Meer Europa

Schlagwort Archiv: Tankstelle

Tag 313 (12.07.2019) / Norwegen: Tysfjord -> Kobbelv

Strecke: 111 km  (09:45- 21:15 Uhr)

Rauf! Runter! Es war schon erstaunlich, wie viele Höhenmeter ich täglich auf dieser Tour abspulte. Allein auf dieser Tagesstrecke geschätzt 2.000 bis 2.500 Meter. Alpenpass!

Großes Kino! Mit Panoramaprojektion

Ständig sah ich Landschaften aus der Adlerperspektive. Panoramen, die ich vorher nie Norwegen zugeschrieben hätte. Eher dem Norden oder Westen der USA oder auch Kanada. So amerikanisch weit. So wild-west.

Kodachrome-Farben

An jeder Tanke (die es nur selten gab) kaufte ich Trinkbares nach. So schnell konnte ich die Flüssigkeit gar nicht in mich hineinschütten, wie ich sie schon wieder herausgeschwitzt hatte.

Ich fluchte ständig, bis ich oben war und jaulte glücklich, wenn es wieder im Schuss nach unten ging. Mit meinem schweren Gepäck bekam ich einen ganz schönen Abwärtsschub. Heavy Rider.

Der Abend blaute sich ein

Nur einmal jammerte ich. Als spätabends ein Schild mir verbot, weiter der Hauptstraße zu folgen. 4 lange Tunnel waren fürs Fahrrad gesperrt.

Ich musste sie umfahren. Und das am späten Abend.

Nix da: Die Sonne kam wieder

Irrsinnig steil ging es hoch.

Ich bin kein Kletterer. Ich trainierte jetzt (schiebend) mehr meine Oberarm-Muskulatur als meine Oberschenkel. Nun bekomm ich auf dieser Tour auch noch Muckis.

Und wieder dieser Blick auf eine Landschaft, in der ich zwei Dinge nicht richtig zusammenbrachte: bäuerliches Idyll und wildes Meer.

Späte Helligkeit

Mit viel Dusel ein Hotel gefunden. Ich hatte mich schon darauf eingestellt, die Nacht durchzufahren. Mein Unterkunfts-Portal hatte mir angezeigt, dass es 1) kaum bis gar keine Betten auf meiner Strecke gibt und 2) alle schon ausgebucht waren. Müde und vom Schieben/Klettern ausgelaugt, war ich gegen Viertel Neun in das seit vielen Stunden erste Gasthaus auf dem Weg gegangen, um mir ein Bier zu genehmigen und hatte nachgefragt, ob es vielleicht doch noch ein freies Zimmer gäbe. Und siehe: ja! Glück! Riesenglück! Mann!

Tag 294 (23.06.2019) / Finnland: Vaasa -> Kokkola

Strecke: 136 km (09:45 – 20:00 Uhr)

Okay. Ich hatte mittags geschlafen (3 Stunden) und spät nachts auch (6 – 7 Stunden). Ich fühlte mich nach der (vor)letzten durchzechten und durchradelten Nacht wieder einigermaßen fit. Die Sinusitits (ging einfach nicht weg!) störte, aber behinderte mich nicht mehr. Ich fuhr drauf los. Ich wollte endlich in den Norden. Am besten sofort an den Polarkreis. Aber da lagen nach einige Hundert Kilometer vor mir.

Nur: “gemach” ging heute überhaupt nicht.

Ich kam schnell ins Schwitzen. Keine Anstiege, nichts, und doch: Ich verbrauchte T-Shirt nach T-Shirt. Allesamt klatschnass. Und erst die Funktionsjacken. Konnten gar nicht so viel Wasser aufnehmen und wieder nach außen transportieren.

Es wehte (trotz Sonnenschein) eine kalter, unangenehmer Frontal-Wind.

Gegen 2 Uhr machte ich an der aufgewühlten Ostsee Rast. Breitete meine Klamotten auf dem Rasen eines Picknickplatzes aus. Wind & Sonne sind die besten Trockner.

