Meer Europa

Schlagwort Archiv: Sonne

Tag 320 (19.07.2019) / Norwegen: Namsos -> Steinkjer

Strecke: 74 km.  (10:45 – 17:00 Uhr)

Wie ich mich fühle? So:

Vorletzter Tag. Ich hatte beschlossen, morgen in Trondheim die Tour zu beenden. Ich war kaputt. Ich kämpfte gegen eine ganze Rebellenarmee in mir:

  • Die rechte Wade verweigerte immer dreister den Dienst
  • Eine Hirnhälfte verhielt sich zunehmend subversiv und flüsterte mir ein, Unsinn zu machen, statt faul mit Freunden in der Sonne zu liegen, zu plaudern, zu lesen und dazu einen gut gekühlten Riesling zu trinken
  • Sogar mein einst treuer Gefährte Fahrrad bockte wieder und wollte nicht mehr durch Staub, Schlamm oder Kiesel

Ich hatte alle Mühe, den Aufstand niederzuschlagen, setzte grobe Mittel ein, kam aber dennoch zusehends in öffentlichen Rechtfertigungszwang.

Schon seit Tagen nahm ich kaum mehr noch Menschen, Landschaften, Situationen, Fotomotive wahr. Ich war nur noch mit mir selbst beschäftigt. Das Weiterkommen ein einziger Kampf mit mir (nicht mit den Bergen, der Straße oder dem Gegenwind).

Ich wünschte manchmal, ich könnte mir ein Hexentaxi nehmen und mich auf einem Besen zum Etappenziel kutschieren lassen.

Oder dass ich mich in einen Baumriesen verwandelte: fest verwurzelt, nie unstet, nie wandernd. Einfach da. Nie weg. Die Sonne kreist um jeden einzelnen Baum, nicht nur um die Erde. So muss man denken! Ich – Baum – Zentrum!

Aber es nutzte nichts. Noch war ich nicht vegan wiedergeboren. Ich musste in diesem Leben weiterkommen. Aber nur noch bis morgen. Ich kam früh in Steinkjer an. Sammelte Kräfte für den letzten Hexenritt nach Trondheim. 135 Kilometer. Morgen.

Tag 319 (18.07.2019) / Norwegen: Bogen -> Namsos

Strecke: 106 km.  (09:30- 20:30 Uhr)

Spiegel-Tag.

Inbegriff

Sattelfotografie. Nicht absteigen, das Fahrrad an den Straßenrand bugsieren, kurz das Motiv fixieren, abdrücken, Kamera einpacken und weiter.

Ja, Ingebegriff

Da stieg ich mal ab. Abgesoffene Wolken.

Inbegriff von was? Wenn ich das wüßte

Ansonsten hingen sie am Himmel rum, störten die Sonne aber nicht wesentlich.

Das ist einfach nur schön

Knallschöner Tag.

Geradheraus - ohne mystische Tiefe

Kraftvoll.

Und doch schwerelos

Nur ich nicht. Ich wankte. Langsam konnte ich nicht mehr. Die Knie weich. Jeder Anstieg ein Mühen. Ich hatte inzwischen Namsos erreicht – 200 km nördlich von Trondheim. Diese Tour muss jetzt langsam aufhören.

Tag 316 (15.07.2019) / Norwegen: Ornes -> Nesna

Strecke: 150 km mit dem Fahrrad. 

Dazu 3 Fähren mit ca. 44 Kilometern. (07:15- 00:30 Uhr)

Fährentag. Kurz nach 7 Uhr in Ornes auf das Schiff, das mich (und zahlreiche Autos) nach Vassdalsvik brachte.

Ein Schiff wird kommen

An Bord wollte ich schnell einen Kaffee trinken. Aber der Automat akzeptierte keine Visa-Karte. Nur Münzen. Zum ersten Mal überhaupt, seit ich in Norwegen unterwegs war, wurde Cash verlangt. Hatte natürlich kein Kleingeld. Also kein Aufwachkaffee.

32 Kilometer geradelt, schon wartete die nächste Auto-Fähre. Ein Haifisch-Monstrum. Irrsinnig – wie viel Geld Norwegen in die Brücken- und Fähren-Infrastruktur steckt. Aber anders ist dieses Insel-, Halbinsel-, Berg-Land nicht zu erschließen.

