die sich wie Lindwürmer durch eine karg gewordene Landschaft schlängelten.

Rangeschmiegt

Mal flach, küstenbegleitend, mal bergig und herausfordernd.

Umkurvt

Mal durch lange eiskalte und dunkle Tunnel führend.

Durchschaut

Mehr als einmal fragte ich mich, wie Menschen sich absichtlich so in die Einsamkeit zurückziehen können. Vor traumhafter Kulisse ja – aber was, wenn die Tage nur dunkel sind? Was tut man dann hier?

Lass. Dich. Fallen.

Wenn nicht einmal mehr die Bergriesen zu bestaunen sind?

Erschöpft in Repvag angekommen. Ein kleines Fischernest, noch ca. 85 Kilometer vom Nordkapp entfernt. Ich hatte überhaupt kein Gefühl für die Uhrzeit. Mein Handy war – regenbedingt – ausgefallen, hatte sich (wohl wegen Kondenswasser) urplötzlich entladen. Eine Armbanduhr besaß ich nicht. Ich fragte am Dorfeingang eine Frau nach der Zeit. Die Frau entschuldigte sich auf russisch, dass sie keine Uhr dabei habe. Ich wusste nicht, war es schon Nacht? Ich hatte das Gefühl sehr lange für die Fahrt hierher gebraucht zu haben.

Immerhin gab es in Repvag ein Hotel (das ich gestern vorgebucht hatte), dessen Tür aber verschlossen war. Ein handgeschriebenes Plakat erklärte, dass Hotel und Restaurant wegen “low season” noch ZU sei. Nach langem Klopfen erschien eine junge Frau, schloss auf und bat mich rein. Ebenfalls eine Russin. Model-Figur, kluge Augen, strahlendes Lächeln, lautes herzliches Lachen. Erklärte, dass das Schild nichts bedeute, sie wollten im Moment nur keine unangemeldeten Gruppen von “Motorradfahrern” verköstigen. Nur Gäste, die angemeldet seien. Und ich hätte mich ja angemeldet.

Belagert

Es war erst 19 Uhr (ich war also schneller geradelt, als ich gedacht hatte). Die junge Russin erklärte mir in schnörkellosem Englisch, wo ich mein Zimmer finden würde, bot mir ein Abendessen an (im Teigmantel zubereiteter Dorsch) und fragte mich nach meinen Wünschen für das Frühstück aus.

Eine Stunde später war ich geduscht und gut gelaunt zurück im Restaurant. Auf einem kurzen Spaziergang durch das kleine Dorf (ca. 10 bis 15 Häuser) hatte ich ausschließlich Autos (Geländewagen) mit russischen oder ukrainischen Kennzeichen gesehen.

Ich war einziger Gast im Restaurant (in den Unterkünften hatte ich einen weiteren deutschen Radler kurz gesprochen, doch der tauchte hier nicht auf). Der Koch brutzelte fleißig an meinem vorbestellten Dorsch und ich hatte Zeit, mich mit der jungen Russin zu unterhalten.

Sie stammte aus Kaliningrad, studierte noch, war während der Ferienzeit hier in Repvag, um im Hotel und Restaurant ein wenig Geld zu verdienen.

Bereitwillig gab sie Auskunft, dass vor ca. 7 Jahren das Hotel von einem russischen Geschäftsmann gekauft worden war – und seither immer mehr Russen sich hier ansiedelten oder ihren Urlaub verbrachten. Vor allem um nach Königskrabben zu fischen – oder überhaupt, um zu fischen. Es gäbe mittlerweile sogar ein eigenes russisches Fischercamp hier. Sie selbst langweilte sich ein wenig in dieser menschenleeren Region und hatte Sehnsucht nach Kaliningrad, in dem es gerade sommerlich heiß sei – und nicht so nasskalt wie in Nordnorwegen.

Wohin der Blick?

Draußen blinzelte die Nacht-Sonne. Und beschien Klein-Russland in Norwegen.