Ich - Fahrendes (Einmann)Volk

Schon seit Tagen gab es unterwegs praktisch nichts zu kaufen. Mittsommer-Feiertage. Natürlich hatten auch die Alko-Läden (staatliches Monopol!) zu. Ich hatte es nicht rechtzeitig bemerkt und war in die finnische Alkohol-Falle getappt. In einem Supermarkt (bei einer Tanke) hatte ich mir schließlich eine Flasche spanischen Rotwein besorgt. Alkoholreduziert. Statt 11 Prozent nur mal 5,5 Prozent. Richtigen Wein dürfen die Tanken nicht verkaufen (staatliches Monopol – siehe oben).

Ich tat so, als schmeckte er mir.

Ich - sesshaftes (Einmann)Volk

In Wahrheit süffelte ich maximal einen leicht alkoholischen Traubensaft. Aus Deutschland hatte ich mir extra ein spezielles Wein-Plastikglas mitgebracht (unkaputtbar) und auf dieser Tour schon vielfach ausprobiert. Es taugte! Fast kein Unterschied zu Glas. Nur diesmal machte es den (alkoholreduzierten) “Sangre de Toro” auch nicht lebendiger.

Tischlein deck dich!

Mein Mittagessen bestand aus 1 Glas Rotwein, 1 Banane, 1 Pflaume.

Irgendwann durch Jakobstad geradelt. Beeindruckender Wasserturm (war das einer?).

Druckaufbau

Und dann wieder ein Lupinen-Radweg. Rad Rad Rad nach Norden.

Riechende Farben

Die Ostsee gewährte mittlerweile großzügig Einblicke.

Wie tief reicht dieses Blau?

Auf den letzten zwei drei Stunden hüpfte ich (mit Hilfe von Brücken) von Schäre zu Schäre und landete schließlich im vollkommen feiertagstoten Kokkola. Erneut kein Restaurant, keine Bar offen. Nur zwei drei Kebab-Pizza-Service-Läden. In einem versorgte ich mich mit einer Margherita zum Mitnehmen und entsorgte das wertvolle Lebensmittel gleich danach in einem städtischen Mülleimer – wegen Ungenießbarkeit.

Tag 293 (22.06.2019) / Finnland: Pjelax -> Vaasa

Strecke: 88 km (05:15 – 12:45 Uhr)

Ich weiß nicht genau, was ich mir dabei dachte, in der Nacht einfach weiter zu radeln. Vielleicht weil es hell war? Es dämmerte für etwa 3 Stunden. Aber es war nicht wirklich dunkel. Ich hatte schon seit geraumer Zeit das Gefühl für Zeit verloren. Wenn es immer hell ist, wann ist dann morgens? Wann Mittag oder Abend? Ist die Nacht Nacht?

Ich schaffte es aber nicht weit. Meine Beine verweigerten – nach gut einer Stunde und nach ingesamt über 150 Kilometern Wegstrecke – die Mitarbeit und begannen einen Spontanstreik. Da ich keinen Schlafsack dabei hatte, baute ich mir aus meinen warmen Klamotten ein kleines provisorisches Nest in einem Bus-Wartehäuschen am Straßenrand. Döste zwei Stunden, bis gegen halb 4 die Sonne schon wieder herunterbrannte.

Mein Fahrrad-Hinterreifen hatte Luft verloren und ich entdeckte, dass das Ventil gebrochen war. Also Schlauch wechseln.

Kein Bock

Erneut alles aufsatteln und weiter Richtung Vaasa. Die Straße dorthin auto- und menschenleer. Ich torkelte (vor Müdigkeit) mehr über den Asphalt als dass ich fuhr, schaffte es bis Mittag zu meinem Ziel. Und hatte das Gefühl, es wär schon später Abend. Ich fand ein offenes Hotel.

Vaasa selbst völlig leer.

Triumphal

Kein einziges Restaurant, kein einziger Laden offen. Sogar die Tankstellen geschlossen.

Trist

Selbst am Hafen: nix!

Entleert, gelöscht - was auch immer

Ich kehrte zum Hotel zurück und legte mich schlafen.

Tag 292 (21.06.2019) / Finnland: Pori -> Pjelax

Strecke: 153 km (09:00 – 01:15 Uhr)

Jede Etappe hat ihren “Drama-Tag”. Dieses Mal kam er ziemlich früh. Es war Mittsommer, die Finnen feierten im ganzen Land die Sonnenwende und machten einfach alles zu: Geschäfte, Restaurants und Hotels. Auf meinem Internet-Portal, auf dem ich täglich meine Unterkunft buchte, wurde mir im Umkreis von über 200 Kilometern kein einziges freies Bett angezeigt. Ganz ernst nahm ich das nicht, dachte, irgendetwas würde sich unterwegs schon finden.

