Meer Europa

Schlagwort Archiv: Sand

Tag 295 (24.06.2019) / Finnland: Kokkola -> Raahe

Strecke: 128 km (09:45 – 20:15 Uhr)

Die Tage häuften sich, an denen ich jeweils deutlich über 100 Kilometer zurücklegte. Das lag sicher an den eher leichten Routen: Boden-Wellen kaum höher als 20, 30 Meter. Oft Gegenwind, aber selten stark.

Und es lag daran, dass nicht wirklich viel zu sehen war. Ich folgte (zwangsläufig) der Bundesstraße E8. Sie verlief küstennah, berührte das Wasser aber selten. Die Ostsee bekam ich tatsächlich nur wenig in den Blick. Und wenn ich mal eine Stichstraße zu ihr nahm: Sie glich sich an vielen Stellen. Kein offenes Meer – die See war eher ein Netz miteinander verbundener Teiche und täuschte so fast ein wenig Harmlosigkeit vor. Überall in den kleinen Buchten lugten (Fertig-)Holzhäuser mit ihren kleinen Holzanlegern ins Wasser.

Aber immerhin: ab und zu ein schöner Bauernhof.

Ob sich Vögel da wirklich erschrecken?

Und ab und zu sogar mit einem noch schöneren Café im Innenhof. In einem trocknete ich meine nass geschwitzten T-Shirts und machte kurz Rast.

Anlage schien dennoch Vogel und Katzen frei. Merkwürdig.

Und dann doch die Überraschung. Nahe Kalajoki: ein, zwei Kilometer lang offene See! Mit vorgelagerten Dünen. Herrlich.

Das Licht leider superhart. Mittagszeit.

Seicht bis zum Horizont?

Ich stolperte ein wenig durch den Sand.

Ich hinterließ keine Fußabrücke

Braun-Blaues-Farbenspiel.

Gibt es für dieses Blau eine Bezeichnung?

Noch brummte die Saison nicht.

Downgrade

Die modern-futuristischen Strandhotels fast völlig leer.

Vielleicht hatte ich hier übernachten sollen?

Danach war die einzige optische Auflockerung auf der Fahrt ein Fluss, der, obschon kurz vor der Mündung, noch ein Mal Stromschnellen spielte.

Lederstrumpf-Land

Schließlich (nach einigen weiteren Stunden auf dem Sattel) in Raahe angekommen. Ein kleines Städtchen, das man nicht gesehen haben muss.

Ich hatte nach der Ankunft enorme Schwierigkeiten, etwas Essbares zu finden. Landete schließlich in einem Pub. Die Hauptbeschäftigung dort war wie so oft: Saufen oder an einarmigen Banditen Geld verlieren.

Die Menükarte war nicht zu übersehen. Das Angebot äußerst überschaubar: Alles, was sich aus dem Gefrierfach direkt in die Mikrowelle schieben ließ. Ich aß Muikkukori – gebratene Sardellen. (Hab übrigens nach dem finnischen Wort gegoogelt. Das schafft der Internetriese nicht, eine angemessene Übersetzung zu liefern. Es lebe Finnisch!)

Geschmack? Na ja – sättigend.

Tag 254 (06.04.2018) / Bulgarien: Varna -> Baltschik

Strecke: 46 km (10:15 – 16:45 Uhr)

Bulgarien verschloss sich mir. Hatte ich es nicht schon einmal gesagt?

Die Strandorte, die ich passierte: klobig, unförmig, überdimensioniert, reiner Hotel-Strand-Bar-Tourismus (wenn er denn mal stattfände). Häßlich. Ich konnte nichts mit dieser Küste anfangen.

In einem dieser Komplexe dann überraschenderweise ein kleines orthodoxes Kloster: “Die Heiligen Konstantin und Helena“.

Zum Himmel empor

Ort der Stille. Aus Masse (Tourist) wird plötzlich wieder Individuum (Bürger).

Zum Boden hinab

Eine Fahrradfahr-Stunde später, in den Felsklippen, das ehemalige Höhlenkloster: “Aladscha”.

In den Fels gelebt

Vielleicht schon im 4 Jh. angelegt. Spätestens ab dem 11. Jahrhundert verbürgt.