Die Fischer nagelten ihre Jagd-Trophäen an die Außenwand.

Ist das skurril oder eine besondere Art von Humor?

Ich blieb lange im Restaurant als einziger (aber nicht stummer) Gast.

Tag 304 (03.07.2019) / Norwegen: Karigasniemi -> Lakselv

Strecke: 93 km (09:00 – 18:30 Uhr)

 

Da ich von den absurd hohen Preisen in Norwegen für Wein, Bier & Co. gelesen hatte, hatte ich mir am Vorabend in Karigasniemi schnell noch im staatlichen Alko-Shop 2 Flaschen französischen Rotwein und 2 Dosen finnisches Bier besorgt und bin am Morgen schließlich schwer beladen über die Grenze. (Dort wurden Grenzgänger tatsächlich stichprobenartig nach Alkohol durchsucht.)

Bin gespannt

Es ging gleich ordentlich rauf und runter – und ich musste für meinen Weintransport ordentlich büßen. Die Finnmark (so heißt die Region in Norwegen, die ich durchfuhr) war fast noch einsamer als die letzte Strecke in Finnland. Auf fast 40 Kilometern sah ich kein einziges Haus, keine Einsiedelei, nichts. Aber trotz starken Regens konnte ich erkennen, dass ich durch ein Waldparadies fuhr. Irrsinnig schön.

Und das im Herbst oder im Indian Summer ...

Im Paradies gibt es aber immer auch einen Vorplatz für die Hölle. Die brachte die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Ein Erinnerungspfad (den ich wegen des Starkregens nicht beging) legte mitten in der Wildnis Zeugnis davon ab.

Etwa auf halber Strecke zickte mein Fahrrad. Irgendetwas lief unrund. Ich fixierte Hinter- und Vorderrad neu. Aber das Vorderrad schleifte immer wieder an den Bremsbelägen. Es schien, als hätten die hydraulischen Bremsen auch Öl verloren. Sie griffen nicht mehr hart genug.

Trotzdem kam ich einigermaßen sicher in Lakselv an. Ein sehr funktionaler Ort. Schon bei der Runterfahrt sah ich im Hintergrund den Fjord: Das Nordmeer lag grau unter den dunklen Wolken.

Rutschbahn

Tag 303 (02.07.2019) / Finnland: Inari -> Karigasniemi

Strecke: 100 km (09:00 – 17:45 Uhr)

Es ging früh zügig hoch. Und genau so früh war Grau-Grün die bestimmende Tagesfarbe.

Etwas für Grün-Liebhaber

Nur zu Beginn mit ein paar Sonnenstrahlen aufgehellt, die riesige Steinbrocken im Wald ausleuchteten.

Findling, Finnling

Abbiege links: und noch 343 Kilometer bis zum Nordkap.

Linksdrall

Die Straße Richtung Norwegen schmal und sehr wellig – manchmal richtig bergig. Sie führte bis auf 350 Meter hoch, stürzte dann ein wenig ab, um gleich wieder Höhe zu gewinnen. Nicht das, was sich ein Fahrradfahrer wünscht, will er schnell vorankommen. Anyway.

Ziemlich uneben

Einmal hielt mich eine ältere Dame an. Sie hatte mich mit ihrem Auto überholt, stoppte und winkte mich zu sich. In ruhigen Sätzen erklärte sie mir auf Englisch, dass einer Bekannten hier in der Gegend ihr junger Husky ausgebüchst sei. Wahrscheinlich folge er Rentieren oder Elchen. Sie bat mich, unterwegs aufmerksam zu schauen, ob ich den Hund vielleicht sichten könnte. Dann sollte ich dringend die Bekannte anrufen und ihr den genauen Ort schildern. Ein Fahrradfahrer – sagte die Dame – sehe mehr als ein Autofahrer. Sie bat mich von ihrem Handy einen Post der Bekannten abzufotografieren, samt Telefonnummer.