Gut gelaunt steuerte ich zunächst den Strand von Yyteri an, mit einer – für die Ostsee – überaus beeindruckenden Dünenkulisse.

Es war aber kaum etwas los. Schon gar keine Sonnenwendfeier. Dafür kam ein strammer Herr mit stolzem Bauch auf mich zu und redete wild gestikulierend und ohne Unterlass auf mich ein. Ihn störte auch nicht, dass ich signalisierte, kein Wort zu verstehen. Er forderte mich mit Hände, Gesten und verständlichen Worten auf, ihn zu fotografieren und erzählte mir eine finnische Geschichte, von der ich nie erfahren werde, ob sie interessant war. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich verabschiedete mich freundlich. Und hörte beim Weggehen wie er seine Erzählung immer weiter ausspann.

Es blies ein kalter Wind.

Kann Gras Gänsehaut haben?

Trotz Dauersonnenenschein war es eher kalt und sehr diesig. Der lang gezogene Strand ziemlich leer.

Sogar der Sand fröstelte

Auch in den Dünen hielt sich kaum jemand auf.

Sand in the wind

Ich sattelte mein Fahrrad, fuhr – jetzt schon Mittag – weiter Richtung Norden.

Dynamo

Die Straße brückte sich zu Inseln, die der Küste vorgelagert waren. Manchmal wirkte die Ostsee wie eine Gruppe miteinander verbundener Teiche.

Meiner Mutter hätt's gefallen

Ich hatte schon fast 100 Kilometer in der Beinen (es war später Nachmittag) und immer noch nirgends eine offene Unterkunft entdeckt.

Unterwegs: ein alter hölzerner Glockenturm …

Wärmende Farbe

… mit einer beindruckenden Almosenfigur neben der Tür. Sie zeigte mir den Weg zum Heimatmuseum von Siippy.

Mit Fischerhütte, Bauernhof, Windmühle …

Signalisiert sofort: Vergangenheit

und alter Gaststätte, die (natürlich) zu hatte.

Am kleinen (fast schon mondänen) Dorfhafen traf ich ein frustriertes junges finnisches Paar, das hierher geradelt war, weil es glaubte, dass es an diesem Ort eine große Sonnenwend-Party geben sollte. Jetzt war es ziemlich enttäuscht.

Die beiden suchten auf dem Handy nach Informationen, fanden aber keine Erklärung. Sie hatten aber immerhin Proviant, Schlafsack und Isomatte dabei und brauchten sich um eine Unterkunft (die es nicht gab), keine Sorgen zu machen.

Entlang der Küste in jeder noch so kleinen Bucht ein schönes Ferienhaus mit akkurat gepflegtem finnischen Rasen und Holzstühlen am Ufer, auf denen es sich bald die Hobbyangler bequem machen würden (die finnische Sommer-Ferien-Saison beginnt.

Ich hatte beschlossen, das Städtchen Kristinestad anzusteuern, in der Hoffnung, dort – nach gut 135 Kilometern Strampeln – eine Bleibe zu finden. Immerhin fand ich unterwegs eine offene Tankstelle, in der ich mich mit Wasser und etwas Essbarem eindecken konnte. Ein Herr (Rentner?) mit Cowboy-Hut und Cowboystiefeln näherte sich mir interessiert. Er sprach recht gut Deutsch und erklärte mir, dass er lange in Australien gelebt und beruflich die ganze Welt bereist habe. Zeitweise auch in Deutschland gearbeitet habe. Ich fragte ihn ein wenig aus über die Sommersonnenwende und er erzählte mir, dass er am Morgen in Siippy gewesen sei und dort ein “riesiger” Event stattgefunden habe. Mit Feuer, Tanz, traditionellen Liedern. Sogar eine Gruppe Asylsuchender sei von den Organisatoren eingeladen worden. Ich mussten an das frustrierte Pärchen denken, dass sich also ganz offensichtlich in der Tageszeit getäuscht hatte.

