Meer Europa

Schlagwort Archiv: Touristen

Tag 308 (07.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Tromsø

Strecke: 8 km vom Campingplatz Nordkap nach Honningsvag  (04:45 – 05:15 Uhr)

Dann: Hurtigruten-Schiff nach Tromsø (05:45 – 23:00 Uhr)

Es war klar, dass es mit meinem Fahrrad so nicht mehr weiterging. Im nahe gelegenen Küstenort Honningsvag gab es keine Fahrrad-Werkstatt. Auf Nachfrage versicherten mir Einheimische, dass man eine komplizierte Reparatur nur in einer der Großstädte Norwegens machen lassen könne. Also entschloss ich mich, mit der Fähre (Hurtigruten) nach Tromsø zu fahren.

Morgens um halb 6 stand ich am kleinen Hafen, staunte über den ersten Sonnentag seit langem, sah wie das Schiff elegant am langgezogenen Kai anlegte. Ich schob meinen Drahtesel aufs (kaum belegte) Autodeck, ging zur Rezeption, kaufte mir ein Ticket, zahlte (wie schon die ganze Reise) bargeldlos, bekam einen Bordausweis und los ging’s. Völlig problemlos.

Welche Pracht, welcher Stolz!

Die Fahrkarte kostete (inklusive Fahrradtransport) rund 105 Euro. Für eine 18stündige Fahrt durch die Inselwelt im äußersten Norden Norwegens eklatant preisgünstig.

Steinerne Gäste

Und was für eine Inselwelt. Alpines Meer! Hat all diese steilen Gipfel schon mal jemand bestiegen? Mir raubte es den Atem, so weltursprünglich schön.

Bergherde

Und ich hatte den Beginn der Welt fast nur für mich. Zwei drei Gesellen waren noch auf dem vorderen Deck. Sie störten nicht.

Freiluft-Sonnebank

Natürlich war ich tags zuvor enttäuscht, dass ich die Fahrt nach Tromsø (etwa 400 Kilometer übers Land) nicht mit meinem Fahrrad antreten konnte. Aber es war zu riskant – ohne zuverlässig funktionierende Bremsen, mit kaputtem Schaltgetriebe und und und.

Ich hakte rasch den Ärger ab, betrachtete das Privileg der Schiffsreise jetzt als Geschenk für das “Erklimmen” des Nordkaps und genoss die Reise.

4, 5 Häfen steuerte das Hurtigrutenschiff unterwegs an. Die meisten klein, wie Havoysund auf der Insel Havoya. Kaum mehr als 1.000 Bewohner.

Leuchten die Fassadenfarben auch nachts?

Unterwegs kreuzte mein Kahn ein ehemaliges Postschiff und heutige Touristenattraktion. Ziemlich alt, denkmalgeschützt, und immer noch schnell unterwegs.

Mit nem Postschifffahrtskapitän

Nächste Anlegestelle: Hammerfest auf der Insel Kvaloy. Eine – um es nett auszudrücken – moderne Stadt. Heimelig jedenfalls ist sie nicht. Wie auch: Im Zeiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen vollständig zerstört (Prinzip “Verbrannte Erde”).

Aufgebaut

Blick- und Anziehungspunkt ist der Hafen. Mein Schiff legte eine “Mittagspause” ein – 2 Stunden Freigang.

Platz für alle

Und erst jetzt sah ich, dass ich keineswegs allein unterwegs war. Geschätzt zweihundert Reisende drängelten aus dem Bauch des Schiffs, schlängelten sich zu einem Kai und sahen einer für sie vorbereiteten “Zirkusvorstellung” zu: Die Fütterung eines weißen Wals. Der wollte zwar nicht so richtig. Und trotzdem schwoll das Entzücken, das Ahhh, Ohhhh und Handy-Klickkkk , mit jeder Minute an. War das der weiße Wal, der angeblich aus einer russischen Spionage-Zucht-Werkstatt entkommen war? (So eine Nachricht haben jedenfalls vor etwa einem Monat Zeitungen verbreitet.)