Wie Honigbienen-Waben

Muss nicht leicht gewesen sein, die Höhlen in den Stein zu hauen.

Wie kamen die nur da hoch?

Waren die Mönchszellen über Außenleitern verbunden?

In einer Zelle noch ein Deckengemälde erkennbar.

Der Himmel (Zimmerdecke) ausgemalt

Der Boden bedeckt mit frischen Wunschzetteln und Wunschgeld.

Die Silberlinge am Boden (heute Kupferlinge!)

Herrlich gelegener spiritueller Ort. Manche Mönche konnte von ihren Zellen das Meer sehen.

Gemeinschaftsunterkunft? Rekektorium?

Weiter an er Küste entlang. Feiner weißer Sand. Kleine Buchten. Riesengroße Touristen-Komplexe. Was soll daran schön sein? Wie sie nicht alle benamst waren: Goldstrand, Sonnenstrand, Weiße Lagune.

Stadtstrand

Und dann doch: Ein langgezogener Riviera-Beach, der ein bisschen versöhnte. Bei Albena.

Yeah!

Für ein paar Hundert Meter wurde es sogar fast wild. Und hier musste ich auch noch mein Fahrrad durchstemmen.

So kann Küste auch sein

Zeitig in Baltschik angekommen. Bulgarischer Urlaubs-Hotspot. Schön gelegen und trotzdem unansehnlich.

Unterkunft: Hotel Antik. 4 Sterne. Moderner Bau. Direkt am Hafen. Sympathisch. Rezeption hilfsbereit. (Fahrrad in Gepäckraum untergebracht.) 57 Euro (mit Frühstück).

Tag 211 (29.09.2017) / Italien: Castiglioncello -> Grosseto

Strecke: 120 km (09:30 – 18:00 Uhr)

Langer Tag – kurz erzählt.
Ellenlange Sandküsten. Feiner, leicht bräunlicher Sand.
Obwohl schon morgens, um die 19 Grad: die allermeisten Strände fast menschenleer.

Hochsitz

Selten mal ein paar Dünen. Aber wenn: Dann waren sie einigermaßen geschützt. Man konnte sie nur über Holzbohlen queren – um zum Meer zu kommen.

In the pines

Wie überhaupt die Riviera alles andere als extrem zugebaut ist. Klar – lang gezogene Siedlungen gab’s zuhauf.

Hingeströmt

Aber immer wieder wird die Natur auch in Ruhe gelassen. Schöne Radwege – manchmal.

Through the pines

In den Ortschaften: Schilderwälder. Mit manchen Besonderheiten.

Schilda

Um die Mittagszeit wurde es hügelig. Die Sonne brannte. Ich scannte lange die Strecke, bis ich eine offene Spaghetteria fand.

Meine Rettung

Papa kochte. Einfach und gut.

Fürstlich

Dazu ein herrlich gekühltes Bier. (Ich wunderte mich, dass der bayerische Gerstensaft in der Mitte Italiens so verbreitet war.)

Königlich

Gegen den Wind schließlich in Grosseto, dem Zentrum der Maremma, eingetrudelt.
Die Altstadt ist relativ klein. Dafür äußerst entspannt und sympathisch.

Outdoor people

Italienische Seniorenheime sind ganz offensichtlich überflüssig. Die Piazza reicht. Die Alten sitten sich gegenseitig. Und auch sonst: viel Betrieb.

Spielplatz
Eingerahmt
Standfest

Unterkunft: Hotel Nuova Grosseto. Gegenüber Bahnhof, 10 Minuten von der Altstadt entfernt. Modern, großes Zimmer. Sehr freundlicher Empfang. Fahrrad in Garage abgestellt. (65 Euro mit Frühstück.)

Tag 194 (20.04.2017) / Frankreich: Collioure -> Gruissan

Strecke: 93 km (10:00 – 18:00 Uhr)

Die Pyrenäenspitzen noch mit einer Schneehaube, während im Tal die Weinblüte begann. Ich durchfuhr die berühmten Hanglagen des Banyuls. (Mir zu süß, auch wenn es ein Desertwein ist. Vielleicht ist es der Hauch von Rosinengeschmack, der mich schreckt.)