Die letzten 10 Kilometer nach Kristinestad taten mir weh. Es war hügelig, ich war müde und als ich über eine langgezogene Brücke in das Städtchen einfuhr, war es bereits 9 Uhr abends. 3 Hotels gab es in der schönen Altstadt. Alle 3 hatten Schilder an den Toren: Rund um Mittsommer geschlossen. Ich klapperte mit Hilfe meines Handy-Navis Restaurants ab – ich hatte Hunger und Durst – alle geschlossen. Die Straßen wie leergefegt.

Der finnische Sommergott hatte aber Erbarmen mit mir und führte mich zu einem Pub, das tatsächlich auf hatte und aus dem laute Musik dröhnte.

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und überlegte, was zu tun. Hier die Nacht verbringen (das Türschild zeigte immerhin an, dass bis 4 Uhr morgens offen sein würde) und dann am Morgen an irgendeinem Strand schlafen?

Ich saß kaum richtig, schon gesellte sich ein sympathischer Koloss zu mir. Er kippte seine zahlreichen Biere schneller als ich eines schlucken konnte, erkannte sofort, dass ich ein Deutscher war und wollte in meiner Sprache mit mir reden. Er hatte viele Jahre auf der Kölner Messe gearbeitet, war jetzt pensioniert und vermisste ganz offensichtlich seine zweite Heimat. Immer wieder suchte er nach (deutschen) Worten, wurde mit jedem weiteren Bier sentimentaler, öffnete mir sein Herz. Er erklärte mir Finnland, das eingeklemmt zwischen Schweden (“arrogant”) und Russen (“grobschlächtig”) seinen unabhängigen Weg suche.

Geschichtenerzähler

Er hatte Tränen in den Augen und irgendwann bemerkte ich, dass sie sich zu einem Rinnsal verdichteten, das stetig in sein Bier tropfte und es versalzte. Dann stand er urplötzlich auf (beeindruckende Größe!) umarmte mich warmherzig und machte sich auf den Weg nach Hause.

Kaum war der Platz neben mir leer, war er schon wieder besetzt. Eine ebenfalls beeindruckende Gestalt in Jägerklamotten hatte sich zu mir gesellt.

(Sollte mich irgendein göttliches Wesen ein zweites Mal in dieses Leben lassen, so sollte es mir dann unbedingt die Gabe verleihen, mir Namen merken zu können. In diesem ersten Leben gelingt es mir einfach nicht.)

Auch er sprach einige Brocken Deutsch. Er hatte vor vielen Jahren in Travemünde gearbeitet. Jetzt war er in Rente, war seit 5 Jahren clean – hatte früher “einfach zu viel getrunken”. Schluss damit.

Auch ein Geschichtenerzähler

Und er war gerührt, wieder mit jemandem Deutsch sprechen zu können. Er fragte mich aus, gab mir Tipps für die Weiterfahrt und stand gegen 23 Uhr auf. Er war melancholisch, umarmte mich und verabschiedete sich in die (taghelle) Nacht.

Die Stimmung in der Kneipe mittlerweile aufgeheizt. Eine Dorfband befeuerte das Publikum, von dem die eine Hälfte schon im Vollrausch war.

Die andere würde sicher bald folgen.

Der bullige Thekenwirt packte im Minutentakt gehunfähige Gefährten am Kragen und beförderte sie auf die Straße.

Auch das über ihrem (letzten) Bier eingeschlafene Mädchen musste den Pub verlassen.

Macht keine Geschichten mehr

Ich ging ebenfalls. Draußen zeigte eine Uhr an, dass gleich ein neuer Tag beginnen würde. Die Sonne war gerade untergegangen. Die Dämmerung hatte eingesetzt.

Tag/Nachtverschmelzung

Eine Dämmerung, die aber in keine Nacht leitete, die nur zwei helle Tage miteinander verband. Ich beschloss, noch eine Weilte weiter zu radeln. Aber das ist ja schon die Geschichte vom nächsten Tag.

Tag 148 (18.09.2016) / Polen: Białystok -> Białowieża

Strecke: 83 km (09:30 – 16:00)

Wow! Welch eine Wucht. Etwa 2 Stunden nachdem ich Białystok verlassen hatte, fuhr ich durch ein Dorf names Trześcianka und hielt unverzüglich an.