Showbizz

Kaum war mein Schiff erneut auf dem Nordmeer unterwegs, wirkte es wieder wie leergefegt. Eigentlich war es ein Linienschiff, das täglich die norwegische Küste Richtung Süden abfuhr, Menschen und Waren transportierte, Inseln mit dem Nötigsten versorgte. Uneigentlich war es längst eine Touristen-Attraktion, ein Kreuzfahrtschiff (das nur nicht so hieß) mit allen Bequemlichkeiten und einer Hundertschaft an Kabinen. Dorthin waren offensichtlich all die Passagiere wieder verschwunden. Oder sie klumpten sich in den Clubs, Restaurants und Cafés. All die Orte, die ich nicht aufsuchte.

Laufsteg

Ich blieb auf meinem Vorderdeck (räkelte mich in einem bequemen Sommerstuhl, ging höchstens mal zu einer Bar, um mir ein Bier zu holen) und staunte über das, was ich sah.

Schillernde Küstenorte.

Reifen-Installation von einem unbekannten Künstler

Weites kaltes Glitzermeer. Insel nach Insel. Alle eigentlich unbehausbar.

Landschaftsgemälde von einem bekannten Künstler

Und doch immer wieder von ein paar Hütten gesäumt.

Da fehlen mir die Worte

Und ich fragte mich zum x-ten Mal: Wer ist das, der so die Einsamkeit sucht? Oder wird man da einfach hingeboren und bleibt (für immer?).

Das Leben ist schön

Was machen die dort?

Besonders hier?

Hier hätte nicht einmal Robinson Crusoe überlebt. Wie schaffen die das?

Ay!

Was machen sie, wenn die Sonne nicht mehr täglich aufgeht?

Wenn Finsternis aus den Bergen kriecht und dich eben keine tausend Augen mehr ansehen, weil es nichts zu sehen gibt?

Wieso gibt es hier noch kleine Städte? Ich bin doch am Rand der Welt.

World's End

Eigentlich hat die Welt hier schon längst aufgehört.

Tag 307 (06.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Nordkap

Strecke: 53  km (hin und zurück)  (09:30 – 15:30 Uhr)

Yeah! Ich hab’s geschafft! Ich hab’s Nordkap erreicht.

Wobei: Ich hatte erhebliche Zweifel gehabt, ob mein Fahrrad das noch schaffen würde. In Stuttgart hatte ich es Tage vor der Tour noch einmal überholen lassen, war aber dort bereits gewarnt worden, dass Kette, Schaltung und diverses andere Zeug möglicherweise nicht mehr den Strapazen standhalten würden.

Und es sieht in der Tat nicht gut aus. Der Wehwehchen-Katalog meines Rennpferdes ist beachtlich: Bremsen ausgeleiert (und Öl verloren), Kette springt wild auf den Blättern herum, 1. Gang geht nicht mehr (obwohl ich an der Schaltung rumgeschraubt habe) und Vorderrad eiert und schleift am rechten Bremsbelag. Weit und breit keine Fahrradwerkstatt in Sicht.

Also hatte ich überhaupt keine andere Optionen als aufgeben (kurz vor dem Ziel) oder irgendwie durch.

Ich wählte die Variante zwei. Ließ sämtliches Gepäck (sogar das Werkzeug und sogar meine schwere Kamera) im Zimmer und begann – so “erleichtert”, aber doch bang – das Unternehmen.

Champion

Gleich hinter dem Campingplatz ging es auf 3 Kilometern heftig steil nach oben. 9 Prozent. Ich hatte mir vorgenommen, zur Not zu schieben, aber: Ohne das ganze Gepäck hatte ich überschüssige Kraft, sogar im 2. Gang den Anstieg auf 350 Meter zu meistern.

Keine Kleinigkeit

Schon zu Beginn der Tour – im Tal, über dem Campingplatz – lagen dunkle Wolken auf der Welt.