Wo hat der Haifisch seine Zähne?

Die Sonne kämpfte über der Wolkenschicht, um mich Norwegenfahrer zu grüßen und auch ein bisschen aufzuwärmen. Bekam aber kein Licht-Strählchen durch die grauweiße Totalblockade. Ich fror.

Erst heute fiel mir auf, dass das Meer in Norwegen nicht rauschte. Die Fjorde seenhaft ruhig.

Kann man Stille hören?

Alles, was ich hörte, war das summende Rollen meiner inzwischen völlig abgefahrenen Fahrradreifen.

Gibt es für jede Farbe einen Code? Wie unromantisch

Bizarre Spiegelungen an den Fjordenden. Ich hatte das Gefühl jeden einzelnen Fjord Norwegens auszufahren.

Gibt es für jede Stimmung ein Wort?

Schon bald wartete die dritte Fähre. Von Jektvik nach Kilboghamn. Sie fuhr lang.

Wieso wird Dampf zum lauten Ton?

Und kreuzte genau hier, an diesem grau-grünen Berglein den nördlichen Polarkreis.

Eine Weltkugel am fernen Ufer zeigte den genauen Punkt an.

Das halbe Schiff stapfte auf Deck, um sie (den weit weit entfernten “Punkt” auf der gegenüberliegenden Küstenwiese) zu fotografieren.

Dann noch mal 90 Kilometer bis nach Nesna. Ich hatte auf dem dortigen Campingplatz angerufen und gefragt, ob es noch ein Zimmer oder eine Hütte gäbe. Treffer. Das Problem: Die Rezeption schloss bereits um 19 Uhr, ich aber war noch 60 Kilometer entfernt und es war bereits 18:30 Uhr. Der Rezeptionist war supernett. Sagte, er würde die Tür zu dem Zimmer offen lassen und den Schlüssel aufs Bett legen. Ich solle mir keine Sorgen machen. Machte ich mir nicht.

Und (ich wiederhole mich) wieder hatte der Tag die höchste Schwierigkeit bis zum Schluss aufgehoben. Es ging steil auf rund 350 Meter hoch. Die meiste Zeit (1 Stunde) schob ich. Hatte keine Kraft mehr.

Auf dem Pass Stille Stille Stille. Kein Zikadenlärm (gibt’s hier gar nicht), kein Fledermausgefiepe (gibt’s hier gar nicht?), kein Eulenflügelschlag. Nichts. Stille. Die Sonne war untergegangen. Endlich wieder so etwas wie Nacht, auch wenn der Horizont feurig glühte.

Wieso ist die Welt so schön?

Unter mir lag Nesna

Ich musste nur noch rollen lassen.

Keine Fragen mehr

Und kam nach 150 Kilometer Strampeln eine habe Stunde nach Mitternacht an. Grandios erschöpft.

Tag 315 (14.07.2019) / Norwegen: Saltstraumen -> Ornes

Strecke: 91 km  (10:45- 19:15 Uhr)

Jetzt also vom Motel auf dem Campingplatz in Saltstraumen weiter auf der alten Reichsstraße 17. Gen Süden. Die Südsonne zeigte sich gleichwohl fast den ganzen Tag nicht. Mit einer Lichtblick-Ausnahme: gleich am Anfang.

Wieso zieht es Maler wegen des Lichts ans Mittelmeer? Und nicht hierher?

Der (angeblich) größte Gezeitenstrom der Welt in fast schon gewittrig schönem Morgenlicht.

Sattgrün mit Blassblau

Hier schießt die zurückkehrende Flut Wasser mit 40 kmh durch die engen Sunde, dass sich Wirbel bilden, die kein kleines Boot queren kann. Auch nicht motorisiert. Die großen  Strudel reichen bis zu 4 Meter in die Tiefe.

Was würde man inside eines solchen Strudels fühlen?

Der Rest des Tages: grau. Kalt. Ich war allein mit mir. Kilometer für Kilometer. Mal grandiose Landschaften, die mich wolkenbeschwert und melancholisch ablenkten.

Alle Last abgeladen

Mal nichts: nur fahren, fahren. Bis die Beine schmerzten.

Die Straße jetzt eine echte Küstenstraße. Hart an der Meereskante. Hart an den stürzenden Felsen.

Grandios

Ich näherte mich wieder dem Polarkreis. Von Norden.

