Meer Europa

Schlagwort Archiv: Wind

Tag 307 (06.07.2019) / Norwegen: Honningsvag -> Nordkap

Strecke: 53  km (hin und zurück)  (09:30 – 15:30 Uhr)

Yeah! Ich hab’s geschafft! Ich hab’s Nordkap erreicht.

Wobei: Ich hatte erhebliche Zweifel, ob mein Fahrrad das noch schaffen würde. In Stuttgart hatte ich es Tage vor der Tour noch einmal überholen lassen, war aber dort bereits gewarnt worden, dass Kette, Schaltung und diverses andere Zeug möglicherweise nicht mehr den Strapazen standhalten würden.

Und es sieht in der Tat nicht gut aus. Der Wehwehchen-Katalog meines Rennpferdes ist beachtlich: Bremsen ausgeleiert (und Öl verloren), Kette springt wild auf den Blättern herum, 1. Gang geht nicht mehr (obwohl ich an der Schaltung rumgeschraubt habe) und Vorderrad eiert und schleift am rechten Bremsbelag. Weit und breit keine Fahrradwerkstatt in Sicht.

Also hatte ich überhaupt keine andere Optionen als aufgeben (kurz vor dem Ziel) oder irgendwie durch.

Ich wählte die Variante zwei. Ließ sämtliches Gepäck (sogar das Werkzeug und sogar meine schwere Kamera) im Zimmer und begann – so “erleichtert”, aber doch bang – das Unternehmen.

Gleich hinter dem Campingplatz ging es auf 3 Kilometern heftig steil nach oben. 9 Prozent. Ich hatte mir vorgenommen, zur Not zu schieben, aber: Ohne das ganze Gepäck hatte ich überschüssige Kraft, sogar im 2. Gang den Anstieg auf 350 Meter zu meistern.

Schon zu Beginn der Tour – im Tal, über dem Campingplatz – lagen dunkle Wolken auf der Welt.

Sie regneten sich Gottseidank nicht ab. Wasser schoss nur aus den Felsen.

Immer noch lag Schnee am Wegrand.

Die Wolken ruhten sich auf der Straße aus. Es wurde kalt.

Die Sicht zunehmend schlechter. Als ich nach zweieinhalb Stunden Schufterei das Nordkap erreichte, konnte ich kaum die Hand vor meinen Augen sehen.

Ich zog meine nassen Sachen aus, hing sie zum Abtropfen über mein Fahrrad.

Lief vor zum Wahrzeichens des Nordkaps, schaute kurz in die Tiefe, in der nichts außer Wolken zu sehen waren …

… und setzte mich ins Café des riesigen Touristenzentrums, kaufte mir ein Glas Sauvignon Blanc und eine belgische Waffel und dankte meinem Fahrrad, das es all diesen Unsinn mit mir gemeinsam geschafft hat.

Tag 306 (05.07.2019) / Norwegen: Repvåg -> Honningsvåg

Strecke: 66  km (10:15 – 17:45 Uhr)

Höllenlärm, dass einem fast die Ohren explodierten. Kalt, kalt kalt. Dazu völlig durchnässt von der Anstrengung. Ich hätte mir diese Tagestour nicht so schwer vorgestellt, zumal sie ja eigentlich eher kurz angelegt war. 66 Kilometer. Und der Tag hatte ohne Regen begonnen.

Nach einem Frühstück mit russischen Blinis und Rührei war ich ziemlich spät aufgebrochen.

Mein Gastort der letzten Nacht schien noch (obwohl bereits 10 Uhr) im Tiefschlaf.

Je weiter ich mich entfernte, um so schöner wurde Repvag.

Die Straße zunächst angenehm flach, windlos. Ich flog mehr als dass ich strampelte – oder beinahe.

Bei den ersten Steigungen wurde mir endgültig klar, dass etwas mit meiner Gangschaltung nicht stimmte. Der kleinste Gang tat überhaupt nicht mehr. Fatal fürs Berge fahren.

Und die Berge kamen nun.