In der Tiefe liegt die Kraft

Sie regneten sich Gottseidank nicht ab. Wasser schoss nur aus den Felsen.

Immer noch lag Schnee am Wegrand.

Die Wolken ruhten sich auf der Straße aus. Es wurde kalt.

Die Sicht zunehmend schlechter. Als ich nach zweieinhalb Stunden Schufterei das Nordkap erreichte, konnte ich kaum die Hand vor meinen Augen sehen.

Auf Sicht fahren

Ich zog meine nassen Sachen aus, hing sie zum Abtropfen über mein Fahrrad.

Real champion

Lief vor zum Wahrzeichens des Nordkaps, schaute kurz in die Tiefe, in der nichts außer Wolken zu sehen waren …

Ausgeguckt

… und setzte mich ins Café des riesigen Touristenzentrums, kaufte mir ein Glas Sauvignon Blanc und eine belgische Waffel und dankte meinem Fahrrad, das es all diesen Unsinn mit mir gemeinsam geschafft hat.

Auch Champion

Tag 302 (01.07.2019) / Finnland: Sodankylä -> Inari (Teil 2)

Ziemlich genau um Mitternacht fuhr ich an Saariselkä, einem bekannten Wintersportort, vorbei. Checkte per Handy, ob es irgendwo noch eine offene Kneipe geben könnte. Volltreffer. Und landete schließlich in einer riesigen Holzhüttenbar, ganz offensichtlich für den Après-Ski oder den Après-Husky-Lauf konfektioniert. Jedenfalls keine Sommerbar und entsprechend leer: ein paar Jugendliche, die sich betranken oder ihr Geld an den Spielautomaten vernichteten.

Townhall

Ich wärmte mich auf, leerte zwei kalte Biere und machte mich nach dem Rausschmiss aller Gäste um 2 Uhr morgens wieder auf den Weg.

Mein Schatten irritierte mich. Vor 2 Stunden war er noch rechts von mir, jetzt auf einmal links. Bis mir klar wurde, dass die Sonne, obwohl sie eigentlich nicht wirklich untergegangen war, von West auf Ost umgestellt hatte. Aber wie funktionierte das? Wie konnte sie einfach vom Westhorizont zum Osthorizont hüpfen? Innerhalb weniger Minuten? Wieso hatte ich auf meiner Fahrt durch die nordfinnischen Berge nicht besser aufgepasst?

Schönes milchiges Morgenlicht (schon um 3 Uhr in der Früh!!!).

Himmel unten wie oben

Weit vor mir liefen einige Rentiere auf der Straße. Ließen sich aber nicht fotografieren (obwohl sie eigentlich überhaupt nicht scheu sind).

Es dampfte und rauchte in den noch ziemlich klammen Flüssen.

Steine treiben Wasser an

Ich zog dicke Strümpfe an, auch mein Handy signalisierte mir, dass die Außentemperatur bei etwa 5 Grad lag.

Gras beruhigt Wasser

Nur langsam, langsam wärmte sich das Licht (und ich auch).

Gegen 5 Uhr morgens wurde ich kraftlos. Aber ich wollte unbedingt bis zum Inari-See kommen. Es fehlten noch 30, 40 Kilometer.

Kaum ein Mensch unterwegs. Ich hatte die ganze Morgenwelt für mich.

Verdopplung

Und schleppte mich selbst immer weiter, bis ich kurz nach 9 Uhr endlich in Inari einfuhr. Ein kleiner schmuckloser Weiler am für Samen heiligen Inari-See. Die Ortschaft richtig unansehlich. Gleichwohl: Von hier aus starten viele Touren zu den Inseln auf dem riesigen See oder in die viel angepriesenen Waldtrails. Selbst mit Wasserflugzeugen kommen Touristen hierher. Stranden für ein paar Tage.

Fliegendes Hausboot

So vergebens ich heute Nacht (was ist das?) versucht hatte, ein brauchbares Foto von Rentieren zu schießen, so leicht war es in Inari : Ganze Herden wilderten sich durch die Parks und Grünanlagen.