Weinschnee

Kaum in der Ebene angekommen, ging meinem Hinterrad die Luft aus. Ich hatte doppeltes Glück. Zum einen lag Argelès-sur-Mer nur einen Kilometer weg – und ein Fahrradladen hatte dort am frühen Morgen bereits geöffnet. Schneller Service. Ein ziemlicher fieser Dorn hatte sich in den Reifen gebohrt und den Schlauch gepiekst.
Zum zweiten: Ich besaß keinen Ersatzschlauch mehr. (Unterwegs aufgebraucht.) Ich konnte heute wieder Vorrat kaufen.

Skelett

Die Küstenlinie: Sand, Sand, Sand. Langgezogene Strände. Ab und zu Retortensiedlungen. Wer nicht gerne surft, für den ist die Ecke uninteressant.

Higher than the sky

Die eigentliche Attraktion war das Hinterland: Eine bezaubernde Lagunenlandschaft. Mit altertümlichen Fischerkaten.

Nicht für die Ewigkeit

Und herrlichen Seen.

Zeitlos

Auch mal steppenartiges, fast schon wüstenhaft trockenes Flachland.

Platt

Ich folgte überwiegend langgezogenen Kanälen. Oder Seitenkanälen. Oder Verbindungskanälen. Bald blickte ich nicht mehr durch. Manchmal glaubte ich, über offene See zu fahren. Auf einer schmalen Sandpiste, die auf das Wasser gelegt wurde. Wer die Kanäle gegraben hat, wie alt die Anlagen waren, ich wusste es schlicht nicht. Der “Canal du Midi” ist ja schon im 17. Jahrhundert von Tausenden Arbeitern ausgeschaufelt worden. Waren all die anderen Wasserstraßen genauso alt? Ich hatte Stoff zum Nachlesen.

Auf manchen Kanälen schipperten ein paar wenige Touristen. (Meist parkten sie irgendwo im Schatten und ließen es sich an Bord mit Wein und Baguette gutgehen.)

Kanal voll

Eher selten waren Fischerhäuser.

Kanal gar nicht voll

Wirtschaftswege begleiteten die Kanäle. Gut befahrbare Schotterpisten oder Sandwege.

Kanal leer
Immer grad aus

Der Tag wurde zum Genuß. Er machte mir richtig Spaß. Ich wollte, dass der Abend sich heute verspätete.

Dürre, wo Wasser ist

Relativ früh erreichte ich Gruissan. Eine von Süßwasser umflossene Trutzburg. Das Mittelmeer nur einen Steinwurf weit weg.

Wasserdorf

Entspannte Atmosphäre im Dorfkern.

Querschnitt
Noch ein Querschnitt

Die schönen Straßen noch nicht überlaufen. (Während auf der anderen Seite – am Yachthafen – es bereits ziemlich rummelte.)

Hochschnitt
Fast quadratisch

Ich genoß den milden Frühlings-Abend.

Unterkunft: Hotel “Le Mirage” am Yachthafen. Gesichtsloser Klotz. Fahrrad in Garage untergestellt. 70 Euro (ohne Frühstück).

Tag 172 (29.03.2017) / Spanien: Jerez de la Frontera -> Zahara de los Atúnes

Strecke: 103 km (09:30 – 19:30 Uhr)

Eigentlich wollte ich nicht so schnell wieder asphaltierte Wege verlassen. Es war aber unvermeidlich. Das spanische Straßenverwirrspiel hatte ich immer noch nicht durchschaut. Ganz plötzlich verwandelte sich eine Nationalstraße, die ich mit dem Rad befahren durfte, in eine Autobahn. So schnell konnte ich mein Rad gar nicht in ein Auto umrüsten.
Also: immer wieder durch Pampa.

Beschirmt

Es ging gut. Keine Schlammpiste. Die Sonne buk jetzt wieder alles fest. Auch die Waldwege.

Die andalusischen Kleinstädte auf dem Weg zum Meer wirkten amerikanisch: Mall-Straßen. Nichts für Fußgänger.