Und vor allem die Tunnel. Ich hatte sie völlig unterschätzt. Der Nordkapptunnelen war 6870 Meter lang. Die Einfahrt geschätzt auf 100 Meter Meereshöhe. Ich schoss zunächst in die Tiefe, bis 212 Meter unter die Wasseroberfläche. But what comes down musst go up. Ab der Mitte des Tunnels musste ich in einer 10%igen Steigung wieder 300 Höhenmeter rauf. Schwer beladen. Und das ohne 1. Gang. Ich war nahe am Verzweifeln. Autos, die von vorn oder hinten kamen, kündigten sich mit einem Wahnsinnslärm an, den der dunkle Tunnel, der kahl und ohne jede Verkleidung war, wie ein Trichter ins Unermessliche verstärkte. Es tropfte von den Wänden und jeder Tropfen, der mich traf, rutschte widerstandslos durch meine eh schon nassgeschwitzte Kleidung. Ich hatte bald das Gefühl, mehr zu schwimmen als Fahrrad zu fahren.

Kaum raus aus dem Tunnel, kam der nächste. Nicht mehr so tief, aber seltsamerweise mit Steigungen (wieso muss man im Tunnel Hügel hinauf und wieder hinabfahren?).

Die Landschaft immer wilder, nordischer.

Die Dörfer wie hingemalt. Inzwischen regnete es stark.

Ein Frontal-Wind peitschte mir ins Gesicht. Ich war halb blind. Hatte Linsen an – und doch schlierte die Sicht. Ich bekam nichts mehr scharf.

Als ich in Honningsvag einfuhr, einer sicher schönen Hafenstadt (endlich Städtchen!), hatte ich keinen Blick mehr für Bilder und Fotos.

Ich suchte mir eine Bar, tauschte auf der Toilette meine Kleidung, bestellte mir (jetzt wieder trocken) ein Bier. Sortierte mich kurz: Was war wichtig?

Fahrradwerkstatt! Gab es keine.

Wein! Der staatliche Alkoholmonopolist schloss bereits um 5 Uhr – also gleich.

Also Bier geleert, raus aus der Bar, rein in die Weinhandlung und einen ordentlichen Roten gekauft. (Die Weinpreise sind völlig in Ordnung. Happig ist nur der Konsum von Alkohol in Kneipen. Eine Halbe (Bier): ab 9 Euro. Ein Glas Wein 0,16l ab 10 Euro.)

So gut ausgerüstet für die Nacht, fuhr ich die knapp 8 Kilometer weiter bis zum Nordkapp-Camping. Ich hatte für 2 Nächte ein Zimmer gebucht.

Tag 301 (30.06.2019) / Finnland: Sodankylä -> Inari

Strecke: 235 km (09:30 – 09:15 Uhr)

Reisewetterbericht: Eine Regenfront ist im Anmarsch. Letzter schöner=sonniger (schön kann er ja auch sonst sein) Tag soll heute sein. Dann mindestens 5 Tage Grauzeit mit Kälte, Wind und ziemlich was von oben.

Also was tun? Nichts – beschloss ich. Nichts organisieren, kein Bett vorbestellen. Losfahren! Und wenn nötig: durch die Nacht (die es grad nicht gibt). Ich wollte Licht genießen.

Es wurde eine 24-stündige Reise durch den Norden Finnlands. 235 Kilometer am Stück bis zur völligen Entkräftung.

Der Anfang: easy. Ebenerdig, eigener Radweg, auf dem ich der alleinige Herr war. Niemand überholte mich, niemand ließ sich überholen. Ich war allein. Diese Route – hoch zum Nordkap – war offensichtlich nicht die Biker-Autobahn.

Ich bewegte mich nun im Innern Finnlands. Seenplatte. Unüberschaubar die Zahl der Gewässer. In vielen machten sich Angler die Füße nass. (Sicher nicht! Sie waren bestens ausgerüstet – ALLE!- mit Gummistiefeln, Spezialkleidung, modernstem Sportgerät.)