Leicht schimmelig

Kein Mensch, kein Tier fühlte sich belästigt.

Löchriges Fell
Hat das Morgen-Make-Up noch nicht abgenommen

Ich war viel zu früh in Inari angekommen. Das Hotel, das ich gebucht hatte, führte im Internet 14 Uhr für den Check-In an.

Ich hatte aber jedes Empfinden für Zeit verloren. Nach meiner morgendlichen Radtour hatte ich das Gefühl, als sei es schon später Nachmittag. Ich ging in einen Supermarkt, ließ mir sagen, dass es erst früher Morgen sei, kaufte trotzdem ein Dosenbier (Lapin Kulta!) und suchte mir ein schönes Plätzchen. Stellte mein Fahrrad an den Stromschnellen des Ivalokoki ab, trank und wartete, dass die Zeit verrann.

Abgefahren

P.S. Kurz nach 12 Uhr fragte ich im Hotel nach einem frühen Check-In. No Problem. Ich wollte einfach nur schlafen.

Tag 301 (30.06.2019) / Finnland: Sodankylä -> Inari

Strecke: 235 km (09:30 – 09:15 Uhr)

Reisewetterbericht: Eine Regenfront ist im Anmarsch. Letzter schöner=sonniger (schön kann er ja auch sonst sein) Tag soll heute sein. Dann mindestens 5 Tage Grauzeit mit Kälte, Wind und ziemlich was von oben.

Also was tun? Nichts – beschloss ich. Nichts organisieren, kein Bett vorbestellen. Losfahren! Und wenn nötig: durch die Nacht (die es grad nicht gibt). Ich wollte Licht genießen.

Es wurde eine 24-stündige Reise durch den Norden Finnlands. 235 Kilometer am Stück bis zur völligen Entkräftung.

Der Anfang: easy. Ebenerdig, eigener Radweg, auf dem ich der alleinige Herr war. Niemand überholte mich, niemand ließ sich überholen. Ich war allein. Diese Route – hoch zum Nordkap – war offensichtlich nicht die Biker-Autobahn.

Ich bewegte mich nun im Innern Finnlands. Seenplatte. Unüberschaubar die Zahl der Gewässer. In vielen machten sich Angler die Füße nass. (Sicher nicht! Sie waren bestens ausgerüstet – ALLE!- mit Gummistiefeln, Spezialkleidung, modernstem Sportgerät.)

Ausdauersport

Ob Mann, ob Frau – sie hatten ihre Ruhe – und ihren stillen Spaß (Sind das die Faktoren für Glück? Finnisches Glück?).

Ein See, ein Teich, ein Tümpel: Keiner war unbehaust.

Weites Seeland

Ich fotografierte mich ein wenig durch diese Unübersichtlichkeit, bis ein Einheimischer vorbeikam, mich auf Finnisch aufforderte, ihm zu helfen, sein Boot zu entwässern (einfach umstülpen und aufgefangenes Regenwasser abfließen lassen), sich bedankte (ich versteh kein Finnisch, aber die Gesten waren sehr freundlich eindeutig) und sich wieder davonmachte.

Stabile Freundlichkeit

Der Mittag war schon vorbei, ich verließ immer wieder die Hauptstraße (E75), schaute, ob es etwas Interessantes jenseits gab.

Immer eine Straße da

Aber Finnlands Provinz glich sich – egal, wo ich fuhr. Schöne (Fertig-) Holzhäuser mit akkurat geschnittenem englischen Rasen (wieso lieben Finnen eigentlich Wildnis?).

So sauber, man könnte vom Rasen essen

Briefkästen nicht an der Hauswand, sondern en bloc am Straßenbeginn.

Auf der Stange

Und Winz-Dörfer, in denen ich manchmal zweifelte, ob sie überhaupt dauerhaft bewohnt sind.

Aller Platz für alle Individualisten

Ab und zu merkwürdiges Schamanenzeugs.

Enthäutetes Tipi

Und immer, immer, immer: die eigene Hütte am Teichufer.