Stadtwald

Nach einigem Zickzack den Atlantik erreicht. Endloser Sand.

Sandstrand

Schöner wurde es mit den Klippen.

Mädchenstrand

Ein mit Rad befahrbarer Wanderweg ließ herrliche Aussichten zu.

Felsenstrand

Unweit des historischen Leuchtturms von Trafalgar (draußen auf dem Meer fand die Schlacht statt!) parkte ich mein Fahrrad. Sand hatte die Straße zum Turm gefressen.

Fahrradstrand

Waren wohl Engländer, die da siegreich im Sand lagen, sich von der Sonne braten ließen und auf das spanische Monument blickten.

Fußstrand

Die spanischen Städtchen unterwegs wie leergefegt. Klar, es war Mittag. Nur: Die Sonne brannte noch nicht sommerheiß. Höchstens 19 Grad. Und trotzdem niemand in den Straßen.
Geisterstädtengleich.

Stadtleere 1
Stadtleere 2

Stadttore, die weder Ein- noch Ausgang waren.

Stadtleere 4

Ab jetzt wurde es hart! Gegenwind! Viel zu schwach das Wort: Gegenturbulenzen. Oder: Gegensturm.
Ich kam kaum noch voran.

Strandaufwärts

Die letzten 15 Kilometer bis zu meinem Zielort – Zahara de los Atúnes – waren die reinste Plackerei.

Fast nur im 1. Gang gefahren. Selbst wenn es mal nicht bergauf ging.

Zaharas Dünenstrand schlummerte bereits im Abendgold als ich ankam.

Dünenstrand

Immerhin ein sehr gutes Restaurant gefunden. Fantastisch gegessen. Doch immer wieder auf die Fischauslage gestarrt.
Ein stolzes Exemplar Corvina war auf Eis gebettet und schaulustig ausgestellt.

Strandgut

Je länger der Abend und je größer die Weinrechnung fragte ich mich, ob dies würdevoll war. Immer wieder kamen Einheimische an die Vitrine, um das tote Tier zu bestaunen. Stolz schwang in ihre Stimmen. Ältere Fischer zeigten jüngeren Kollegen gestenreich, welch guter Fang dies gewesen sei. Sie hatten offensichtlich Ehrfurcht vor dem Fisch.
Er war ein Wesen.
Nur: Haben Wesen nicht Seelen?

Das war mehr als eine rhetorische Frage. Offensichtlich strahlte das tote Tier eine Würde aus, die selbst die Einheimischen, die vom Fischtöten lebten, empfanden.

Aber wurde die Würde des Tieres hier nicht verletzt? Durch die Show, die mit ihm betrieben wurde? Durch das Ausstellen?
Fisch, Fangen, Töten, Auf den Teller: Alles okay.
Aber dieses Prachtexemplar in der Vitrine aufbahren?
Leichenschau! Leichen-Show?

Also zurück: Wurde die Würde verletzt?
Und wenn ein Viech Würde hat, hat es dann auch eine Seele?

Klar: Kein Fisch vermisst einen toten Fisch. (Ist das so klar, selbst in einem Riesenschwarm?)
Ich stelle mir diesen Meeresbewohner in der Vitrine lebend vor – wie er stolz im Meer schwamm.
Nur die Erinnerung macht einen Toten zum (ehemals) Lebenden. Ohne Erinnerung hat niemand gelebt.
Und jetzt erinnerte ich mich an diesen Fisch, wie er vor der Küste schwamm. Haben Fische auch Erinnerungen?

Ich sackte immer tiefer in die Fischphilosophie ein. Sollte ich nicht eine neue philosophische Schule gründen?

Ich ging spät schlafen

Unterkunft: “Hospedería Zahara”. Zentrumsnah. Appartmentblock. Praktisch eingerichtet. 32 Euro ohne Frühstück. Fahrrad im Zimmer abgestellt.

Tag 166 (23.03.2017) / Portugal: Pause in Lagos

Schon leichter Regen hatte sämtliche Touristen aus den engen Gassen Lagos’ geschwemmt.

Leergespült

Beinahe gespenstische Stille.

Gassenruhe

Kam die Sonne durch, glänzten die Kachelfassaden.