Tag 311 (10.07.2019) / Norwegen: Finnsnes -> Gratangen

Strecke: 113 km  (09:00 – 20:00 Uhr)

Fast den ganzen Tag über hatte ich das Gefühl, die Alpen zu queren und nicht an der Fjord-Küste des Nordmeeres entlang zu fahren.

Stell Dir vor, es wär' die Schweiz

Auch wenn ich mich jetzt schon einige Hundert Kilometer südlich des Nordkaps befand, trugen die Berge immer noch weiße Kappen. Der Schnee schmolz in der Juli-Sonne aber spektakulär ab. Wasser schoss an fast allen Berghängen mit ohrenbetäubendem Rauschen in die Tiefe.

Aber das Licht ist anders
Intensiver, transparenter, durchsichtiger

Die vielen Aufstiege hatten mich müde gemacht und (Radfahrergesetz!) der schweißtreibendste kam zum Schluss. Von 0 auf 450 Meter. Es war bereits 18 Uhr und es lagen noch gut 20 Kilometer vor mir.

Schmelzwasser in Schmelzlicht

Die einzige Unterkunft, die ich über mein Reiseportal auf der Strecke gefunden hatte, war kurz nach dem Passgipfel. Schloss aber schon um 19 Uhr. Das war unmöglich zu schaffen.

Ich rief an und man versicherte mir, bis 20 Uhr auf mich zu warten. 

Schlag 20 Uhr stand ich ausgepowert vor dem Hotel und staunte über den überwältigenden Blick runter auf den silbrig-schlummernden Gratangen-Fjord.

Norwegisches Licht ist anders, definitiv

Ein freundlicher Herr empfing mich. Offensichtlich der Koch, der auch gleich die Rezeption des ziemlich leeren Hotels mit versorgte. Ich fragte ihn, ob denn das Restaurant noch geöffnet habe. Er zeigte mir das Schild über dem Speisesaal:  “Ab 20 Uhr geschlossen“. Er lachte und sagte, dass er mir gerne noch ein kleines Menü zubereiten werde, speziell nur für mich.

Das war – wie sich später (nach dem Schnellduschen) herausstellte – ein wenig geflunkert. Denn nach mir kam noch ein (taubstummes) Paar, das ebenfalls das Spezialmenü serviert bekam. 

Vorspeise: Pulled Rentier auf Brot. Hauptspeise: Gebratener heimischer Lachs. Nachspeise: Mascarpone-Creme. Köstlich.

Zwischen den Gängen hatte der Koch Zeit, ein wenig zu plaudern. Erzählte, dass das Hotel eigentlich ein Winterhotel sei und jetzt probeweise zum ersten Mal im Sommer geöffnet habe.

Der Koch stammte aus Indien und war vor 3 Jahren nach Norwegen gekommen. Ich fragte ihn, ob er sich hier oben nicht langweile? Es sei doch ziemlich einsam hier?

Er verneinte, sagte, dass er sowieso die Städte meiden würde – zu gefährlich! Ich hakte nach – wieso gefährlich? Doch nicht in Norwegen?

Der Koch deutete mit dem Zeigefinger der rechten Hand auf seinen linken Oberarm: Schau, ich hab’ braune Haut. Deswegen ist es gefährlich. Ich wollte wissen, ob er denn Rassismus spüre, das könne ich mir hier in Norwegen nicht recht vorstellen. Wieder verneinte er – nein, darum gehe es nicht. Und er erzählte eine für mich merkwürdig klingende Geschichte. Einmal hatte er in Schweden (nicht weit weg!) auf winterglatter Straße einen kleinen, nicht schweren Unfall. Konnte aber nicht weiterfahren. Die einzige Unterkunft weit und breit war mit einer Gruppe von Asylbewerbern belegt, die ihn die Nacht über beherbergten. Irgendwann bemerkte er, dass die Männer sich gemeinsam begeistert Dschihad-Filme anschauten. Ein Pakistani sprach ihn an, ob er sich denn nicht auch für den Dschihad interessiere? Er bekam Angst und machte sich am nächsten Tag schnell davon. Er meinte, dass er offensichtlich aufgrund seiner Hautfarbe als „Gleichgesinnter“ vereinnahmt worden war und untermauerte seine These mit einer zweiten Geschichte: Auf der Rückreise von einem Heimaturlaub in Indien war er auf dem Osloer Flughafen gelandet. Bei der Einreise nahm ihn ein Offizieller (der offensichtlich arabischstämmig war) zur Seite und machte Andeutungen, ob er, der Koch, sich nicht für den Dschihad begeistere? Er könnte ihm helfen, eine gute Arbeit zu bekommen. Der Koch meinte, er wisse nicht, ob er getestet worden sei oder vielleicht doch angeworben werden sollte. Jedenfalls, je weiter weg von solchen Leuten, um so besser. Er fühle sich in den Bergen sehr wohl.

