Meer Europa

Schlagwort Archiv: vorindustriell

Tag 158 (28.09.2016) / Ukraine: Czernowitz -> Putna (Rumänien)

Strecke: 101 km  (09:00 – 18:15)

Abschied von der Ukraine.
Gerne dagewesen.
Moderne Stadtmenschen.
Land hintendran. Aber nicht so krass wie ich es erwartet hatte.

Herbstgelbstichig

Die letzten Kilometer nochmal das ukrainische Auf und Ab. Ich musste meine Fahrrad-Muldentechnik anwenden. Rasend (sofern nicht zuviele Schlaglöcher) runter – mit Schwung rauf (und die letzten Meter im 1. Gang ächzend).

Silbriggrau

Die Grenze sehr schnell passiert. Habe zwar überhaupt nicht den Formularkampf auf der ukrainische Seite verstanden. Stempel hier und da, Papier in den Pass und wieder raus. Lief aber flott. Höfliche Beamte.
Auf der rumänische Seite (EU Außengrenze!) war es mit meinem Pass ein Kinderspiel. (Welch Privileg einen EU-Pass zu besitzen!)
Siret, Grenzfluss.

Schimmligblau

Das gleichnamige Örtchen empfing mich mit einem Friedhof. (Künstliche) Blumenpracht.

Tödlichblau
Herbstorangestichig

Das ganze Dorf rumänisch-europäisch beflaggt.

Sternenklar

Obwohl ich gerne in der Ukraine gewesen war, überfiel mich hier in der rumänischen Pampa das eigenartige Gefühl Zuhause zu sein.
Ich war im freien Verein EUROPÄISCHE UNION.
Ich sah all die Bauern, Schüler, unaufgeregten Fußgänger im Dörfchen als meine Nachbarn. Bürger der EU wie ich.
(Hoffentlich macht niemand diese EU politisch kaputt.)

Mein Tagesziel war eines der berühmtesten Moldau-Klöster: Putna. Noch etwa 40 Kilometer vom Grenzübergang entfernt.
Ich wählte zunächst die kürzeste Route, geriet aber sehr schnell auf fast unbefahrbares Gelände. Schotterpiste pur. Rumänisches Landleben pur. Pferdegespanne rappelten an mir vorbei.

Wunderbar

Ich fing an, drauflos zu schießen (fotografisch), bis ich mich mit Mühe selbst zügeln konnte.


Ich fragte mich, was mich an solchen Motiven eigentlich interessiert? Was drückten sie aus?
Idylle? Natürlich nicht: Das war harte Arbeit.
Blick in die vorindustrielle Zeit – wie mit einer Zeitmaschine? Vielleicht.
Einheit von Natur und Mensch? Quatsch.
Ich Wohlstandsbürger möchte (und könnte) nie so schuften wie diese Bauernfamilien.
Es gab nur eine Erklärung, die mir für mein Interesse an diesen Motiven einfiel.
Diese Menschen waren unverstellt. Keine Pose, kein Hecheln nach “Likes”. Sie waren die lebendige Tautologie: Sein wie sie sind. Nicht scheinen.
Ob sie glücklicher sind?
Glaube nicht.

Überlänge

Ich verließ die Schotterpiste wieder, wählte die schnelle Landstraße und kämpfte mit rücksichtslosen Lastwagenfahrern.

Gespanne auf der Straße wären mir lieber gewesen: but not allowed!

Kam aber heil in Putna an.

Unterkunft in Putna: “Cabana Putna Dorina”. Im Dorfzentrum. 10 Minuten Fußweg vom berühmten Kloster Putna entfernt. Auf viele Busgäste eingestellt. Großes Restaurant. Ich aber war allein an diesem Abend. Schön geräumige Zimmer. Für rumänische Verhältnisse ziemlich überteuert. (50 Euro ohne Frühstück). Fahrrad in leerem Gastraum untergebracht.