Von Angesicht zu Angesicht

Und immer, immer, immer mit Sauna (hier rechts im Bild).

Ausgeklügelt

Ist das finnische Mittel für Glück einfach nur die Entschleunigung?

Jeder See wirkt wie ein abgesteckter Claim

Mein fotografisches Trödeln brachte mich langsam in Zeitschwiergkeiten.

Aber ein Motiv reihte sich an das nächste.

Als lebte hier Chingachgook.

Paradies für freie Fantasie

Als kämpfte er immer noch gegen die weißen Eindringlinge.

Wie gerne hätte ich jetzt James Fenimore Cooper zur Hand

Und als seien die Mohikaner gar nicht brutal gekillt worden, sondern rechtzeitig nach Finnland ausgewandert.

Ich hab alle Bände von ihm Zuhause

Die Tour wurde nun anstrengender, zeitweise führte die Straße auf 350 Meter hoch. Schon lange war ich durchgeschwitzt. Ich sehnte mich nach einem Bier.

Es war ziemlich spät (21 Uhr) – als ich schließlich die “Gold-Village” erreichte.

Jetzt auch noch "Wilder Westen" hier

Früher eine Banditen-Goldgräberstadt, heute eine stille Touristen-Illusion…

Perfekt inszeniert

… aber mit einem fantastischen Restaurant.

Ich stärkte mich nach 125 Kilometern querfeldein durchs Land mit einer Rentiersuppe (stilecht serviert auf einer Goldwash-Pan) für die Nacht (die es ja nicht gab) und für die nächsten Hundert Kilometer die noch vor mir lagen.

Perfekt zelebriert

Tag 286 (15.06.2019) / Finnland: Helsinki – Start mit Pausentag

Um Mitternacht angekommen (es dämmerte grad). Musste dem Taxifahrer, der mich vom Flughafen zum Hotel in Helsinkis Innenstadt fuhr, zeigen, wie man  den Innenraum seines Wagens zerlegt, damit mein verpacktes Fahrrad in sein Vehikel passte. Er ließ es mit meinem Versprechen geschehen, die Karre nach Ankunft wieder in seinen ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. 

Vor 30 Jahren war der freundliche und redefreudige Mann aus Bangladesch nach Finnland ausgewandert. Etwa 2.000 ehemalige Landsleute leben – so erzählte er – mittlerweile im Großraum Helsinki. Er selbst fühle sich als Finne. Überhaupt gäbe es nur wenige Migranten im Land. Um so wichtiger sei es, der EU nicht zu folgen – behauptete er – und nicht noch mehr Ausländer hereinzulassen. Das würde die politische Stimmung in Finnland nur weiter nach rechts treiben – meinte er. Und ich wunderte mich, wie oft ich schon diese Geschichte vom Boot, das voll sei, auch von Migranten erzählt bekommen habe.

Ich richtete dem guten Herrn seinen Taxi-Innenraum wieder picobello her.

Am nächsten Tag Helsinki erkundet (war die Sonne eigentlich in der Nacht untergegangen?). Um aufrichtig zu sein: Ich hab – mal Kaffee, mal Bier trinkend – eigentlich nur auf dem Markt, in der Markthalle, an den Schiffsanlegestellen, am alten Hafen und auf der Esplanade herumgelungert.

Hochzeitstag

Vor den Ausflugsbootanlegestegen (schönes Wort!) drängelten sich die unterschiedlichsten Hochzeitsgesellschaften.

Mal hipp finnisch-asiatisch, mal gestylt unternehmerberaterisch – alle Hochzeitsgäste bestens sonnengelaunt.

Schöne Menschen.

Fotografiert sie oder kontrolliert sie die Schminke?

Glücklichste Finnen (sagt zumindest der Weltglücksreport der bescheidwissenden United Nations (UN)).

Kuss am Pier
Der letzte (Möwen)Schrei

Die Stadt nicht voll – aber mit (Tages?)Besuchern gut gefüllt.