Auf mich wirkte er ein wenig traumatisiert. 

Wir quasselten noch weiter, auch als das taubstumme Paar schon längst in sein Zimmer gegangen war und ich der einzige Gast in dem großen Restaurantsaal war.

Ich fragte den Koch, welches Ziel er denn jetzt für sein Leben hier in Norwegen habe?

Er sagte: Ich will mich nach oben kochen.

Tag 310 (09.07.2019) / Norwegen: Tromsø -> Finnsnes

Strecke: 100 km  (09:15 – 20:00 Uhr)

Straßen enden am Meer. Banal. Ohne Brücken und

Fähren kommt man aber auch als Fahrradfahrer nicht voran. Mir war nicht bewusst gewesen, dass Norwegen ein Inselreich ist.

Eine Küstenstraße, die von Nord nach Süd führt, existierte praktisch nicht. Ständig hoppt man von einem Eiland zum nächsten und wieder aufs Festland zurück.

Am Ende wusste ich überhaupt nicht mehr, wo genau ich mich gerade befand. Grundrichtung jedenfalls “southbound”!

Und im Norden gab jetzt der Sommer sein Gastspiel. Zweiter strahlender Sonnentage in Folge!

Weiß ist doch eine Farbe

Um jede Ecke das norwegische Foto-Grundmotiv: rote Fischerhütte vor blauem Meer.

Sogar kleine Sandstrände. Sie malten mit Hilfe der (schwachen) Sonne das Motiv karibisch aus.

Beruhigend

Nur selten verliefen die Straßen gerade, ebenerdig. Meist war es ein wüstes Gekurve, samt Auf- und Abgestrampel.

I like it

Die Berge im Hintergrund lassen es ahnen.

Die Dörfer, die ich auf Fjordhöhe passierte: natürlich Fischerdörfer. Es schien, als habe jedes Haus seinen eigenen kleinen Hafen.

Zugleich Straßen- und Meerdorf

Gegen 15 Uhr legte ich zur zweitgrößten Insel Norwegens ab – Senja.

Wer bringt hier eigentlich den Rum vorbei?

Sie hat wohl die schönsten und coolsten Sandstrände der Gegend. Davon sah ich aber wenig. Sie befanden sich auf der Westseite, am offenen Meer. Ich aber fuhr die Ostseite ab. Diese war schön, aber nicht aufregend. Ich hatte gut zu arbeiten, um die Tagesstrecke zu packen.

Ziemlich genau um 20 Uhr erreichte ich wieder (diesmal über eine Brücke) bei Finnsnes das Festland. Ich hatte einige Stunden zuvor über ein Buchungsportal ein Hotelzimmer reserviert. Wie so häufig ein Gasthaus ohne Rezeption, ohne Personal. Über einen Code, der einem per sms zugeschickt wird, bekommt man Zugang.

Ein Sesam-Öffne-Dich-Code schließt dir auch deine Zimmertür auf. Du bist für Dich – aber will ich das?

Tag 308 (07.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Tromsø

Strecke: 8 km vom Campingplatz Nordkap nach Honningsvag  (04:45 – 05:15 Uhr)

Dann: Hurtigruten-Schiff nach Tromsø (05:45 – 23:00 Uhr)

Es war klar, dass es mit meinem Fahrrad so nicht mehr weiterging. Im nahe gelegenen Küstenort Honningsvag gab es keine Fahrrad-Werkstatt. Auf Nachfrage versicherten mir Einheimische, dass man eine komplizierte Reparatur nur in einer der Großstädte Norwegens machen lassen könne. Also entschloss ich mich, mit der Fähre (Hurtigruten) nach Tromsø zu fahren.