Grüngekachelt

Lagos zeigte sich in aller Herrlichkeit.

Du bist nie allein

Keine Touristen, nur Einheimische im zentralen Fischmarkt, der überaus modern wirkte

Abgefischt

Es wurde geschuppt, gehackt, gehäutet und ausgenommen.

Resolut

Eine Spezialität: Pata – Roxa (Kleingefleckter Katzenhai).

Gehäutet

Fixe Hände hatten sie im Nu küchenfertig.

Ausgeweidet

Als die Sonne für eine Stunde die Stadt aufhellte, lief ich schnell zum nahen Strand.

Gebackener Sand
Naturfantasie

Berühmte Felsenküste.

Arg zerzauste Sandklippen.

Sandburg

Konnte durch einen Durchguck meine morgige Strecke Richtung Faro in Augenschein nehmen.

Durchblick 1
Durchblick 2

Am Abend, wie schon gestern zweimal und heute Nachmittag (also jetzt 4 Mal!), in meine ZweitagesStammKneipe gegangen. Besser gesagt meine Stamm-Vinothek.

My favorite valent-wine

Eine richtig gute Weinbar mit exzellenten Fachleuten hinter der Theke und noch besseren Weinen in den Regalen.

Heute diskutierten die Wirte (Kollektiv?) miteinander, wo sie so ein Teleskop-Gerät herbekommen könnten, um Weinflaschen aus den oberen Regalen herunter zu holen. Sie hatten keine Lust mehr, ständig auf wacklige Schemeln aufzusteigen, um die oberen Flaschen greifen zu können. Sie kannten aber den Fachbegriff für die Gerätschaft nicht. Wir diskutierten rum (auf Englisch). Ich schlug vor nach “Flaschengreifern” zu googeln. Auf Deutsch, Englisch oder Spanisch. Ohne Erfolg. Wir spornten uns gegenseitig an, einen Begriff zu finden, der einen Google-Treffer produzieren könnte. Bis mir die Suchbegriffe “langer Arm” und Greifer” einfielen. Hatte sofort Erfolg. Die nächste Viertel Stunde bemühten die Wirte auf ihren Handys den portugiesischen Übersetzer und frohlockten schließlich.

Ich hörte gar nicht mehr zu, ließ mir gut gekühlte Rotweine servieren, mal aus dem Dão, dem Alentejo oder dem Douro.
Ich fand auch noch nach Hause.

Und dort erinnerte ich mich noch an eine weitere Begebenheit in der Bar. Plötzlich war einer der Wirte hinaus ins Freie gestürzt. Atemlos. Zuvor war ein etwas abgerissener, eher junger Mann ins Lokal gestiefelt und hatte um eine Zigarette gebeten. Er wirkte ein wenig hilflos, sogar desorientiert. Der Wirt gab sie ihm, der Beschenkte nach draußen, warf mit großer Geste die Tür hinter sich zu. Und auf einmal öffnete der Wirt die Kasse. Zog einen Zehner heraus, lief dem Mann hinterher und drückte ihn ihm die Hand. Ich konnte dies gut durch das Fenster verfolgen. Ich fragte mich, was sich hinter der Begebenheit verbarg. Handelte es sich um einen abgestürzten Ex-Freund, einen verstoßenen Bruder? Um einen fremden Fremden? Warum griff der Wirt in die Kasse und nicht in seinen privaten Geldbeutel? Warum dachte ich überhaupt in diesem Moment über diesen Unterschied nach? Wichtig und ergreifend war doch nur die Geste des Schenkens. Ich schlief wohl über diese Frage ein.

Tag 165 (22.03.2017) / Portugal: Carrapateira -> Lagos

Strecke: 38 km (08:00 – 14:30 Uhr)

Gleich nach dem Aufstehen das Rad gesattelt und zur “Praia do Amado” gestrampelt. Ein paar Sonnenstrahlen halfen mir, wach zu werden.

Out in the wilderness

Im Tiefschlaf allerdings noch die Surfer-Bucht.
Fels, Sand und Meer nur für mich.

Out in the wilderness 2

Immer mehr entwickele ich mich auf dieser Tour zum Beach-Spotter.