Ich versprach, sollte ich den Husky sehen, mich umgehend zu melden.

Ich passte wirklich auf, pfiff auf meiner Weiterfahrt manchmal laut, um den Hund zu locken. Aber mein Pfeiffen bewirkte nur, dass die Wolken sich zürnend entluden und mich den ganzen Rest des Weges bis an die norwegische Grenze mit Regen zuschütteten. Vom Hund habe ich nichts gesehen.

In Karigasniemi, dem letzten Ort vor der norwegischen Grenze, nahm ich Abschied von einem Land, das ich lieben gelernt hatte. 1.700 Kilometer lang.

Tag 300 (29.06.2019) / Finnland: Rovaniemi > Sodankylä

Strecke: 130 km (08:30 – 19:15 Uhr)

Es fühlte sich an wie eine Bewährungsprobe. Bin ich reif für den Norden?

Schon als ich um halb neun los fuhr, tröpfelte es. Kaum eine halbe Stunde hinter Rovaniemi passierte ich trotzdem noch einigermaßen trocken den Polarkreis. (Ein bisschen lieblos von der Straßenbaubehörde präsentiert.)

Genau hier

Dann öffnete der finnische Himmelsmeister seine Schleusen: der erste wirklich nasse Tag, seit meinem Start in Helsinki.

Und es hörte nicht auf. Meine Finger klamm. An einer Tankstelle besorgte ich mir billige Winterhandschuhe (mit Innenfell). 

Aber sie waren (noch) zu warm. Ich schwitzte unter der Funktionswäsche-Isolierung sowieso. Nach 4 oder 5 Stunden musste ich meine Garnitur Wäsche tauschen. Ich war nass bis auf die Knochen. (Wieso hält meine Funktionswäsche keinen Dauerregen aus?)

Kapuzenmann

Kaum einigermaßen trocken, sah ich, dass mich zwei Arbeitskollegen auf dem Handy angesimst hatten, die mit ihrem VW-Campingbus die gleiche Straße (E 75) – nur aus der anderen Richtung – fuhren. 

Wir trafen uns tatsächlich mitten in der finnischen Pampa. Ich konnte mich eine halbe Stunde in ihrem Gefährt aufwärmen und ein wenig trocknen. Edda und Harald kamen aus Norwegen, waren über das Nordkap nach Finnland abgebogen und nun auf dem Weg nach Schweden. Wir tauschten ein paar Infos, dann Abschieds-Küsse und weiter ging’s.

Irgendwann hatte der Wettergott Erbarmen und schickte kurz sein Sonnenunterhaltungsprogramm. Aber meine Hände waren schon zu zittrig, um das einzig brauchbare Landschaftsfoto des Tages zu schießen. Verwackelt!

Hätt' so bleiben können

Tag 299 (28.06.2019) / Finnland: Pausentag in Rovaniemi

Morgen werde ich ein Jubiläum feiern: 300 Tage auf dem Sattel rund um Europa. Da ich aber nicht weiß, ob ich früh genug an meinem Ziel (Sodankylä) ankommen werde (immerhin ca. 130 Kilometer – meist bergauf), beschloss ich, schon in Rovaniemi mir ein “Feiertags”-Menü zu gönnen. Lappländisch. Vorspeise: Lachssuppe (köstlich!). Nachspeise: Joghurt mit Blaubeeren (der Name verrät nicht, wie herrlich das schmeckte). Hauptspeise: Rentier auf zwei Arten zubereitet.

Zauberfarben

Rentier: einmal geschmort, einmal gebraten. Ich war begeistert. Kombiniert mit allerlei essbaren Blüten und mit grünem Spargel.

Leider spielte mein Fotoapparat verrückt und schoss ein analoges Negativ. Um es zu entwickeln, muss ich den Film erst noch (Zuhause) ins Labor bringen. Bin auf das Ergebnis sehr gespannt.