Morgens um halb 6 stand ich am kleinen Hafen, staunte über den ersten Sonnentag seit langem, sah wie das Schiff elegant am langgezogenen Kai anlegte. Ich schob meinen Drahtesel aufs (kaum belegte) Autodeck, ging zur Rezeption, kaufte mir ein Ticket, zahlte (wie schon die ganze Reise) bargeldlos, bekam einen Bordausweis und los ging’s. Völlig problemlos.

Welche Pracht, welcher Stolz!

Die Fahrkarte kostete (inklusive Fahrradtransport) rund 105 Euro. Für eine 18stündige Fahrt durch die Inselwelt im äußersten Norden Norwegens eklatant preisgünstig.

Steinerne Gäste

Und was für eine Inselwelt. Alpines Meer! Hat all diese steilen Gipfel schon mal jemand bestiegen? Mir raubte es den Atem, so weltursprünglich schön.

Bergherde

Und ich hatte den Beginn der Welt fast nur für mich. Zwei drei Gesellen waren noch auf dem vorderen Deck. Sie störten nicht.

Freiluft-Sonnebank

Natürlich war ich tags zuvor enttäuscht, dass ich die Fahrt nach Tromsø (etwa 400 Kilometer übers Land) nicht mit meinem Fahrrad antreten konnte. Aber es war zu riskant – ohne zuverlässig funktionierende Bremsen, mit kaputtem Schaltgetriebe und und und.

Ich hakte rasch den Ärger ab, betrachtete das Privileg der Schiffsreise jetzt als Geschenk für das “Erklimmen” des Nordkaps und genoss die Reise.

4, 5 Häfen steuerte das Hurtigrutenschiff unterwegs an. Die meisten klein, wie Havoysund auf der Insel Havoya. Kaum mehr als 1.000 Bewohner.

Leuchten die Fassadenfarben auch nachts?

Unterwegs kreuzte mein Kahn ein ehemaliges Postschiff und heutige Touristenattraktion. Ziemlich alt, denkmalgeschützt, und immer noch schnell unterwegs.

Mit nem Postschifffahrtskapitän

Nächste Anlegestelle: Hammerfest auf der Insel Kvaloy. Eine – um es nett auszudrücken – moderne Stadt. Heimelig jedenfalls ist sie nicht. Wie auch: Im Zeiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen vollständig zerstört (Prinzip “Verbrannte Erde”).

Aufgebaut

Blick- und Anziehungspunkt ist der Hafen. Mein Schiff legte eine “Mittagspause” ein – 2 Stunden Freigang.

Platz für alle

Und erst jetzt sah ich, dass ich keineswegs allein unterwegs war. Geschätzt zweihundert Reisende drängelten aus dem Bauch des Schiffs, schlängelten sich zu einem Kai und sahen einer für sie vorbereiteten “Zirkusvorstellung” zu: Die Fütterung eines weißen Wals. Der wollte zwar nicht so richtig. Und trotzdem schwoll das Entzücken, das Ahhh, Ohhhh und Handy-Klickkkk , mit jeder Minute an. War das der weiße Wal, der angeblich aus einer russischen Spionage-Zucht-Werkstatt entkommen war? (So eine Nachricht haben jedenfalls vor etwa einem Monat Zeitungen verbreitet.)

Showbizz

Kaum war mein Schiff erneut auf dem Nordmeer unterwegs, wirkte es wieder wie leergefegt. Eigentlich war es ein Linienschiff, das täglich die norwegische Küste Richtung Süden abfuhr, Menschen und Waren transportierte, Inseln mit dem Nötigsten versorgte. Uneigentlich war es längst eine Touristen-Attraktion, ein Kreuzfahrtschiff (das nur nicht so hieß) mit allen Bequemlichkeiten und einer Hundertschaft an Kabinen. Dorthin waren offensichtlich all die Passagiere wieder verschwunden. Oder sie klumpten sich in den Clubs, Restaurants und Cafés. All die Orte, die ich nicht aufsuchte.

Laufsteg

Ich blieb auf meinem Vorderdeck (räkelte mich in einem bequemen Sommerstuhl, ging höchstens mal zu einer Bar, um mir ein Bier zu holen) und staunte über das, was ich sah.

Schillernde Küstenorte.

Reifen-Installation von einem unbekannten Künstler

Weites kaltes Glitzermeer. Insel nach Insel. Alle eigentlich unbehausbar.

