Meer Europa

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Tag 308 (07.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Tromsø

Strecke: 8 km vom Campingplatz Nordkap nach Honningsvag  (04:45 – 05:15 Uhr)

Dann: Hurtigruten-Schiff nach Tromsø (05:45 – 23:00 Uhr)

Es war klar, dass es mit meinem Fahrrad so nicht mehr weiterging. Im nahe gelegenen Küstenort Honningsvag gab es keine Fahrrad-Werkstatt. Auf Nachfrage versicherten mir Einheimische, dass man eine komplizierte Reparatur nur in einer der Großstädte Norwegens machen lassen könne. Also entschloss ich mich, mit der Fähre (Hurtigruten) nach Tromsø zu fahren.

Morgens um halb 6 stand ich am kleinen Hafen, staunte über den ersten Sonnentag seit langem, sah wie das Schiff elegant am langgezogenen Kai anlegte. Ich schob meinen Drahtesel aufs (kaum belegte) Autodeck, ging zur Rezeption, kaufte mir ein Ticket, zahlte (wie schon die ganze Reise) bargeldlos, bekam einen Bordausweis und los ging’s. Völlig problemlos.

Welche Pracht, welcher Stolz!

Die Fahrkarte kostete (inklusive Fahrradtransport) rund 105 Euro. Für eine 18stündige Fahrt durch die Inselwelt im äußersten Norden Norwegens eklatant preisgünstig.

Steinerne Gäste

Und was für eine Inselwelt. Alpines Meer! Hat all diese steilen Gipfel schon mal jemand bestiegen? Mir raubte es den Atem, so weltursprünglich schön.

Bergherde

Und ich hatte den Beginn der Welt fast nur für mich. Zwei drei Gesellen waren noch auf dem vorderen Deck. Sie störten nicht.

Freiluft-Sonnebank

Natürlich war ich tags zuvor enttäuscht, dass ich die Fahrt nach Tromsø (etwa 400 Kilometer übers Land) nicht mit meinem Fahrrad antreten konnte. Aber es war zu riskant – ohne zuverlässig funktionierende Bremsen, mit kaputtem Schaltgetriebe und und und.

Ich hakte rasch den Ärger ab, betrachtete das Privileg der Schiffsreise jetzt als Geschenk für das “Erklimmen” des Nordkaps und genoss die Reise.

4, 5 Häfen steuerte das Hurtigrutenschiff unterwegs an. Die meisten klein, wie Havoysund auf der Insel Havoya. Kaum mehr als 1.000 Bewohner.

Leuchten die Fassadenfarben auch nachts?

Unterwegs kreuzte mein Kahn ein ehemaliges Postschiff und heutige Touristenattraktion. Ziemlich alt, denkmalgeschützt, und immer noch schnell unterwegs.

Mit nem Postschifffahrtskapitän

Nächste Anlegestelle: Hammerfest auf der Insel Kvaloy. Eine – um es nett auszudrücken – moderne Stadt. Heimelig jedenfalls ist sie nicht. Wie auch: Im Zeiten Weltkrieg wurde sie von den Deutschen vollständig zerstört (Prinzip “Verbrannte Erde”).

Aufgebaut

Blick- und Anziehungspunkt ist der Hafen. Mein Schiff legte eine “Mittagspause” ein – 2 Stunden Freigang.

Platz für alle

Und erst jetzt sah ich, dass ich keineswegs allein unterwegs war. Geschätzt zweihundert Reisende drängelten aus dem Bauch des Schiffs, schlängelten sich zu einem Kai und sahen einer für sie vorbereiteten “Zirkusvorstellung” zu: Die Fütterung eines weißen Wals. Der wollte zwar nicht so richtig. Und trotzdem schwoll das Entzücken, das Ahhh, Ohhhh und Handy-Klickkkk , mit jeder Minute an. War das der weiße Wal, der angeblich aus einer russischen Spionage-Zucht-Werkstatt entkommen war? (So eine Nachricht haben jedenfalls vor etwa einem Monat Zeitungen verbreitet.)