Ansonsten, was tat ich den Tag? Nicht viel. Ich besuchte das Arctic-Museum (sehr sehenswert) – mit einer Abteilung, die sich sehr anschaulich um das traditionelle Leben der Lokalbevölkerung kümmerte.

Dresscode: Elegant
Noch warm der Fuchs
Leicht angespannt

Und ich bereitete meine Tour tief nach Lappland rein vor. Ab morgen sollte es (dauerhaft) regnen und kalt werden. Hoffentlich irrte sich die Vorhersage. Ich weiß nicht , ob meine 4 Jahre alte Ausrüstung einem Dauerregen standhält.

Tag 284 (05.10.2018) / Schweden: Melbystrand -> Varberg

Strecke: 112 km (09:15 – 19:00 Uhr)

Der Morgen legte eine Regenpause ein. Ließ mich den Melbystrand genießen. Im Sommer müssen hier Rimini-Zustände herrschen.

Ziemlich bedünt

Jetzt war ich allein.

Ziemlich bespült

Alle 100 Meter druckte sich ein Fertighäuschen hinter den Dünen weg.
Ich weiß nicht, ob die alle bewohnt oder nur Ferienwohnungen waren. Menschen sah ich nicht.

Eingebettet

Es ging kilometerweit so weiter. Grundstück an Grundstück. Ohne dass die Häuser sich mal zu einem Dorf klumpten.

Häusersaum

Aber dann doch: eine winzige Ansiedlung, die den Namen Ortschaft verdiente. Sogar mit einem Kurhotel. Das jedoch schon in Herbst-Winter-Frühlingsschlaf gefallen war.

Eingemottet

Der Fahrradweg eh schon einsam und dann führte er auch noch durch einen stummen Wald.

Beschattet

Nur manchmal Zeichen, dass in dieser Gegend tatsächlich jemand lebte.

Farbklecks

Aber selbst die Bauern waren heute nicht auf ihren Feldern.

Gegen Mittag erreichte ich ein Naturschutzreservat.

Gebeugt, nicht gefällt

Einsamkeit lässt sich nicht steigern. Einsam, einsamer? Nee, geht nicht

Gestrandet

Ich konnte gar nicht so viel atmen, wie der Sauerstoff sich mir aufdrängte. Reinste Luft. Aber feucht-schwer und eigenartig dunkel.

Gekurvt

Immerhin regnete es mal eine Weile nicht.
Der Herbst hatte Schweden bereits fest im Griff.
Manchmal raschelte das rote Laub (raschelt es anders als grünes?).

Gewässert

In einer Bucht ein Fischereibetrieb ohne Fischer.

Verlassen
Aufgespult

Alles verrammelt und verriegelt.

Rot macht froh

Natur nur für mich.

Begrünt

Verweilen?
Nee, ging auch nicht.
Regen kündete sich an.
In der nächst größeren Stadt machte ich eine kurze Rast. Kaufte mir auf dem Marktplatz von Halmstad an einem Stand einen Hotdog. 20 Kronen. Ich hatte aber nur einen 100er Schein und der Verkäufer konnte nicht herausgeben. Er wollte mir die Wurst schenken. Ich wehrte mich. Ich fragte ihn, woher er stamme. Es war klar, dass er kein gebürtiger Schwede war. Er antwortete (in gebrochenem Englisch): aus Syrien. Mit der ersten Flüchtlingswelle zu Beginn des Bürgerkrieges war er hierher gekommen. Offensichtlich hielt er mich für bedürftig (sah ich schon nach 3 Wochen Rundreise so heruntergekommen aus?) und zeigte Solidarität mit einem Schicksalsverwandten (sah ich wirklich so abgemagert und hungrig aus?).
Ich drückte ihm 2 Euro in die Hand und hoffte, er konnte sie irgendwo tauschen.
Er winkte mir nach.