Wild East

Das nächste schöner als das vorige – oder war vice versa? Ich lief wieder zurück. Konnte meinen Fotoapparat gar nicht absetzen. Bauernhaus an Bauernhaus aus dem 16. Jahrhundert. Alle bewohnt, alle unter Denkmalschutz und gut restauriert.

Konnte mich nicht sattsehen an diesen Holzkonstruktionen. Über 500 Jahre alt.

Ich hatte meine Route zufällig ausgewählt. Hatte nichts über diese Gegend gelesen. Auch andere Straßen führten nach Süden, vielleicht sogar schneller.

Was oder Wer führte mir dann heute Glück zu? Der Zufall?

Ich brütete eine Weile darüber. Und kam zu dem Schluss, dass es eine unsinnige Frage war.

Ich kannte die anderen Optionen nicht. Vielleicht verbargen sich dort noch schönere Welten.
Nur: Warum hab ich mich an der letzten Kreuzung für links statt rechts entschieden?

Ich konnte mich nicht sattsehen an den alten Ornamenten.

Das Dorf war 15hundertnochwas von russischen Siedlern gegründet worden. Schon bald wurde eine Kirche gebaut.
Diese hier – dem Erzengel Michael gewidmet – wurde 1864 gezimmert.

Sakrament

Leider waren die Türen verschlossen. Auch bei der nächsten orthodoxen Kirche, ein paar Weiler weiter.

Ich fuhr weiter Richtung Nationalpark Białowieża – herrliches Grün unterwegs. Der letzte Urwald Europas. Ich war gespannt.

Unterkunft in Białowieża: “Apartamenty Galeria Trunków”. Bin erst erschrocken, als ich sah, dass die Pension Teil einer Tankstelle war. Dann entpuppte sie sich als außerordentlich großräumig, nach hinten rausblickend, still (auch ohne Geruchsbelästigung) und mit einem sehr gut Englisch sprechenden Mann, der äußerst hilfsbereit mir alles erklärte. (30 Euro ohne Frühstück). Fahrrad im Hof untergebracht.

Tag 53 (08.04.2015) / Albanien: Vlore -> Himare

Strecke: 73 km (10:00- 19:30)

Hatte in Vlore am Morgen getrödelt. Versucht den netten Hotelbesitzer ein wenig über Albanien auszufragen. Ist mir leider nicht gelungen. Sein Englisch reicht nur für den Hotelservice. Schade. Aber tolles Frühstück bekommen. Danach zu Rossmann gegangen, Rei aus der Tube gekauft und noch ein paar notwendige Dinge.
In Albanien haben sich Rossmann und die Raiffeisen-Bank niedergelassen. In Kroatien waren es Lidl und DM. Der Balkan ist unter den Deutschen gut aufgeteilt.

Bauboom am Beach

Die Küste zugebaut. Jeder noch so kleine Fleck. Zumindest zu dieser Jahreszeit gibt es ein Übergebot an allem. An Hotels, Restaurants, Bars, Bäckereien, Mini-Märkten, an Tankstellen und Auto-Werkstätten.
Ich bezweifele, dass sich das alles während der Tourismus-Saison füllt.
Viele Albaner wollen am Aufbruch des Landes teilhaben, schuften und werkeln. Hoffentlich werden sie nicht einfach nach den Marktgesetzen (wo keine Nachfrage, da kein Durchkommen) wieder zu armen Schluckern gemacht.

Leere – überwinternde Hotelanlagen. Auf der ganzen Strecke.

Hotel Surreal

Kurz bevor ich ins Landesinnere abzweigte, sah ich am Straßenrand eine Familie (vermute ich), die von Klein bis Groß Sonnenschirme flocht.

Family at work

Die Familie hatte nichts dagegen, dass ich ein paar Fotos schoss. Der älteste Sohn war einmal für kurze Zeit in Worms gewesen. Sprach aber nur Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln auf Deutsch. “Guten Tag”. “Auf  Wiedersehen”. “Tschüss”. “Bayern München”. Seinen Hund hatte er “Rudi” genannt (nach Rudi Völler).

Sonnenschirmflechter

Nette, neugierige, aufgeschlossene Menschen.

Sonnenschirmflechterin

Die Mutter aller Sonnenschirmflechter.