Showbizz

Kaum war mein Schiff erneut auf dem Nordmeer unterwegs, wirkte es wieder wie leergefegt. Eigentlich war es ein Linienschiff, das täglich die norwegische Küste Richtung Süden abfuhr, Menschen und Waren transportierte, Inseln mit dem Nötigsten versorgte. Uneigentlich war es längst eine Touristen-Attraktion, ein Kreuzfahrtschiff (das nur nicht so hieß) mit allen Bequemlichkeiten und einer Hundertschaft an Kabinen. Dorthin waren offensichtlich all die Passagiere wieder verschwunden. Oder sie klumpten sich in den Clubs, Restaurants und Cafés. All die Orte, die ich nicht aufsuchte.

Laufsteg

Ich blieb auf meinem Vorderdeck (räkelte mich in einem bequemen Sommerstuhl, ging höchstens mal zu einer Bar, um mir ein Bier zu holen) und staunte über das, was ich sah.

Schillernde Küstenorte.

Reifen-Installation von einem unbekannten Künstler

Weites kaltes Glitzermeer. Insel nach Insel. Alle eigentlich unbehausbar.

Landschaftsgemälde von einem bekannten Künstler

Und doch immer wieder von ein paar Hütten gesäumt.

Da fehlen mir die Worte

Und ich fragte mich zum x-ten Mal: Wer ist das, der so die Einsamkeit sucht? Oder wird man da einfach hingeboren und bleibt (für immer?).

Das Leben ist schön

Was machen die dort?

Besonders hier?

Hier hätte nicht einmal Robinson Crusoe überlebt. Wie schaffen die das?

Ay!

Was machen sie, wenn die Sonne nicht mehr täglich aufgeht?

Wenn Finsternis aus den Bergen kriecht und dich eben keine tausend Augen mehr ansehen, weil es nichts zu sehen gibt?

Wieso gibt es hier noch kleine Städte? Ich bin doch am Rand der Welt.

World's End

Eigentlich hat die Welt hier schon längst aufgehört.

Tag 304 (03.07.2019) / Norwegen: Karigasniemi -> Lakselv

Strecke: 93 km (09:00 – 18:30 Uhr)

 

Da ich von den absurd hohen Preisen in Norwegen für Wein, Bier & Co. gelesen hatte, hatte ich mir am Vorabend in Karigasniemi schnell noch im staatlichen Alko-Shop 2 Flaschen französischen Rotwein und 2 Dosen finnisches Bier besorgt und bin am Morgen schließlich schwer beladen über die Grenze. (Dort wurden Grenzgänger tatsächlich stichprobenartig nach Alkohol durchsucht.)

Bin gespannt

Es ging gleich ordentlich rauf und runter – und ich musste für meinen Weintransport ordentlich büßen. Die Finnmark (so heißt die Region in Norwegen, die ich durchfuhr) war fast noch einsamer als die letzte Strecke in Finnland. Auf fast 40 Kilometern sah ich kein einziges Haus, keine Einsiedelei, nichts. Aber trotz starken Regens konnte ich erkennen, dass ich durch ein Waldparadies fuhr. Irrsinnig schön.

Und das im Herbst oder im Indian Summer ...

Im Paradies gibt es aber immer auch einen Vorplatz für die Hölle. Die brachte die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg. Ein Erinnerungspfad (den ich wegen des Starkregens nicht beging) legte mitten in der Wildnis Zeugnis davon ab.

Etwa auf halber Strecke zickte mein Fahrrad. Irgendetwas lief unrund. Ich fixierte Hinter- und Vorderrad neu. Aber das Vorderrad schleifte immer wieder an den Bremsbelägen. Es schien, als hätten die hydraulischen Bremsen auch Öl verloren. Sie griffen nicht mehr hart genug.

Trotzdem kam ich einigermaßen sicher in Lakselv an. Ein sehr funktionaler Ort. Schon bei der Runterfahrt sah ich im Hintergrund den Fjord: Das Nordmeer lag grau unter den dunklen Wolken.

Rutschbahn

Tag 277 (28.9.2018)/ Dänemark: Lønstrup -> Skagen

Strecke: 82 km (09:30 – 17:00 Uhr)

Die eigentlich Strecke war rund 71 Kilometer lang. Ich machte aber sowohl am Anfang einen Ausflug (zur Rubjerg Knude) mit ca. 4 Kilometern Radelstrecke (hin und zurück) als auch am Ende der Tour (zur Landspitze Grenen) mit ca 7 Kilometern (Ida y Vuelta). Ergibt mithin eine Gesamtstrecke von 82. (Ich liebe Statistiken.)