Ob Mann, ob Frau – sie hatten ihre Ruhe – und ihren stillen Spaß (Sind das die Faktoren für Glück? Finnisches Glück?).

Ein See, ein Teich, ein Tümpel: Keiner war unbehaust.

Ich fotografierte mich ein wenig durch diese Unübersichtlichkeit, bis ein Einheimischer vorbeikam, mich auf Finnisch aufforderte, ihm zu helfen, sein Boot zu entwässern (einfach umstülpen und aufgefangenes Regenwasser abfließen lassen), sich bedankte (ich versteh kein Finnisch, aber die Gesten waren sehr freundlich eindeutig) und sich wieder davonmachte.

Der Mittag war schon vorbei, ich verließ immer wieder die Hauptstraße (E75), schaute, ob es etwas Interessantes jenseits gab.

Aber Finnlands Provinz glich sich – egal, wo ich fuhr. Schöne (Fertig-) Holzhäuser mit akkurat geschnittenem englischen Rasen (wieso lieben Finnen eigentlich Wildnis?).

Briefkästen nicht an der Hauswand, sondern en bloc am Straßenbeginn.

Und Winz-Dörfer, in denen ich manchmal zweifelte, ob sie überhaupt dauerhaft bewohnt sind.

Ab und zu merkwürdiges Schamanenzeugs.

Und immer, immer, immer: die eigene Hütte am Teichufer.

Und immer, immer, immer mit Sauna (hier rechts im Bild).

Ist das finnische Mittel für Glück einfach nur die Entschleunigung?

Mein fotografisches Trödeln brachte mich langsam in Zeitschwiergkeiten.

Aber ein Motiv reihte sich an das nächste.

Als lebte hier Chingachgook.

Als kämpfte er immer noch gegen die weißen Eindringlinge.

Und als seien die Mohikaner gar nicht brutal gekillt worden, sondern rechtzeitig nach Finnland ausgewandert.

Die Tour wurde nun anstrengender, zeitweise führte die Straße auf 350 Meter hoch. Schon lange war ich durchgeschwitzt. Ich sehnte mich nach einem Bier.

Es war ziemlich spät (21 Uhr) – als ich schließlich die “Gold-Village” erreichte.

Früher eine Banditen-Goldgräberstadt, heute eine stille Touristen-Illusion…

… aber mit einem fantastischen Restaurant.

Ich stärkte mich nach 125 Kilometern querfeldein durchs Land mit einer Rentiersuppe (stilecht serviert auf einer Goldwash-Pan) für die Nacht (die es ja nicht gab) und für die nächsten Hundert Kilometer die noch vor mir lagen.

Tag 298 (27.06.2019) / Finnland: Kemi -> Rovaniemi

Strecke: 120 km (08:45 – 19:15 Uhr)

 

Karg.

Aber nicht einsam.

Immer wieder Bauernhöfe und größere Siedlungen. Alle entlang eines Flusses, der oft gestaut wird.

An manchen Stellen seen-haft schön.

Immer wieder Wasserkraftwerke. Aber bei diesem erschloss sich mir nicht, was diese Rutsche rauf oder runter sollte.

Der Wind blies heftig aus Nordwest. Also mir frontal ins Gesicht. Er erschöpfte mich.

Dabei sah der aufgestaute Fluss so still aus.

Ich brauchte lange, um in die Hauptstadt Lapplands zu gelangen.

Rovaniemi : eine moderne Kleinstadt, 6 Kilometer vor dem Polarkreis. Von hier aus starten die Abenteurer. Abenteuer in dieser Provinz-Stadt gibt es kaum.

Tag 294 (23.06.2019) / Finnland: Vaasa -> Kokkola

Strecke: 136 km (09:45 – 20:00 Uhr)

Okay. Ich hatte mittags geschlafen (3 Stunden) und spät nachts auch (6 – 7 Stunden). Ich fühlte mich nach der (vor)letzten durchzechten und durchradelten Nacht wieder einigermaßen fit. Die Sinusitits (ging einfach nicht weg!) störte, aber behinderte mich nicht mehr. Ich fuhr drauf los. Ich wollte endlich in den Norden. Am besten sofort an den Polarkreis. Aber da lagen nach einige Hundert Kilometer vor mir.