Es ging von nun an immer weiter Richtung Landesinnere. Die Küste selbst für Straßenbaukünstler zu steil.
Ich musste ins Gebirge. Bei Anblick der Schneeberge schwante mir nichts Gutes.

Blaue Berge mit Schneekuppen

Immer höher schraubte sich der Weg. Immer wilder und rauer das Land.

Durchs wilde Albanistan

Das Meer weit weg, aufgrund der diesigen Sicht kaum noch auszumachen.

Schwarze Berge

Unterwegs ein Denkmal, dessen Inschrift ich nicht verstand. Ich vermute, hier werden tapfere Albaner verehrt,  die im Zweiten Weltkrieg italienischen Faschisten Widerstand geleistet hatten.

R.I.P.

Ab jetzt tat der Aufstieg nur noch weh. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich abgestiegen bin und das Fahrrad geschoben habe. Mehr als 10% Steigung packe ich nicht. Es hörte und hörte nicht auf. 1027 Meter schuftete ich mich in die Höhe. Am Straßenrand lagen noch Schneebrocken. Es war fürchterlich kalt und mir froren die Finger. Dann endlich den Scheitelpunkt des Llogara-Passes erreicht. Mitten in einem faszinierenden Nationalpark. Nur – mir blieb die Luft weg.

Zum Glück gab es nicht weit hinterm Pass ein Gasthaus. Die Betreiberfamile saß zu dritt vereint um einen Ofen, um sich zu wärmen. Sie luden mich zu sich. Ich stärkte mich mit einem Viertel Rotwein.

Kamingespräch mit 3 Generationen (Eine davon schlief.)

Rudolfo nannte sich der Jüngste. Er sprach ein paar Brocken Englisch. Seine Sprachkenntnis hatte er sich über das Gucken von nicht synchronisierten US-Spielfilmen angeeignet. Rudolfo meinte, sein Land habe in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Er war sehr dafür, der EU beizutreten. Skeptisch war er allerdings gegenüber dem Euro. Das würde für Albanien nicht gut gehen.

(Dabei ist der Euro in Albanien so etwas wie Zweitwährung. Überall – in der kleinsten Klitsche – kann man mit Euro zahlen.)

Ich machte mich wieder auf den Weg. Im Glauben, dass es ab jetzt nur noch bergab ginge.

Mein Fahrrad wollte nicht mehr

Weit gefehlt.

So nah und doch so fern

Die Straße schlängelte sich durch die Albanische Bergwelt, mal steil nach unten – um sofort den Höhenverlust wieder durch heftige Anstiege auszugleichen.

Fantastische Runterblicke ins Paradies.

Kein Weg dahin

Aber ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen, nur Höhenmeter oder Tiefenmeter abzufahren.

On top of the hill

Der Abend kam, das letzte Tageslicht drohte und mir war langsam bang, noch die Küste zu erreichen. Ich konnte kaum die ungeheuer schöne Bergwelt genießen.

Einfach schön

Ab und zu klangvolle Dorfnamen.

Namedropping

19:15 ging die Sonne unter. 19:30 war es duster.

19:35 kam ich in Himare, einem kleinen Küstendorf, an.

7 Euro zahlte ich für ein Hotelzimmerchen, direkt über dem Meer.

Into the wide world

Ich begann in einem nahen (leeren) Restaurant wieder zu atmen und  Pläne zu schmieden.

Tief durchatmen (geht hier1)

Unterkunft: Backpackerhotel. Direkt am Dorf-Strand. Bekam wohl Sonderpreis, weil ich recht abgerissen aussah. 7 Euro ohne Frühstück. Hotelwirt war froh, überhaupt einen Gast zu haben. Zimmer einfachst. Aber mit Dusche. Und – fantastisch! – einem kleinen Balkon direkt überm Strand. Klasse. Fahrrad im Zimmer.

Tag 51 (06.04.2015) / Albanien: Shkodra -> Vore

Strecke: 101 km (08:45- 19:00)

Es musste ja passieren! Nur so dicke, das hatte ich nicht erwartet: Zwei Platten!

Regentag. Was sonst. Trotzdem lief es die ersten Stunden gut. Flache Strecke, kein Wind. Ich konnte Kilometer machen. Sah wenig von der Landschaft außer Wasser…

Braune Suppe, die fließt

… und Industriebrachen.