Wow! Was für ein Tagesanfang. Freie Sonnensicht auf die Wanderdüne Rubjerg Knude bei Lønstrup. Fast 2 Kilometer lang und 400 Meter breit. Und on top: ein Leuchtturm. Wandert der mit?
Laut Reiseführer versinkt er immer tiefer im Sand. Der Betrieb ist längst eingestellt.

Ist das noch pastellig?

Wüsteneindruck.

Gelbrosalich?

Mit Minioase.

Grüngelbbräunlich?

Von der Leuchtturmspitze …

Spitz ist da gar nichts

… ein toller Ausblick auf die wilde Steilküste.

Weißbläulich?

Auf dem Plateau kleine Ortschaften (Blick nach Lønstrup).

Grünrotbläulich?

Ich war nur noch einen Tagesritt von der Nordspitze Dänemarks entfernt.
Der Weg dorthin hügelig. Nach tagelang brettlflachem Fahren war das jetzt richtig ungewohnt.

Sattgrünlich?

Liebliche Landschaft. Viele Einzelhöfe, wenige Dörfer. Alles sauber. Selbst die Natur aufgeräumt.

Strohbräunlich?

Schöne Heidelandschaften entlang der Nordküste. Beschaulich.

Herbstgrünbräunlich ?

Im Küstenwald immer wieder Weltkriegsbunker.

Schattengelblich?

Schließlich Skagen erreicht. Und vor Sonnenuntergang noch einen Ausflug an die Nordspitze Mitteleuropas gemacht.
Dort, wo sich Skagerrak und Kattegat begegnen.

Untergangsrötlich?

Dort wo Nordsee und Ostsee aufeinandertreffen. Wo sich 2 Meere tobend vereinen. (Heute gingen sie friedlich miteinander um.)

Dunkelrosamilchig?

Unterkunft: Hotel Petit, Zentrum von Skagen. Gut ausgestattete Unterkunft. (99 Euro mit Frühstück).

Tag 250 (02.04.2018) / Bulgarien: Burgas -> Nessebar

Strecke: 37 km (12:00 – 15:15 Uhr)

Burgas gestern nur in der Nacht gesehen. Nur aus einer Perspektive: todmüde, aber zufrieden, sogar stolz, dass ich es gestern in der Dunkelheit noch bisher geschafft hatte.

Der Morgen glänzte mit schönem Licht. Überblick aus meinen Hotel-Fenster.

Fensterblick

Die Stadt küsste sich wach.
Ich schob mein gesatteltes Rad durch die Fussgängerzone.
Staunte über die kreativen Stadt-Park-Bank-Ideen.

Künstler am Werk

Bedauerte fast, dass ich nicht noch blieb. Schöne Straßenzüge. Schräge junge Stadttypen.

Bewegte mich Richtung Stadt-Strand

Sand Strand Meer

Wusste nicht, ob es sich hier – schon am Stadtrand – um einen Zweiten-Weltkriegs-Bunker oder um einen Kalter-Krieg-Bunker handelte.

Sinnvolle Konversion

Der gestrige Marathon-Tag wirkte noch nach. Ich fuhr langsam. Blickte kurz zurück auf Burgas.

Salz Meer

Und beeilte mich nicht sehr, ins nahe gelegene Nessebar zu kommen. Weltkulturerbe: Thrakisch, byzantinisch, osmanisch, Wohn-Häuser aus der  Zeit der “bulgarischen Wiedergeburt”.  Alles schön dicht beisammen  auf einer kleinen felsigen Halbinsel. Im Sommer (laut Reiseführer) sowas wie ein One-Million-Tourist-Village. Jetzt leer und so gut wie alles geschlossen.

Old woman walking

War mir egal. Ich quartierte mich für zwei Nächte ein.

Unterkunft: Hotel St. Stefan. Altstadt. Schönes historisches Gebäude. Zimmer mit Meersicht und Möwen auf dem Balkon. 58 Euro (ohne Frühstück). Fahrrad in Abstellkammer untergebracht.

Tag 222 (10.10.2017) / Italien: Tropea -> Villa San Giovanni

Strecke: 97 km (10:00 – 18:15 Uhr)

Uff, war das gemein.

Weitblick

Gleich hinter Tropea fast 700 Meter hoch.
Wenn auch immer wieder schöne Runterblicke.
Über Weltkriegsbunkerdeckel hinweg.