Nur: “gemach” ging heute überhaupt nicht.

Ich kam schnell ins Schwitzen. Keine Anstiege, nichts, und doch: Ich verbrauchte T-Shirt nach T-Shirt. Allesamt klatschnass. Und erst die Funktionsjacken. Konnten gar nicht so viel Wasser aufnehmen und wieder nach außen transportieren.

Es wehte (trotz Sonnenschein) eine kalter, unangenehmer Frontal-Wind.

Gegen 2 Uhr machte ich an der aufgewühlten Ostsee Rast. Breitete meine Klamotten auf dem Rasen eines Picknickplatzes aus. Wind & Sonne sind die besten Trockner.

Schon seit Tagen gab es unterwegs praktisch nichts zu kaufen. Mittsommer-Feiertage. Natürlich hatten auch die Alko-Läden (staatliches Monopol!) zu. Ich hatte es nicht rechtzeitig bemerkt und war in die finnische Alkohol-Falle getappt. In einem Supermarkt (bei einer Tanke) hatte ich mir schließlich eine Flasche spanischen Rotwein besorgt. Alkoholreduziert. Statt 11 Prozent nur mal 5,5 Prozent. Richtigen Wein dürfen die Tanken nicht verkaufen (staatliches Monopol – siehe oben).

Ich tat so als schmeckte er mir.

In Wahrheit süffelte ich maximal einen leicht alkoholischen Traubensaft. Aus Deutschland hatte ich mir extra ein spezielles Wein-Plastikglas mitgebracht (unkaputtbar) und auf dieser Tour schon vielfach ausprobiert. Es taugte! Fast kein Unterschied zu Glas. Nur diesmal machte es den (alkoholreduzierten) “Sangre de Toro” auch nicht lebendiger.

Mein Mittagessen bestand aus 1 Glas Rotwein, 1 Banane, 1 Pflaume.

Irgendwann durch Jakobstad geradelt. Beeindruckender Wasserturm (war das einer?).

Und dann wieder ein Lupinen-Radweg. Rad Rad Rad nach Norden.

Die Ostsee gewährte mittlerweile großzügig Einblicke.

Auf den letzten zwei drei Stunden hüpfte ich (mit Hilfe von Brücken) von Schäre zu Schäre und landete schließlich im vollkommen feiertagstoten Kokkola. Erneut kein Restaurant, keine Bar offen. Nur zwei drei Kebab-Pizza-Service-Läden. In einem versorgte ich mich mit einer Margherita zum Mitnehmen und entsorgte das wertvolle Lebensmittel gleich danach in einem städtischen Mülleimer – wegen Ungenießbarkeit.

Tag 292 (21.06.2019) / Finnland: Pori -> Pjelax

Strecke: 153 km (09:00 – 01:15 Uhr)

Jede Etappe hat ihren “Drama-Tag”. Dieses Mal kam er ziemlich früh. Es war Mittsommer, die Finnen feierten im ganzen Land die Sonnenwende und machten einfach alles zu: Geschäfte, Restaurants und Hotels. Auf meinem Internet-Portal, auf dem ich täglich meine Unterkunft buchte, wurde mir im Umkreis von über 200 Kilometern kein einziges freies Bett angezeigt. Ganz ernst nahm ich das nicht, dachte, irgendetwas würde sich unterwegs schon finden.

Gut gelaunt steuerte ich zunächst den Strand von Yyteri an, mit einer – für die Ostsee – überaus beeindruckenden Dünenkulisse.