Der Küstenwanderweg war auch mit dem Rad (meist) gut befahrbar.

Rotorangene Klippen

Noch an keiner europäischen Küstenlinie eine solche Anzahl unbeschreiblicher Strände gesehen.

Redcliff

Nach einer weiteren halben Stunde den Strand “Praia Da Bordeira” von oben bestaunt. Eine von Wasser umflossene Klein-Wüste. Ich fläzte mich wie eine Echse auf einen Stein und wärmte mich. Bald – so sagte es mein WetterApp – sollte es regnen.

Pur!

Ich beschloss nicht Sagres anzusteuern, das wohl schon im Regen lag, sondern durch die Sierra Richtung Lagos zu radeln.
Eine Schotterpiste führte mich nach Pedralva. Ein eigentlich verlassenes Nest, aus dem vor Jahrzehnten fast sämtliche Dorfbewohner weggezogen waren.

Seit einiger Zeit aber erlebt der Ort eine eigentümliche Renaissance. Ein Portugiese aus Lissabon kaufte den Großteil der vom Zerfall bedrohten Bauernhäuser, restaurierte sie und machte aus dem ganzen Dorf ein Hotel.

Kaufe Dorfstraße

Nachhaltiger Tourismus für Betuchte.

Ziehe auf Dorfplatz

Ziemlich guten Kaffee trank ich.

Setz Dich zur Ruhe

Am frühen Nachmittag dann noch Lagos erreicht. Mit den ersten heftigen Regengüssen.

Unterkunft: Hotel “Mar Azul”. In Fußgängerzone. Trotzdem ruhig. Angenehm und preiswert. (30 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad im 1. Stock in Rumpelkammer untergestellt.

Tag 141 (11.09.2016) / Litauen: Nida -> Silute

Strecke: 103 km (10:00 – 17:30)

Abschied von der Kurischen Nehrung und ihrem Schneesand.

Abschied

Über dem glitzernden Weiß raschelte es rot. Gegen die Sonne schien es wie ein Flächenbrand. (Nur meine Kamera wollte das nicht sehen. Also wandert auch dieses Bild in die Bibliothek der ungeschossenen Fotos).

Eigentlich fehlt mir ein App, das die gesehene Frucht/Pflanze/Blüte sofort identifiziert. Ich bin ein kompletter botanischer Analphabet.
Gesichtserkennungssoftware gibt’s ja auch schon.
(Wär doch mal ne Geschäftsidee!)

Radieschen sind's nicht

(Was für eine Spielart einer Religion ist eigentlich der ANAL-Phabetismus? Werden seine Prediger ANAL-Phabeten genannt?
Hat das irgendwas mit dem Untergang des Abendlandes zu tun?)

Ich konnte es mit mir auf der Rückfahrt von Nida nach Klaipeda (Memel) nicht ausdiskutieren.

In nur 3 Stunden hatte ich die 50 Kilometer bis zur Fähre gepackt. Es war mein Geschwindigkeitstag heute.

Drüben, auf der Festlandsseite ging es grad so weiter.

Ich hielt drauf.

In den Außenbezirken Klaipedas konnte ich ahnen, wie der sozialistische Einheitslook einst jede Individualität ausradieren wollte.

Standard

Gigantische und reichlich heruntergekommene Siedlungen.

Double standard
Triple and more standard

Werden wohl noch ein paar Jahrzehnte als bewohnte Denkmale herhalten.

Dazwischen immer wieder schöne Lauben, Bierlauben.

Mit fantastisch gekühltem belgischen Braunbier.

Überm Standard

Ein Gedicht! Ich rezitierte es zweimal.

Silute relativ früh erreicht. Ich setzte mich in den Biergarten des Hotelrestaurants. Eine Gruppe 30jähriger Männer am Nachbartisch. Soffen und grölten. Hatten eine große Flasche Whiskey und fleckigrote Gesichter. Grölten so laut, dass ich mich einmischte und bat, sie sollten etwas die Lautstärke reduzieren. (Kann man eigentlich leise grölen?)
Es kam natürlich nicht gut an. Sie wurden heftig aggressiv. Irgendwann zog ich mich zurück.