Braune Steine, die den Sinn verloren haben

Die gut zu fahrende Nationalstraße ging urplötzlich in eine Autobahn über. Für Fahrradfahrer verboten. Da es anfing heftig zu stürmen, suchte ich erstmal Schutz vor Regen und krassen Böen, die urplötzlich aufpeitschten, in einem kleinen Laden neben einer Tankstelle.

Die Verkäuferin, 22 Jahre alt, sprach gebrochen Englisch. Ich fragte sie ein wenig aus. Ihr Englisch hatte sie sich über US-Serien und Filme angeeignet. Ihr Vater weigerte sich, sie auf eine weiterführende Schule zu schicken. Sie solle arbeiten. Sie war sichtlich wütend auf ihn. Sie nannte ihn einen “angry old man”. Sie hatte keinen Freund, würde aber gerne einen kennen lernen. Das könne aber nur heimlich geschehen.
Als ich sie fragte, ob es möglich sei – trotzt Verbotsschild – mit dem Fahrrad die Autobahn zu fahren, lachte sie und meinte, in Albanien gäbe es keine Regeln oder zumindest respektiere niemand welche. Zum Abschied schenkte sie mir zwei Schokoladenplätzchen.

Ich entschied mich – ziemlich deutsch – gegen die Autobahn und fuhr einen weiten Umweg. Zunächst auf einer gut geteerten Straße, die sich aber bald schon in eine kaum zu bewältigende Schlaglochpiste verwandelte.
Es dauerte nicht lange und ich hatte einen Platten.

Zerlegt

Wie immer hinten, da wo es besonders schmutzig und aufwändig wird.
Als ich absattelte und mich an die Arbeit machte, waren sofort zwei drei Leute da. Sie konnten mir zwar nicht helfen, zeigten sich aber besorgt, bedeuteten mit Gesten, dass sie mich zur nächsten Autowerkstätte fahren könnten. Ich dankte, kam irgendwie zurecht. Schlauch ausgewechselt. Rad wieder eingesetzt.

Weiter.

Kaum 10 Minuten später: Die Straße hatte sich jetzt rasend schnell in eine Sumpflandschaft verwandelt. Kein Weiterkommen. Ich zog meine Schuhe und Strümpfe aus, krempelte die Hosenbeine hoch und versuchte das Rad durch das albanische Straßen-Watt zu schieben. Sank prompt bis zu den Knien ein. Das Fahrrad beinahe abgetaucht.

Hätte ich nur auf den alten Mann gehört (oder geachtet). Wie aus dem Nichts waren er und ein junger Bub (sein Enkel?) urplötzlich mir gegenüber gewesen. Im Abstand von etwa 20 Metern. Sie hatten (beide!) wild gefuchtelt, wohl um mir zu bedeuten, nicht durch diesen Sumpf zu waten. Ich hatte die Zeichen falsch gedeutet, war zu beschäftigt mit mir selbst. Und nun saß ich fest. Aber die beiden sprangen mir sofort zur Seite, halfen mir, das völlig eingesaute Fahrrad wieder aus dem Morast zu ziehen. Alle drei sahen wir danach aus wie Schweine, die sich im Dreck gesuhlt hatten. Der alte Mann bedeutete mir, dass man an dieser Stelle bis zum Oberkörper einsinken konnte, die Gefahr sei noch nicht gebannt und er ermahnte mich, mein Fahrrad am linken Straßenrand weiter zu schieben, da sei es weniger tief.

Eine Stunde quälte ich mich mit der völlig überfluteten Piste ab, bis ich wieder die Hauptstraße erreichte. Kaum auf sicherem Terrain, hatte ich den nächsten Platten. Wieder hinten.
Erneut war sofort eine Traube von Menschen um mich herum, die mir den Weg zur nächsten Autowerkstätte wiesen. Dort wisse man auch platte Fahrradreifen zu richten.

Stimmt. Sehr freundliche Helfer machten sich gleich an die Arbeit und entdeckten den Übeltäter, der mir die Platten verursacht hatte. Eine winzige, fast mikroskopisch dünne Nadel, die ich beim ersten Wechsel übersehen hatte, hatte den Reifen malträtiert.