Draufsicht

Blütenpracht wechselte …

Süßliche Ansicht

… mit Straßenmüll.

Mistblick

Er war gar nicht mehr zu ignorieren. Die süditalienische Landschaft – und vor allem die Straßenränder – verwandelte sich in eine große Müllkippe.
Zeitungsartikel erklärten mir stets: Mafia!
Aber kann das sein?
Ist da auch nicht viel privates Versagen dabei?

Kaum unten im Tal, ging es schon wieder nach oben. Lang und supersteil.
Ich holte alles aus meinem Körper raus: Viel war es aber nicht mehr, was mir an Kräften geblieben war.

Plötzlich ein irritierendes Plakat:

Augenblick

Er lebt also!
Er ist also unsterblich! Nie gemeuchelt worden, nie dahingerafft.
Wolfgang Amadeus besitzt sogar eine Telefonnummer – in einem kleinen kalabresischen Bergdörfchen. Von dort (Berg) ging es dann bald wieder steilst runter.

Vogelblick

In einen atemberaubenden Küstenstrich.

Strandparade

Fast hatte ich das Etappenziel erreicht ( es fehlte nicht mehr viel) …

Hinter Fels gebaut

… dann beschloss ich in meiner Unterkunft, mir viel viel Zeit zu lassen.
1 Woche Pause auf der Vulkaninsel Stromboli – bevor ich meine Etappe zu Ende fahre.

Yes!

Tag 105 (12.11.2015) / Belgien: Dunkerque (Dünkirchen) (F) -> Oostende (B)

Strecke: 52 km (09:15 – 14:00)

Geschafft! Letzter Tag!

Ich ließ es ausrollen. Verabschiedete mich von Dunkerque.
Trödelte mich aus der Stadt hinaus.

Wie schon die ganze normannische Küste fuhr ich auch hier ständig an Weltkriegsstätten vorbei.

Viele Soldatenfriedhöfe. Französische, alliierte.

Ist der Tod nicht immer anonym?

An einem Grab sah ich eine beschriebene Schiefertafel. Mit einer bewegenden Widmung für einen 1940 umgekommenen französischen Soldaten.

Rührend

“73 Jahre nach deinem Tod konnte sich jetzt endlich” – hatte ein Angehöriger gekritzelt – “deine Braut wieder mit dir vereinigen.” Im Himmel. Da hat jemand lange erinnert und geliebt.

Kaum einen Kilometer weiter wieder Kreuze. Diesmal aus dem 1. Weltkrieg.
Die Normandie war über Jahrhunderte Schlachtfeld.

R.I.P.

Um halb zwölf die französisch/belgische Grenze erreicht. Überall Polizei. Eine Gruppe junger Flüchtlinge hatte wohl versucht, sich nach Belgien durchzuschlagen. Polizisten in voller Montur umringten bedrohlich stehend die gleichmütig am Boden Kauernden.

Europas Grenzen sind nicht mehr offen.

Um 14 Uhr Oostende erreicht, das mich mit Sonne begrüßte.

Sunny afternoon

Etappe 3 vorbei! Geschafft! Den französischen Atlantik bezwungen. 5 Wochen hat er mich über 2.600 Kilometer lang herausgefordert. Ich bin müde. Ich will nach Hause.

Unterkunft in Oostende: “Hotel Princess”. Zentrum. Hinter Strandpromenade. Professionell. (50 Euro mit Frühstück.) Fahrrad in Garage abgestellt.

Tag 100 (7.11.2015) / Frankreich: Bayeux -> Trouville-sur-Mer

Strecke: 82 km (09:15 – 17:00)

Der hundertste Tag meiner Europa-Umrundung! Und kein Regen! Schon das war ein Geschenk.
Ansonsten wiederholte sich das, was ich in den beiden Etappen zuvor schon erlebt hatte: Kurz vor Etappen-Schluss fing der Körper an zu streiken. Ich saugte die letzten Reserven aus ihm, das letzte Loch im Gürtel hielt die Hose kaum noch. Ich musste zig Kilos abgenommen haben. Ich trank und aß wie der Teufel, aber das füllte den Kalorienbedarf nicht mehr vollständig auf. Mein Körper suchte Fett zum Verbrennen und fand keines mehr.
Mit anderen Worten: Ich fuhr auf der letzten Rille.