Landschaftsgemälde von einem bekannten Künstler

Und doch immer wieder von ein paar Hütten gesäumt.

Da fehlen mir die Worte

Und ich fragte mich zum x-ten Mal: Wer ist das, der so die Einsamkeit sucht? Oder wird man da einfach hingeboren und bleibt (für immer?).

Das Leben ist schön

Was machen die dort?

Besonders hier?

Hier hätte nicht einmal Robinson Crusoe überlebt. Wie schaffen die das?

Ay!

Was machen sie, wenn die Sonne nicht mehr täglich aufgeht?

Wenn Finsternis aus den Bergen kriecht und dich eben keine tausend Augen mehr ansehen, weil es nichts zu sehen gibt?

Wieso gibt es hier noch kleine Städte? Ich bin doch am Rand der Welt.

World's End

Eigentlich hat die Welt hier schon längst aufgehört.

Tag 300 (29.06.2019) / Finnland: Rovaniemi > Sodankylä

Strecke: 130 km (08:30 – 19:15 Uhr)

Es fühlte sich an wie eine Bewährungsprobe. Bin ich reif für den Norden?

Schon als ich um halb neun los fuhr, tröpfelte es. Kaum eine halbe Stunde hinter Rovaniemi passierte ich trotzdem noch einigermaßen trocken den Polarkreis. (Ein bisschen lieblos von der Straßenbaubehörde präsentiert.)

Genau hier

Dann öffnete der finnische Himmelsmeister seine Schleusen: der erste wirklich nasse Tag, seit meinem Start in Helsinki.

Und es hörte nicht auf. Meine Finger klamm. An einer Tankstelle besorgte ich mir billige Winterhandschuhe (mit Innenfell). 

Aber sie waren (noch) zu warm. Ich schwitzte unter der Funktionswäsche-Isolierung sowieso. Nach 4 oder 5 Stunden musste ich meine Garnitur Wäsche tauschen. Ich war nass bis auf die Knochen. (Wieso hält meine Funktionswäsche keinen Dauerregen aus?)

Kapuzenmann

Kaum einigermaßen trocken, sah ich, dass mich zwei Arbeitskollegen auf dem Handy angesimst hatten, die mit ihrem VW-Campingbus die gleiche Straße (E 75) – nur aus der anderen Richtung – fuhren. 

Wir trafen uns tatsächlich mitten in der finnischen Pampa. Ich konnte mich eine halbe Stunde in ihrem Gefährt aufwärmen und ein wenig trocknen. Edda und Harald kamen aus Norwegen, waren über das Nordkap nach Finnland abgebogen und nun auf dem Weg nach Schweden. Wir tauschten ein paar Infos, dann Abschieds-Küsse und weiter ging’s.

Irgendwann hatte der Wettergott Erbarmen und schickte kurz sein Sonnenunterhaltungsprogramm. Aber meine Hände waren schon zu zittrig, um das einzig brauchbare Landschaftsfoto des Tages zu schießen. Verwackelt!

Hätt' so bleiben können

Tag 297 (26.06.2019) / Finnland: Oulo -> Kemi

Unter gut gelaunten Menschen

Glück?

Am frühen Morgen aufm Markt in Oulu ein gutes Frühstück (Filterkaffee, Croissant, Krapfen und ein mit geräuchertem Lachs belegtes Brot).

Aus dem Hintergrund melancholiert dazu ein Straßenmusiker finnischen Tango auf seiner Quetschkommode.

Ich bat ihn um ein Lied für mich!

Dazu viel Sonne und eine völlig unaufgeregte Stimmung. Das ist Glück. Morgenglück!

Die Finnen beeindrucken mich mit jedem Tag mehr. Das manchmal Kolosshafte ihrer Statur ist grobe Tarnung für eine feine Seele. Sentimentale Charaktere. Aber nicht selbstbezogen – sehr empathisch.

Ich schlenderte noch ein wenig über den Markt…

Sonnengeschützt

… der von einem aufmerksamen Polizisten freundlich bewacht wurde.

Konzentrierter Argusblick

In den Ständen: Was die Wälder und Felder der Umgebung eben so hergaben.

Das deftige und rustikale Mittagessen wurde ebenfalls schon vorbereitet.

Da muss man nicht viel zaubern

Der Weg dann nach Kemi – dort wo der Bottnische Busen endet: langweilig.