Spät in Varberg eingetrudelt. Pitschenass. Das einzige Hotel mit noch freien Betten war das ehrwürdige alte Stadthotel. Very british. Die Hautevolee war hier versammelt bei Klaviergeklimper und Whisky-Tasting. Frauen (vor allem junge) in Abendgarderobe, Männer in Anzug und mit Hipsterbart. Ich kam mir fehl am Platz vor. (Sah ich wirklich so zerzaust aus?)

Tag 283 (04.10.2018) / Strecke: 118 km (10:00 – 19:00 Uhr): Kopenhagen -> Melbystrand (Schweden)

Strecke: 118 km (10:00 – 19:00 Uhr)

(Zwischendurch eine Fährstrecke von Dänemark nach Schweden (ca. 20 Minuten).)

Vorm Verlassen Kopenhagens radelte ich noch ein paar Sehenswürdigkeiten ab. Auch den Nyhavn (Neuen Hafen), der eigentlich der alte ist.

Standard

Die letzten paar dänischen Kilometer angenehm. Der Kattegat glatt wie ein See.
Die Ortschaften wie kleine Kurstädtchen.

Offen - nicht geschlossen
Rentner-Vierer

Badebetrieb im Meer noch möglich. (Ich sah tatsächlich einen älteren Herrn, der sich ins kalte Wasser warf.)

Nicht abgeschlossen - nicht verlassen

In Helsingor transportieren große Autofähren im 15-Minuten Takt vor allem Lastwagen nach Helsingborg (Schweden) und umgekehrt.

Goodbye

Die Überfahrt kurios: Laut einer Lautsprecheransage durfte auf dem Schiff Alkohol nur in dänischem Gewässer gekauft, dafür Tabak nur in schwedischem Hoheitsgebiet erworben werden.

Welcome

Gegen 14:00 Uhr legten wir an und ich rollte in Schweden ein. Die ersten skandinavischen Stunden: grau und regnerisch.

Schwedischgrau

Erst am Abend besserte sich die Sicht ein wenig.
Ich hatte noch eine zermürbende Bergkette zu überwinden, bevor ich schließlich an die Küste kam, die ich mir als Tagesziel ausgesucht hatte.

When night falls

Hotels gab es nicht, nur Privatunterkünfte. Meine Tages-Vermieterin hatte mir am Nachmittag eine SMS geschrieben, dass in Melbystrand im Umkreis von 10 Kilometern kein Restaurant geöffnet hätte. Ich versorgte mich unterwegs also mit dem Nötigsten, um ohne Hunger- und Durstanfälle die Nacht zu überstehen.

Frugal

Tag 280 (01.10.2018)/ Dänemark: Aalborg > Aarhus

Strecke: 133 km (09:00 – 19:00 Uhr)

Aalborg: viertgrößte Stadt Dänemarks (115.000 Einwohner): Bestes Kneipenleben bis jetzt. Klasse Bars.

Tuschezeichnung

Ich hatte mich mit dem Pausentag gestern weitgehend von meiner Fahrrad-Erschöpfung erholt. Ließ mir Zeit – und brach gut gelaunt auf. Auch wenn der Morgen grau begann. (Morgengrauen halt – obwohl der Sonnenaufgang schon etwas länger zurück lag.)

Ich wählte den längeren Weg nach Aarhus. Wollte zuerst dem Kattegat einen Besuch abstatten.

Dänemark zeigte sich auf dem Weg dahin wie bisher auch: mit sauber aufgeräumten, mal platten, mal leicht welligen Landschaften.

Blau-Grün müssten eigentlich die Nationalfarben sein

Mit Bauernhöfen, die nicht einen Hauch von Gülle-Geruch ausdünsteten. (Wie machen die das? Ist das schon die virtuelle Landwirtschaft?)

Nicht mal Schweinegeruch dringt raus

Die Sone blinzelte immer wieder durch die schwere Wolkendecke, schob manchmal auch alles störende Weißgewusel kurzerhand ausm Himmel raus.

Die Kattegat-Küste unspektakulär.