Hatte heute aber Glück, dass es lange kaum Steigungen gab und der Wind sich gerade aus mir auch nichts machte und nur sanft pustete.

Manchmal richtig schöne Wege – nur für mich.

Hohle Gasse

Immer wieder kleine Dörfer. In fast keinem fehlte ein Gedenkstein, ein Museum, eine Erinnerungswand an die deutsche Besatzung und den Freiheitskampf der Alliierten.
Manchmal standen alte Männer vor den Schautafeln – und vergewisserten sich ihrer Vergangenheit.

(Es war mir bisher mitnichten klar, welch epochale Macht die Normandieschlacht für das Weltkriegsgedenken in Europa hat.)

Erinnerung stirbt mit dem letzten Erinnernden

Schon bald erreichte ich wieder die Küste. Ich liebe die alten Lilliput-Traktoren, die an den Stränden warten, bis sie wieder ein Fischerboot aus dem Wasser ziehen können.

Bulldogge

Die Landschaft änderte sich allmählich: Aus Wellen wurden Hügel, aus Hügeln kleine Berge. Und plötzlich waren auch die Küstenorte nicht mehr verschlafen und unprätentiös. Sie wurden zusehends mondäner. Spektakulär sogar.

Gemalt

Die Normandie änderte ihren Charakter, wurde Heimstatt der Reichen, der Pariser Bohème, der Hautvolee.

In Deauville gab es statt Motels Boote-Hotels, in denen man vom Steg direkt ins Bett springen konnte.

Wirkt fremd, ist fremd

Der Strand nicht nur zum Räkeln.

Auf Trab

In Spuckentfernung ein weiteres mondänes Städtchen, das aber bei weitem nicht so spießig wie der Nachbarort war. Ganz im Gegenteil. Der Ort sprühte vor Vitalität.
Die Reichen, Filmstars und Sternchen weilten in Deauville, halb Paris aber hielt sich heute in Trouville-sur-Mer auf.

Vital

Ich gab einem spontanen Impuls nach, obwohl ich eigentlich noch eine Stunde radeln wollte, und quartierte mich in diesem Städtchen ein.

Ich bereute es nicht.

Klasse Nacht.

Little Paris

Selten so eine Anhäufung von gestriegelten Männern (Typ Bernard-Henri Lévy) und 1a kostümierten Frauen gesehen (Typ Jean Seberg, junge Romy Schneider, Carla Bruni, Chanel Model, Lagerfeld Model…)
Ich musste aufpassen, dass mein Geldbeutel noch halbwegs gefüllt blieb. In den In-Bars verlangte man sogar für einen 0,1 Wein ab 9 Euro.
Ich hielt mich also zurück.

Unterkunft in Trouville: “Hotel La Reynita”. Zentrum. Sehr nah zu den guten Restaurants und Bars gelegen. Fürs Gebotene viel zu teuer, aber für Trouville-sur-Mer sogar bezahlbar. (72 Euro ohne Frühstück.) Portier nett, wollte aber partout nicht helfen, das Fahrrad unterzubringen. Das Hotel habe keine Stellfläche. Punkt. Hab es erst draußen angekettet und in der Nacht, als der Portier schon schlief, ins Foyer gepackt. Am Morgen hat sich niemand beschwert.

Tag 98 (5.11.2015) / Frankreich: Cherbourg -> Carentan

Strecke: 66 km (09:15 – 17:00)

Nach der gestrigen Gewalttour trödelte ich ein wenig.
Da es angefangen hatte zu nieseln, wählte ich einen Weg durchs Landesinnere. Er sollte mich schneller zu meinem Ziel, dem Utah-Beach, bringen.

Schöne Wege durch Wälder und Weideland.

Der Wind machte mächtig Lärm und kehrte die Blätter aus den Bäumen.

Bäume sind Chamäleons: Färben sich von grün nach rot

Ein bisschen hatte ich das Gefühl, durch Lothringen zu fahren. Ähnliche Landschaft, unaufdringlich schön. Die Dörfer keineswegs arm, protzten aber nicht so wie in der Bretagne.

Zentral ist immer der Tod

Gegen Mittag kam ich bei Quinéville wieder zum Meer zurück.

Weites und Weide-Land

Gleich am Dorfeingang ein zerfallener Wehrmachtsbunker aus dem Zweiten Weltkrieg.