Über (fast) allem thront der Dom

Und die Hälfte der Touristen (immerodernurheute?) Asiaten. Fast nur in Gruppen. Nur einige wenige Solisten.

Fernweh?

Direkt am Hafen der zentrale Markt.

Finnisches Gewusel

Ebenfalls die traditionsreiche Markthalle.

Mit einem professionellen Trinkgeldeintreiber.

Immer freundlich und todernst

Und natürlich mit allem, was die finnische Wildnis hergibt. (Im Ergebnis: gemeuchelte und verwurstete, eingedoste Rentiere.)

Konservenkunst

Tag 282 (03.10.2018) / Dänemark: Pause in Kopenhagen

Ich beschloss, an meinem Ruhetag nicht das übliche Touristenprogramm abzuspulen und all die Sehenswürdigkeiten Kopenhagens abzulaufen.
Ich konzentrierte mach ganz auf Vesterbro.
Selten habe ich ein Stadtviertel gesehen, dass dermaßen systematisch durchgentrifiziert wurde: schicke Läden, hippe Barbier-Shops, eine Unzahl von Konzept-Kneipen.
Vom alten, lange heruntergekommenen Arbeiter und Rotlicht-Bezirk war fast nichts mehr zu spüren.
Cool war angesagt.

Lovely

Im Meatpacking-District (ehemalige Schlachthaus-Gegend) konzentriert sich die Craft-Bier-Szene. Atemberaubend gute Biere. Irre große Brauhauskneipen, die sich mittags so langsam füllen – um abends in Nightlife pur (Bier mit DJ) überzuschwappen.

Don't do that

Ich kam überhaupt nicht mehr hinterher und fragte mich, wohin eigentlich all die Arbeiter, die einfachen nicht so gut verdienenden Bürger, wohin all die Sexdienstleisterinnen, die sich hier lange lümmelten, wohin sie alle umgesiedelt wurden? Und zu welchem Preis?

Tag 269 (20.9.2018)/ Niederlande: Alkmaar -> Den Burg

Strecke: 65 km (09:15 – 16:00 Uhr)

Welche Wohltat, in den Niederlanden Fahrrad überland zu fahren. Mir scheint, die Radwege werden noch besser gepflegt als die Straßen.
Heute sogar lange Stücke durch einen friesischen Dünenwald geradelt. Außer mir war dort niemand unterwegs.

Waldeinsamkeit

Von den Dünenspitzen: Aussicht mit Sturm.

Gerichteter Blick

An den Stränden: Einiges los, trotz schlechter Sicht.

Dunstig ist überhaupt keine Beschreibung

Das Wetter in Nordholland wechselte im Minutentakt.

Verschleiert, geschliert

Mal verhalten strahlend.

Spätsommersonnig

Mal überraschend nicht völlig suppig.

Herbstsonnig

Für morgen war ein Temperatursturz angesagt, samt Regen und heftigen Windböen.

Spätsommerherbstsonnig

Ich nutzte die letzten warmen Stunden und setzte mit der Fähre von Den Helder auf die westfriesische Insel Texel über.

Doppelgriffig

Die Insel bestand im Prinzip nur aus Vieh- und Schafsweiden. Mit ein paar eingesprengten Dörfern.
Überraschend groß allerdings die Fischfangflotte, die in Oudeschild im  Hafen liegt.

Ausladend
Eingerastet

Die Dörfer schmuck, die Häuser frisch getüncht, die Vorgärten akkurat. Ich fühlte mich wie in einer Lego-Welt für Erwachsene.
Ich hatte das “S”-Wort eigentlich vermeiden wollen. Aber ich entkam ihm nicht. Trotz überhaupt nicht aufgesetzter Gastfreundschaft, trotz guter Laune, die Kellner und Ladenbesitzer warmherzig verströmten:
Es war spießig hier in Nordholland.
Wo waren die bärbeißigen Walfänger und Seefahrer, die tätowierten Rocker und amsterdamschen Rumhänger, wo die Flippigen und jungen Straßenkiffer oder Tunixe?