Es war aber kaum etwas los. Schon gar keine Sonnenwendfeier. Dafür kam ein strammer Herr mit stolzem Bauch auf mich zu und redete wild gestikulierend und ohne Unterlass auf mich ein. Ihn störte auch nicht, dass ich signalisierte, kein Wort zu verstehen. Er forderte mich mit Hände, Gesten und verständlichen Worten auf, ihn zu fotografieren und erzählte mir eine finnische Geschichte, von der ich nie erfahren werde, ob sie interessant war. Irgendwann wurde es mir zu viel und ich verabschiedete mich freundlich. Und hörte beim Weggehen wie er seine Erzählung immer weiter ausspann.

Es blies ein kalter Wind.

Trotz Dauersonnenenschein war es eher kalt und sehr diesig. Der lang gezogene Strand ziemlich leer.

Auch in den Dünen hielt sich kaum jemand auf.

Ich sattelte mein Fahrrad, fuhr – jetzt schon Mittag – weiter Richtung Norden.

Die Straße brückte sich zu Inseln, die der Küste vorgelagert waren. Manchmal wirkte die Ostsee wie eine Gruppe miteinander verbundener Teiche.

Ich hatte schon fast 100 Kilometer in der Beinen (es war später Nachmittag) und immer noch nirgends eine offene Unterkunft entdeckt.

Unterwegs: ein alter hölzerner Glockenturm …

… mit einer beindruckenden Almosenfigur neben der Tür. Sie zeigte mir den Weg zum Heimatmuseum von Siippy.

Mit Fischerhütte, Bauernhof, Windmühle …

und alter Gaststätte, die (natürlich) zu hatte.

Am kleinen (fast schon mondänen) Dorfhafen traf ich ein frustriertes junges finnisches Paar, das hierher geradelt war, weil es glaubte, dass es an diesem Ort eine große Sonnenwend-Party geben sollte. Jetzt war es ziemlich enttäuscht.

Die beiden suchten auf dem Handy nach Informationen, fanden aber keine Erklärung. Sie hatten aber immerhin Proviant, Schlafsack und Isomatte dabei und brauchten sich um eine Unterkunft (die es nicht gab), keine Sorgen zu machen.

Entlang der Küste in jeder noch so kleinen Bucht ein schönes Ferienhaus mit akkurat gepflegtem finnischen Rasen und Holzstühlen am Ufer, auf denen es sich bald die Hobbyangler bequem machen würden (die finnische Sommer-Ferien-Saison beginnt.

Ich hatte beschlossen, das Städtchen Kristinestad anzusteuern, in der Hoffnung, dort – nach gut 135 Kilometern Strampeln – eine Bleibe zu finden. Immerhin fand ich unterwegs eine offene Tankstelle, in der ich mich mit Wasser und etwas Essbarem eindecken konnte. Ein Herr (Rentner?) mit Cowboy-Hut und Cowboystiefeln näherte sich mir interessiert. Er sprach recht gut deutsch und erklärte mir, dass er lange in Australien gelebt und beruflich die ganze Welt bereist habe. Zeitweise auch in Deutschland gearbeitet habe. Ich fragte ihn ein wenig aus über die Sommersonnenwende und er erzählte mir, dass er am Morgen in Siippy gewesen sei und dort ein “riesiger” Event stattgefunden habe. Mit Feuer, Tanz, traditionellen Liedern. Sogar eine Gruppe Asylsuchender sei von den Organisatoren eingeladen worden. Ich mussten an das frustrierte Pärchen denken, dass sich also ganz offensichtlich in der Tageszeit getäuscht hatte.

Die letzten 10 Kilometer nach Kristinestad taten mir weh. Es war hügelig, ich war müde und als ich über eine langgezogene Brücke in das Städtchen einfuhr, war es bereits 9 Uhr abends. 3 Hotels gab es in der schönen Altstadt. Alle 3 hatten Schilder an den Toren: Rund um Mittsommer geschlossen. Ich klapperte mit Hilfe meines Handy-Navis Restaurants ab – ich hatte Hunger und Durst – alle geschlossen. Die Straßen wie leergefegt.

Der finnische Sommergott hatte aber Erbarmen mit mir und führte mich zu einem Pub, das tatsächlich auf hatte und aus dem laute Musik dröhnte.