Ausgebunkert

Die nächsten 20 Kilometer sind – wie noch auf keiner Strecke meiner bisherigen Europatour – überwältigende Gefühle in mir aufgestiegen. Obwohl ich durch den Dauerregen bis auf die Knochen nass war, hielt ich alle paar Minuten an.

An diesem Strand landeten 1944 die ersten US Soldaten, um das von den Deutschen besetzte Gebiet zu erkunden. Die Vorbereitung für den D-Day.

Blutiger Sand

Wenige Wochen später überrannten mehr als 3 Millionen Soldaten der Alliierten den normannischen Strand.
Hier begann die Befreiung Europas.
Das Meer hat das Blut aus dem Sand gewaschen.
Die Erinnerung an die deutsche Besatzung und die Schlacht um die Normandie ist aber allgegenwärtig.

Wie selbstverständlich weht die US-Flagge über einem französischen Strand.

Stars and Stripes

Ein Zeichen der Dankbarkeit gegenüber den Befreiern.

Die Naziherrschaft vorbei ….

Made in Germany

Europa lernte wieder menschlich zu sein. Eine Menschlichkeit, die es uns heute ermöglicht, Flüchtlinge aufzunehmen, die vor neuen Kriegen fliehen.

Allein das Straßenschild, das eine Gedenkstätte ankündigt:

Gedenkstätte der “Wiedergefundenen Freiheit”!

Wie selbstverständlich heißen hier Straßen: “Alliierten-Weg” ….

… oder Strände “Utah Beach”.  Restaurants nennen sich “Roosevelt” und Bars “Churchill”.

Klar ist da auch viel Disneyland dabei. Wenn in Kneipen US-Soldatenpuppen vergangene Zeiten spielen ….

Das nette Gesicht des Krieges

… das jazzige Nachkriegsleben wieder aufersteht …

They were welcome

… und wenn der american way of life gepriesen wird, zu einer Zeit, als er in Europa noch attraktiv war.

Tammy

Aber es bleibt ein ehrenvolles Gedenken, an die, die Europa Freiheit brachten. Und die Hunderttausendfach dafür starben, dass auch Deutsche wieder stolz und aufrecht gehen können.

Er starb nicht

Ich hielt mich lang in sehr gut gemachten Museen auf.

Museumsinsel

Und bekam die ganze Nacht den Krieg nicht mehr aus meinem Kopf.

Unterkunft in Carentan: “Hotel Le Vauban”. Zentrum. Sehr netter Empfang. Sprach Englisch. (40 Euro ohne Frühstück.) Fahrrad in Garage untergestellt.

Tag 53 (08.04.2015) / Albanien: Vlore -> Himare

Strecke: 73 km (10:00- 19:30)

Hatte in Vlore am Morgen getrödelt. Versucht den netten Hotelbesitzer ein wenig über Albanien auszufragen. Ist mir leider nicht gelungen. Sein Englisch reicht nur für den Hotelservice. Schade. Aber tolles Frühstück bekommen. Danach zu Rossmann gegangen, Rei aus der Tube gekauft und noch ein paar notwendige Dinge.
In Albanien haben sich Rossmann und die Raiffeisen-Bank niedergelassen. In Kroatien waren es Lidl und DM. Der Balkan ist unter den Deutschen gut aufgeteilt.

Bauboom am Beach

Die Küste zugebaut. Jeder noch so kleine Fleck. Zumindest zu dieser Jahreszeit gibt es ein Übergebot an allem. An Hotels, Restaurants, Bars, Bäckereien, Mini-Märkten, an Tankstellen und Auto-Werkstätten.
Ich bezweifele, dass sich das alles während der Tourismus-Saison füllt.
Viele Albaner wollen am Aufbruch des Landes teilhaben, schuften und werkeln. Hoffentlich werden sie nicht einfach nach den Marktgesetzen (wo keine Nachfrage, da kein Durchkommen) wieder zu armen Schluckern gemacht.

Leere – überwinternde Hotelanlagen. Auf der ganzen Strecke.

Hotel Surreal

Kurz bevor ich ins Landesinnere abzweigte, sah ich am Straßenrand eine Familie (vermute ich), die von Klein bis Groß Sonnenschirme flocht.