“Gepflegt” war hier alles, von der Straße über den Radweg bis zu den Häusern, den Stränden und sogar das Verhalten der Menschen.

Die größte Extravaganz, die sich Einheimische, Urlauber und zugereiste Rentner erlaubten, war der eigene Hund: gestriegelt, gekämmt, “gepflegt” und immer an der Leine.
Jeder hier führte einen Köter mit sich.

Meine Kamera weigerte sich, dieses Elend zu fotografieren. Also begnügte ich mich mit Fassaden …

Windkreuz

…und Straßenansichten.

Leergefegt

Irgendwann würde sich auch wieder die Lust einstellen,

Gereiht

Menschen zu fotografieren.

Begrünt

Vielleicht morgen.

Unterkunft: Hotel De Smulpot. Feines und sehr schönes Boutique-Hotel im Zentrum von Den Burg. Wie alle Unterkünfte sehr hochpreisig. 100 Euro (mit Frühstück). Fahrrad draußen angekettet.

Tag 207 (25.09.2017) / Italien: Santa Margherita Ligure -> Portofino und zurück

Strecke: 10 km (09:00 – 12:00 Uhr)

Ruhetag.
Ausgiebig gefrühstückt und mit Hilfe deutscher Zeitungen (die es frisch gab!) die Bundestagswahl analysiert.
Schönes Santa Margherita. Still, ruhig, mondän.

frühmorgenflau

Dann 5 Kilometer zur Berühmtheit Portofino geradelt. Grandiose Meersichten unterwegs.

stoned

Portofino um 10 Uhr morgens noch unberührt.

frührot

Fast allein auf meiner Treppentour zur hochgelegenen Burg.

yachtweiß

Protzyachten vor der schönsten Kulisse Liguriens.

kesselblau

Haben vor hunderten von Jahren die Dorfgründer hier gebaut, weil sie um die Schönheit des Ortes wussten? Oder ging es ihnen nur um die geschützte Bucht?

rotockergelb

Der Friedhof mit bester Aussicht. Was zahlen die Toten dafür? Eine große Schwelle schützt das Unterdorf vor den Geistern von oben. (Wieso können die sich nicht selbst über die Schwelle heben?)

todschick

Beim Abstieg sah ich schon die ersten Touristenboote kommen (von woher eigentlich?). Bis auf den letzten Stehplatz gefüllt.

grünblauweiß

mittelaltergrün

Eigentlich hatte ich vor, an Portofinos Hafen noch einen Kaffee zu trinken.

Ich verlor aber die Lust. Hunderte Menschen wuselten plötzlich auf dem Platz. Die Terrassen-Bars und Restaurants um 11 Uhr schon komplett besetzt. 5 Euro der Kaffee. 3 Euro die Kugel Eis im Laden.
Strange world: Portofino ist extrem hochpreisig und wird überschwemmt vom Massentourismus. Santa Margherita Ligure – eigentlich die mondänere Schwester – ist dafür deutlich preiswerter und wird von den Neckermännern übersehen.

Ich setzte mich dort in einer netten Straßenkneipe fest und trank ligurischen Weißwein. Pigato. Klasse Entdeckung: trocken, würzig.

Je länger ich saß, um so mehr wuchs Welt aus meinem Glas.

halbvoll

Tag 194 (20.04.2017) / Frankreich: Collioure -> Gruissan

Strecke: 93 km (10:00 – 18:00 Uhr)

Die Pyrenäenspitzen noch mit einer Schneehaube, während im Tal die Weinblüte begann. Ich durchfuhr die berühmten Hanglagen des Banyuls. (Mir zu süß, auch wenn es ein Desertwein ist. Vielleicht ist es der Hauch von Rosinengeschmack, der mich schreckt.)