Ich ließ mich in einen Sessel fallen und überlegte, was zu tun. Hier die Nacht verbringen (das Türschild zeigte immerhin an, dass bis 4 Uhr morgens offen sein würde) und dann am Morgen an irgendeinem Strand schlafen?

Ich saß kaum richtig, schon gesellte sich ein sympathischer Koloss zu mir. Er kippte seine zahlreichen Biere schneller als ich eines schlucken konnte, erkannte sofort, dass ich ein Deutscher war und wollte in meiner Sprache mit mir reden. Er hatte viele Jahre auf der Kölner Messe gearbeitet, war jetzt pensioniert und vermisste ganz offensichtlich seine zweite Heimat. Immer wieder suchte er nach (deutschen) Worten, wurde mit jedem weiteren Bier sentimentaler, öffnete mir sein Herz. Er erklärte mir Finnland, das eingeklemmt zwischen Schweden (“arrogant”) und Russen (“grobschlächtig”) seinen unabhängigen Weg suche.

Er hatte Tränen in den Augen und irgendwann bemerkte ich, dass sie sich zu einem Rinnsal verdichteten, das stetig in sein Bier tropfte und es versalzte. Dann stand er urplötzlich auf (beeindruckende Größe!) umarmte mich warmherzig und machte sich auf den Weg nach Hause.

Kaum war der Platz neben mir leer, war er schon wieder besetzt. Eine ebenfalls beeindruckende Gestalt in Jägerklamotten hatte sich zu mir gesellt.

(Sollte mich irgendein göttliches Wesen ein zweites Mal in dieses Leben lassen, so sollte es mir dann unbedingt die Gabe verleihen, mir Namen merken zu können. In diesem ersten Leben gelingt es mir einfach nicht.)

Auch er sprach einige Brocken Deutsch. Er hatte vor vielen Jahren in Travemünde gearbeitet. Jetzt war er in Rente, war seit 5 Jahren clean – hatte früher “einfach zu viel getrunken”. Schluss damit.

Und er war gerührt, wieder mit jemandem Deutsch sprechen zu können. Er fragte mich aus, gab mir Tipps für die Weiterfahrt und stand gegen 23 Uhr auf. Er war melancholisch, umarmte mich und verabschiedete sich in die (taghelle) Nacht.

Die Stimmung in der Kneipe mittlerweile aufgeheizt. Eine Dorfband befeuerte das Publikum, von dem die eine Hälfte schon im Vollrausch war.

Die andere würde sicher bald folgen.

Der bullige Thekenwirt packte im Minutentakt gehunfähige Gefährten am Kragen und beförderte sie auf die Straße.

Auch das über ihrem (letzten) Bier eingeschlafene Mädchen musste den Pub verlassen.

Ich ging ebenfalls. Draußen zeigte eine Uhr an, dass gleich ein neuer Tag beginnen würde. Die Sonne war gerade untergegangen. Die Dämmerung hatte eingesetzt.

Eine Dämmerung, die aber in keine Nacht leitete, die nur zwei helle Tage miteinander verband. Ich beschloss, noch eine Weilte weiter zu radeln. Aber das ist ja schon die Geschichte vom nächsten Tag.

Tag 256 (08.04.2018) / Rumänien: Mangalia -> Konstanza

Strecke: 47 km (09:30 – 13:30 Uhr)

Der Wind hatte nachgelassen, blies aber immer noch so stark, dass ich einen weiteren Tag kämpfen musste. Der Abschied von Mangalia war nicht schwer gefallen, zu wenig hatte der Küstenort zu bieten.

auf Sand gebaut

Die weitere Strecke: mal ein interessantes Dorf (offensichtlich mit türkischer Minderheit).

skyscraper

Meer ohne Ruhe

Mal ein weitgezogener Strand (mit der üblichen Totalverbauung).
Ich war froh, als ich in Konstanza einfuhr. Die Großstadt zuerst erschreckend hässlich.

oben und unten

Erst als ich abgesattelt, im Hotel eingecheckt hatte und mich zu Fuß auf Erkundung begab, änderte sich der Eindruck.
Die Altstadt war rappelvoll.