Strecke: 109 km (09:30 – 18:45 Uhr)

Immer der Bundesstraße E8 folgend. Alle 40, 50 Kilometer gab es (wie meist unterwegs) eine Grillbude, in der ich mir diesmal mein Mittagsbier besorgen konnte.

Finnische Farbenfreude

Rast legte ich häufig auch an Bushaltestellen ein – mit ihren einladenden Holzhäuschen.

Ein Schild zeigte an, dass ich ab jetzt in Lappland war.

Und schon bald landete ich in meinem ersten lappländischen Städtchen: Kemi.

Musen-Zeit

So leer, so langweilig. Aber zum letzten Mal sah ich die Ostsee. Ab morgen würde ich ab ins Landesinnere kurven. Ich nahm Abschied.

Tag 294 (23.06.2019) / Finnland: Vaasa -> Kokkola

Strecke: 136 km (09:45 – 20:00 Uhr)

Okay. Ich hatte mittags geschlafen (3 Stunden) und spät nachts auch (6 – 7 Stunden). Ich fühlte mich nach der (vor)letzten durchzechten und durchradelten Nacht wieder einigermaßen fit. Die Sinusitits (ging einfach nicht weg!) störte, aber behinderte mich nicht mehr. Ich fuhr drauf los. Ich wollte endlich in den Norden. Am besten sofort an den Polarkreis. Aber da lagen nach einige Hundert Kilometer vor mir.

Nur: “gemach” ging heute überhaupt nicht.

Ich kam schnell ins Schwitzen. Keine Anstiege, nichts, und doch: Ich verbrauchte T-Shirt nach T-Shirt. Allesamt klatschnass. Und erst die Funktionsjacken. Konnten gar nicht so viel Wasser aufnehmen und wieder nach außen transportieren.

Es wehte (trotz Sonnenschein) eine kalter, unangenehmer Frontal-Wind.

Gegen 2 Uhr machte ich an der aufgewühlten Ostsee Rast. Breitete meine Klamotten auf dem Rasen eines Picknickplatzes aus. Wind & Sonne sind die besten Trockner.

Ich - Fahrendes (Einmann)Volk

Schon seit Tagen gab es unterwegs praktisch nichts zu kaufen. Mittsommer-Feiertage. Natürlich hatten auch die Alko-Läden (staatliches Monopol!) zu. Ich hatte es nicht rechtzeitig bemerkt und war in die finnische Alkohol-Falle getappt. In einem Supermarkt (bei einer Tanke) hatte ich mir schließlich eine Flasche spanischen Rotwein besorgt. Alkoholreduziert. Statt 11 Prozent nur mal 5,5 Prozent. Richtigen Wein dürfen die Tanken nicht verkaufen (staatliches Monopol – siehe oben).

Ich tat so, als schmeckte er mir.

Ich - sesshaftes (Einmann)Volk

In Wahrheit süffelte ich maximal einen leicht alkoholischen Traubensaft. Aus Deutschland hatte ich mir extra ein spezielles Wein-Plastikglas mitgebracht (unkaputtbar) und auf dieser Tour schon vielfach ausprobiert. Es taugte! Fast kein Unterschied zu Glas. Nur diesmal machte es den (alkoholreduzierten) “Sangre de Toro” auch nicht lebendiger.

Tischlein deck dich!

Mein Mittagessen bestand aus 1 Glas Rotwein, 1 Banane, 1 Pflaume.

Irgendwann durch Jakobstad geradelt. Beeindruckender Wasserturm (war das einer?).

Druckaufbau

Und dann wieder ein Lupinen-Radweg. Rad Rad Rad nach Norden.

Riechende Farben

Die Ostsee gewährte mittlerweile großzügig Einblicke.

Wie tief reicht dieses Blau?

Auf den letzten zwei drei Stunden hüpfte ich (mit Hilfe von Brücken) von Schäre zu Schäre und landete schließlich im vollkommen feiertagstoten Kokkola. Erneut kein Restaurant, keine Bar offen. Nur zwei drei Kebab-Pizza-Service-Läden. In einem versorgte ich mich mit einer Margherita zum Mitnehmen und entsorgte das wertvolle Lebensmittel gleich danach in einem städtischen Mülleimer – wegen Ungenießbarkeit.