Unterkunft in Silute: “Hotel Deims”. An der Hauptstraße. Frisch renoviert, aber im Dornröschenschlaf. Dauerte etwas, die Rezeptionistin aufzuscheuchen.  Letztlich aber okay und sehr freundlich. (29 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garage untergebracht.

Tag 139 (09.09.2016) / Litauen: Palanga -> Nida

Strecke: 79 km (09:45 – 17:00)

Windstill. Flach. Frei. Offen die Landschaft.

Einer steht immer quer

Rasend schnell in Klaipeda (Memel) eingefahren. Hafenstadt.

Stolz

Mit deutscher, polnischer, russischer, schwedischer, litauischer, kurischer Vergangenheit.

Mächtig stolz

Die Altstadt stimmungsvoll restauriert.

Rundum

Bernstein auch für Säuglinge.

For my baby

Mitten aufm Theater-Platz melancholiert das Ännchen.

O Ännchen

Ännchen von Tharau ist’s, die mir gefällt,
Sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld
.

Ich weiß nicht mehr, wo sich mir dieses Volkslied eingebrannt hat. In der Volksschule? Beim Gesangsunterricht? Im Elternhaus?

Aber ich hatte es in mir:

Ännchen von Tharau, mein Reichthum, mein Gut,
Du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!

Viel simpler texten auch heutige Schlager nicht.

Fachgerecht

Fachwerkhäuser – die nördlichsten Europas. (Las ich später nach.)

Fachgerecht restauriert

Vom Hafen nahm ich die Fähre auf die Kurische Nehrung.
7 Minutenfahrt.

Jetzt aber weg

Fast weißer Sand.

First sight
Second sight

50 Kilometer immer entlang der Dünen, durch kühle Wälder, auf einer gut befahrbaren Radpiste.

Jenseits der Ufer

Kleinvieh gesehen, Schlangen …

Snake

Füchse …

Fox

… aber keinen Elch.

Wunderschöne kurische Holzhäuser, direkt am Haff.

Wonderful

Farben wie aus einer Malerpalette gerutscht.

Wunderbar
Marvelous

Unwirkliche Welt – und (zumindest hier) nicht im geringsten überlaufen.

This one?
Oder doch das?

Herrlich.

Unterkunft in Nida: “Gästehaus Vidos Namai”. Privathaus, das Zimmer vermietet. Zuvorkommende Wirtin. (45 Euro ohne Frühstück.) Gemeinschaftsküche etc. vorhanden. Fahrrad vor Unterkunft angekettet.

Tag 102 (9.11.2015) / Frankreich: Fécamp -> Le Tréport

Strecke: 103 km (09:15 – 17:10)

Es war ein Tag, an dem ich “Gas” geben – also Kilometer schaffen wollte. Irgendwie schaffte ich es auch, über hundert Kilometer zu fahren. Obwohl ich mächtig abgelenkt wurde. Radelte ich oben auf dem Plateau war es eine sanft wellige Landschaft, in der Zuckerrübenanbau oder Weideland dominierten. Schöne alte Gehöfte zwischen den Feldern und Wiesen.

Immer wieder legte ich Zwischenstopps ein, weil ich von oben wieder aufregende Küstenabschnitte erspähte.

Caspar David Friedrich könnte hier gewesen sein
Farbecht

Fuhr ich unten die Strände  entlang, rasselte und prasselte es weit hörbar bei jedem Wellengang. Sand gab es schon lange richt mehr. Kieselsteine machten den Ton.

Kieselstrand

Welch imposante Steilküste.

Normannische Mauer lässt das Meer nicht an Land

Von diesen Felsen (“Les Petites Dalles” genannt) ließen sich berühmte Maler inspirieren.
Sie hatten es besser als ich, sie konnten sich das ideale Licht zeichnen.

Normannische Kraft 1
Normannische Kraft 2

Hundemüde mein Ziel erreicht.

Unterkunft in Le Tréport: “Hotel Calais. Hafenblick vom Zimmer aus. Sehr netter Herr, der mich empfing. Geräumige Zimmer.  (55 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.