Zeit, die nicht voranschreitet.

Sie wirkte ein bisschen, als sei  ihr Potenzial gerade erst entdeckt worden, als habe das große Restaurieren gerade eben begonnen.

Es geht voran?

Nur beim genaueren Hinsehen konnte man sehen, dass die schönen Fassaden eher eingesprengten historischen Attrappen glichen in einer immer noch dominierenden unwirtlichen, menschenfeindlichen, ja fast totalitären Architektur. War diese noch-kommunistisch oder schon-kapitalistisch?  (Also vor 89 oder danach?)

links, rechts

Aber wollte ich heute genauer hinsehen? Nein. Heute nicht.
Ich pickte mir die schönsten Ecken heraus (vergaß auch mal, die Kamera gerade zu halten).

welches Jahrhundert?

Ich flocht mich in das Gewimmel  von Menschen (orthodoxes Osterwochenende!) ein, die am Hafen, unterhalb der großen Moschee, flanierten.

Silber-Silhouette

Und suchte mir ein gutes Restaurant.

Unterkunft: Hotel Carol. Zentral gelegen. Alter, sehr gut restaurierter Bau. Hatte Flair. Sehr netterEmpfang. Fahrrad in Abstellkammer untergebracht. 42 Euro (mit ausgezeichnetem Frühstück.)

Tag 255 (07.04.2018) / Bulgarien: Baltschik -> Mangalia (Rumänien)

Strecke: 78 km (09:45 – 17:45 Uhr)

Wie soll ich das erklären, ohne nostalgisch zu wirken?
Ich hatte mich kurz nach Baltschik verfahren, war ins “Gebüsch” geraten und entdeckte dort herrliche Katen.

verblüht

Sie schienen noch gar nicht so lange verlassen. Die Farben noch nicht vollständig verblasst.

Sah so die bulgarische Schwarzmeerküste vor zehn oder 20 Jahren aus?

verblasst

Nicht, dass es keine Entwicklung geben darf. Keine Modernisierung. Nicht, dass der vergangene Muff nicht ausgemistet werden müsste.

Aber so? So geschichtslos? Nichts Gewachsenes. Nur Beton. Muss man so eine schöne Landzunge zubauen und doch unbehaust machen?

verpasst

Wenn da Fischer-Katen stünden, Strandbuden, kleine Pensionen, Surfläden, wenn da Kiter, Träumer und Tunixe sich am Strand tummelten? Wegen mir auch vegane Omms und Zehenspitzenyogis. Wär diese kleine Welt da unten nicht besser? Ganzjährig, statt nur von Mai bis September?

vertan

Als ich wieder oben – auf dem Riffkamm – war und weiter Richtung Osten fuhr, erwischte mich der Sturm. Mein Wetterapp hatte ihn angekündigt, mir aber verschwiegen, dass er heimtückisch war. Er blies mich fast vom Rad. Mehrmals. Er behinderte mich stundenlang. Er machte die Fahrt zur Qual. Selbst als ich längst wieder unten im Tal war, eben fuhr. Ich fühlte mich wie im Windkanal – fixiert – ohne Chance voran zu kommen.

getäuscht

Gott weiß, wieso ich doch die rumänische Grenze erreichte. Und noch die 12 Kilometer bis zum Kurort Mangalia schaffte.

Unterkunft in Mangalia: Hotel Solymar. Neuer großer Hotelkomplex am Hafen. Schön bunt, modern. Sehr hilfsbereiter Empfang. (Fahrrad in Abstellkammer gezwängt. 31 Euro (ohne Frühstück).

Tag 229 (12.03.2018) / Griechenland: Chalkida -> Rovies

Strecke: 90 km (09:00 – 18:30 Uhr)

Ich schrie vor Glück!