Family at work

Die Familie hatte nichts dagegen, dass ich ein paar Fotos schoss. Der älteste Sohn war einmal für kurze Zeit in Worms gewesen. Sprach aber nur Begrüßungs- und Abschiedsfloskeln auf Deutsch. “Guten Tag”. “Auf  Wiedersehen”. “Tschüss”. “Bayern München”. Seinen Hund hatte er “Rudi” genannt (nach Rudi Völler).

Sonnenschirmflechter

Nette, neugierige, aufgeschlossene Menschen.

Sonnenschirmflechterin

Die Mutter aller Sonnenschirmflechter.

Es ging von nun an immer weiter Richtung Landesinnere. Die Küste selbst für Straßenbaukünstler zu steil.
Ich musste ins Gebirge. Bei Anblick der Schneeberge schwante mir nichts Gutes.

Blaue Berge mit Schneekuppen

Immer höher schraubte sich der Weg. Immer wilder und rauer das Land.

Durchs wilde Albanistan

Das Meer weit weg, aufgrund der diesigen Sicht kaum noch auszumachen.

Schwarze Berge

Unterwegs ein Denkmal, dessen Inschrift ich nicht verstand. Ich vermute, hier werden tapfere Albaner verehrt,  die im Zweiten Weltkrieg italienischen Faschisten Widerstand geleistet hatten.

R.I.P.

Ab jetzt tat der Aufstieg nur noch weh. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich abgestiegen bin und das Fahrrad geschoben habe. Mehr als 10% Steigung packe ich nicht. Es hörte und hörte nicht auf. 1027 Meter schuftete ich mich in die Höhe. Am Straßenrand lagen noch Schneebrocken. Es war fürchterlich kalt und mir froren die Finger. Dann endlich den Scheitelpunkt des Llogara-Passes erreicht. Mitten in einem faszinierenden Nationalpark. Nur – mir blieb die Luft weg.

Zum Glück gab es nicht weit hinterm Pass ein Gasthaus. Die Betreiberfamile saß zu dritt vereint um einen Ofen, um sich zu wärmen. Sie luden mich zu sich. Ich stärkte mich mit einem Viertel Rotwein.

Kamingespräch mit 3 Generationen (Eine davon schlief.)

Rudolfo nannte sich der Jüngste. Er sprach ein paar Brocken Englisch. Seine Sprachkenntnis hatte er sich über das Gucken von nicht synchronisierten US-Spielfilmen angeeignet. Rudolfo meinte, sein Land habe in den letzten zwei Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Er war sehr dafür, der EU beizutreten. Skeptisch war er allerdings gegenüber dem Euro. Das würde für Albanien nicht gut gehen.

(Dabei ist der Euro in Albanien so etwas wie Zweitwährung. Überall – in der kleinsten Klitsche – kann man mit Euro zahlen.)

Ich machte mich wieder auf den Weg. Im Glauben, dass es ab jetzt nur noch bergab ginge.

Mein Fahrrad wollte nicht mehr

Weit gefehlt.

So nah und doch so fern

Die Straße schlängelte sich durch die Albanische Bergwelt, mal steil nach unten – um sofort den Höhenverlust wieder durch heftige Anstiege auszugleichen.

Fantastische Runterblicke ins Paradies.

Kein Weg dahin

Aber ich hatte das Gefühl, überhaupt nicht voranzukommen, nur Höhenmeter oder Tiefenmeter abzufahren.

On top of the hill

Der Abend kam, das letzte Tageslicht drohte und mir war langsam bang, noch die Küste zu erreichen. Ich konnte kaum die ungeheuer schöne Bergwelt genießen.

Einfach schön

Ab und zu klangvolle Dorfnamen.

Namedropping

19:15 ging die Sonne unter. 19:30 war es duster.

19:35 kam ich in Himare, einem kleinen Küstendorf, an.

7 Euro zahlte ich für ein Hotelzimmerchen, direkt über dem Meer.

Into the wide world

Ich begann in einem nahen (leeren) Restaurant wieder zu atmen und  Pläne zu schmieden.

Tief durchatmen (geht hier1)

Unterkunft: Backpackerhotel. Direkt am Dorf-Strand. Bekam wohl Sonderpreis, weil ich recht abgerissen aussah. 7 Euro ohne Frühstück. Hotelwirt war froh, überhaupt einen Gast zu haben. Zimmer einfachst. Aber mit Dusche. Und – fantastisch! – einem kleinen Balkon direkt überm Strand. Klasse. Fahrrad im Zimmer.