Ein wahrer Meister

100 Lek verlangte die Werkstatt für ihren Dienst. Ich gab das Doppelte. Und schämte mich bald dafür. Durch die vielen Nullen beim albanischen Lek war mir nicht sofort bewusst, dass das ein so beschämend niedriger Betrag war. Erst auf dem Rad rechnete ich noch einmal nach und fluchte laut. Umgerechnet 0,75 Cent hatte der Monteur berechnet.

Ein Land lernt man am besten in einer eigenen Notsituation kennen. Dreimal war ich heute auf Hilfe angewiesen und habe dabei großartige Leute erlebt. Unendlich hilfsbereite, freundliche und aufrichtige Menschen.

Der Wind hatte nachgelassen, der Regen nicht. Ich fuhr trotzdem weiter, bis die Nacht kam. Fand am Straßenrand ein Geschäftshotel. Und quartierte mich ein.
So lange geduscht, wie an diesem Abend, habe ich schon lange nicht mehr.

Unterkunft: Hotel Continental in Vore. Geschäftshotel. Gesichtslos. Riesenblock. (50 Euro mit Frühstück, das mit Abstand das schlechteste auf meiner bisherigen Reise war). Fahrrad in der Wäschekammer gelassen.

Tag 16 (28.9.2014) / Spanien: Malpica de Bergentiños – Carnota

Strecke: 83 km (9:45 – 18:15)

Die Landschaft parfümiert mit Eukalyptus. In manchen Siedlungen der Geruch nach gegrillten Sardinen, manchmal sehr aufdringlich. (In den meisten Lokalen habe ich bisher keine Sardinen bekommen; scheint das Arme-Leute Essen zu sein.)

Um die Mittagszeit betete ein Priester über eine Watt-starke Anlage für sein ganzes Dorf. Noch lange trug der Fahrtwind seine Stimme mit mir mit.

Galizien gleicht, je weiter ich vorankomme, immer mehr der Bretagne. Robuste alte Stein-Häuser (die wenigen alten, die es noch gibt). Steinerne Wegkreuze. Auch die Maisspeicher (“Hórreos”) in Galizien meist aus Stein. Wuchtig.

Trotz landschaftlicher Schönheit: Diese Tagestour wurde zur Qual. Irre lange Aufstiege, rasende Abfahrten und das Ganze anschließend wieder von vorne. Mehrmals hintereinander.

O Pindo

Die einzige Rettung: Meine “Tankstellen.” Ab und und zu ein Bier zwischendurch.

O Pindo

Die letzten Kilometer war ich so platt, dass ich sogar auf ebener Strecke im ersten Gang fahren musste.
Ich hatte keine Kraft mehr, meine Finger zitterten. Ich kam kaum noch vom Sattel runter.

In Carnota das erste Hostal am Wegrand genommen.

Blick aus dem Hotelfenster

Carnota ist berühmt wegen zweier Dinge: dem längsten Maisspeicher Galiziens und einem der längsten Sandstrände der Küste.
Zum letzteren habe ich es nicht mehr geschafft.

Unterkunft in Cartona: “Hostal Miramar”. 40 Euro. Äußerst komfortabel. Mit tollem Blick über das Dorf auf die Küste. Angeschlossenes Restaurant empfehlenswert. Fahrrad im Gastraum geparkt.

Tag 2 (14.9.2014) / Spanien: Laredo -> Santander

Strecke: 50 km  (10:30-16:00)

Laredo - Santander

Wieder ein heißer Tag. Was half, waren die kleinen Cañas zwischendurch. Gut gezapfte und vor allem gekühlte galizische Biere. 0,2l. Das gab Kraft. Immer wieder suchte ich diese Tankstellen auf, kleine Bars am Wegrand.

Erneut verlangten die langen Steigungen alles von mir ab. Noch traute ich mich nicht, die ebenso langen und steilen Abfahrten im Schuss zu fahren. Mein satt beladenes Fahrrad schlingerte und ich hatte es noch nicht im Griff. Ich musste mich die ganze Zeit extrem auf das Fahren und Strampeln konzentrieren. Nicht dran zu denken, an etwas anderes zu denken. Aber ich lernte dazu. Santander unbeschadet erreicht.

Santander Hafen
Santander Strand
Golden Palace

Unterbringung: Hotel “Central” im Zentrum Santanders. Modern. Rezeptionist äußerst zuvorkommend. 50 Euro. Fahrrad in Garage untergebracht.