Verschilft

Das Ostsee-Wasser zog sich etwas zurück und simulierte Nordseewatt.

Versumpft
Verglibbert

Schöne Schotterwege entlang der Küste.

Noch nicht ausgetrocknet

Dann kam der Regen, dann kam die Sonne. Ein etwas in die Knochen gehender Wechsel von kalt nach warm und zurück nach kalt.

Dafür aber immer wieder schöne LGBTQ-Regenbögen über nassglänzenden Straßen.

Wow-Effekt

Die Sonne lässt nach einem Regenguss die Landschaften strahlen und frisch gemähtem Grasduft verströmen. Ein Hauch von Magie, selbst wenn das Panorama eigentlich noch so langweilig ist.

Klarfarben

Es passierte nicht mehr viel bis Aarhus. Aber immerhin: Ich sah ein paar Dänen (Outdoor!).
Einen (weit weg und) von hinten:

Ordentlicher Auftritt

Er beteiligte sich an einer Treibjagd, trug eine Flinte und eine rote Mütze – wohl um nicht als Wildsau mit kapitalem Schuss erlegt zu werden.
Und zwei Dänen von oben:

Klinisch sauber

Sie angelten in einem überhaupt nicht nach Fisch und Fischer riechendem sauber geputzten Sonntagsbötchen.

Der auch! (Uff, jetzt wurden es ja richtig viele!)

Die Jugend macht's nach

Ich musste noch ein wenig kämpfen: Die Tagesdramaturgie hatte einen langen Schlussanstieg vorgesehen, kombiniert mit Gegenwind.
Als Gegenleistung erhielt ich eine schöne Schussabfahrt – rein in das quirlige Aarhus.
Und wie mich die zweitgrößte Stadt Dänemarks überraschte: pralles Leben. Hunderte FahrradfahrerInnen, die durch die engen Gassen der Altstadt surften.
Szenekneipen. Mexikanische, thailändische, dänische und französisch-belgische Restaurants.
Ich sättigte mich und ging noch spät 2 Absacker-Rotweine in einer Weinkenner-Bar trinken.
Ich war kurz vor Ladenschließung gekommen, mithin jetzt der einzige Gast und der Wirt beantwortete mir geduldig sämtliche meiner Fragen zu seinem Land.

Zum Hygge-Hype (Ja, in der Tat liebten es die Dänen (vor allem auf dem Land) bei sich in ihrer schön dekorierten Wohnung zu sein. Dorthin laden sie ihre Freunde ein. Viel seltener treffe man sich öffentlich sichtbar in Kneipen oder in einem Biergarten).

Ich wollte sogar wissen, warum selbst dänische Bauernhöfe fast aseptisch sauber wirken und kam schließlich noch zu einer Frage, die mir schon lange auf der Zunge lag: Dänemark ist hochpreisig, reich. Alles wirkt proper. Armut jedenfalls ist nicht sichtbar. Genau so wenig wie Fremde in den Straßen. Wenn das Land so zufrieden mit sich selbst ist (Hygge) – wieso driftet es politisch so scharf nach rechts?

Antwort des Wirtes:
Dänemark hat ein umfassendes Sozialsystem. Niemand landet hier auf der Straße. Es gibt ein gutes Nachbarschaftsverhältnis. Die Menschen passen gegenseitig auf sich auf. Und gibt es doch Probleme, springe der Sozialstaat ein.
Nun hätten aber viele Menschen Angst, dass Flüchtlinge nur zu ihnen kommen, um in das großzügige Sozialsystem zu migrieren und es damit für alle unbezahlbar zu machen. Diese Angst sei weit verbreitet. Es sei letztlich die Furcht, den eigenen Reichtum teilen zu müssen.

Unterkunft: 1 Apartment im Nebenbau des Hotels Ferdinand. Zentrum. Sehr gut gelegen. Sehr nettes Rezeptionspersonal. Gutes Restaurant.