Weinschnee

Kaum in der Ebene angekommen, ging meinem Hinterrad die Luft aus. Ich hatte doppeltes Glück. Zum einen lag Argelès-sur-Mer nur einen Kilometer weg – und ein Fahrradladen hatte dort am frühen Morgen bereits geöffnet. Schneller Service. Ein ziemlicher fieser Dorn hatte sich in den Reifen gebohrt und den Schlauch gepiekst.
Zum zweiten: Ich besaß keinen Ersatzschlauch mehr. (Unterwegs aufgebraucht.) Ich konnte heute wieder Vorrat kaufen.

Skelett

Die Küstenlinie: Sand, Sand, Sand. Langgezogene Strände. Ab und zu Retortensiedlungen. Wer nicht gerne surft, für den ist die Ecke uninteressant.

Higher than the sky

Die eigentliche Attraktion war das Hinterland: Eine bezaubernde Lagunenlandschaft. Mit altertümlichen Fischerkaten.

Nicht für die Ewigkeit

Und herrlichen Seen.

Zeitlos

Auch mal steppenartiges, fast schon wüstenhaft trockenes Flachland.

Platt

Ich folgte überwiegend langgezogenen Kanälen. Oder Seitenkanälen. Oder Verbindungskanälen. Bald blickte ich nicht mehr durch. Manchmal glaubte ich, über offene See zu fahren. Auf einer schmalen Sandpiste, die auf das Wasser gelegt wurde. Wer die Kanäle gegraben hat, wie alt die Anlagen waren, ich wusste es schlicht nicht. Der “Canal du Midi” ist ja schon im 17. Jahrhundert von Tausenden Arbeitern ausgeschaufelt worden. Waren all die anderen Wasserstraßen genauso alt? Ich hatte Stoff zum Nachlesen.

Auf manchen Kanälen schipperten ein paar wenige Touristen. (Meist parkten sie irgendwo im Schatten und ließen es sich an Bord mit Wein und Baguette gutgehen.)

Kanal voll

Eher selten waren Fischerhäuser.

Kanal gar nicht voll

Wirtschaftswege begleiteten die Kanäle. Gut befahrbare Schotterpisten oder Sandwege.

Kanal leer
Immer grad aus

Der Tag wurde zum Genuß. Er machte mir richtig Spaß. Ich wollte, dass der Abend sich heute verspätete.

Dürre, wo Wasser ist

Relativ früh erreichte ich Gruissan. Eine von Süßwasser umflossene Trutzburg. Das Mittelmeer nur einen Steinwurf weit weg.

Wasserdorf

Entspannte Atmosphäre im Dorfkern.

Querschnitt
Noch ein Querschnitt

Die schönen Straßen noch nicht überlaufen. (Während auf der anderen Seite – am Yachthafen – es bereits ziemlich rummelte.)

Hochschnitt
Fast quadratisch

Ich genoß den milden Frühlings-Abend.

Unterkunft: Hotel “Le Mirage” am Yachthafen. Gesichtsloser Klotz. Fahrrad in Garage untergestellt. 70 Euro (ohne Frühstück).

Tag 193 (19.04.2017) / Frankreich: Pause in Collioure

Ich wurde mir nicht klar darüber, ob ich schon früh am Morgen einer Anti-Terror-Übung zusah oder einer öffentlichen Kadettenausbildung der französischen Marine.

Martial Arts 1

Jedenfalls tummelten sich zwei Dutzend junger Kerle in Neopren und mit wasserdichten (Spielzeug?)-Maschinengewehren im Hafen von Collioure und spielten Krieg.

Martial Arts 2

Die Touristen nahmen nur kurz Notiz von ihnen. Die Einheimischen schon gleich gar nicht.
Merkwürdige Zeiten.

Martial tourism

Collioure: eine einzige Postkarte.

Martial sea
Nicht mehr ganz so martial

Mit netten Straßen,

Beschirmt

schönen Details,

Pastellt

und einem kleinen Markt.

Auch Ton in Ton

Ich fühlte mich wohl unter all den frenchmen.

Alles Wurst

Ich war wie alle.
Ich war Masse.

Und entwickelte ziemlichen Hunger.

Gesotten
Fein