650 Meter mich und meinen Drahtesel den Berg hochgewuchtet. Geschwitzt, geflucht, mir geschworen, nie wieder so was zu Beginn einer Etappe zu machen.

Out of the green

Und dann die ellenlange (sprich halbstündige) Abfahrt mit Endorphinantrieb und schon erstaunlich warmem Begleitwind. Ich konnte gar nicht anders als laut vor Glück zu brüllen.

top to down

Im Tal angekommen, musste ich schnell realisieren, dass es grad so weiter ging. Nicht mehr so steil und hoch wie der erste Berg, aber beständig auf und ab.
Urwüchsig die Insellandschaft. Das Meer von hohen Bergzügen verdeckt.

Green Valley

Erst kurz vor Sonnenuntergang das letzte Hindernis geschafft.

Da unten – irgendwo im Schwarz – würd’ ich die Nacht verbringen. Glücklich.

Darkland

Unterkunft: Ferienwohnung (Apartment) “West” in Rovies mit großem Garten. Schön an kleinem Strand gelegen. Sehr zuvorkommender Besitzer. 35 Euro (mit Frühstück). Fahrrad im großen Zimmer untergebracht.

Tag 219 (07.10.2017) / Italien: Pisciotta -> Maratea

Strecke: 77 km (09:30 – 17:00 Uhr)

Unendlich liebevolle Wirtsfrau, die Burghotelbesitzerin. Zimmer bis ins letzte Detail geschmackvoll komponiert. Man spürte die (gewaltige) Investition und die Besessenheit, eine ästhetische Welt zu bauen. Gelungen! Frühstück auf der Burgsommerterrasse auch detailversessen.
Schöner Abschied von Pisciotta.

sweet one-day-home

Schuss runter ins Tal. 10, 15 Minuten. Serpentinengeschlängel.
Dann ein wenig eben und schließlich ab ins Küstengebirge.
Junge, Junge, mir wurde bang.
Brutaler Abwind – will sagen: Gegenwind.
Musste mehrmals anhalten, um nicht vom Sattel geweht zu werden.
Dann bauten sich Bergungeheuer vor mir auf.

Wände türmen sich

Nach ein wenig mehr als 2 Wochen Dauerfahrt ließ die Kraft merklich nach. Kaum ein Blick übrig für die wilde Bergwelt.

aus D kenn ich solche Bergdörfer nicht

Bergpass nach 3 Stunden überwunden und schließlich ellenlange Abfahrt zum Meeresufer.

Danach – natürlich – wieder rauf. Kruzifix wie anders ist die Riviera. Kein Vergleich zur italienischen Flach-Adria. Und “Allergrößten Respekt!” für die italienische Berg-Straßen-Bau-Kunst. Haben die das im vorletzten Jahrhundert mit Hammer, Meißel und Dynamit gelöst?
Chapeau!

Blauexperten sind gefragt: korallenblau? Côte d’Azur Blau?

 

oder sogar grünblau? korallengrünblau?

Ich hatte die Basilikata erreicht. Maratea war mein Ziel. Mein digitaler Reiseführer schwärmte vom Flair des Berg-Dörfchens.
In Wahrheit aber war es ein gottverlassenes Nest, das sich in seinen Rändern selbst zum Verkauf anbot. Leere, halbzerfallene Häuser, die per großer Tafel einen (finanzstarken) Besitzerwechsel erbaten.

Allerdings: Das kleine Zentrum war fein herausgeputzt. Und heute war Dorffest.
Die Bewohner spielten Mittelalter. Überwiegend für sich selbst. Sympathisch.

Der singende Schäfer-Intellektuelle.

nicht mundfaul

Der handtrommelnde Innen-Architekt.

nicht handfaul

Der ungewöhnliche Quetschkommoden-Abiturient.

blickfaul

Die authentische Hausfrau.

niemals faul

Die gespielte Bäuerin.

manchmal?

Heile Dorfwelt.

fauler Sonntag

Auf dass es außerhalb der Saison nicht ausstirbt.

leergefegt